Karriere-Interview: Timo Sudmann, Designer und Gründer von Sudmann Creative

Am Beispiel von Timo Sudmann lässt sich gut beschreiben, was ein „professionelles Netzwerk“ ist – und wie wichtig der Kontakt zu anderen Kreativen ist, wenn man sich selbstständig machen möchte.

Ein eigenes Projekt ist ohne eine eigene Marke und Website zum Beispiel heute fast undenkbar. Hier kommen Timo Sudmann und Sudmann Creative ins Spiel.

Jessie hat für die Grafik und Corporate Identity sowohl bei LesMads, Journelles als auch bei ihrem Label JOUUR. mit dem gebürtigen Bremer zusammen gearbeitet, ich dagegen mit ihm für The Corner Berlin gearbeitet und ihn bei sich zu Hause für mein Buch „Guter Typ“ portraitiert.

Fast schon legendär ist ein Foto aus seinem Wohnzimmer, auf dem man eine Mansur Gavriel Bucket Bag sieht, die Timo als Blumenvase umfunktioniert hat.

Welche Connection er wiederum zu dem New Yorker Taschen Label du Jour hat und wie sich ein Label seiner Meinung nach am besten im Netz präsentieren sollte, verrät der 33-Jährige im Karriere-Interview!

 

Lieber Timo, du hast deine Karriere vor zwölf Jahren in der Grafikredaktion von klassischen Modemagazinen in Berlin gestartet. Wie hat sich deine Arbeit seit dem verändert?

Die insgesamt drei Jahre beim DEUTSCH-Magazin direkt zu Beginn meiner Karriere haben mich mit Sicherheit sehr geprägt. Print-Magazine waren immer meine große Leidenschaft.

Die stetig wachsende Erfahrung verändert natürlich mit jedem Projekt auch ein Stück weit meine Arbeit, aber unter dem Strich ist es sicher die technologische Entwicklung der letzten Jahre.

Magazine gibt es glücklicherweise nach wie vor – trotz Blogs, dem iPad und sprechenden Telefonen. Die Art und Weise wie wir Inhalte konsumieren und mit den Medien interagieren hat sich seit dem aber verändert.

Wie konsumieren wir denn? Und liest du heute selbst noch Magazine und wenn ja, welche?

Mit Sicherheit in einer anderen Geschwindigkeit und mit anderer Aufmerksamkeit. Ich lese gerade das Buch „Flow: Das Geheimnis des Glücks“ von Mihaly Csikszentmihalyi. Vielleicht verstehe ich danach besser, warum ich mir eigentlich kaum noch Zeit für Magazine nehme.

Wahrscheinlich, weil du so gut zu tun hast! Früher sprach man von „Grafik-“ oder „Corporate Design“, auf deiner Website Sudmann Creative steht dagegen was von „Brand Experiences“. Was ist damit gemeint?

Direkt übersetzt: „Markenerlebnisse“. Dies ist keine Werbung, sondern vielmehr eine Identität und oftmals auch nur eine Emotion, die man mit einer bestimmten Marke verbindet und über digitale Kanäle hinausgeht.

Wie beschreibst du die Arbeit und Projekte von Sudmann Creative?

Die Arbeit startet oft mit einer recht abstrakten Idee. Daraus wird dann in enger Zusammenarbeit mit dem Kunden eine kreative Strategie entwickelt und die Markenidentität gestaltet. Übersetzt werden dann die Ergebnisse zum Beispiel in digitale Produkte wie Webseiten oder Apps – funktionieren muss dies aber an allen Berührungspunkten zwischen der Marke und dem Konsumenten.

Danach wird dies am Markt weiterentwickelt – das ist ein stetiger Prozess.

Die Projekte sind hierbei recht gemischt, zum Beispiel: Journelles, das New Yorker Label Mansur Gavriel, der Fußballspieler Roman Neustädter vom FC Schalke 04, oder eine Internet-of-Things Konferenz, die seit 2015 in Berlin und Taiwan statt findet.

Wie hast du Jessie kennengelernt?

Mit Jessie arbeite ich schon seit den Les-Mads-Zeiten zusammen. Mittlerweile verantworte ich ebenso das Branding und Design von Journelles. Auch das JOUUR. Logo stammt aus meiner Feder.

JOUUR.
JOUUR.

 

Und die Zusammenarbeit mit Mansur Gavriel: Wie kam es dazu?

Sudmann Creative war sehr früh mit dem Projekt vertraut und hat das Branding sowie den Onlinestore der New Yorker Marke entwickelt. Ich kenne Floriana, eine der beiden Gründerinnen, noch aus Schulzeiten. Fast wie über Nacht ist die erste Kollektion weltweit bekannt geworden und die Taschen sind aktuell wohl die gefragtesten Accessoires der Modeindustrie.

Dahinter steckt aber natürlich auch sehr viel Planung und Arbeit. Seit kurzem gibt es nun auch die erste Schuhkollektion zu kaufen. Mein Fokus liegt stets darauf, die Ästhetik der Produkte adäquat auf den unterschiedlichen Kanälen zu transportieren und diese in den Vordergrund zu stellen.

Beim Onlinestore geht es zudem dann natürlich auch um einen reibungslosen Einkauf, egal ob mobil oder am Computer.

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Mansur Gavriel, Spring Summer 2016 Kollektion
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Mansur Gavriel, Capsule Kollektion

 

Jessie und Floriana von Mansur Gavriel: Kann man sagen, dass du am liebsten mit deinen Freunden zusammenarbeitest bzw. deinen Kunden gerne treu bleibst?

Na klar, da verschwimmen ebenso die Grenzen – je besser man sich kennt, desto effektiver arbeitet man auch zusammen und kann fast schon Gedankenlesen.

Wir leben in einer schnellen Zeit, da muss man ständig auf die Veränderungen reagieren und die Projekte weiterentwickeln. In der langfristigen Beständigkeit zeigt sich denke ich dann auch erst die wahre Qualität einer Marke.

Wie muss 2016 ein Designer oder Label deiner Meinung nach kommunizieren, speziell online?

Modemarken müssen im Grunde in Echtzeit kommunizieren und die klassische saisonale Kampagne verschwindet zunehmend. Auch den Mythos „Backstage“ gibt es kaum noch – die Marken müssen transparent sein und authentische Inhalte liefern.

Aber auch hier ist nach wie vor eine starke Identität der Erfolgsgarant und die Wiedererkennbarkeit des Absenders in Zeiten von unzähligen Shares und Fotofilter der Apps besonders wichtig.

Zwischen online oder offline versuche ich nicht mehr zu unterscheiden, „connected“ sind wir mittlerweile immer.

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The Corner Berlin

 

Gibt es Onlinemagazine oder Marken die deiner Meinung nach gerade die Nase vorn haben? Wer setzt die Trends?

Geht es um relativ junge und aktuell erfolgreiche Marken, werden die alten Regeln erneut auf den Kopf gestellt. Sicher gehört auch immer das richtige Timing und Know-how zu einem Erfolg, aber den Hype entfachen meiner Meinung nach die Konsumenten und Käufer selbst. Die Marken müssen diese Trends dann aufspüren und Follower in Kunden verwandeln.

Welches Equipment brauchst du für deine Arbeit?

Im Grunde reichen Stift, Papier und ein klarer Kopf. Danach natürlich einen Computer, um die Arbeit zu übertragen.

Ich bin vor einigen Jahren auf ein kleineres Modell umgestiegen und das auf die Klapptische auf Reisen passt – ich arbeite recht effektiv unterwegs im Flugzeug oder Zug, da ist man wie in einer Kapsel ohne Ablenkung in einer vorgegebenen Zeit.

Oder in Hotelzimmern – die räume ich auch gerne mal um, bis sie mir gefallen und ich entspannt arbeiten kann. Aber mindestens genauso gerne sitze ich dann wieder im Büro am großen Schreibtisch und Monitor.

Ist das eine Berufskrankheit alles gerade rücken zu müssen, bis es dir gefällt?

Auf jeden Fall! (lacht)

Wer hat dich und deinen Geschmack geprägt?

Je mehr Jahre vergehen, umso deutlicher werden es die Professoren und Menschen der Universität der Künste in Berlin. Damals hatte ich das Gefühl, als junger Designer natürlich schon alles zu wissen und habe immer gerne und schon viel während des Studiums gearbeitet.

Recht unterbewusst prägte die freie und teilweise auch sehr elitäre Ausbildung der Professoren dann doch sehr – davon habe ich nun ein Leben lang etwas. Ich bin im Nachhinein dafür sehr dankbar. Und natürlich auch stolz, das Diplom in der Tasche zu haben – danach gefragt hat seit dem aber niemand mehr.

Also bedarf es kein Studium für deinen Beruf?

Am Ende zählt mehr Fleiß und Talent. Aber sich während des Studiums mit unterschiedlichster Literatur und interdisziplinären Themen beschäftigen zu können, trägt mit Sicherheit auch zu dem bei und formt oftmals auch erst die eigene Kreativität in eine bestimmte Richtung.

Dylan Don, Model: Elisa Sednaoui
Dylan Don, Model: Elisa Sednaoui

 

Wie würdest du deinen Stil in drei Worten beschreiben?

Kreativ, visuell, durchdacht.

Warum sitzt du mit Sudmann Creative in Berlin und nicht in London oder New York?

Berlin ist mein Ausgangspunkt geworden und das Internet macht die Welt zu einem Dorf. Ich reise gerne und nur wenige Projekte stammen aus Berlin – so kann ich zum Beispiel nah am Kunden in New York sein oder vor Ort in Taiwan arbeiten. Das ist auch wichtig, um kulturelle Einflüsse besser zu verstehen und diese dann in die Projekte einfließen zu lassen.

Aber auch Hamburg, Frankfurt oder Düsseldorf sind regelmäßig dabei – das soll hier nicht nach Jetset klingen. Daneben ist Berlin einfach eine wundervolle Stadt!

Timo Sudmann (Foto: Sandra Semburg)
Timo Sudmann (Foto: Sandra Semburg)

 

Wie sieht es mit deiner Work-Life-Balance aus? Wo sammelst du neue Ideen oder schöpfst Kraft?

Grundsätzlich gibt es kaum Grenzen zwischen Leben und Arbeit. Da ist die Leidenschaft einfach grenzenlos. Das fühlt sich dann auch nicht wie Arbeit an, wenn ich mir im Urlaub Notizen mache oder auch mal eine Email beantworte. So richtig abschalten kann ich aber auf dem Wasser beim Segeln, der Wind macht einen klaren Kopf und man muss sich komplett auf die Manöver konzentrieren.

Neue Ideen und konkrete Konzepte zur Umsetzung entstehen häufig auf Reisen, im Gespräch und dadurch, gezielte Fragen zu stellen – am besten funktioniert dies zum Beispiel in kreativen Workshops gemeinsam mit dem Kunden.

Warum hast du einen Traumberuf?

Kreativ sein und dies zu einem Beruf machen zu können, ist wohl ein unbezahlbarer Luxus.

Wohin geht die Reise mit Sudmann Creative?

Inhaltlich wird sich die Arbeit mit Kunden, der Umwelt und den technischen Innovationen weiterentwickeln. Eine starke Marke aufzubauen und Inhalte auf unterschiedlichen Medien zu kommunizieren, wird dabei erst einmal wichtig bleiben über die nächsten Jahre.

Aber ich kann mir auch vorstellen, irgendwann einmal Kleidung oder Möbel zu entwerfen oder auch etwas mit Gastronomie zu starten. Das ist alles kreativ und Kommunikation, nur auf unterschiedlichen Medien. Konkret geht die nächste Reise aber erst einmal nach Taipeh in ein paar Wochen, da freue ich mich drauf.

Vielen Dank für das Interview, lieber Timo!

(Headerfoto: Sandra Semburg)

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