Ist Yves Saint Laurent zurück? Die neue Kollektion von Anthony Vaccarello für Saint Laurent SS17

Dass Hedi Slimane ein sehr umstrittener Designer in der Modebranche ist, ist nichts neues. Durch ihn wurde aus Yves Saint Laurent "Saint Laurent by Hedi Slimane". Aber wie geht sein Nachfolger Anthony Vaccarrelo mit dem Markenimage um? Eine Analyse von Saint Laurent.

Gerade erst haben wir an dieser Stelle über die neue Gucci-Kollektion diskutiert, schon stand in Paris das nächste Debut vor der Tür, das mit Spannung erwartet wurde: Anthony Vaccarello für Saint Laurent Paris. Nachdem Hedi Slimane mit der letzten Kollektion viel Aufsehen erregt und den Designposten bei dem französischen Traditionshaus an den Nagel gehängt hatte, waren die Erwartungen an seinen Nachfolger Vaccarello riesig, denn wir erinnern uns:

Slimanes Kollektionen waren stets ein kommerzieller Erfolg, die Umsatzzahlen stimmten. Wie also lief nun Vaccarellos Debut und was erwartet uns in Zukunft von Saint Laurent? Ein kritischer Blick.

Sagen wir es mal so: Es gibt zwei Lager von Fans. Die einen lieben Yves Saint Laurent, die anderen Saint Laurent Paris by Hedi Slimane. Und beide verstehen sich nicht gerade gut. Saint Laurent unter Hedi Slimane war ganz anders. Anders als das Label, das unter der Hand des Meisters Yves Saint Laurent 1961 in Paris gegründet wurde. Das Frauen in seiner Weiblichkeit so sehr feierte, dass Yves sie in den 70er-Jahren ohne ein Fünkchen Femininität einzubüßen sogar in Smokings steckte und damit zu den ganz großen Modedesignern neben Coco Chanel, Christian Dior und Co. aufstieg.

Nach dem Ausscheiden des Designers aus Label und Leben folgte dann der Fall von Yves Saint Laurent. Auch Designer wie Alber Elbaz, Tom Ford und Stefano Pilati konnten die Zahlen nicht verbessern.

Erst 2012 änderte sich das, als Hedi Slimane zum Chefdesigner wurde. Fun Fact: Bereits 1997 war Hedi Kreativdirektor bei der Marke und relaunchte in seiner Zeit dort YSL Rive Gauche Homme. Tja, aber wie das so ist in der Modebranche: Dior klopfte an die Tür und weg war Hedi.

journelles-saint-laurent-hedi-slimane-fall-2013
Saint Laurent Paris by Hedi Slimane Herbst 2013

 

Bei seiner ersten Kollektion für Yves Saint Laurent dann der große Aufschrei: Was zum Teufel ist das? Was sind das für „Crackhuren“ (danke Jessie für den passenden Begriff!) auf dem Laufsteg? Aus dem skandalös rockigen Look wurde aber langsam Liebe – und damit aus Yves Saint Laurent Saint Laurent by Hedi Slimane. Mit dem Rausschmiss des „Yves“ aus dem Logo flog auch der letzte Funke der goldenen YSL-Ära aus dem Unternehmen. Grundelemente wie Leo, Leder und glänzende Stoffe wurden beibehalten, ansonsten drückte Slimane dem Traditionshaus seinen eigenen Stempel mit viel Heroine Chic und Glam Rock auf.

Und dieser Stempel brachte dem Konzern Kering, der das Label 1999 zu einem wohl recht günstigen Preis aufgekauft hatte, das ganz große Geld. Früher gehörten zur Zielgruppe von Yves Saint Laurent vor allem ältere und reiche Damen, die mit dem Logo YSL sehr viel Glamour, Eleganz und Weiblichkeit verbanden – mit der neuen „I don’t give a fuck“-Attitüde vergrößerte sich das Klientel immens und vor allem die Markenbegehrlichkeit stieg wieder. Wer will schließlich nicht wie Kate Moss zu ihrer schlimmsten Zeit mit Pete Doherty aussehen? Naja, anscheinend viele. Und so fand Kering mit Hedi seinen Goldesel und Hedi das Unternehmen, mit dem er machen konnte was er wollte – inklusive Namensänderung und deftigen Preissteigerungen.

 

journelles-saint-laurent-paris-hedi-slimane-fall-2015
Saint Laurent Paris by Hedi Slimane Herbst 2015

 

Nach vier Jahren waren Hedi-Fans immer noch begeistert und wir – also der Rest der Welt? Gelangweilt. Hedi fuhr jede Saison die gleiche Designlinie: eine Prise Grunge hier, ein Löffelchen Courtney Love da, ein gutes Stück Leo, eine Messerspitze Festival Dressing als Krönung des Ganzen. Die Zahlen bei Saint Laurent stiegen, während der Überraschungs- und Neuheitsfaktor gänzlich verschwanden. Das Ende der Geschichte? Auch Hedi merkte (anscheinend), dass er sich nicht mehr steigern konnte, und verliess das Unternehmen 2016 mit einem großen Paukenschlag.

Hier beginnt die Geschichte von Anthony Vaccarello. Der Halb-Sizilianer hat es nicht leicht und tritt ein großes Erbe an: Unter Slimane wuchs der Umsatz von 352 Millionen Euro im Jahr 2011 auf 974 Millionen im Jahr 2015. Damit steht er nicht nur in Sachen Design unter ganz genauer Beobachtung, sondern hat auch noch einen ziemlich umsatzverwöhnten Konzern im Nacken, der ihm finanziell Druck macht.

anthony-vaccarello-saint-laurent-paris-spring-summer-2017-journelles
Das Key-Piece Lederkleid von Anthony Vaccarello für Saint Laurent Paris SS2017

 

Anstatt nun  die Chance zu ergreifen, Saint Laurent wieder zu Yves Saint Laurent zu machen (was „mal eben so“ kaum geht, man bedenke die ganzen Kosten, die es verursachen würde allein das Branding wieder zu ändern) und frischen Wind in das Unternehmen zu bringen, zieht der Designer seinen Schwanz ein und versteckt sich hinter einer Ausrede: „Meine größte Inspiration ist Yves Saint Laurent selbst.“

 

journelles-anthony-vaccarello-saint-laurent-paris-spring-2017
Anthony Vaccarello für Saint Laurent Paris SS2017

 

Taadaaa! Auf den Satz haben wir doch alle gewartet, nur leider lässt die Umsetzung zu wünschen übrig. In der Theorie klingt das zunächst ganz gut: Anthony Vaccarello möchte jede Saison ein neues Markenzeichen von Yves Saint Laurent neu interpretieren. Diesmal war es ein Kleid mit voluminösen Schultern aus dem Jahr 1982 (übrigens das Geburtsjahr des Designers, ob das ein Zufall war?). Klingt doch eigentlich nach einer super Idee. In der Praxis sieht das dann ganz grob gesagt so aus: Hedi nimmt ein Teil von Yves und kombiniert es mit Hedis Bestsellern: Jeans, Lederjacken, flache Boots, T-Shirts. Und gibt in diesem Statement eigentlich schon selbst zu, dass das keine große Meisterleistung war: „I was careful to not be crazy.“

Vorsicht ist nur leider nicht das, was einen großen Designer ausmacht – Vorsicht ist die Mutter von Langeweile.

 

 

Und die verspürten wir dann auch beim Sichten der neuen Kollektion. (Übrigens genauso wie Gala-Modechef Marcus Luft, siehe oben).

Das mag vielleicht auch an der eigenen Erwartungshaltung liegen: Endlich was Neues, endlich weg vom Crackhuren-Image, weg von den 80er-Jahre-Schnitten, weg von Minikleidern, Miniröcken, Miniblazern. Hin zu einer Kollektion, die die Essenz von Yves Saint Laurent beinhaltet, aber trotzdem modern, aufregend und neu ist. Wie sie aussehen soll? Ich hoffe, dass uns das nächste Saison gezeigt wird.

Bis dahin warten wir mal ab, was im Showroom, besonders im Accessoire-Bereich, gezeigt wird. Denn hier kündigte das Label bereits an, wesentlich mehr und wesentlich kommerziellere Items präsentieren zu wollen – die dann auch tatsächlich in den Stores landen.

Die ganze Kollektion sehr ihr hier:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

(Fotos: vogue.com, Instagram/anthonyvaccarello)

Von Marie

Der erste Satz, wenn mich Leute kennenlernen ist: „Das ist aber selten.“ Ja, ich bin ein seltenes Exemplar: Berliner Eltern, Berliner Blut, Berliner Göre. Tatsächlich bin ich so sehr mit der Hauptstadt verbunden, dass ich meinem Kiez in Schöneberg seit über 20 Jahren die Treue halte und noch nie von hier weggezogen bin – und auch nicht dran denke. Und obwohl wir Schöneberger zwar sehr viel von Bio-Supermärkten und esoterischen Edelsteinläden halten, gibt es hier auch das ganz große Mode-Paradies: das KaDeWe. Der Tempel des Shoppings und der Ersatzkindergarten für meine Eltern, sozusagen das Småland bei Ikea für mich (andere Kinder haben dort ihren ersten Wutanfall, ich schmiss mich in voller Rage im Atrium des KaDeWe auf den Boden und weigerte mich zu gehen). Kein Wunder also, dass Mode und ich nie wirklich Berührungsängste hatten.

Spätestens seit der Oberstufe, in der ich – dank Blair Waldorfs Inspiration aus Gossip Girl (ja, das war meine Serie zusammen mit Gilmore Girls) – die Schule nie ohne Haarreif, Fascinator oder eine gemusterte Strumpfhose betrat, hatte auch mein Umfeld begriffen: Marie macht was mit Mode. Und weil ich damit in meinem katholischen "Elite-Gymnasium" so ziemlich die Einzige war, suchte ich meine Verbündeten 2011 woanders: im Internet. Auf meinem Blog Style by Marie. Und so begann meine modische Laufbahn.

Noch mehr Gleichgesinnte und vor allem Freunde fand ich auf der Akademie für Mode & Design in Berlin, bei der ich 2013 meine Ausbildung in Modejournalismus und Medienkommunikation startete. Was für mich seit der 1. Klasse klar war, nämlich das Schreiben mein Ding ist, wurde jetzt zu meinem Beruf: Journalistin. (Denn ja Oma, es gibt noch etwas anderes als Modedesignerin). Dank meines Blogs und einem Praktikum bei der Harper’s Bazaar Germany in der Online-Redaktion blieb ich auch dem Internet und dem Online-Journalismus treu. Und ratet mal, wo ich jetzt bin: Genau, bei Journelles, dem Blogazine, was alle meine Leidenschaften verbindet: Bloggen, Schreiben, online sein – zusammen mit euch!

Kommentare (2) anzeigen

2 Antworten auf „Ist Yves Saint Laurent zurück? Die neue Kollektion von Anthony Vaccarello für Saint Laurent SS17“

Sehr gut beobachtet! Ich persönlich finde die Neue Kollektion nicht so schlecht, aber Innovation sieht definitiv anders aus. Wer weiß, vielleicht passiert ja ei der nächsten Kollektion endlich was und Vaccarello riskiert tatsächlich was neues. Wir dürfen bestimm gespannt sein.
Danke für den aufschlussreichen Artikel!
LG Evelyn

Ich persönlich würde viele Teile aus der neuen Kollektion tragen, aber du hast vollkommen Recht – es ist nichts bahnbrechend neues, geschweige denn eine Neuausrichtung des Labels.

Marie, wie immer ein gelungener Artikel. Du bist eine Bereicherung für Journelles!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Journelles ist das grösste unabhängige Mode-Blogazine in Deutschland und wurde 2012 von Jessie Weiß gegründet. Die 34-jährige Unternehmerin legte 2007
den Grundstein für die Modeblogosphäre mit dem Netz-Urgestein LesMads und arbeitet seither als Journalistin, Moderatorin und Kreativdirektorin.