Über ein halbes Jahrhundert lang hat er von Paris aus die Mode regiert: Leb wohl, Karl!

Das war er also, dieser Moment, über den lange gesprochen wurde und der irgendwann kommen musste, dann aber völlig unerwartet kam, und die Modebranche erschütterte: Karl Lagerfeld ist am Dienstag im Alter von 85 Jahren in Paris verstorben. Die Umstände für seinen Tod wurden noch nicht bekanntgegeben. In den vergangenen Wochen hatten sich die Sorgen um die Gesundheit von Karl gemehrt, beim Finale der letzten Chanel-Show war er zum ersten Mal nicht erschienen. Doch niemand wollte so recht vom Schlimmsten ausgehen. Karl schien unsterblich. Der Titan, mit einem Kopf voller Ideen, nie langsam in seinem Tempo.

Er war der letzte Superstar der Mode: schwarze Sonnenbrille, weiß gepuderter Mozartzopf – eine schillernde Kunstfigur. So kannte Karl die ganze Welt, so kannten ihn wir.

„In der Mode muss man ständig zerstören, um sich zu erneuern. Das lieben, was man gehasst hat, und das hassen, was man geliebt hat.“

Er war eine Ikone der modernen Mode, ein Mann mit vielen Talenten und ein Genie der Selbstdarstellung. Jemand, den jeder kennt, aber in Wirklichkeit niemand. Jemand, der sich so genial sein eigenes Bild erschaffen hat und darüber lachen kann. Jemand, der kreativer ist als Menschen, die um ein Vielfaches jünger sind. 

“Ich bin ein wandelndes Etikett. Mein Name ist Labelfeld, nicht Lagerfeld”, sagte Karl in einem Interview. Und tatsächlich. Es ist einfacher, die Marken zu benennen, für die der Modedesigner nicht entworfen hat, als umgekehrt: Er arbeitete mit dem französischen Konzern Carrefour, dem Bleistifthersteller Faber-Castell, der Uhrenmarke Fossil, Swarovski, Zalando, Puma; er entwarf Motorradhelme für Les Ateliers Ruby, Flaschen für Coca Cola und sogar Hubschrauber für Augusta Westland. Karl war auch der erste Designer, der eine limitierte Kollektion für H&M entworfen hatte – und damit eine Vorlage für weitere Kooperationen zwischen Designern und Fast-Fashion-Marken schuf.

Der fleißigste Schöpfer unserer Zeit prägte mehr als ein halbes Jahrhundert lang die Modewelt. Seit den 1950er Jahren kreierte er für Pierre Balmain, Jeanne Patou und Chloé. Er entwarf auch für Mario Valentino, Krizia und Charles Jourdan, machte Kostüme für Film und Theater. 1967 begann Karl die lebenslange Zusammenarbeit mit Fendi, 1983 wurde er Chefdesigner bei Chanel. Letzteres machte ihn zu einer Modelegende.

„Die Mode ist etwas für den Augenblick. Das Beste, was einem Kleid passieren kann, ist, dass es getragen wird. Man macht Mode nicht fürs Museum.“

Chanel 1994 via Vogue Runway

Man kann sich das heute kaum vorstellen: Vor seiner Zeit war Chanel eine schwächelnde Marke, deren Existenz nur durch den Verkauf von Parfüms gesichert war. Karl hat das Label aus dem Dornröschenschlaf erweckt und zu einem großen Luxus-Imperium aufgebaut. Damit war er ein Beispiel für Designer wie Christopher Bailey und Marc Jacobs, die nach ihm ebenfalls traditionsreiche Luxushäuser wachrüttelten.

Karl war dekadent und extravagant und extrem. Seine Modenschauen waren legendär. Er ließ Models über einen Strand im Grand Palais laufen, Einkaufswagen in einem Supermarkt schieben und vor nicht allzu langer Zeit war ein düsterer Wald der Laufsteg. Bereits in der ersten Kollektion für Chanel verkleinerte der Designer Jacken auf die Größe eines Boleros und zeigte Miniröcke. Er präsentierte Pailletten-Shorts, vom Hip-Hop inspirierten Schmuck, Tweedstoff-Jacken peppte er mit Bändern und Fransen auf und dekorierte das Ganze großzügig mit dem Chanel-Logo. Alles für leidenschaftliche Modefans. Und einiges, was Coco Chanel mit ihrer Liebe zur Einfachheit nicht unterstützen würde. “Was ich tue, hätte Coco gehasst“, sagte Karl 2011 in einem Interview. Einmal sagte er auch: “Ich finde es besser, wenn sich Leute im Grab umdrehen, als ewig zu ruhen.“ Meinte er etwa Coco Chanel?

Seine Sätze, sie schnitten scharf und saßen perfekt – wie seine Anzüge, für die er ganze 42 Kilogramm abnahm. Mehr als ein Jahr lang quälte er sich mit 1200 Kalorien pro Tag und feierte das Ende mit der Veröffentlichung seines Buches Die 3D-Diät. Was sich, wie alles, was Karl berührte, zu einem internationalen Erfolg entwickelte.

Er war nicht nur ein Künstler, gefangen im Elfenbeinturm seiner Phantasie. Es war seine ungezügelte Neugierde auf die Welt, rastlose Kreativität und unermüdliche Entschlossenheit, ganz vorne zu bleiben. Er liebte die Fotografie sowohl für kommerzielle als auch für künstlerische Zwecke. Er war ein begeisterter Leser, veröffentlichte Bücher und sammelte sie leidenschaftlich; allein seine eigene Bibliothek bestand aus 300.000 Werken.

Chanel 1994 via Vogue Runway

„Ich leide an einer Überdosis meiner selbst.“

Karl ist 1933 (auf seiner Website heißt es 1938) als Sohn eines wohlhabenden Kondensmilch-Fabrikanten Otto Lagerfeld in Hamburg geboren, als die Nazis gerade das Land zu beherrschen begannen. Seine Mutter Elisabeth war streng und kalt. Meine Mutter hat versucht, mich für das Klavierspiel zu begeistern. Eines Tages klappte sie den Klavierdeckel auf meinen Fingern zu und meinte: ‚Zeichne lieber, das macht weniger Lärm.1953 ging Lagerfeld mit seiner Mutter nach Paris. Nur ein Jahr später gewann er dort den Preis des Pariser Wollsekretariats für einen Mantelentwurf und ging danach zu Pierre Balmain in die Lehre. 

Seine spektakuläre und sehr lange Karriere wurde sicherlich dadurch unterstützt, dass er für diese schwierige Branche außergewöhnlich stark war. Karl war nicht verheiratet, litt soweit bekannt an keiner psychischen Erkrankung, nahm keine Drogen – anders als so viele Kollegen in der Szene. Im Gegenteil. Karl war ein ganz anderer Typ als die selbstquälerischen Künstler. Enge menschliche Beziehungen schienen ihm suspekt. Seitdem sein Lebenspartner Jacques de Bascher, mit dem ihn nach eigenen Aussagen eine platonische Liebe verband, an Aids verstarb, lebte er bis zu seinem Tod scheinbar ohne solche Zuneigung. Was blieb, war die Arbeit, die er liebte. Und in den letzten Jahren Choupette, die Katze, die er nebenbei mit einem eigenen Instagram-Account und Werbeauftritten zu einer Marke aufbaute.

Das Phänomen: Karl Lagerfeld

Und dann gab es noch seine Musen: von Inès de la Fressange und Claudia Schiffer bis zu Baptiste Giabiconi, Kristen Stewart und Lily-Rose Depp. Er liebte Kate Moss, er mochte Vanessa Paradis. Er sprach mit Achtung über Tilda Swinton und schätzte Anna Wintour. Karl war ein umstrittener Charakter, der ebenso berühmt dafür war, einige der atemberaubendsten Kleidungsstücke und Momente in der Mode zu kreieren, sowie für einige gemeine Dinge. Keine Übertreibung. Adele war zu dick für ihn, Lady Diana zu dumm, Meryl Streep zu billig und Heidi Klum unbedeutend.

Und als ob er nicht genug Gegner gehabt hätte, antwortete er in einem Interview auf die Frage, was er über #MeToo denke: „Ich habe es satt.” In dem französischen Fernsehsender C8 kommentierte er die Einwanderungspolitik der Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Worten: „Selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde holen.” 

Der gerade einmal 1,78 Meter große Mann war eigenwillig, provokant und dreist. Paradoxerweise gab es für solche Aussagen nie Konsequenzen, und die Unternehmen, für die er arbeitete, dachten nicht einmal daran, sich von seinen Worten abzuschotten. Ein Genie? Auf jeden Fall. Ein Provokateur? Absolut!

Karl ist Karl, es gibt nur einen, es gab nur einen, und mit dem Ende seines Lebens kommt das Ende einer Epoche, einer Mode, wie wir sie kennen. Die neue Chefdesignerin von Chanel wird Virginie Viard – Leiterin der Ateliers, die seit 30 Jahren mit Karl zusammen gearbeitet hat. Sie tritt das größte Erbe der Modebranche an.

Ruhe in Frieden, the one and only Karl Lagerfeld!

Haute Couture Spring 2019 via PR

Unsere Review über seine letzte Modenschau findet ihr hier.

KARL LAGERFELDS BESTEN ZITATE:

„Man muss das Geld zum Fenster rauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt.“

„Eine Frau ohne Stil hat auch in einem Kleid mit Stil keinen Stil.“

„Es zeugt von geringem Niveau, teure Kleidung zu kaufen, um anderen den Reichtum zu beweisen.“

„Ich hasse das Wort billig. Menschen sind billig, Bekleidung ist dagegen teuer oder preiswert.“

„Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

„Ich bin eine Art Mode-Nymphomane, der nie einen Orgasmus hat. Ich bilde mir immer ein, ich könnte es noch besser machen.“

„Jugend ist eine neue Form des Rassismus, eine Obsession. Es ist die einzige soziale Ungerechtigkeit, die es wirklich gibt.“

„Wer heute als schön gilt, wird morgen kaum noch zum Putzen bestellt.“

„Das Rauskommen nach einer Schau ist eine gute Disziplin für mich. Denn ich muss aufpassen, dass ich nicht aussehe wie ein alter Gartenzwerg zwischen all diesen 20-Jährigen.“

Bilder im Header via PR

Kommentare

  1. Der beste Nachruf, den ich gelesen habe. Seit langer Zeit mal wieder ein brillanter Artikel auf Journelles. Großes Kompliment!

    Ich erinnere mich gerne an meine Modeschul-Zeit zurück. Ich habe zwar einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen, doch mein liebstes Hobby und meine große Leidenschaft ist die Mode immer noch. Ich traf einige Menschen, die Karl Lagerfeld mal getroffen haben und sie alle waren schwer beeindruckt. Er war und wird es wohl immer bleiben: Ein Vorbild für viele Designer und Designerinnen, ein Idol für den Nachwuchs und eine unendliche Inspiration! Was für andere Designer verschrien ist (Lizenzgeschäfte usw.) – man nahm ihm immer alles ab! Selbst die ulkigsten Kooperationen… das war trotzdem stets Karl Lagerfeld. Meiner Meinung nach war Chanel in den letzten Jahren nicht mehr das Chanel wie vor noch 10 oder 15 Jahren. Aber das ist wohl Geschmackssache. Und vielleicht ist es auch der Wandel der Modebranche in seinen vielen Facetten, von denen ich nicht jede verstehe. Und das genau macht die Mode ja so schön: sie ist verrückt, so unendlich vielseitig und manchmal unverständlich. Aber eben auch so endlos schön. Mach´s gut, lieber Karl!

  2. Ein unglaublich schöner Nachruf, das muss man jetzt echt mal sagen. Auch wenn ich sonst eher stille Leserin bin könnte ich dies jetzt nicht unkommentiert lassen.

  3. Ich kann mich nur anschließen, ein brillanter Artikel! Ich habe ihn sehr gerne gelesen.

    Wie wunderbar in einer Zeit mit ihm gelebt zu haben.

  4. Liebe Alexandra, Ein wirklich großartiger Artikel vor allem nach so kurz nach dem gestrigen Tod. sehr aufmerksam recherchiert und unter alldem was man in den letzten zwei Tagen gelesen hat, wirklich ein Highlight. Wenn man einen Nachruf so nennen darf. Glückwunsch.

  5. DOROTHEE sagte am

    Liebe A – Wowsa! Ein toller Text. Die beste Zusammenfassung die ich bislang gelesen habe. Hut ab, bitte schreib weiter! I like you. Größte Freude von D

  6. Natalie sagte am

    Ein schöner Artikel aber mir fehlt ein bisschen die kritische Sicht. „Provokant“ ist ist ja eher positiv zu interpretieren und viele seiner Aussagen, unter anderem bzgl. Merkel‘s Flüchtlingspolitik, sind schlichtweg absoluter Schwachsinn. Auch wenn ein Mensch stirbt, sollte man auch die problematischen Aspekte dieser Person nicht aus den Augen verlieren…

  7. Ich kann mich meinen Vorrednerinnen leider nicht anschließen. Leider finden sich im Text eine Vielzahl von falschen Formulierungen und Rechtschreibfehlern. Das Leben von Karl ist fast 1 zu 1 aus der Dokumentation „Lagerfeld, der einsame König“ entnommen. Sogar die gleichen Zitate (z.B. der Kommentar von Karl‘s zu seinem Klavierspiel) wurden hier bemüht. Insgesamt leider ein eher enttäuschender Nachruf einen großen Mann unserer Zeit.

  8. Mir sind hier einige bereits zuvorgekommen (gut so) und nun will auch ich mich anschließen: Ein überaus toller, gut verfasster Nachruf mit geradezu inspirierenden Abschnitten. Wow und Danke! Man spürt euren großen Respekt und eure Hochachtung gegenüber des unsterblichen Karl Lagerfelds. Warum sein Tod mich derart berührte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ebenso eine Mischung aus Hochachtung und dem zermürbendem Eingeständnis, dass, wenn sogar unsterbliche Menschen sterben müssen, wir das wohl auch tun werden. Schwere Worte, I know – aber auch diese muss man mal aussprechen. Das geschieht ohnehin viel zu selten. Habt einen sanften Übergang ins Wochenende, liebe Journelles-Feen. Liebe Grüße!

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