„Immer mehr Unternehmen öffnen sich für neue Arbeitsmodelle, weil sie merken, dass die starre 40-Stunden-Woche nicht mehr zeitgemäß ist“ – Interview mit Anna Kaiser und Jana Tepe von Tandemploy

Eine erfolgreiche Karriere oder ein Aufstieg im Job war lange Zeit gleichbedeutend mit dem Verlust von Zeit für Kinder, Partner, Hobbies und Erholung. Ihr wisst es schon, es sind meistens Frauen, die aus diesem Grund keine Führungsposition übernehmen beziehungsweise sie nur selten übertragen bekommen.

Tatsache ist, dass noch immer für viele Frauen das Kind ein Karriereknick ist: Viele legen ihre Karriere auf Eis, der Mann arbeitet weiter Vollzeit, die Frau weniger, so macht es die Hälfte der Paare in Deutschland. Und nicht selten verlieren junge Mütter ihre alte Stelle, da man für einen so verantwortungsvollen Posten schließlich Vollzeit da sein „muss“. Und so landet die Frau nicht selten in der Gender-Falle.

In unserer ersten Edition unseres Journelles Brunch Clubs widmeten wir uns unter dem Motto „Work it out – at your own pace“ genau dieser Frage: Wie funktioniert die Vereinbarkeit von Kind und Karriere wirklich? Mehr dazu in den Story Highlights, wenn ihr es euch noch mal ansehen mögt. Ein möglicher Lösungsansatz, den wir in diesem Interview besprechen möchten, ist Jobsharing. Ein Arbeitszeitmodell, bei dem sich zwei oder mehr Arbeitnehmer eine Vollzeitstelle teilen.

Die Idee ist zwar nicht ganz neu und vor allem in der Schweiz viel besprochen worden, doch seitdem Anna Kaiser und Jana Tepe 2013 Tandemploy, die weltweit erste Online-Plattform für Jobsharing, gegründet haben, bekommt die Diskussion um das Arbeitsmodell erneut Aufschwung. Inzwischen hat sich das Unternehmen zwar weiterentwickelt, die Chefstelle teilen sich die beiden Frauen immer noch. Wie Jobsharing (das selbstverständlich auf für Männer gedacht ist) wirklich funktioniert und welche Vor- und Nachteile das Arbeitsmodell mit sich bringt, erzählen die beiden in unserem Interview.

Hii Anna, hii Jana! Erzählt doch mal ein bisschen: Was ist die Idee hinter Tandemploy und was war eure Motivation, mit der ihr das Unternehmen gegründet habt?

Anna: Tandemploy ist als Jobsharing-Plattform gestartet, hat sich aber seit der Gründung verändert.

Jana: Die Jobsharing-Plattform steht nicht mehr im Mittelpunkt von dem, was wir tun. Aber es gibt sie noch und Menschen, die sich eine Stelle mit jemand anderes teilen möchten, finden dort potentielle TandempartnerInnen. 

Anna: Heute entwickeln wir eine Software, mit deren Hilfe sich Mitarbeitende in Unternehmen vernetzen können. Jobsharing ist immer noch ein Teil dieser Vernetzungsmöglichkeiten, aber es gibt viele weitere. Unsere Software matcht zum Beispiel Kolleginnen und Kollegen für spannende Projekte, Mentoring-Tandems, Jobshadowings, Working Circles, einen Generationenaustausch oder ein unverbindliches Coffee Date: Je nachdem, was der- oder diejenige gerade sucht, lernen möchte usw. Die Digitalisierung ist eine große Chance, anders und besser zu arbeiten als bisher. Das treibt uns an – die Idee einer Arbeitswelt, in der Menschen mit gestalten können und zumindest einen Großteil ihres Tages glücklich sind.

Womit verdient Tandemploy sein Geld?

Jana: Wir stellen eine Software-as-a-Service-Lösung (SaaS) für Unternehmen bereit. Firmen können bei uns aus über einem Dutzend verschiedener Matching-Themen auswählen und genau diejenigen einsetzen, die am besten zu ihnen passen. Damit helfen wir Organisationen, vernetzter zu arbeiten, Silos abzubauen und vor allem MitarbeiterInnen mehr Raum zur Mitgestaltung zu geben. Management und Personalabteilung lernen außerdem ganz nebenbei sehr viel über ihre Belegschaft, zum Beispiel was deren Talente und Fähigkeiten sind, wo sie diese gerne einsetzen würden, wie sie arbeiten und was sie noch lernen möchten. Sehr wertvolles Wissen, das kaum eine Organisation über ihre Mitarbeitenden hat. Die Firmen zahlen für den Einsatz der Software, aber auch für die Begleitung bei der Einführung und internen Kommunikation über die ersten Jahre hinweg.

Ihr beide teilt euch als Geschäftsführerinnen von Tandemploy die Aufgaben. Wie sind eure Erfahrungen gerade im Hinblick auf die Verantwortung in dieser Führungsrolle?

Anna: Wir möchten nicht mehr anders arbeiten. Gerade in sehr stressigen Phasen ist es für uns ungemein wertvoll, dass wir so eng zusammenarbeiten und uns auch jederzeit gut unterstützen und füreinander einspringen können. Wir teilen uns meist nach Stärken auf, können aber trotzdem jederzeit für die andere sprechen und Entscheidungen treffen. Das entlastet, freut das Team, das nicht unnötig auf eine von uns warten muss und führt dazu, dass wir verhältnismäßig humane Arbeitszeiten haben. Zumindest welche, auf die andere Gründerinnen oft neidisch sind 🙂

 

Jana, du bist vorüber einem Jahr Mutter geworden. Ich nehme an, dass das ein großer Vorteil ist, wenn man sich die Führungsposition teilt.

Jana: Absolut! Ich war mir sicher, dass ich die Vereinbarkeit gut hinbekommen werde, gerade weil ich als Unternehmerin natürlich stark in der Hand habe, wie flexibel und menschlich wir bei Tandemploy zusammenarbeiten. Anna und ich haben in den letzten sechs Jahren eine sehr lebensfreundliche und damit eben auch familienfreundliche Struktur und Kultur in unserer Firma geschaffen. Davon haben schon vor mir viele Teammitglieder profitiert – und kürzlich eben auch ich. Ich bin mir aber sehr bewusst, dass ich hier in einer privilegierten Lage bin und das längst nicht in jedem Unternehmen so gut möglich ist.

Welche Vorteile bietet Jobsharing den Mitarbeitern?

Anna: Vor allem Flexibilität – und das auf den gesamten Lebenszyklus bezogen. Lebensphasen wandeln sich, mal können und wollen wir mehr, mal weniger arbeiten. Mit Jobsharing lassen sich diese Phasen abbilden. Indem Menschen sich Stellen teilen, wird sichergestellt, dass diese voll ausgefüllt werden, auch wenn einer der Tandempartner mit weniger Stunden dabei ist. Auch im täglichen Geschäft können beide füreinander einspringen etwa bei Urlaub oder Krankheit. Und nicht zuletzt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass in Tandems neue Ideen entstehen, weil zwei Menschen im ständigen Austausch sind und ihre Perspektiven einbringen.

Das sind dann auch Vorteile für das Unternehmen.

Jana: Richtig. Unternehmen wissen, dass immer jemand ansprechbar ist und die Aufgaben erledigt werden, auch wenn einer ausfällt. Zufriedene Mitarbeiter mit viel Gestaltungsfreiheit sind erfahrungsgemäß leistungsfähiger und seltener krank. Auch das kreative Potential, das in Tandems schlummert, ist ein großer Gewinn für Unternehmen, die Qualität der Arbeit steigt, wenn man einen Sparringspartner auf Augenhöhe hat. Die Freude an der Arbeit im Übrigen auch.

Das klingt natürlich alles sehr gut, doch Jobsharing bietet sicherlich auch Nachteile. Worauf müssen Arbeitgeber achten?

Anna: Unternehmen müssen dem Impuls widerstehen, alles kontrollieren zu wollen. Jobsharing braucht Vertrauen und Freiheit, sonst verpuffen die vielen Vorteile, die das Modell bietet. Darüber hinaus braucht es eine gute Infrastruktur, sodass die Tandempartner auch außerhalb des Office gut miteinander kommunizieren und unternehmensrelevante Informationen teilen können.

Nehmen wir mal an, ich arbeite in diesem Modell: Macht mein Tandempartner genau das gleiche oder verteilen wir die Aufgaben?

Anna: Wie Aufgaben im Tandem verteilt werden, ist sehr individuell. Oft ist es gerade charmant, sich nach Stärken aufzuteilen, sodass jeder in seiner ‘Sweet Zone’ arbeitet. Natürlich ist es aber auch wertvoll, an übergeordneten und strategischen Themen gemeinsam zu arbeiten und das Potential diese kleinstmöglichen Think Tanks, wenn man so will, auch zu nutzen!

Ein Tandem funktioniert nicht, wenn man zu unterschiedlich ist. Man kann unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen, aber ein gleiches Grundverständnis und den gleichen Anspruch an seine Arbeitsleistung muss man haben.

Jana: Ja, das würde ich so unterschreiben.

Da wäre noch die ungeklärte Verantwortungsfrage. Was passiert, wenn einer einen Fehler macht?

Anna: Ein Tandem funktioniert nur, wenn beide Partner auf Augenhöhe agieren, sich vertrauen und auch füreinander einstehen. Wenn Fehler passieren, muss das klar kommuniziert und eine Lösung gefunden werden. Da immer zwei Köpfe mitdenken, ist die Fehleranfälligkeit übrigens tendenziell geringer als wenn einer allein entscheiden muss.

Okay, überzeugt! Meines Wissens nach wird das Jobsharing-Modell dennoch selten praktiziert.

Jana: Immer mehr Unternehmen öffnen sich für neue Arbeitsmodelle, weil sie merken, dass die starre 40-Stunden-Woche nicht mehr zeitgemäß ist. Aber klar, es ist noch viel Luft nach oben. Die Hürden sind vor allem in den Köpfen. Jobsharing ist dabei nur ein Baustein von vielen. Wenn sich Unternehmenskulturen insgesamt wandeln, wenn wir wegkommen von klassischen Hierarchien und die Menschen zu GestalterInnen ihren Karrieren und Leben machen, dann ist Jobsharing gar keine große Sache mehr, sondern ganz normal.

Ihr rüttelt an den vertrauten Strukturen. Was für Reaktionen bekommt ihr aus der Arbeitswelt?

Anna: Sehr viel positives Feedback! Und auch das grundsätzliche Interesse an neuen Arbeitsformen ist groß. Wo es hakt, ist die Umsetzung. Über viele Jahrzehnte verankerte Strukturen bricht man nicht von heute auf morgen auf. Trotzdem ist es wichtig, einfach mal loszulegen und etwas auszuprobieren. Das fällt vielen Unternehmen schwer. Aber wir merken, dass immer mehr wollen und das ist ein gutes Zeichen. Jobsharing ist übrigens viel positiver behaftet als die klassische Teilzeit und hat nicht den Ruf einer Karrierefalle. Zurecht: Ich kenne einige Tandems, die sogar mehrfach gemeinsam befördert wurden. Jobsharing ist eben gerade für Führungsrollen und sehr verantwortungsvolle Positionen eine gute Lösung.

Frauen sind in der deutschen Gründer-Szene deutlich unterrepräsentiert. Laut einer Studie wurden nur 4 Prozent der seit 2008 bestehenden Start-ups von Frauen gegründet. Warum gibt es nach eurer Einschätzung so wenige Gründerinnen und auch weibliche Führungskräfte?

Anna: Auch das hat mit Strukturen zu tun, die sich über einen langen Zeitraum gebildet haben. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, wonach Menschen diejenigen fördern und befördern, die ihnen ähnlich sind. Wenn also der Großteil an Führungspositionen von Männern ausgefüllt werden, rücken mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Männer nach. Hinzu kommt eine hohe Arbeitsbelastung. Natürlich können die auch Frauen wuppen, aber wenn es keine flexiblen Modelle gibt, ist das für viele einfach nicht attraktiv. Wenn Unternehmen interdisziplinäre und damit innovative Teams wollen, müssen sie Flexibilität bieten – für alle, Frauen wie Männer. Vorbilder und Erfolgsgeschichten sind wichtig, um andere zu motivieren – ob zur Übernahme einer Führungsaufgabe oder zur Gründung.

Wäre also Jobsharing die Lösung?

Jana: Unbedingt! Ja!

Wenn ihr jungen Gründerinnen einen Tipp geben könntet, welcher wäre das?

Jana: Wenn ihr eine Idee habt, an die ihr glaubt, probiert es aus! Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Die Frage stelle ich mir immer vor großen Entscheidungen – und meist ist das Schlimmste bei genauem Hinsehen halb so wild.

Letzte Frage: Wie wird die Arbeitswelt in Zukunft aussehen?

Anna: Ich würde gar nicht von der Arbeitswelt der Zukunft sprechen. Wir sind mittendrin im Wandel und es ist wichtig, sich JETZT damit auseinanderzusetzen. Es ist extrem wichtig, alle Mitarbeitenden in die Veränderungsprozesse mit einzubeziehen, genau hinzusehen, welche Talente im Unternehmen vorhanden sind und sie gezielt weiterzuentwickeln, um sie auf neue Aufgaben und Arbeitsweisen fit zu machen. Das schließt flexibles und eigenverantwortliches Arbeiten mit ein und eröffnet damit neue Freiräume für Menschen, sich ihr Leben und Arbeiten nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Und genau darum geht es: ein Leben mit vielen Facetten zu führen, in dem Arbeit ein Teil ist, ein guter, aber eben auch nicht alles.

Vielen lieben Dank für das tolle Interview, liebe Anna und Jana!

Allem voran ist es an der Zeit, über ein Modell nachzudenken, das nicht allein die Frau in die Pflicht nimmt. Job-Sharing für beide Geschlechter wäre ein möglicher Ansatz. Denkt mal nach, liebe Chefinnen und Chefs, ob da nicht was zu machen wäre?

 

Kommentare

  1. Malwina sagte am

    Danke für das tolle Interview. Ich hoffe sehr dass die Arbeitswelt sich etwas schneller für solche Ansätze öffnet.

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