Bereit für das neue OldCeline: Daniel Lee und Bottega Veneta Pre-Spring 2020

Ungefähr zwei Minuten, nachdem das letzte Model über den Laufsteg bei der Debütkollektion von Hedi Slimane gelaufen war, schrieb ich meiner Freundin, die die Show auch live mitverfolgt hatte: „Schrecklich, oder?“ Ich klickte mich später durch die Bilder auf Instagram, noch immer schockiert von dem, was Hedi Slimane uns da gerade in seiner ersten Show für das Haus geboten hatte: Lederbomberjacken, Biker-Boots, kein einziges Kleid, dessen Saum das Knie auch nur ansatzweise erreichte; die Models mager, fertig, wie kurz nach einem Absturz.

Es ist fast zwei Jahre her, als Phoebe Philo kurz vor Weihnachten 2017 Celine verlassen hat. Seitdem trauert eine ganze Reihe von Frauen. Die Designerin, die ihnen eine Garderobe gegeben hatte, die ihren Gedanken und Ambitionen entsprochen hat, die intelligenten Komfort ohne Opulenz anbot, diese auf subtile Weise in wunderbar minimalistische Entwürfe wickelte, trat zurück. Als sie dann auch noch durch Hedi Slimane ersetzt wurde, den Fetischisten der kurzen Säume, verzweifelten sie.

In diesen Tagen, da die Modewelt Phoebe Philo nachtrauert und ihren Nachfolger verdammt, ist die Suche nach einer ähnlichen, anspruchsvollen und minimalistischen Ästhetik als Trost Priorität. Während The Row, Loewe und weitere Modehäuser versuchen diese OldCeline-Lücke zu füllen, ist es logisch, dass diejenigen, die direkt unter Philo gearbeitet haben, geeigneter, wenn nicht sogar am besten für diese Aufgabe geeignet sind. Das wäre zum Beispiel Daniel Lee, der als Nachfolger von Tomas Maier vom Director of Ready-to-Wear bei Celine zum Kreativdirektor bei Bottega Veneta gewechselt ist.

Die Ernennung eines relativ unbekannten Designers mit langjähriger Erfahrung entspricht einer typischen Strategie des Luxushauses Kering, zu dem auch Bottega Veneta gehört. Der gerade einmal 32 Jahre alte Brite, der am Londoner Central Saint Martins ausgebildet wurde, war sechs Jahre lang bei Celine tätig, zuletzt als Leiter der Ready-to-Wear-Linie. Er versteht also etwas davon, wie man Begehrlichkeiten für Mode sowie für die Umsatzbringer Handtaschen und Schuhe schafft. Und so lautet die eine Millionenfrage: Sieht Lees neues Bottega Veneta wie das alte Celine aus?

Bottega Veneta Pre-Spring 2020

Bereits vergangenen Dezember haben wir, angesteckt von der allgemeinen Celine-Wehmut, in unseren News von Bottega Veneta als das neue OldCeline berichtet, dann über die Debütkollektion während der Mailand Fashion Week und zuletzt widmeten wir uns dem Accessoire-Besteller, der It-Bag „The Pouch“, die Lee gleich zum Einstand für Bottega Veneta lieferte.

Philos Celine war von der Ideologie geprägt, dass moderne Frauen, also solche, die eine Karriere machen, gleichzeitig eine Familie gründen und den Haushalt schmeißen, tragbare Mode brauchen: Kleider, in denen sie mit ihren Kindern im Sandkasten spielen und kochen können, nachdem sie am Schreibtisch gearbeitet haben. Immer gut gekleidet versteht sich. Realistisch waren die Preise sicherlich nicht – oder jetzt mal ehrlich: Wer rennt in einem 2.000-Euro Kaschmirpullover den Spielplatz rauf und runter?

Doch es ging um den Look, den Philo erschaffen hatte – das Design, die Schnitte, die Farben, die die Frau nicht zu Objekten von Männerfantasien degradiert haben. „Sexy“ oder „weiblich“ war nicht mehr nur eine Frau, die Minikleider und schmale Silhouetten anhatte.

Schaut man sich die neueste Kollektion Pre-Spring 2020 von Daniel Lee für Bottega Veneta an, dann ist das Frauenbild, für das Philo und er entwerfen, sehr ähnlich: Es sind erwachsene Frauen, die eine gut geschnittene Hose oder einen Mantel mit der Lebenserwartung einer Eigentumswohnung jedem Minikleid vorziehen würden.

Man beachte die wunderschön geschnittenen, butterweich wirkenden Ledermänteln in kräftigen Farben. Die subtil sexy wirkenden Kleider, die vor allem den Hals betonen oder die locker fallenden Anzüge, die trotz fehlenden Schulterpolstern, dem Model Stärke verleihen. Die Schuhauswahl deutet auch auf den Wunsch nach Praktikabilität hin – was sich auch in seinen befreienden niedrigen Absätzen zeigt. An anderer Stelle gab es viele sportliche Elemente wie Kordelzüge oder Overalls.

Daniel Lee hat wie Phoebe Philo kein Instagram-Profil. Das allein sagt schon viel aus über einen Menschen in einer Zeit, in der ein virtuelles Profil über eine Karriere entscheiden kann. Wissen wird er dennoch, wie oft dort Fotos von der It-Bag The Pouch gepostet wurden. Denn ähnlich wie Philo beweist auch Lee ein Händchen für Accessoires. Eine gesteppte Clutch und Tragetasche in einem überdimensionalen Ledergewebe waren auffällig, ebenso wie eine Triangle Bag in Senfgelb mit einem mamorierten Print. Auch toll? Die „Beinreifen“, die die Hosenbeine an den Knöcheln zusammenhielten.

Neuanfänge sind immer spannend und erschreckend zugleich, ein kleiner Nervenkitzel, das Geheimnis des Unbekannten. Eine Chance zur Neuerfindung und Neuinterpretation, ein Moment, um neue kreative Spielräume zu finden. Der aufregendste Neuanfang in der Mode im Moment ist ganz klar Daniel Lee, der aus dem Schatten und unter dem vollen Glanz der Laufstegstrahler emporkommt. Es ist aufregend zu sehen, wie er dem Label neues Leben und neue Visionen einhaucht. Er nutzte das große Erbe des italienischen Modehauses, um eine starke Kollektion voller tragbarer und echter Kleidung für Frauen zu schaffen – und wenn es das ist, was wir in Zukunft von ihm sehen werden, dann sind wir für das neue OldCeline bereit.

Wie gefällt euch das neue Bottega Veneta?

Alle Fotos via PR

Kommentare

  1. Bottega Veneta war schon immer zeitlos, klassische und für „erwachsene Frauen, die eine gut geschnittene Hose oder einen Mantel mit der Lebenserwartung einer Eigentumswohnung jedem Minikleid vorziehen würden.“ Es ist auch DAS Vorreiter-Label, wenn es um dezente Logos geht (im Falle von Bottega meist: gar kein äußerlich sichtbares). Ich liebe Philos Design und sie hat sicher eine Menge dazu beigetragen, dieses Frauenbild populär zu machen. Aber erfunden hat sie es wahrlich nicht.

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