„Wenn der Kunde meint, sich zu sehr einbringen zu müssen, wird es schwierig. Daher plädiere ich immer auf Vertrauen“ – Im Karriere-Interview mit Stephanie Thatenhorst, Architektin

Wir hegen auf Journelles eine besondere Vorliebe für Interior – nicht zuletzt dank Jessie sind wir gerade alle noch ein wenig mehr im Dekowahn. Wir entdecken neue Labels, inspirierende Accounts – ein Trend jagt den nächsten: Samt? Marmor oder doch Messing? Irgendwann verliert man den Überblick und wechselt fast täglich die Meinung – ohne noch zu wissen, was das Herz wirklich begehrt.

Anders bei Stephanie Thatenhorst. Die Münchner Designerin hat längst ihre Handschrift gefunden und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Als Innenarchitektin gestaltet sie mit ihrem Team private Wohnungen ebenso wie Hotels und Arztpraxen und ist vor allem durch ihre besondere Restauranteinrichtungen bekannt geworden.

Auch ihr zweites Zuhause in Chiemgau scheint perfekt. Auf ihrer Website kann man sich einen Eindruck davon machen. Aber wie ist das eigentlich, wenn man als Interior-Designer arbeitet und die eigene Wohnung wie eine berufliche Visitenkarte öffentlich und für jedermann bewertbar wird? Wie richtet sie Räume modisch und dennoch zeitlos ein?

Hallo Stephanie! Es gibt das Gerücht, die Innenarchitektur sei eine brotlose Kunst. Wie hast du es geschafft, nach deinem Studium als Architektin erfolgreich zu werden?

Mein Mann ist Gastronom in München. Er gab mir nach meinem Studium die Möglichkeit, seine Restaurants zu designen. Somit waren die ersten Referenzobjekte gleich da und der Start in meine Selbständigkeit viel mir dadurch leicht. Danach hat mir mein guter Freund Chris Leidmann sein Vertrauen geschenkt und mich gebeten, seinen Brillenladen in der Maximilianstrasse zu entwerfen. Es wurde ein voller Erfolg!

Das ist natürlich eine glückliche Fügung, aber doch selten. Was würdest du anderen raten, die nach dem Studium in der Branche Fuß fassen möchten?

Das Glück, das ich hatte, ist natürlich selten. Daher würde ich jedem raten, ein paar Jahre Berufserfahrung zu sammeln. Am besten in einem Büro, mit dessen Arbeit man sich identifizieren kann. Und viele Praktika während des Studiums absolvieren!

Die „Scheune“ im Chiemgau

Wann wurdest du als Architektin wirklich wahrgenommen und welches Projekt war dafür entscheidend?

Das waren so zwei bis drei Jahre. Mit ein paar gelungenen Projekten und einer gewissen medialen Präsenz geht es relativ schnell, wahrgenommen zu werden. Die „Scheune“ im Chiemgau hat am meisten für Aufsehen und internationale Presse gesorgt. Es ist unser eigenes Wochenendhaus aber auch gleichzeitig unser „Living Showroom“ und ich bin wahnsinnig stolz darauf! Außerdem kann ich Kunden dort auch gleich einen Eindruck meiner Arbeit vermitteln.

Wusstest du schon immer, dass es die Innenarchitektur wird?

Nicht ganz. Ich bin nach dem Abitur als Au Pair nach Australien gegangen. Mein damaliger Gastvater war Architekt und hat mich immer auf Baustellen mitgenommen, das hat mir unglaublich gut gefallen. Zurück zu Hause wollte ich doch lieber Innenarchitektur studieren, habe aber die Aufnahmeprüfung nicht geschafft, also wurde es eben das Architekturstudium. Ich hab schon im ersten Semester Blut geleckt und wusste, dass das meins ist!

Die „Scheune“ im Chiemgau

Obwohl du die Aufnahmeprüfung nicht bestanden hast, bist du heute eine erfolgreiche Innenarchitektin. Gab es Momente, in denen du an deiner Berufswahl gezweifelt hast?

Ja, als die erste Finanzamtkeule kam und die ersten Probleme in Projekten auftauchten. Aber daran gewöhnt man sich und schließlich hat jede Medaille eine Kehrseite.

Zum Beispiel?

Die Steuern! Die Gewerbesteuer hat man nicht wirklich auf dem Schirm und die kommt irgendwann mal auf einen zu.

Man muss seine Ausgaben im Blick behalten ...

Absolut! Die Fixausgaben wie Miete oder Löhne kennt man vorab und hat sie bereits im Griff. Extrainvestitionen wie neue Büroausstattung, Inspirationsreisen oder so mache ich erst dann, wenn mal wieder ein kleines Polster da ist.

Lilli P.

Du hast bereits Hotels, Restaurants oder private Wohnungen eingerichtet. Wie überzeugst du die Kunden, dich einzustellen?

Glücklicherweise bin ich mittlerweile in der Situation, dass ich nicht mehr überzeugen muss. Die Kunden treten gezielt an uns heran, mit dem Wunsch uns zu engagieren.

Früher hatte ich bei Erstterminen eine sehr emotionale Herangehensweise. Mit Gespür und Herzblut an eine Aufgabe herangehen und die Seele in ein Gebäude zu transferieren waren meine Argumente, die in den meisten Fällen auch umgesetzt wurden. Selbstverständlich habe ich diese Herangehensweise jetzt immer noch, aber ich muss eben nicht mehr so viel überzeugen (lacht).

Wie entscheidest du, welches Projekt du annimmst und welches nicht?

Ich versuche gleich zu Beginn herauszufinden, wie viel freie Hand wir bekommen. Ehrlich gesagt, ist nur das der Garant für ein wirklich gutes Ergebnis. Bei all unseren bisher erfolgreichsten Projekten durften wir fast alles selbst bestimmen. Input vom Kunden ist manchmal wichtig und bringt uns oftmals auf eine andere und durchaus interessante Spur. Doch wenn der Kunde meint, sich zu sehr einbringen zu müssen, wird es oft schwierig. Daher plädiere ich immer auf Vertrauen.

Dennoch kommt es natürlich vor, dass Kundenwünsche weit von meinem eigenen Geschmack entfernt sind. Manchmal können wir es abwenden, manchmal eben nicht. Es kann aber durchaus auch ein guter Einwand sein, schließlich begeben wir uns ja mit dem Kunden auf eine gemeinsame Reise und sind natürlich auch ein Stück weit Dienstleister. Am liebsten entwerfe ich Restaurants, daher komme ich schließlich!

Und trotzdem ist der Auftraggeber dein Chef. Man muss seine Ideen durchsetzen können.

Ja, man muss mutig sein. In der Regel wird dieser Mut aber belohnt und der Kunde ist am Ende happy.

Ist es denn schon mal vorgekommen, dass der Kunde unzufrieden war?

In seltenen Fällen, ja.

Und dann?

Soweit es am Ende möglich ist, versuchen wir noch was zu ändern. Wenn sich der Aufwand in Grenzen hält und keine großen Kosten entstehen, versuchen wir Dinge mit den Handwerkern anzupassen – zum Beispiel die Verlegung von Anschlüssen, Änderungen von Details bei selbst entworfenen Möbeln oder andere Farben an den Wänden. Der Kunde soll zufrieden sein, das ist schließlich am Ende des Tages doch das Wichtigste.

Wieviel Zeit liegt zwischen der Planung und Fertigstellung eines Objekts?

Das kann sehr unterschiedlich sein. Ich habe schon von drei Monaten bis zu drei Jahren an einem Objekt gearbeitet. Zudem arbeite ich nie nur an einem Projekt. Zurzeit sind es circa 20 unterschiedliche!

Die "Scheune" in Chiemgau

Auf Journelles beschäftigen uns nicht nur Trends in der Mode sondern auch im Interior, vor allem in Sachen Inneneinrichtung wechseln die Trends immer schneller. Wie kann man seine Wohnung langfristig und doch modisch einrichten?

Designklassiker sind immer eine gute Zutat. Vor allem Klassiker wie Mid Century und Bauhaus gehen immer und werden immer Bestand haben. Ich mag außerdem „ehrliche“ Materialien wie Holz und Stoffe aller Art. Die kommen nie aus der Mode und haben Substanz! Insbesondere in einer Zeit, in der Interiortrends genau wie in der Modebranche immer schneller wechseln.

Am Ende des Tages landen doch wieder viele bei Ikea (lacht). Außerdem vergessen viele bei der Planung oft den roten Faden, dadurch sieht die Einrichtung dann irgendwie unzusammenhängend aus.

Inwiefern ist Instagram wichtig?

Klar, Instagram spielt definitiv eine Rolle – vor allem in Sachen Inspiration. Ich besuche auch noch Messen und reise viel, um neue Eindrücke zu gewinnen. Einer meiner liebsten Accounts ist @yellowtrace.

Letzte Frage: Was ist dein Plan für die nächsten Jahre?

Wir haben gerade einen Showroom in Planung und wollen einen exklusiven Onlineshop unter anderem mit Eigenentwürfen eröffnen.

Na dann, viel Erfolg und vielen lieben Dank für das schöne Interview!

Alles Bilder via PR

Kommentare

  1. Frau Thatenhorst ist meine persönliche Designikone! Alles, was sie anfasst, wird perfekt. Sie überstülpt nichts mit Eigenwilligkeit, sondern konzentriert sich voll auf den Charakter und das Umfeld des jeweiligen Objektes. Ich sag jedes Mal „Chapeau“, wenn sie was macht (wenn man es mitbekommt). Normalerweise trägt sie ausschließlich schöne Kleider, was ich auch sehr attraktiv und persönlich finde. Tolles Interview!

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