Die spießigen Anglerhüte sind zurück – aber warum? Eine Theorie

Vom Look her sind sie, vorsichtig ausgedrückt, auf den ersten Blick ein wenig gewöhnungsbedürftig

Vor zwei Jahren habe ich eine Frau mit einem lilafarbenen Anglerhut gesehen. Mein erster Impuls war, ihn hässlich zu finden. Dann dachte ich: Pass ja auf! Dieser Hut könnte bald sehr gefragt sein. Die Modewelt hat ja schon jedes vermeintlich hässliche Teil zum „neuesten heißen Shit“ erkoren – die Bauchtasche, die Radlerhose, die klobigen Turnschuhe, die nun liebevoll Dad Sneaker heißen, sogar zuletzt die Flip-Flops. Die kann man jetzt zu einem feinen Slipdress tragen ebenso wie zum wiederentdeckten Anglerhut.

Manchmal tritt ein Trend auf, der zu einer mentalen Herausforderung wird und so unsinnig ist, dass man tief in die Modegeschichte eindringen muss, um zu verstehen, warum.

Ursprünglich dienten die Anglerhüte dem Zweck, irische Fischer und Bauern vor schlechtem Wetter zu schützen. Seine Reise in die moderne Kultur begann in den 60er Jahren, als er durch die TV-Serie „Gilligan’s Island“ ins Augenmerk rückte. Der Schauspieler Bob Denver trug in dieser Sitcom einen naturweißen Anglerhut. Aber erst in den 80er Jahren, als das Accessoire von der Rap- und Hip-Hop-Community angenommen und neu interpretiert wurde, erlebte er den rasanten Erfolg. Und spätestens seit Stilikonen der 90er Jahre wie Britney Spears, Christina Aguilera und Co. ihre Outfits mit einem Bucket Hat bereicherten, gilt der Fischerhut als Kultpiece.

Vom Look her dem bunten Sonnenhut aus Kindertagen ähnlich, fand das Revival (ausgelöst von Miuccia Prada – wer sonst?) wie so viele Streetstyle-Trends auf der Copenhagen Fashion Week statt. Ich entdeckte die Hüte an stilvollen Wahrsagern wie Caroline Brasch-Nielsen und Pernille Teisbaek. In der gleichen Woche entdeckte ich meine Instagram-Besessenheit, die dänische Stylistin Emili Sindlev, in einem Modell von Prada.

Aber warum, fragt ihr? Warum plötzlich, nachdem wir uns alle darauf geeinigt haben, den Pariser Chic mit Raffiakörben und großen Jacquemus-XXL-Strandhut zu feiern (die schöne Mode also), sollten diese „hässlichen“ Anglerhüte zurückkommen?

Ich habe drei Theorien:

  1. Vielleicht haben wir den Höhepunkt der 90er Jahre erreicht und greifen deshalb nach dem letzten Strohhalm, um zu versuchen, diese Wiederbelebung weiter zu verlängern. Habe ich nicht vor Kurzem sogar über das Comeback des „sichtbaren“ Stringtangas geschrieben? Ich sag’s ja: am allerletzten Strohhalm.
  2. Die Mode ist permanent auf der Suche nach dem Abwegigen und spielt natürlich immer mit Ironie. Der Anglerhut ist nicht ganz ernst gemeint, im Gegenteil: Neue Mode will provozieren, irritieren und ihren Trägern das Gefühl geben, ein einzigartiges Bild abzugeben. Dass sich die Mode überall bedient, wo sie nur kann, weil Innovation immer schwieriger wird, haben wir auch längst verstanden.
  3. Der Anglerhut sagt: Hier bin ich, cool, lässig, entspannt. Ich bin auf dem Boden geblieben, nehme mich nicht wichtig. Der Fischerhut ist ehrlich, lustig, das Gegenstück zu den sich viel wichtig nehmenden High Heels. Wenn man der Metapher folgt, könnte das viel darüber aussagen, wie wir uns heute kleiden wollen. Und wenn man darüber nachdenkt, gab es nie etwas weniger Schreckliches, als sich zu overdressed zu fühlen. Mit dem Anglerhut passiert dir das eher nicht.

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Von Alexandra

Schreiben sollte mir eigentlich leicht fallen, könnte man meinen, doch wenn es darum geht, etwas über mich selbst zu erzählen, bin ich – ja sagen wir mal – überfordert. Wo fange ich an? Vor eineinhalb Jahren habe ich bei Journelles als Praktikantin angefangen. Danach ging es weiter in die Moderedaktion vom Tagesspiegel und dann wieder zurück an die Uni. Nebenher habe ich hier als freie Autorin geschrieben und arbeite nun seit meinem Abschluss als Redakteurin bei Journelles.

Ich mag Mode und Beauty: Ich liebe neue Trends, gute Tipps und noch bessere Shoppingempfehlungen. Doch fast noch mehr mag ich es, Mode als Phänomen zu betrachten: Wieso gibt es diesen Trend? Woher kommt er? Welchen Einfluss hat die Politik oder Gesellschaft auf die Mode? Und umgekehrt!

Wenn ihr meine Texte lesen solltet: Dankeschön! Es gibt nichts Schöneres, als zu wissen, dass einige meine Artikel mögen. Und bitte seid gnädig mit mir, wenn ich Fehler mache. Ich lerne immer noch ... das wird sich wohl auch nie ändern ;-)

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2 Antworten auf „Die spießigen Anglerhüte sind zurück – aber warum? Eine Theorie“

Die Theorien sind super, die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen allen dreien. Ein gut geschriebener Artikel!

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Journelles ist das grösste unabhängige Mode-Blogazine in Deutschland und wurde 2012 von Jessie Weiß gegründet. Die 34-jährige Unternehmerin legte 2007 den Grundstein für die Modeblogosphäre mit dem Netz-Urgestein LesMads und arbeitet seither als Journalistin, Moderatorin und Kreativdirektorin.