#RIPCELINE: Das Debüt von Hedi Slimane bei Celine

Im Januar 2018 wurde Hedi Slimane nach langer Suche als neuer Kreativdirektor von Celine vorgestellt. Ein Dreivierteljahr konnte man zumindest einen klitzekleinen Funken Hoffnung bewahren, dass er Phoebe Philos Erbe vielleicht nicht ganz ruinieren würde. Die ersten Previews auf Instagram, die neuen Taschenmodelle, die selbe gewohnte schwarz/weiß-Fotografie androgyner weißer Magermodels, die Logo-Änderung und schließlich das Interview im Le Figaro später war aber noch vor der Show klar:

Hedi Slimane wird seinen altbekannten Stil nicht ändern und seine Ästhetik als neuer Celine-Kopf vehement weiter durchziehen, wie man es schon bei Dior Homme und Saint Laurent gewohnt war.

Our respective styles are identifiable and very different. Our vision is naturally distinct. Besides, you don’t enter a fashion house to imitate the work of your predecessor, much less to take over the essence of their work, their codes and elements of their language. The goal is not to go the opposite way of their work either. It would be a misinterpretation. Respect is to preserve the integrity of everyone, to recognise things that belong to another person with honesty and discernment.

It also means starting a new chapter. You arrive with a story, a culture, a personal language that is different from those of the house. You have to be yourself, against all odds. 

Dass er das so wahnsinnig plump und inspirationslos tun würde, wie er es bei seiner Debütshow Freitagabend während der Paris Fashion Week mit Lady Gaga und Karl Lagerfeld in der Frontrow sowie einiger Verspätung tat, darf man aber durchaus als Affront verstehen. Jeder Arbeitgeber würde sich doch fragen, an was der Gute denn in den vergangenen Monaten wirklich so gearbeitet hat – außer an seinem ordentlichen Egotrip während des Unkrempelns eines Traditionshauses. Nebenstehende Vergleichsbilder zu Saint Laurent zeigen recht deutlich, dass Slimane lediglich in seinen Archiven gekramt und einen ideenlosen Abklatsch von bereits Dagewesenem präsentiert hat. Wieder einmal ist die Teenager- Indierock-Clubszene sein Vorbild: Lederjacken, Glitzerkleidchen, skinny Brit Chic, Tüll und kein einziges Kleid, dessen Saum das Knie auch nur ansatzweise erreicht hätte.

Die dürren blassen Körper stapften ohne jedes Taktgefühl über den ewig langen Catwalk und mit jedem weiteren Meter wurde die Marke Céline niedergetrampelt, ohne auch nur einen Funken Respekt für das zu zollen, was in der letzten Dekade aufgebaut wurde.

Celine by Hedi Slimane SS 2019

Aber was stellen wir uns auch so an – ist doch nur Mode. Dann sieht die Marke nun halt anders aus.

Dabei ist es durchaus berechtigt, enttäuscht zu sein. Weil Phoebe Philo in den letzten 10 Jahren etwas geschaffen hat, was ein ganzes Frauenbild verändert und den Grundstein für einen völlig neuen Typ gelegt hat. Weg vom „sich sexy für Männer kleiden“ hin zu einem selbstbewussten, sophisticated Stil, der so klug war, auf Frauen jeden Alters zutraf, Businesskleidung mit Freizeit vereinte und vor allem die Bedürfnisse und den individuellen Ausdruck der vielbeschäftigte Frau widerspiegelte, die sich nur für sich selbst kleidet. Es war elegant und nie bieder, forderte den Kopf heraus, addierte neue Silhouetten in unsere Kleiderschränke. Man denke allein an den oversized Trenchcoat über der weiten Marlenehose zu weißen Turnschuhen! Flache Sneaker für Frauen? Waren vor Philo undenkbar.

Female Empowerment durch Kleidung: Und das war es schon lange, bevor der Begriff 2018 in aller Munde war.

Und dann kommt ein blasierter Designer daher und kickt mit einer Kollektion all diesen Assoziationen und lang aufgebauten Idealen in den Allerwertesten- mit knappen schwarzen Abiballkleidchen. Zeitgeist, das konnte Slimane mal. Jetzt wirkt er seltsam hängen geblieben wie Musiker, die mit veralteten Rezepturen an alte Erfolge anknüpfen wollen, aber partout kein Comeback mehr schaffen.

Eine Daseinsberechtigung muss man Slimane jedoch auch nicht absprechen, viele seiner alten Fans werden sicher treu bleiben. Immerhin sprachen die Zahlen bei Saint Laurent für sich; besonders dank des asiatischen Marktes konnte Slimane die Umsatzzahlen stets steigern und wurde als Cash Cow des Kering-Konzerns gefeiert.

Die Kritik gilt vielmehr dem LVMH-Konzern, zu dem die Marke Celine seit 1993 gehört. Bernard Arnault hat sich Hedi Slimane nicht ohne Grund ausgesucht, ihm müssen die Konsequenzen eines derart radikalen Designerwechsels durchaus bewusst gewesen sein, zumal er keinen einfachen Charakter an die Spitze gesetzt hat. Das Erbe mit Füßen treten, weil man das Kassenklingeln so schön im Ohr hat: Fair enough, aber da wird man sich doch fragen dürfen:

Wieso hat Arnault mit Hedi Slimane nicht einfach eine neue Marke gegründet?

Die „alles muss von der Pike auf neu“-Taktik kann ja nicht viel kostspieliger sein als das, was nun auf Céline zukommt. Der Umbau aller bestehenden Stores ist nur eine Frage der Zeit, das Rebranding kostet ein Vermögen. Und wenn man doch schon so einen willensstarken Kreativdirektor hat, der seine Vision glasklar vor Augen hat…?

Vielleicht, weil die Fußstapfen von Philo zu groß waren und man sie nie mit einem adäquaten Ersatz hätte füllen können. Weil nur die konsequente Veränderung für Gesprächsstoff sorgen konnte. Wobei man sich doch durchaus in den eigenen Reihen hätte umsehen können. Alessandro Michele war auch Teil des Gucci-Teams, bevor der zuvor unbekannte Designer den begehrten Posten als Chefdesigner übernahm und damit für die größte Überraschung sorgte.

So oder so: Es ist müßig, sich über bereits getroffene Entscheidungen den Kopf zu zerbrechen. Es ist aber in Ordnung, traurig zu sein und sich nun von einer Marke zu verabschieden, die uns bewusst oder unbewusst geprägt hat – vor allem, weil Phoebe Philo noch keine Anstalten macht, ins Arbeitsleben zurück zu kehren. Somit haben wir gar keine Chance, das neue Celine getrost fallen zu lassen (auch auf Instagram bin ich direkt entfolgt) und uns auf andere Labels zu konzentrieren. Aber der Tag wird kommen. Und bis dahin kann jeder Cent ins Sparschwein geworfen werden…

Kommentare

  1. jessie@journelles.deveraingelore@googlemail.com
    Katharina sagte am

    So ist es! Den Nagel auf den Kopf getroffen. So traurig das Ganze.

  2. jessie@journelles.deava@online.com

    Der LVMH-Konzern hat jetzt seinen eigenen Saint Laurent äh Hedi Slimane und der macht das, was er am Besten kann. Die Ära der Taschen und Schuhe die wie aus dem Baukasten aussehen, ist nun mal vorbei und es wird bei CELINE wieder Haut gezeigt. Ehrlich, die megateuren Walle-Walle Kleider von Philo waren auch nicht jedermanns Geschmack. Die 90er sind zurück und wir müssen LVMH nicht deren Arbeit erklären, denn seien wir mal ehrlich: Wie viel CÉLINE haben wir denn im Kleiderschrank?

    • jessie@journelles.denfasching@yahoo.com

      Kein einziges Stück. Aber COS und Zara. Die haben Céline ja fleissig kopiert. Ich glaube sogar, es gäbe COS nicht ohne Céline. Wenn sollen die jetzt kopieren?

    • jessie@journelles.delena.diehl@t-online.de

      Das stimmt, ich habe von CÉLINE nichts im Schrank. Aber der Stil hat geprägt. Liebeskind Berlin hatte plötzlich eine Tasche mit drei Fächern im Sortiment, Vans wurden plötzlich wieder richtig hip, nachdem die Slip On´s bei CÉLINE über den Laufsteg geflitzt sind, überall tauchten die von Jessi angesprochenen, weiten Hosen auf… ich finde, CÉLINE war und ist überall. Fragt sich eben nur, wie lange. Den das alles war ein anderes CÉLINE. Slimanes Teile sind nicht schlecht. Wenn man den Look mag. Und ich vermute, es gibt viele Leute, die genau den mögen. Ich denke an meinen Instafeed und an einige große und bekannte Namen dort, die immer wieder die Saint Laurent Teile tragen, die zu seiner Anfangszeit dort entstanden sind. Die toll kombiniert klasse aussehen können – muss ich zugeben. Viele kritisieren LVMH, man liest eigentlich nur negative Statements. Mir gefällt´s auch nicht. Aber ich denke, es wird funktionieren. Den viele von den Leuten, die sich negativ darüber äußern, sind nicht die potenziellen Kunden und Kundinnen. Ich denke, dass verhält sich ein bisschen wie mit Haute Couture. Der Kram taucht auch nicht groß bei Insta oder auf der Straße auf, aber er geht weg. Und wir kennen ja alle auch große Influencer, denen man alles anziehen kann und die damit Begehrlichkeiten wecken, von denen keiner was geahnt hat. Das ist natürlich schade. Schade für das, was Philo aufgebaut hat. LVMH wird wissen, wieso dieser Schritt getan wurde. Ganz sicher nicht, weil die Vermutung naheliegt, dass sie auf dem Zeug sitzen bleiben. Mich würde das jedoch gerade bei dieser gruseligen Tasche, die Lady Gaga am Arm hatte, ein bisschen freuen ;). Aber auch die wird vermutlich gekauft werden.

  3. jessie@journelles.delea89@gmail.con

    Sehr toll geschrieben! Schöne Wortwahl und komplett auf den Punkt gebracht. Bitte mehr solcher Artikel

  4. jessie@journelles.decarbon.made@web.de

    Bin auch nicht sicher, ob die Rechnung aufgeht.
    Die ganze Kollektion und Präsentation ist total am Zeitgeist vorbei.
    Kein einziges Model anderer Hautfarbe oder über Size 0, die Klamotten sind tatsächlich irgendwo 2008 hängen geblieben.
    Bemerkenswert ist jedoch, dass Slimane wohl auch so gut wie alle von Philo etablierten Taschen-Modelle einstampfen will. Entsprechendes hört und liest man überall, mit unterschiedlichen Aussagen, vor allem von Store-Managern. Die Panik ist jedenfalls schon groß: In Paris geht die Schlange vor dem Céline Store seit Wochen bis um die Straßenecke, alle Modelle wie Box, Luggage und Trio sind permanent Sold Out.
    Ob sie sich damit einen Gefallen tun, diese Taschen nicht weiterzuführen?
    I highly doubt it.

  5. jessie@journelles.deambulanzdzi@gmail.com
    Nina m. sagte am

    Vielleicht ist der Vorteil, dass dann wieder andere Namen ins Blickfeld rücken.
    Die Céline-Manie der letzten Jahre auf diversen Blogs etc. ging mir ziemlich auf die Nerven und teilweise entstand für mich regelrecht der Eindruck, als ob überhaupt nur Céline und Chloé tolle Taschen herstellen.

  6. jessie@journelles.decarbon.made@web.de

    Oh und ich glaube fest, Philo wird wieder auftauchen. Aber erst, wenn Lagerfeld nicht mehr ist, dann wird sie Chanel

  7. jessie@journelles.derebecca.mahnkopf@gmx.de
    Rebecca sagte am

    Ja zu allem. Danke für den Artikel. Lange hat mich eine Fashion Show nicht mehr so wütend gemacht.

    Eins fehlt mir jedoch bei der ganzen Phoebe-Philo-Bewunderung trotzdem immer – Achtung, vielleicht wird es jetzt für manche ketzerisch: Ohne Jil Sander hätte es Phoebe Philo nicht gegeben, denn flache Sneaker und minimalistischen Stil gab es schon lange vorher. Warum wird Jil Sander (oder ihr gegründetes Designhaus) immer vergessen? Gerade jetzt mit den Meiers als Kreativ-Direktoren finde ich spielen sie wieder ganz vorne mit, was minimalistischen und erwachsenen Stil angeht (allein die neuste Kollektion ist der Knaller). Ich finde ja Cos ist viel mehr eine Jil-Sander-Kopie als Phoebe Philos… (und zum Glück, denn leisten kann ich mir weder das alte Céline noch Jil Sander)

    Irgendwie stößt mir das immer seltsam auf, wenn Philos als die Erfinderin des minimalistischen, neuen weiblichen Stils (auch zurecht) in den Himmel gelobt wird, wenn es andere Designhäuser gibt, die das schon seit Jahrzehnten betreiben.

  8. jessie@journelles.deKostantinakaptebileva@gmail.com

    Ich habe auch vorerst den letzten Trend Report für Celine gepostet, denn die neue Kollektion von Hedi wird sicherlich nicht von mir interpretiert. Absolut nichts spricht mich an, leider! Nun ja, Jessi hat einen ziemlich kritischen Text geschrieben, irgendwo kann ich es verstehen, da sie ein riesen großer Celine Fan ist. War! Aber wie schon in den Kommentaren erwähnt wurde, das Konzern weiß sicherlich wenn es da beauftragt hat. Hedi wird schon seine Entwürfe sicherlich verkaufen. Und Celine ist dadurch mehr als je begehrenswert geworden { #oldceline, oder wie war das nochmals?!}. Die Kassen klingeln, keine schlechte PR sag ich nur dazu!
    Kostantina

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