Instagram und Newcomer-Labels – Die Zukunft des Onlineshoppings?

Gerade kämpfe ich mal wieder mit einer Sehenscheidentzündung. Jap, tippen, mit der Maus klicken, alles tut einfach weh – und das in einem Job, bei dem ich auf die Arbeit mit dem Computer angewiesen bin. Man könnte meinen, dass das auch der Grund für die immer wiederkehrende Entzündung ist, aber nein, es ist tatsächlich Instagram.

An einem entspannten Sonntag im Bett, abends, wenn ich nicht einschlafen kann, nachts, wenn ich aufwache. Das Handy ist immer da, zieht mich mit seinem verführerisch leuchtenden Bildschirm an und zack, schon ist es passiert. Zwei Stunden sind rum. Ich folge wieder mehr Accounts und meine Wunschliste ist eine Klopapierrolle mehr geworden.

Interessanterweise folge ich aber nicht mehr Streetstyle-Stars, Modebloggern, Models oder Freunden, sondern immer mehr Labels. Auch meine Liste mit gespeicherten Fotos wird von neuen Produkten dominiert. Die großen Onlineshops wie Asos, Zara und Mango scrolle ich nur noch wenig in meiner Freizeit durch – stattdessen kaufe ich immer mehr Kleidung aufgrund von Instagram.

Getaggte Brands sind das neue Google. Eine große Reichweite und Followerschaft so viel wichtiger als Suchmaschinen-Rankings und Kunden wie Influencer, Blogger und Streetstyle-Stars die neuen Prominenten. Wer liest schon die inStyle, wenn er die neuesten Trends gleich mit klickbaren Links auf seine personalisierte Suche zugeschneidert bekommt? Vielleicht niemand mehr.

Ob das eine positive Eigenschaft ist? Vielleicht ja, denn immer mehr kleine Labels haben die Chance groß zu werden – oder in der Masse zu verschwinden. Früher gab es für mich nur die ganz großen Brands: H&M, Zara und Co. – dort zu bestellen war einfach, sicher und unkompliziert, man wusste, worauf man sich einlässt.

Dann kam die Zeit von Etsy, DaWanda und Co. (die schönsten Interior-Shops findet ihr hier) und man wurde mutiger. Als ich vor ein paar Jahren bei dem Label von den Girls von They All Hate Us aus Australien bestellte, wurde ich von meinen Mädels als verrückt bezeichnet – was sich in Sachen Versand, Steuern und Co. auch als richtig herausstellte, das war wohl der teuerste Sandalenkauf meines ganzen Lebens. Mittlerweile ist das ganz normal und Labels wie Posse, Cult Gaia und Reformation bestellen wir ebenso selbstverständlich wie den Pullover vom schwedischen Moderiesen.

Eine riesige Chance für kleine Labels wie Maison Cleo, über die Leandra Medine von Man Repeller erst einen großen Artikel schrieb und damit einen Hype auslöste. Das französische Label besteht nur aus zwei Leuten: Mutter und Tochter. Die eine macht Social Media, die andere näht. Mehr braucht es nicht zum Erfolg in Zeiten der modernen Medien. Kein Budget für PR, kein Geld für Marketing. Einfach ein bisschen liken, kommentieren und die richtigen Influencer überzeugen. Schon rollt der Rubel. Oder?

Was das natürlich mit sich bringt, ist der Konsum. Insider-Labels oder Geheimtipps? Gibt es kaum noch. Die Liste an Sachen, die man dank Instagram entdeckt und sofort besitzen möchte wird stattdessen immer länger und länger, das Bankkonto immer leerer und leerer. Ein Vorwurf, den wir bei Journelles auch oft bekommen: ihr fördert den absoluten Konsum. Ja, natürlich tun wird das. Sind wir doch aber selbst nicht nur Täter, sondern auch Opfer. Wir beschäftigen uns den ganzen Tag mit Mode, Trends, Labels, Newcomern, Social Media, Influencern, Produkten – und sollen selbst immun gegen die Kauflust sein? Schön wärs.

Stattdessen versuchen wir die richtige Balance für euch darzustellen: Social-Media-Trends widerzuspiegeln, auch kleinen Labels eine Plattform zu bieten (unsere Labelwatch mit Newcomer seht ihr hier), faire Mode immer prominenter zu promoten und auch mal kritisch über Hypes zu berichten (den Gucci-Hype hinterfragten wir hier, auch Saint Laurent war vor uns nicht sicher). Dass wir das machen können, verdanken wir einigen großen Labels, mit denen wir regelmäßig kooperieren.

Jetzt muss sich jeder von uns selbst die Frage stellen: Kritisieren wir cleveres Online-Marketing, das personalisiert ist, unendliche Inspiration bietet und kostenlos für jeden zugänglich ist – denn das ist ja das großartige an Instagram! Schließlich geht es bei manchen kleinen Marken nicht nur um Verkaufen, Verkaufen, Verkaufen, sondern auch um eine Welt, die in den sozialen Medien dargestellt wird, Inspiration und eine ganze Markenphilosophie – siehe unser JOUUR.-Account.

Oder beschweren wir uns über täglich wechselnde Trends, wachsende Wishlists, Shopping-Artikel und kaufen einmal im Monat ein Printmagazin, was aus nicht transparenten Kooperationen besteht, die die Leser als Kaufempfehlung und Styling-Inspiration sehen? Das ist eine persönliche Entscheidung.

Ich jedenfalls bin froh, dass neben den üblichen großen Modeketten in letzter Zeit immer mehr kleine Brands aus aller Welt mein Portfolio und meinen Kleiderschrank erobern. Vielleicht bin ich nicht immer die erste, die die Labels entdeckt, aber den Anspruch habe ich auch gar nicht. Ich freue mich einfach nur wahnsinnig über mehr Vielfalt in der Modewelt.

So, lange genug über tolle „Instagram“-Brands geredet! Hier kommen unsere letzten Neuentdeckungen, die wir unbedingt mit euch teilen möchten:

Danse Lente

Besonders im Taschen-Segment ist es schwierig, sich gegen die ganz großen Namen durchzusetzen: Chanel, Balenciaga, Loewe, Givenchy – die Modelle kennt und kauft man. Strandtaschen und Basket Bags haben das im letzten halben Jahr etwas geändert, jetzt steht die Revolution auch bei den Ledertaschen an. Ein tolles Label ist dabei Danse Lente, was übersetzt „Langsamer Tanz“ heißt und sich an Architektur und kontemporärer Kunst orientiert. Das Londoner Brand ist heißt gefragt, viele Modelle ausverkauft. Preislich bewegen sich die Taschen zwischen 100 und 600 Euro, je nach Größe und Aufwand.

Tom Wood

Als richtigen Newcomer kann man Tom Wood nicht mehr bezeichnen. Dafür gibt es das Label, das 2013 von der Norwegerin Mona Jensen gegründet wurde, einfach schon zu lange. Die Inspiration ist dabei genauso skandinavisch, wie die schlichten Designs vermuten lassen: Funktionalimus – der in Sachen Schmuck, Eyewear und Mode auch ausgelebt wird. Ganz neu ist die Denim-Kollektion, die schon Modeikone Hedvig Opshaug auf dem Schirm hat. Vielleicht eine gute Alternative zu den gehypten Levi’s-Modellen, schließlich kommt Morten Isachsen, der Managing Director von Tom Wood in Oslo, aus dem Hause Levi Strauss und ist damit ein echter Experte in Sachen Jeans.

Soohia

Noch mehr Mode-News aus Oslo, die Stadt floriert gerade so richtig! Soohia wurde von Anne Sofie Falkenaas gegründet, aber sie hat ganz viel Unterstützung aus Marokko und Italien – denn dort werden viele der Teile designt und produziert. Dabei kommen die schönsten Kleider heraus, für die das Label mittlerweile bekannt ist – ein bisschen hippiesk, zeitlos und fließend! Einzig am Layout des Onlineshops muss noch ein bisschen gefeilt werden.

Paloma Wool

Spätestens seit Tine hier über den Trends der One-Line-Drawings berichtet hat, sind wir verliebt: in Gesichter und Silhouetten. Schneller als schnell hat diese Welle das Label Paloma Wool verstanden – und brachte Blusen, Hosen, Jacken und Shirts mit filigranen Prints heraus. Mittlerweile kann man im Webshop auch Bücher, Bildbände und Schuhe kaufen, das Sortiment wird immer größer und wir immer verliebter in die tollen Stoffe.

Staud Clothing

Verspielt, verrückt, verträumt und absolut urlaubsreif: Beim Durchscrollen von dem Instagram-Account von Staud Clothing verspürt man nicht nur ein ganz großes Shopping-Verlangen, nein, auch die Reise-Lust nimmt überhand. Das liegt nicht nur an den wunderschönen Summer-Styles, die nach 2 Wochen Copacabana rufen, auch das perfekte Posing an den traumhaften Locations lässt uns von dem nächsten Iced Latte am Strand träumen. Bei Staud Clothing geht es um den richtigen Twist. Eher zeitlose und klassische Pieces werden mit den richtigen Statement-Accessoires in Szene gesetzt. Vor allem die kleinen Satin-Täschchen à la Attico haben sich in unser Herz geschlichen und unseren inneren Kitsch hervorgerufen. Bei der täglichen Inspiration fehlt also nur noch ein One-Way-Ticket mit extra Gepäck oder?

Le T-Shirt Fantastique

Das Label verkauft alles, nur keine schlichten T-Shirts. Blusen mit voluminösen Ärmeln, interessante Cut-outs, Schnürungen, modern geschnittene Jacken, drapierte Culottes und Röcke – das ist das Spezialgebiet des Newcomer-Brands Le T-Shirt Fantastique aus Barcelona, welches 2015 gegründet wurde. Die gesamte Kollektion wird auch vor Ort gefertigt und setzt auf Nachhaltigkeit, indem es z.B. bei manchen Produkten Vintage-Stoffe einbaut. Wer auf die Website geht, wird außerdem mit fantastischen Urlaubsfotos belohnt und bekommt sofort Fernweh.

Atout Studios

Keine Ahnung, wie man die Marke ausspricht? So: Ah-Too! Das Geheimnis? Unverschämt viele perfekt platzierte Obst-Fotos, dazwischen die schönsten Designs wie Bikinis, Blazer, Kleider oder Jumpsuit – die alle aber nur in einer kleinen Marge gefertigt werden, man muss also schnell sein. Wer von dem australischen Brand Atout Studios gefeaturet werden möchte, der nutzt den #girlsinatout und wird auf der Website gezeigt – ähnlich dem Rouje-Prinzip von Jeanne Damas.

The Undone

Auch wenn der Minimalismus vor ein paar Jahren seinen Höhepunkt hatte und mittlerweile von Blumen-Prints, verspielten Kleidern, Hippie-Blusen und farbigen Statement-Pieces abgelöst wurde, wird spätestens beim Stöbern im Undone Store die alte Liebe zu schlichten Designs neu entfacht. Wunderschöne Klassiker in dezenten Farben, bei denen Material und Schnitt im Vordergrund stehen, sorgen für ordentlich Konkurrenz im Kleiderschrank. Vor allem australische Designer wie Ellery und Dion Lee sind vertreten, was allerdings gar nicht so überraschend ist. Die australische Minimalistic-Queen Sara Donaldson von Harper and Harley, die schon seit Jahren einen konsequent reduzierten Style durchzieht, steckt hinter dem Konzept. Unser Shopping-Crush? Ganz eindeutig der Schmuck. Der ist eine wahrhaftige Goldgrube und lässt sich wirklich zu jedem Look kombinieren – auch zu unseren liebsten Boho-Kleidern.

Übrigens: Ganz leicht kann über die Rubrik „Shop Instagram“ auf der Website gestoppt werden!

Laurence Leenaert

Genauso wie Christiane Spangsberg oder Paloma Wool hat das belgische Label LRNCE, das seinen Sitz in Marrakesch hat, die One-Line-Drawings für sich entdeckt. Die Designerin Laurence Leenaert setzt sich dabei intensiv mit Kultur und traditionellem Handwerk auseinander, herauskommt nicht nur Mode, sondern auch wunderschöne Teppiche, Schuhe und andere Textilien wie Kissenhüllen. Der Ouaaajh-Teppich steht jedenfalls ganz oben auf meiner Wunschliste und würde sich ziemlich gut in meinem Schlafzimmer machen!

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Loq

Der erste Moment des Ruhms bei Loq: als Solange Knowles in ihrem Musikvideo zu „Don’t touch my hair“ die Schuhe von Keren Longkumer und Valerie Quant trug. Die beiden Designerinnen, die hinter dem Footwear-Brand Loq stehen, sind zusammen schon durch Indien gereist und haben ihr Zuhause jetzt in Los Angeles gefunden. Ihre Schuhe produzieren die beiden aber in Spanien. Ihr Ziel: “We create for women because we understand the need for sensible shoes with a distinct identity.” Klingt gut, oder?

Kommentare

  1. Reginka sagte am

    liebe Marie,

    ich wollte dir ein großes Kompliment aussprechen. Dein Schreibstil ist toll! Man fließt regelrecht durch die Artikel, so geschmeidig sind deine Sätze und deren Inhalt.
    Super!

  2. Geht mir genauso. Auch ich folge zunehmend kleineren Brands. Deren Instagram-Accounts sind zum Teil so liebevoll gestaltet, dass die Labels den Erfolg auch einfach verdient haben. Und ich finde es toll, dass auf diese Weise kleine Labels am Markt eine Chance bekommen – ohne großen Marketingaufwand. – Danke auch für das interessante Thema und die super Links!

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