Geständnisse einer Modepraktikantin – Teil 3

Mode! Bei diesem Wort schwingt ein Hauch von großer, weiter und luxuriöser Welt mit. Man denkt an die berühmten Designer Karl Lagerfeld oder Phoebe Philo, die vor Kreativität nur so strotzen, an die opulent inszenierten Modenschauen wie bei Chanel in einem märchenhaften Wald im Herbst, an die wunderschönen Models wie Kaia Gerber oder Gigi Hadid, die die teuersten Stoffe präsentieren und an das Gefühl, wenn man dann eines dieser begehrten Teile in den Händen hält. Die Mode präsentiert sich nach außen stets als perfekte Welt.

Wie es hinter den Kulissen der Modebranche wirklich aussieht? In unserer Serie möchten wir euch einen kleinen Eindruck geben. Im ersten Teil haben wir unsere anonyme Autorin vorgestellt, im zweiten nahm sie euch mit nach Paris und erzählte, wie ihre „Praktika-Karriere“ begann. Im dritten Teil unserer Serie verrät euch unsere Modepraktikantin nochmal genauer, wie es ist, bei einem Modelabel zu arbeiten – und ob sie den Praktika-Marathon durchgehalten hat.

 

Wenn dir während des Filmes „Der Teufel trägt Prada“ die Tränen kommen, dann sollte man sich fragen, was bei einem selbst gerade schief läuft. Ich weinte nicht über Andys Liebesleben oder die absurden Hürden, die ihr von Runway-Chefin Miranda Priestly gestellt wurden (und es es ist ja nun mal ein offenes Geheimnis, dass mit dem Film die US-Vogue-Chefin Anna Wintour gemeint ist.) Nein, ich weinte über mich selbst. Ich weinte darüber, dass ich nicht genauso wie Andy mein Handy in den nächsten Brunnen geschmissen habe, als es darauf ankam.

Ich war nie besonders selbstbewusst. Doch während meines letzten Jahres an der Fachhochschule war mein Selbstbewusstsein auf dem Tiefpunkt. Das lag nicht an den Reaktionen der Dozenten auf meine Arbeiten, sondern an mir – meiner eigenen, komplett bescheuerten Art, meine Ideen und Arbeiten mit denen meiner Mitstudenten zu vergleichen, die Blicke meiner Freunde falsch zu deuten und mir ständig einzureden, dass diese EINE Kollektion den Verlauf meiner gesamten Karriere beeinflussen würde. Während mein Mitbewohner, der Informatik studierte, seine Unterlagen nach erledigter Arbeit zuklappen konnte, gab es in meinem Zeichenblock immer noch Platz für mehr Ideen und in meinem Zimmer immer noch mehr Stoffe für weitere Samples.

In der Modebranche steht sowieso alles auf Turbo – und dass ich mich selbst unter Druck setzte, kam noch dazu. Klar, dass es nach meinem Abschluss schnell wieder in meinen Fingern kribbelte. Eine kurze Auszeit? Keine Chance – zu groß ist der Druck von außen, schnell Fuß zu fassen. Zudem sind die Berufsaussichten für Modedesigner nicht gerade rosig. Der Markt ist dicht. Schließlich spucken die Talentfabriken der Welt wie Central Saint Martins und Co. jährlich mehr als genug junge, aufstrebende Designer aus. Wer mithalten möchte, muss also liefern.

Ich habe mich daher bei unzähligen Labels beworben. Bewerbungen schreiben raubt nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Geld – wer kennt das nicht? Doch in kreativen Berufen erwartet man noch mehr Aufwand. Sei es der Druck, das Papier, die Bindung oder die Verpackung – alles muss besonders „außergewöhnlich“, sprich teuer sein. Ich habe kleine Bücher mit meinen Kollektionen angefertigt, jedes davon kostete über 20 Euro.

Aber es hat sich gelohnt! Zwar war ich um einige Hundert Euro leichter, aber ein tolles Modelabel mit knapp 500 Mitarbeitern und zirka 15 Designern sagte mir ein Praktikum zu. (Im vierten Teil der Serie erzähle ich euch mehr dazu, wie ich an meine Praktika und Stellen gekommen bin!)

Also packte ich meine Sachen und flog meinen Freunden sowie meiner Familie erneut davon. Die Kollektionen des Modelabels werden in Paris gezeigt; insgesamt gab es vier im Jahr und separate „Commercial“-Pieces. In der Nacht vor einer Show musste ich alleine knapp 500 Druckknöpfe an sämtliche Stücke anbringen. Während meines Praktikums habe ich Schnittmuster angefertigt, Moodboards erstellt, Samples genäht, bei Shootings und Shows assistiert und Pakete, Essen sowie Kaffee geholt.

Letzteres war gar nicht so leicht, wie es sich anhört. Unser Creative Director wollte jeden Morgen einen Kaffee auf seinem Tisch. Er trank ihn ausschließlich mit Sojamilch. Eines Tages gab es in der Nähe unseres Büros in keinem Starbucks Sojamilch mehr. Mit einem anderen oder ohne Kaffee ins Büro zu kommen, war keine Option. So lächerlich es klingt, ich habe fast eine Panikattacke bekommen. Von da an hatte ich immer ein Tetra Pak mit Sojamilch aus dem Supermarkt mit dabei, um es dem Barista bei Starbucks zu geben – falls die keine mehr hatten.

Sechs Monate habe ich bei dem Modelabel alles gegeben, viele Nächte und Wochenenden durchgearbeitet. Und dann stand am Ende das Feedback-Gespräch mit dem Kopf des kreativen Teams an.

Ich kann mich noch immer an alles genau erinnern: Es war ein kühler Tag im März. Ich habe mir gut überlegt, was ich sagen wollte. Ich bügelte mein Glückshemd und glättete mir die Haare, um einen tollen Eindruck zu machen. Der Chefdesigner sollte mich auf der Stelle als seine Assistentin einstellen! Tatsächlich war ich damals noch ein wenig grün hinter den Ohren, denn ich dachte, dass einer Einstellung nichts mehr im Wege stünde. Tja, so kann man sich täuschen. Mein Vorgesetzter fragte nur: „Und was genau willst du jetzt von mir?”

Da war ich ganz schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Kaum Schlaf, keine freien Wochenenden, viele Tränen – und den einzigen gut gemeinten Rat, den mir mein Vorgesetzter für meine Zukunft gab, war, dass ich mir meine Haare lila färben sollte. Ich sähe „irgendwie langweilig“ aus. Meine braune Naturkrause verleihe meiner Kreativität einfach nicht genug Ausdruck.

An dieser Stelle hätte ich vielleicht den einfachen Haarschnitt von Phoebe Philo, die glatten, blonden Haare von Stella McCartney oder den seit zig Jahren unveränderten Bob von Anna Wintour nennen sollen. Ich hätte ihm sagen sollen, dass nur weil er seinen Cardigan immer falsch herum trägt, ihn das nicht „anders“ und schon gar nicht „kreativer“ macht. Aber ich blieb stumm. Ich hätte ihm wenigstens eine Stecknadel in seine Richtung werfen sollen – so wie es mein Boss in Paris immer mit uns getan hatte. Aber ich tat auch das nicht. Stattdessen blieb ich ruhig und ließ das Gespräch über mich ergehen. Über meine Arbeit oder meine Arbeitsmoral sagte er nichts. Lediglich, dass es zwischen uns wohl einfach nicht gefunkt hat.

Nach diesem Praktikum hatte mir geschworen: nie wieder! Nicht noch ein viertes Praktikum. Dass ich aber noch mehr als ein weiteres Jahr als Praktikantin hinter mich bringen würde, wusste ich damals noch nicht.

Praktikum Nummer 4 war bei einem Modelabel mit zirka 200 Mitarbeitern in London. Es war nicht besonders besser oder schlechter – ich wusste einfach, was auf mich zukommen würde. Es verging ein weiteres Jahr, in dem ich das Mädchen-für-Alles war, in dem ich jegliche Feiertage und Geburtstage von meinen Freunden verpassen würde und keine Zeit für mich hatte. Es verging ein weiteres Jahr, in dem ich bloß „Intern“ hieß, die Küche putzen und Tag für Tag Pakete schleppen musste. Meine Freundin kam sogar ins Krankenhaus, als sie sich beim Heben eines schweren Pakets einen Muskel zerrte. Ich habe mir wegen eines defekten Bügeleisens meine Hand verbrannt. Die Studiodirektorin sagte nur, ich solle mich nicht anstellen und das kaputte Ding einfach mit Stoff umbinden. Tolle Idee! Der Stoff hat sich mit heißem Wasser vollgesaugt und dem nächsten Praktikanten Brandflecken beschert. Trotz hohen Umsätzen hielt das Label es nicht für nötig, vier Wochen vor der Show ein neues Bügeleisen zu kaufen. Diese übertriebene Sparsamkeit ist natürlich kein Phänomen der Modebranche, aber trotzdem unverständlich.

Eine andere Praktikantin entschuldigte sich einmal unter Tränen dafür, ein Arbeitswochenende wegen der Trauerfeier ihrer Oma verpasst zu haben. Wenn ich heute daran denke, muss ich manchmal sogar schmunzeln – wie verrückt manches war. Wenn es keine Coca Cola Light, Protein Bars oder Mandelmilch gab, war es die Schuld der Praktikanten. Eine Zeit lang wurde es uns sogar verboten, im Office zu essen, da der Creative Director auf Diät war und die Gerüche des Essens ihn nur dazu bewegen würden, zum Kühlschrank zu gehen.

Immer wieder planten wir Praktikanten einen Streik, den Aufstand des kleinen Volkes. Wer holt sonst den Kaffee, wer macht sonst die Aufgaben, auf die keiner Lust hat, wer bügelt und verbrennt sich sonst die Hand – wenn nicht die Praktikanten? Man muss den Wert seiner eigenen Person und der Arbeit erkennen und realisieren, dass man dem Unternehmen, der Marke oder dem Label etwas bringt – und man nicht alles über sich ergehen lassen muss.

Nach vier Praktika habe ich gelernt, wann es Zeit ist, seinen Mund aufzumachen – und auch wann es besser ist, ihn zu halten. Man kann sich abends mal etwas vornehmen und darauf bestehen, pünktlich zu gehen. Für Bescheidenheit und Zurückhaltung ist wenig Platz. Lieber einmal mehr etwas sagen, als einmal mehr etwas runterschlucken zu müssen.

Trotzdem sollte man immer höflich bleiben, denn gerade die Modebranche ist überraschend klein. Man weiß nie, wen man in seinem nächsten Job wieder trifft. Die Personalchefin meines jetzigen Unternehmens ist die beste Freundin der Studiodirektorin aus einem meiner Praktika.

Viele fragen, warum ich nicht irgendwann gekündigt habe? Weil es dennoch eine tolle Zeit war. Bei jedem Praktikum habe ich so viel gelernt. Kein Tag ist wie der andere gewesen. Man war tagtäglich dabei, wenn Produkte, die von der Umgebung, eigenen Erfahrungen, Kunst, Filmen etc. inspiriert sind, erschaffen werden. Das fasziniert mich.

Die sonderbaren Wünsche oder manche unfairen Situationen geschahen meist in Verbindung mit Personen in höheren Positionen, die selbst enorm unter Druck stehen. Die Mitarbeiter drumherum sind der Grund, wieso ich alles überstehen konnte. Ich habe großartige Menschen kennengelernt, mit denen ich intensiv zusammengearbeitet und die ich gut kennengelernt habe. Mit einigen bin ich eng zusammengewachsen. Nur als Team kann man den harten Kampf in der Branche überstehen.

Ich bin trotz vieler schlafloser Nächte und vielen Tränen auch zu einem der Label zurückgekehrt, wo ich einst mein Praktikum gemacht habe. Also Ende gut, alles gut! Mein Handy habe ich noch immer nicht wie Andy in den Brunnen geschmissen – wahrscheinlich, weil ich einfach zu sehr liebe, was ich tue.

Fortsetzung folgt!

Alle Gifs via Giphy

 

Kommentare

  1. jessie@journelles.desmajli3007@gmail.com

    Endlich wird es langsam was! so hätte ich es mir von Anfang an gewünscht. Freue mich auf Teil 4!
    Lg Mel

    • jessie@journelles.dekalimanski@t-online.de
      Natalie sagte am

      Ich stimme dir absolut zu. Es liest sich wie ein Schülerpraktikumsbericht.

  2. jessie@journelles.delaura.helena.wurth@gmail.com

    Ich empfinde es als relativ unnötig erst zu sagen was alles grundlegend schiefläuft und dann aber wieder zuzugeben, dass es nun mal so läuft und, dass das auch irgendwie geil ist. Weil ist es eben nicht. Menschen sollten so nicht behandelt werden und wer das durchhält ist dadurch nicht besser, oder stärker, sondern schlicht jemand der gut aushalten kann. Vermutlich auch eine Eigenschaft, die man braucht. Bessere Arbeitsbedingungen schafft man so aber für niemanden.

  3. jessie@journelles.denein@nein.de

    Ich verspüre sehr großes Mitleid mit Menschen, die sich über Jahre dermaßen verbiegen und schlimmen Leute in den Po kriechen, sich für peinliche Nichtigkeiten runtermachen lassen – und das alles noch ehrenamtlich oder für lächerlich wenig Geld. Dann auch noch zu finden, man hätte aber total viel gelernt… Ist es nicht viel eher so, dass es sich einfach für viele relativ schick anhört, dass man entweder bei einem Modelabel, einer PR Agentur, in der Musikbranche oder sonst einer total wichtigen Adresse arbeitet. Meist halt nur als Praktikantin oder für ein witziges Gehalt. Auch ich konnte immer wieder staunend zuschauen, wer das eigentlich wie lange und auf wessen Kosten finanzieren kann. Ich hätte mir das über so lange Zeiträume nie leisten können und wollen. Weil ich es schon immer verachtet habe. Und es war auch schon immer so, dass man damit genau die Leute unterstützt, die solche sogannten Langzeitpraktikanten ausnutzen. Warum tun sie das? Weil sie es können.
    Ich persönlich kann an dem Text wenig überraschend finden.
    Am Ende war ich dennoch erstaunt bis ungläubig. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat die Verfasserin genau bei einem der fragwürdigen Arbeitgeber angefangen, der sie damals schon nicht geschätzt hat. Ich weiß, es muss Geld verdient werden und es ist wichtig, eine Stelle zu haben – das nur vorsichtshalber angemerkt. Aber das ist für mich unvorstellbar. Wo fängt eigentlich heute Arschkriecherei an und wo ist bloß die wütende Jugend.

    • jessie@journelles.delisapfe@gmx.de

      Auch ich arbeite bei einem international tätigem Modelabel im Designbereich. Es ist ein hartes Business, aber ich Aber wenn es der große Traum ist und man diesen Traum leben möchte, dann verzichtet man bewusst auf darauf. muss sagen so extrem wie die Autorin hier habe ich es nicht erlebt, weil ich nie das Bedürfnis hatte nur wegen des großen Namens bei einer Firma arbeiten zu müssen und mich womöglich noch schlecht behandeln lassen müssen. Es ist allgemein bekannt, dass man als Designer nicht viel Geld verdient – als Praktikant schon mal gleich gar nicht. Entweder man arbeitet nebenher noch (was ich gemacht habe) oder man bekommt Zuschüsse von den Eltern (die ich auch bekommen habe, und keine Sorge… ich bin keine Göre aus reichem Haus).
      Ich finde es sehr übertrieben geschrieben, kein Wunder dass das Feedback nicht so toll ist.

  4. jessie@journelles.deMAYAMINOU@WEB.de

    Ich bin nicht in der Modebranche tätig und kann deshalb wenig über die Alltagsrealität einer Modedesign-Praktikantin schreiben. Was ich weiß ist, dass der Umgang mit PraktikantInnen in vielen Branchen prekär ist, sowohl auf menschlicher als auch monetärer Ebene. Ich glaube, solche Verhaltensweisen resultieren einfach aus gegebenen Machtstrukturen, die es zu brechen gilt. Insbesondere, wenn man viele Jahre in eine Ausbildung investiert und auch seinen persönlichen Wert kennt. Die Frage ist doch die: „Wie viel kann & muss man erdulden auf dem Weg zum Erfolg?“ Und an diesem Punkt steige ich aus. Klar, persönliches Engagement braucht es immer, wenn man Ziele realisieren möchte, dies ist aber nicht gleichzusetzen mit einer Mentalität, die auf Unterdrückung & Angstmache basiert.
    Ich jedenfalls konnte es mir nicht leisten, schlecht- oder unbezahlte Praktika zu machen, was sich vielleicht im Endeffekt als Glück entpuppt hat.
    Grenzwertige Führungskräfte findet man in jeder Branche, in einer extrentischen, wie der Modeindustrie, vielleicht häufiger.
    So bleibt es der Verfasserin nur zu wünschen, dass sie auf dem diesem selbstgewählten Weg nicht auch zu einem solchen Menschen heranreift und hierdurch vielleicht eine Veränderung bewirken kann.

    • jessie@journelles.desara.hesterberg@iubh.de

      Maya, du sprichst mir aus dem Herzen! Praktikant(inn)en haben es in jeder Branche schwer. Ich komme aus der Hotellerie und auch da ist es ständig nur eine Frage der Balance zwischen „belastbar“ und „selbstbewusst sein / den Mund aufmachen“. Da stellt man sich die Frage, ob es beispielsweise zulässig sein darf, dass eines der berühmtesten (und ältesten) Luxushotels Berlins junge Menschen ein Jahr ein unbezahltes Praktikum machen lassen darf um DANN erst zu entscheiden ob sie dann überhaupt für die Ausbildung angenommen werden.. das ist eine Frechheit! Aber normal in der Hotellerie, weil es genug junge Menschen gibt die scharf auf Titel und Hotelnamen sind.. So trägt jede Branche ihr Päckchen. Beschwerst du dich, wird die vorgeworfen du seist nicht belastbar, nicht flexibel.

SCHREIBE EINEN KOMMENTAR.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Geben Sie einen Text ein

Geben Sie Ihren Namen ein

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.