Alessandro Michele ruft den Posthumanismus á la Gucci aus

Oder doch Transhumanisten? Frankensteins? Was sind wir eigentlich? In welcher Welt leben wir und woraus setzt sich unser Ich zusammen? Gibt es Identität eigentlich noch oder ist alles nur noch Schall und Rauch und die Menschheit dem schon längst entwachsen? Man kann viel hinein interpretieren in das Spektakel, das Alessandro Michele gestern einer vor Aufregung zitternden Modemeute in Mailand präsentiert hat.

Michele hat es wieder geschafft zu überraschen. Nachdem ich, ehrlich gesagt, ein wenig müde wurde ob der globalen Guccimania, hat mich die Präsentation der Winterkollektion 2018 wieder wach gerüttelt. Warum? Weil die Inszenierung und die Mode wirkten, als seien sie in der Tat direkt aus Alessandro Micheles Kopf gestiegen. Zu Fleisch und Blut gewordene Ideen und Gedanken, ein wahr gewordener kreativer Akt.

Ich bewundere es immer, wenn Leute es versuchen (und schaffen), ihren Mitmenschen einen Einblick in ihre Welt zu geben. Nur, was ist das für eine Welt, in der uns rund 90 Looks präsentiert wurden?

There’s a clinical clarity about what I am doing. I wanted to represent the lab I have in my head. It’s physical work, like a surgeon’s.

Eine Welt, in der klassische Rollen nicht mehr greifen. Eine Welt, in der wir uns entscheiden müssen, was wir sein wollen und in der wir gleichzeitig die Wahl haben, uns überall zu bedienen. Es gibt keine Grenzen mehr, Kulturen verschwimmen. Gender-Rollen hat Gucci schon längst aufgehoben, nun geht es dem Menschsein an den Kragen!

Was wie eine ferne Zukunft klingt, ist in Wirklichkeit schon in vollem Gange und wir erleben es hautnah mit. Ich habe zufälligerweise am Wochenende den neuen Blade-Runner-Film geschaut und fühle mich beim Anblick der Runway-Bilder von Gucci direkt in das Jahr 2049 katapultiert. In eine Welt, in der man echt nicht mehr auf den ersten Blick von artifiziell unterscheiden kann. In der allgemein gültige Regeln nicht mehr greifen und visuelle Codes nicht mehr nur eine Bedeutung haben (oder habt ihr euch nicht auch immer gefragt, in welchem Land, welcher Stadt Blade Runner eigentlich spielt?).

Die Entwürfe heben kulturelle und weltliche Grenzen auf und spielen mit unserem Ästhetikempfinden. Models mit astreiner Monobraue und kleinen Drachen auf den Armen flanierten an den Besuchern vorbei. Das New York -ankees-Logo, Inbegriff des Streetstyles des Neunzigerjahre, findet sich in Form von Stickerein auf folkloristischen Mänteln und gestrickten Kopfbedeckungen.

Mit dem Gucci-Symbol bestickte Kleidersäcke aus feinem Tüll sind über Looks gestülpt. Es finden sich Hinweise auf die Manga-Comic-Szene, russischem Adelspomp, Tiroler Walklodenjäckchen zu Lederhosen, esoterische Mondsymbole und als Krönung Models, die ihren eigenen Kopf spazieren tragen.

Traum und Realität verschwimmen immer mehr und es ist ebenso unangenehm wie verwirrend und spannend, sich diesen Ringelreihn der Referenzen anzuschauen. Verarbeiten kann man das Gesehene nur schwer. Denn die Schubladen, in die wir diese Codes Zeit unseres Lebens einsortiert haben, hat Alessandro Michele allesamt aus der Kommode gerissen und auf dem Zimmerboden ausgekippt.

Ganz nach dem Motto: Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?

Für mich hat Gucci mit dieser Kollektion die Zukunft der Mode und auch unserer Gesellschaft karikiert und es dabei geschafft, dass eine Schublade erhalten geblieben ist. Nämlich die mit der Aufschrift „Gucci”. Der Look, den uns der Designer in all seinen Defilées eingetrichtert hat, ist der einzige Strohhalm, an den sich unser Gehirn noch klammern kann, um das, was da gerade passiert ist, überhaupt einordnen zu können.

Und davor ziehe ich meinen Hut.

Die eindrucksvollsten Looks der Gucci Show

Alle Bilder: Yannis Vlamos für Vogue Runway

Bilder im Header via Instagram.com/gucci, Yannis Vlamos für Vogue Runway

Kommentare

  1. Also, sorry! Ich bin zwar keine Modeexpertin, aber da muss ich einfach kommentieren, denn ich bin überhaupt nicht der Einsicht! Als Alessandro Gucci’s Leitung übernahm, krempelte er das gesamte Image um (was irgendwie zu einem Trend unter allen Designer geworden ist!) und erfand die Marke neu! Auf einmal war „Oma Look“ angesagt, der Geek Chic war geboren und Gender Grenzen wurden gesprengt! Fand ich (damals) auch mega cool, den der Stil hat mich getroffen! Ich habe einen kompletten Look und Post sogar dem gewidmet!
    Dann kam aber die nächste Show, und die nächste und die nächste und irgendwann sah ich kein unterschied mehr zwischen Sommer und Winter Kollektion oder welches Jahr wir haben! Als hätte Alessandro sein ganzes Pulver am Anfang verschossen! Denn das Problem mit Opulenz ist, dass es irgendwann einfach über den Top geht! Overloaded!
    Und genau das Gefühl habe ich bei der Kollektion: entweder hat er zu viele Drogen genommen, oder wusste nicht mehr was er sich ausdenken soll! Das er ein Genie ist, bezweifele ich nicht! Aber ich sehe ihn eher in der Künstler Szene. Gemälde voller Fantasien? Ja! Gucci kann aber dafür bitte wieder restartet werden und von vorne anfangen, nach dem Motto „weniger ist mehr“. Tom Ford’s Zeiten fehlen mir!
    Für mein Teil hat MaxMara bis jetzt die beste Show gezeigt! Aber Chanel war ja noch nicht dran! Den wenn sich jemand überhaupt immer wieder neu übertreffen kann, ist es definitiv Karl der Große!
    Kostantina K.

  2. Also, sorry! Ich bin zwar keine Modeexpertin, aber da muss ich einfach kommentieren, denn ich bin überhaupt nicht der Einsicht! Als Alessandro Gucci’s Leitung übernahm, krempelte er das gesamte Image um (was irgendwie zu einem Trend unter allen Designer geworden ist!) und erfand die Marke neu! Auf einmal war „Oma Look“ angesagt, der Geek Chic war geboren und Gender Grenzen wurden gesprengt! Fand ich (damals) auch mega cool, den der Stil hat mich getroffen! Ich habe einen kompletten Look und Post sogar dem gewidmet!
    Dann kam aber die nächste Show, und die nächste und die nächste und irgendwann sah ich kein unterschied mehr zwischen Sommer und Winter Kollektion oder welches Jahr wir haben! Als hätte Alessandro sein ganzes Pulver am Anfang verschossen! Denn das Problem mit Opulenz ist, dass es irgendwann einfach über den Top geht! Overloaded!
    Und genau das Gefühl habe ich bei der Kollektion: entweder hat er zu viele Drogen genommen, oder wusste nicht mehr was er sich ausdenken soll! Das er ein Genie ist, bezweifele ich nicht! Aber ich sehe ihn eher in der Künstler Szene. Gemälde voller Fantasien? Ja! Gucci kann aber dafür bitte wieder restartet werden und von vorne anfangen, nach dem Motto „weniger ist mehr“. Tom Ford’s Zeiten fehlen mir!
    Für mein Teil hat MaxMara bis jetzt die beste Show gezeigt! Aber Chanel war ja noch nicht dran! Den wenn sich jemand überhaupt immer wieder neu übertreffen kann, ist es definitiv Karl der Große!
    Kostantina K.
    http://kostantinak.de/2018/01/blade-runner-2018-outfit-mit-h-trend.html
    http://kostantinak.de/2016/05/gucci-got-me-trend-report-geek-chic.html

    • Lisa Trautmann sagte am

      Liebe Konstanina,

      Danke für deinen Kommentar. ich verstehe deinen Punkt und finde es spannend, andere Ansichten zu hören. mir war Gucci auch zu einheitlich, doch hiermit hat es Michele, meiner Meinung nach, wieder geschafft, das Ruder herum zu reissen. Dass es einigen zum halse raushängt oder sie es schlicht nicht mögen, verstehe ich aber auch. Lustigerweise finde ich Chanel inzwischen überhaupt nicht mehr gut und habe das Gefühl, dass Karl langsam eventuell nicht mehr mitkommt. Aber davon lebt ja Mode, sonst sähen wir alle gleich aus. Liebe Grüße! 🙂
      lisa

  3. Als Künstlerin und Autorin über Trans- und Posthumanismus bin ich begeistert. Jedes Denken in diese Richtung ist wünschenswert, in Bildern besonders gut zu erfassen.
    Konnte man sich lange Zeit distanziert zur Technik verhalten sind wir heute aufgerufen uns intensiv mit Fragen der zunehmenden Informatisierung, den Biowissenschaften mit Nanotechnologie, der Künstlichen Intelligenz und der angestrebten technischen Vollendung des Menschen zu beschäftigen. Die technologische Revolution gleicht einem Erdbeben, das Fundamente zerstört und vieles mit sich reißt um etwas Neues zu gebären.
    So wird die Transformationstechnologie eine wachsende globalpolitsche Rolle spielen, die a l l e Bereiche unseres Lebens erfasst.
    Gratulation zu dieser weisen und grandiosen Modenshow!
    Tatyana von Leys (Künstlerin und Autorin: Das kleine Buch zum neuen Denken/Technik und Macht ist Evolutin neu gedacht ISBN 978-3-7460-5451-3

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