Die Perlen der Pariser Haute-Couture-Woche: Dior, Chanel und Giabattista Valli

Es ist ist doch wirklich erstaunlich, wie viele kreative Köpfe da draußen herumschwirren. Floskeln wie „Ach, alles schon gesehen” oder „Nichts neues“ sind zum Teil völlig überholt und einfach unnötig. Schließlich sieht keine Kollektion genau gleich aus – und man wird doch immer wieder überrascht. Den Beweis dafür liefern uns zumindest die Haute-Couture-Schauen, die gerade in Paris stattfinden. Tragbar? Nicht ganz! Bezahlbar? Nein! Doch gerade in Zeiten, in denen die Welt abscheulicher denn je erscheint, braucht es manchmal einfach mehr Schönheit.

Ein Blick auf die Bilder lohnt sich also für alle, die genau so wie wir, ab und zu gerne in ein Paralleluniversum abtauchen.

CHANEL – WO WAR KARL LAGERFELD?

Alle Bilder via Chanel

Nach jeder Modenschau von Chanel seit mindestens fünf Jahren, wird gemunkelt, dass es Karl Lagerfelds letzte war. War es nie. War es hingegen diese?

Die Haute Couture Show wurde von einer großen Frage überschattet: Wo war Karl? – fragten die einen aus Sensationslust, andere aus Angst. Immerhin war es das erste Mal seit über 35 Jahren, dass sich Lagerfeld nach einer Show nicht kurz auf dem Laufsteg zeigte. Stattdessen erschien Virginie Viard, die Leiterin der Ateliers, die seit knapp 30 Jahren an der Seite des Designers arbeitet.

Karl Lagerfeld sei müde gewesen, hieß es in einem offiziellen Statement von Chanel. Ein 84-jähriger Mann wird sich schließlich auch einmal ausruhen dürfen – vor allem, nachdem er so eine Kollektion auf die Beine gestellt hat. Chapeau!

Vor dem Grand Palais in Paris fiel gerade noch Schnee, drinnen entführte uns Lagerfeld einmal mehr in ein kleines Paradies. Eine italienische Villa mit einem langen blauen Pool, sandigen Wegen, Steinbalustraden, Palmen und einer geschwungenen Treppe dienten als Kulisse der diesjährigen Schau.

Für seine Kollektion suchte Lagerfeld Inspiration im 18. Jahrhundert. Die Models trugen Stoffe wie luftiges Organza, Chiffon und Spitze bis hin zu glänzendem Leder und den charakteristischen handgewebten Tweeds des Hauses mit wunderbaren Details wie Blumen mit Federn und handbemalten Pailletten. Die Spitze wurde von Hand bemalt, um Porzellan anzudeuten; Tüll wurde in Streifen zerfetzt oder über hauchdünne Spitze geflochten, um die Illusion von Karo zu erzeugen.

Toll waren auch die hochgestellten, kantigen Frisuren der Models: Auf seinem Instagram-Account schrieb Sam McKnight, der führende Friseur der Show, dass der Look ein Mix aus dem 18. Jahrhundert und den Ikonen der Achtziger Jahre sei. Und speziell der Stil von David Bowie habe ihn zu diesem ultra-voluminösen Look inspiriert.

CLOWNS, HARLEKINE & TÄTOWIERTE FRAUEN BEI DIOR

Alle Fotos via Dior

Ist eine Modenschau nicht wie die Parade zu Beginn einer Zirkusvorstellung?

Man muss es ihr lassen. Wenn es darum geht, Acts für ihre Shows zu buchen, ist Maria Grazia Chiuri eine der Besten. Die Designerin, die mit dem Slogan „We Should All Be Feminists“ bei Dior ihre Karriere startete, lud die Frauengruppe der Zirkusakrobaten Mimbre zu ihrer Haute Couture Show im Musée Rodin ein.

Frauen standen auf den Schultern anderer Frauen, turnten die Wege entlang, hielten sich gegenseitig hoch – und brachen damit symbolisch alle Geschlechterbarrieren auf, verkörperten die Definition von Frauen Power. Chiuri ist brillant darin, Performance-Kunst in ihre Modenschauen einzubinden: Das bewies sie bereits, als sie die israelische Choreografin Sharon Eyal und die Tänzer ihrer Gruppe sowie eine achtköpfige Gruppe von weiblichen Rodeo-Reiterinnen aus Mexiko für ihre Resort-Show einlud.

Mit ihrer Haute Couture Show taucht Chiuri in die Zirkuswelt ein. Schon Christian Dior liebte den Zirkus, am liebsten ging er in den Cirque d’hiver. Richard Avedon machte dort im Jahr 1955 das berühmte Foto mit dem Titel „Dovima et les éléphants“ für die Harper’s Bazaar, auf dem das Model in einem Kleid von Dior zwischen zwei Elefanten steht.

In der Kollektion erinnern kurze, abgeschnittene Fracks mit goldenen Stickereien an die Uniform eines Zirkusdirektors, kurze Kleider mit Tüllborten an Harlekine, Kostüme mit geometrischen Prints an Clowns und die mit dunklen Pailletten bestickten Röcke mit ihrer Tütü-Form an Zirkusakrobaten, Dompteure und Zirkusreiter. Aber auch Prints mit Tigern oder Pferden spiegeln die Merkmale der Zirkuswelt wider. Eine weitere Attraktion, die an den viktorianischen Zirkus und sein Jahrmarkttreiben erinnert, ist die tätowierte Haut der Frau, die Chiuri in Overalls mit Tattoo-Prints übersetzt.

GIAMBATTISTA VALLI

Alle Bilder via Vogue Runway

Backstage bei der Couture-Show von Giambattista Valli hingen eigentlich nur zwei große Bilder an der Wand: Das  Gemälde „Le Bain Turc“ von dem Künstler Jean-Auguste-Dominique Ingres und das berühmte Foto von Yves Saint Laurent, das Helmut Newton 1977 aufgenommen hatte. „He captured the atmosphere of the French maisons de la haute couture I was dreaming about when I decided to move to Paris to become a couturier“, sagt Valli über Laurent {Vogue Runway}, der für ihn und seine Kollektion eine große Inspiration war.

In seiner Show lässt er die Couture von Yves Saint Laurent der späten 70er- und frühen 80er-Jahre wieder auferstehen. Die Kollektion ist jung, anspruchsvoll und modern. Einige seiner Models, die über den glitzernden Boden liefen, trugen sogenannte Fes-Hüte (allerdings ohne die klassische Kordel), die Yves Saint Laurent, der in Algerien geboren wurde, einst zu High Fashion machte.

Ansonsten spielte Valli in der gesamten Kollektion ein Spiel der Gegensätze, wechselte saubere, kompakte Silhouetten mit fantasievollen Schnörkeln ab und präsentierte seine Vorliebe für aufgebauschte Zuckerwattenkleider in einer Reihe von abgestuftem Plissee-Tüll oder voluminösen Seidentaftroben mit asymmetrischen Schnitten. Besonders schön waren die kurzen und eng gehaltenen Kleider mit aufwendigen Verzierungen und Stickereien. Valli war wieder in Top-Form!

Alle Bilder: Chanel (Courtesy of Chanel), Dior (Courtesy of Dior) & Giambattista Valli via Vogue Runway

Kommentare

  1. Oh, wie wunderbar. Ich liebe diese Review von euch. Alles wichtige in Worte verpackt und Bilder zum träumen. Das macht Journelles wirklich einzigartig!

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