Gesprächsstoff: „Fashion is dead“ – liebe Mode, was wird nun aus dir?

Früher hieß es immer, die Mode reagiert auf oder nimmt zukünftige gesellschaftliche Strömungen sogar vorweg. Was ist heute davon übrig geblieben? Die Meinungen der Experten gehen diesbezüglich ziemlich weit auseinander!

In einem Interview mit dem britischen Architektur- und Design-Magazin Dezeen behauptet Li Edelkoort, dass die Mode tot sei. Es gehe nur noch um Klamotten, nicht mehr darum, was in der Welt passiert und wovon die Menschen träumen. Die Trendforscherin glaubt, dass sich die Mode immer mehr isoliert. Die Gründe dafür liegen ihrer Meinung nach u.a. an der „Like-Generation“, in der „Gefällt mir“-Klicks auf Facebook oder instagram die Modekritik ersetzen.

Auf der anderen Seite sagt sie das Comeback der Haute Couture voraus, bei der er ihrer Meinung nach wirklich um Ideen und nicht um das Marketing geht. Für Li Edelkoort sind übrigens auch Modeschauen passé: „Sie sind lächerlich; 12 Minuten lang. 45 Minuten Autofahrt, 25 Minuten warten. Niemand schaut es sich an. Die Redakteure hängen alle am Telefon, keiner gerät ins Schwärmen.“

Raf Simons dagegen findet dagegen, Mode ist Pop, auch wenn sie entzaubert sei und der Beruf des Designers heute so gewöhnlich wie der des Rechtsanwalts. „Es geht offenkundig nur noch um Kommerz, aber das ist ok“, erklärte er in einem Interview mit der amerikanischen Ausgabe der Elle.

Schlussendlich gibt Anna Wintour der Diskussion rund um die Wertigkeit der Mode und ihrer Berichterstattung noch einmal Zunder, in dem sie Tim Blanks von style.com anfaucht, dass „Trends“ für sie ein schmutziges Wort sei.

 

Ja, wie jetzt? Wir reisen von Modeschau zu Modeschau oder warten vor dem Rechner im Büro oder zuhause auf dem Sofa auf neue Fotos, Trends und Ware in den Onlineshops –das alles soll jetzt falsch sein?

Team Journelles diskutiert in einer neuen Runde Gesprächsstoff!

Kerstin: Li Edelkoort ist schon in meinem Mode-Studium die Prophetin gewesen und wurde in allen Lehrbüchern zitiert. Ich denke, dass sie eine großartige Frau ist! Ja, es hat sich verändert! Ich finde aber, die Like Generation hat auch viele schöne Seiten. Bringt sie doch viele unbekannte Designer schneller an die Oberfläche!

Ich bin gerade in Mailand und erlebe aber genau diesen Zwiespalt, den Li Edelkoort aufzeigt: z.B. bei Giambattista Valli und No. 21! Die Show-Kollektionen (im Gegensatz zu den Pre-Kollektionen) sind für den Endkonsument kaum tragbar (Preis, Alltagstauglichkeit etc.) und wird wohl nicht übermäßig in den Läden zu finden sein. Es ist fast schon Couture, also Kunst! Und das bei Contemporary-Kollektionen, während die Fashionistas in ihren „Ready to bear“-Faschingskostümen von Jeremy Scott herumposen.

Das Modebusiness ist extrem geworden. Doch glaube ich, braucht es diese Übertreibung und die zwei Extreme, um sich in den nächsten Saisons wieder zu mäßigen. Li Edlekoort überspitzt es. Wenn ich mir Jeremy Scott für Moschino ansehe, bestürtzt es mich auch: ein Marketing-Gag, der angeblich konsumkritisch bis ironisch sein soll. Vielleicht ganz lustig, aber mein Modeherz blutet trotzdem.

Jessie: Li Edelkoort ist seit Jahrzehnten eine der wichtigsten Trendforscherinnen der Welt und weiss, wovon sie spricht – sie spricht besonders von einer Welt, in der es das Internet, Social Media, eine gewisse Schnelligkeit und der damit verbundenen Relevanz nicht gegeben hat. Ihr Aussagen erinnern stark an Suzy Menkes Kritik „The Circus of Fashion“ vor bald zwei Jahren. Es ist aber auch einfach, den Tod der Mode zu proklamieren und mit einer simplen Aussage für Aufruhr zu sorgen – aber was bedeutet das denn nun?

Edelkoort nennt diverse Gründe (Lesetipp!), erzählt zwar wenig Neues, aber bringt ihre These damit auf den Punkt: Im Jahr 2015 benutzen wir das Wort „fashion“, oder zu deutsch „das ist in Mode“, inflationär und nicht mehr nur auf Kleidung bezogen. Das passt zu Anna Wintours Bemerkung „Trend is a dirty word“ – denn Trends sind kurzlebig, mainstream und kümmern sich nicht um Langlebigkeit.

Trends sind aber auch einfach nur ein Begriff, der sich abgenutzt hat. Verzichten wir also auf den Begriff „Fashion“ und nehmen „Kleidung“, ersetzen wir „Trends“ mit Tendenzen. Was ändert das?

Hanna: Ich muss ehrlich sagen, dass man die Worte von Li Edelkoort bestimmt noch mal ganz anders kommentieren kann, wenn man in der Mode arbeitet, so wie oder Kerstin oder Jessie.

Mein Leben dreht sich um Beauty, weswegen ich momentan den Luxus habe, Mode (die meiste Zeit) als etwas sehr Persönliches sehen zu können. Ich kann Li Edelkoort absolut folgen und verstehe das krasse Statement: „Fashion is dead.“ Manchmal mache ich mir schreckliche Sorgen um Trends, It-Pieces und langweilige Laufsteg-Präsentationen (wo soll das alles hinführen?), kann mich dann aber irgendwie wieder entspannt zurück lehnen und mein Ding machen.

Ich finde es manchmal viel dramatischer, dass es wohl nur ein Jahrhundert mit tragbarer Mode gegeben hat – alles ab 2000 ist eine Wiederholung davon. Trotzdem wird es den Reiz der Mode immer geben. Dann, wenn es anfängt zu kribbeln, wenn man Spaß an der Kleidung hat und seinen eigenen Stil, statt in Worte, in Stoff fassen kann.

Jessie: Raf Simons erklärt es ganz gut:

Fashion is now pop, where it used to be a niche. It moves with such speed, sometimes it leads to a lack of depth. The mystique is gone. Now being a fashion designer is like becoming a lawyer. Fashion is overtly about commerce. That’s okay. 

Mit anderen Worten: die Demokratisierung der Mode, die nicht zuletzt durch Modeblogs, das Netz und Social Media im Allgemeinen ausgelöst wurde, hat natürlich auch ihre Nachteile.

Für mich persönlich gilt: Mode ist und bleibt meine grosse Leidenschaft, auch wenn ich sie nüchterner betrachte als früher. Gänsehautmomente oder Tränen in den Augen (von denen auch Li Edelkoort sprach) habe ich nicht mehr ständig – aber diese Momente gibt es noch. Zuletzt bei Chanel in Salzburg, wo ich mich wirklich zwicken musste. Oder Frontrow in New York bei Hugo Boss (Wahnsinn!), wo mich die anderen Chefredakteurinnen fast mit Blicken getötet hätten, als ich mich zwischen sie quetschen durfte. Mode ist und bleibt ein Business, in dem es letztlich um Verkaufszahlen geht. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man deshalb nicht mehr begeistern kann.

Chanel Métiers d'Art Paris-Salzburg Lookbook. (Fotos: Karl Lagerfeld)
Chanel Métiers d’Art Paris-Salzburg Lookbook. (Fotos: Karl Lagerfeld)

 

Lexi: Die Mode ist tot? Quatsch! Das wäre ja so, als würde man sagen, Kunst und Musik sind tot. Klar, ist Li Edelkoort eine bekannte Trendforscherin und ich mag ihr „Bloom“-Magazin, aber in meinen Augen gehört sie zu einer Generation, deren Job dank der „Like-Generation“ in Zukunft nicht mehr gebraucht werden.

Es geht hier um Wandel und mich ärgern die Leute, die gegen diesen Wandel stänkern, weil er ihre Rolle infrage stellt. Wenn es keine Veränderung gäbe, dann würden wir jetzt immer noch faxen statt mailen und Brieffreundschaften statt Facebook pflegen.

Ich finde es legitim, wenn sich Designer nach Likes richten. Letztendlich müssen sie ihre Miete bezahlen können. Jedes Label, das den Anschluss an die moderne Kommunikation verloren hat und keine neuen Trends oder Must-Haves vermarktet, muss Parfums oder Haute Couture machen, so wie Jean-Paul Gaultier oder Viktor & Rolf. Immerhin stehen immer mehr Kunden mit ihren Handys in den Boutiquen und zeigen Fotos von Taschen oder Schuhen, die sie auf instagram gesehen haben, oder wie ist das bei dir Kerstin? Selbst Chanel hat letztes Jahr einen instagram-Account angelegt...

Klar, bei der Schnelllebigkeit von Trends stumpft man als Modemensch ab. Wirklich, ich will nichts mehr haben und wenn ich etwas kaufe, dann sind es schwarze Jeans.
Aber nach uns kommt ja auch noch jemand und diese neue Generation liebt es, genauso wie wir, die Modetrends der letzten Jahrzehnte neu zu entdecken – und ehrlich, so wie gerade Schlaghosen und Fransen gerade wieder alle begeistern, kann die Mode gar nicht tot sein. Letztendlich ist dieser ständige Aufguss doch ein Ritterschlag: Denn irgendwann wird aus einem Trend ein Stil.

Hanna: Du sagst was: „Wandel!“ Das war mein erster Gedanke, als ich mir Frau Edelkoorts Meinung durchgelesen habe. Wenn ihr mich fragt, wird Mode NIE tot sein!

Kerstin: Auch ich gebe dir absolut Recht, Alexa. Klar ist Li ein Dino. Und mein Laden Hayashi in Frankfurt lebt von Social Media und Likes. So bin ist mein Konzept bekannt geworden und es ist mein wichtigstes Marketing-Tool. Ich glaube auch, dass diese Früher-war-alles-besser-Einstellung totaler Quatsch ist. Trendforscher, die diese Gefühle bekommen, sollten ganz klar mal langsam an Ruhestand denken. Aber im Ansatz kann ich sehen, was sie meint.

Lexi: Schaut mal: Li Edelkoort schwärmt ja von einer Thierry Mugler Modenschau – die hier stammt von 1997 und dauert wirklich 45 Minuten, inklusive Show-Einlagen von Supermodels wie Jerry Hall, Szenen-Applaus und minutenlanger Verbeugung des Designers. Da müsste man sich dann eine Woche Urlaub nehmen, wenn die Fashion Week ansteht und jeder Designer so eine Präsentation macht!

 

 

Kerstin: Wir feiern die Designer virtuell. Ist doch in Prinzip dasselbe. Like ist doch das Klatschen im World Wide Web.

Ein gutes Schlußwort! Wie denkt ihr über die Statements – sowohl die der Experten als auch von Team Journelles – und was ist euer persönlicher Standpunkt? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

Kommentare

  1. Zunächst einmal finde ich, Wandel kann man durchaus auch kritisch sehen. Neu ist nicht automatisch besser, es macht Sinn sich mit neuen Entwicklungen auseinanderzusetzetn bevor man sie übernimmt oder geschweige denn blind jedem Wandel nachzulaufen.
    Besonders negativ ist mir auch die Aussage aufgefallen, dass die Designer sich am Markt orientieren müssen, genau das bedeutet Mode ist tot. Mode als Kunstform und gesellschaftliches Stilmittel ist dann wirklich tot, sie ist dann nur die neue Religion der Konsum- und Likegeneration, ohne Inhalt, reine PR. Vielleicht lebt die Haute Couture deshalb etwas auf, als künstlerischer Gegenpol zum markt- und PR-orienierten Social Media- und Konsumpublikum.

    • Auf diese Weise sind die Kollektionen von Jeremy Scott genial, er treibt die Sinnlosigkeit der einzelnen Kollektionen auf die Spitze, wenn es wirklich nur darum geht Geld zu verdienen.

  2. Worin ich ein Problem sehe, sind die Zielgruppen, die durch Social Media erreicht werden und durch ihre Likes mitbestimmen. Die Facebook-Gemeinde zum Beispiel ist aus meiner Sicht eine viel zu breite Zielgruppe, um auf die ursprünglichne kreativen und vor allem individuellen Ideen der Designer zu reagieren. Ich denke, die Designer haben eine definierte Zielgruppe im Blick, die sie in ihren Kollektionsteilen sehen, und diese Zielgruppe erreichen sie nur durch einen gezielten Angang ohne derartige Streuverluste. Andererseits gebe ich aber Alexa recht, denn wir beschreiten aktuell nun einmal neue Wege der Kommunikation, gekennzeichnet durch die Digitalisierung – sich komplett zu sperren ist da einfach auch kontraproduktiv. Und was für den einen Designer ein Problem sein mag, das ist für einen jungen, hippen Designer, der eine junge hippe Zielgruppe mit erschwinglicher Mode erreichen möchte, vielleicht das Non plus Ultra. Die Crux ist nur, dass bestimmt nicht jeder alles mitmachen kann und sollte, und dass das, was für den einen funktioniert, für den anderen in eine Sackgasse führen kann.
    Was die Schauen angeht, so erlebe ich auf der Berliner Fashion Week mehr und mehr den Zustand, dass die Runway Shows selbst an Bedeutung für das geladene Publikum zu verlieren scheinen. Wichtiger ist heutzutage, wer in der ersten Reihe sitzt und wer wen von woher kennt und ob derjenige dann auch tatsächlich die Berechtigung hat, weiter vorn Platz zu nehmen. Das finde ich sehr schade, denn ich freue mich auch immer wieder über einen Blick aus den mittleren Reihen auf die neue Mode – denn darum geht es doch??
    LG von Nicki

  3. Ricarda Milstein sagte am

    Ich finde die Erwartungshaltung etwas schwierig. Ist Mode denn nur dann Kunst, wenn eine exzentrische und futuristische Kunstshow hingelegt wird? Gleichzeitig beschweren wir uns über mangelnde Tragbarkeit.
    Ich fände es schade, wenn Mode nur auf die großen Designer der Showen reduziert wird, die – wie D&G etc. wirklich brands sind, die ihre Klientel bedienen müssen. Ich kann nicht anders als die ganze Zeit an Achtland denken zu müssen, die für eine Kollektion Spitzenblüten zum Färben und Besticken nach Indien geschickt haben, um sie dann in Berlin (ich will sie zurück, btw…) zu einem Kleid zusammenzusetzen. Das ist doch Kunst in Reinform! Vielleicht brauchen wir also nur eine Verschiebung des Fokus.

  4. Change is not good or bad – it just is. Das ist, Don Draper sagte es, sehr wahr.
    Wenn es diesen digitalen Wandel nicht gäbe, würden wir uns vielleicht auch mehr mit den Dingen auseinandersetzen, als dies in 140 Zeichen möglich ist. Es ist doch eine Tatsache, dass die Aufmerksamkeitsspanne der sgn. „Likes-„Generation sehr gering ist. Jede Woche wird eine neue Sau durchs Dorf gejagt; Anteilnahme und ehrliches Interesse sind so selten geworden wie vernünftige Groß-und Kleinschreibung.
    In der Mode ist dies besonders deutlich zu spüren – allerdings stellt sich mir die Frage, ob Mode jemals wirklich mehr war als egoistische Selbstbefriedigung einer ausgewählten Gruppe von Menschen. Die Stilikonen, die man früher bewunderte, hatten jedenfalls alle Kompetenzen jenseits der Branche und waren eher zufällig modisch.
    Heutzutage bewundern die jungen Mädchen It-Girls, die nicht viel mehr zu bieten haben außer Reichtum und Aussehen. Das war Pre-Internet echt anders.

    Und mal Hand aufs Herz: Auch ihr Blogger „investiert“ dauernd in „zauberschöne“ It-Pieces, non? Ich frage mich nur manchmal, wo die ganzen Kenzo-Tigerpullis und Acne Pistols in dieser Saison geblieben sind. Nur mal so als Beispiel. Mode ist vielleicht nicht tot, aber das, was allgemein als solches bezeichnet wird, hat auf jeden Fall keine Seele.

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