Wie ich Plastik im Alltag minimieren kann

Vergangenes Wochenende bin ich an der Ostsee entlang spaziert, einige Stunden zuvor hatte hier noch ein großer Sturm das Meer durchgepeitscht. Neben Algen und Muscheln hat die Ostsee so einiges an Müll ausgespuckt: zerquetschte Plastikflaschen, zerrissene Tüten. Nach dem Sturm wird sichtbar, was sonst alles im Wasser treibt: vor allem eine ganze Menge Plastik, das Jahrzehnte braucht, um sich zu zersetzen. Eine Plastiktüte braucht zwischen 20 und 100 Jahren, eine Plastikflasche sogar 450. Das bleibt nicht ohne Folgen: Tiere verletzen sich am Plastik oder verwechseln es mit Nahrung, viele sterben daran. Anfang März ist sogar ein Wal mit 40 Kilogramm Plastik im Bauch gestrandet.

Dazu haben Wissenschaftler winzige Kunststoffteilchen schon in Meeren, Fischen, Cremes und Duschgels, in unserer Kleidung, Kinderspielzeug nachgewiesen und sogar auf der portugiesischen Insel Madeira eine neue Form von Gestein entdeckt, die zu einem großen Teil aus Plastik besteht. Beängstigend, oder?

Die kleinen Mikroplastikteilchen sind kleiner als fünf Millimeter. Wir trinken sie aus Plastikflaschen, nippen am Kunststoffdeckel des Coffee-to-go-Bechers und kaufen in den Supermärkten in Plastik eingeschweißtes Obst und Gemüse und viele andere Lebensmittel. Wir spülen sie mit Fasern und Partikeln aus Kleidung und Kosmetika über Abflüsse in die Gewässer. Sie entstehen durch den Abrieb von Autoreifen, gelangen über Mülldeponien in die Umwelt, lösen sich auf Spielplätzen von den Klettergerüsten und vor allem atmen wir sie tagtäglich mit Staub ein. Die Frage, ob das gesund sein kann, stellt sich für mich nicht.

Photo by John Cameron on Unsplash

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) warnt schon lange vor sogenannten endokrinen Disruptoren wie Weichmachern und Bisphenol A (BPA), die in vielen Kunststoffen enthalten sind. Sie greifen in das Hormonsystem ein und werden mit zahlreichen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen in Verbindung gebracht, darunter Unfruchtbarkeit, Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen, ADHS sowie hormonell bezogene Krebsformen wie Prostata, Brust und Schilddrüse. Laut DGE spielen die Chemikalien vermutlich auch bei der Entwicklung des kindlichen Nervensystems, der Knochen und des Immunsystems sowie bei Genitalmissbildungen eine große Rolle.

Geringe Dosen dieser Substanzen bedrohen unseren Körper nicht, doch da sie überall sind, gilt das Prinzip der Masse. „Es kann nicht gesund sein, dass wir jede Woche eine Kreditkarte an Mikroplastik essen“, sagt Ria von Original Unverpackt. „Doch da wir dem noch nicht so lange in dem Ausmaß ausgesetzt sind, können wir die Langzeitschäden zur Zeit nicht beurteilen.“

Ist es denn möglich, in unserer heutigen Welt auf Plastik zu verzichten? Keinesfalls! Ist es möglich, in unserer heutigen Welt Plastik zu reduzieren? Absolut!

Ich versuche größtenteils ein gesundes und umweltfreundliches Leben zu führen: Ich vermeide Fertiggerichte, lese mir die Rückseiten der Lebensmittel akribisch durch, reduziere meinen Müll und trenne ihn sorgfältig. Ich esse kein Fleisch, nehme keine Plastiktüten (habe immer meinen Netzbeutel aus dem Marché dabei), statt Plastik nehme ich Glas, benutze kein Plastikgeschirr und keine Plastikstrohhalme.

Für einige ist das wahrscheinlich so lächerlich wenig, dass ich mich gefragt habe, was ich noch ändern könnte. Bei der Recherche bin ich auf viele interessante Blogs gestoßen und habe dabei weitere Möglichkeiten gefunden, wie ich meinen Plastikverbrauch reduzieren kann. Zudem habe ich Unterstützung von der lieben Ria, Mitarbeiterin im Orginial-Unverpackt-Laden, bekommen. Außerdem hoffe ich auf einen regen Austausch unten in den Kommentaren. Da seid ihr dann gefragt!

Wie ich im Alltag Plastik minimieren kann

Es ist noch unmöglich, Plastik vollständig aus unserer Umwelt zu entfernen, aber zumindest den Kontakt sollten wir aufs Minimum begrenzen. Ich beginne also mit der Verbesserung zu Hause (am Arbeitsplatz wäre es auch wichtig!), denn dort verbringen wir die meiste Zeit. Wenn ich eins im Laufe der Jahre gelernt habe, dann dass es besser ist, Schritt für Schritt und nicht alles auf einmal zu verändern. Dann ist die Chance höher, die „guten“ Gewohnheiten zu festigen. Ria empfiehlt, die Wohnung aufzuteilen und sie Raum für Raum durchzugehen.

Die Küche

Fangen wir also mit dem Herzstück der Wohnung an: der Küche. Seit Jahren versuche ich Wasser nicht mehr in PET-Flaschen oder Milch in Kartons mit einer Innenfolie zu kaufen. Ich trinke die meiste Zeit gefiltertes Leitungswasser, ansonsten nehme ich auf Fahrten eine Stahlflasche mit und versuche einen Thermobecher dabei zu haben, um auf To-go-Becher zu verzichten. Das sind Veränderungen, die jeder machen kann.

„Der größte Teil bei der Umstellung ist der Einkauf“, erklärt Ria. „Da ist eine gute Planung vorab notwendig. Was will ich kaufen? Wo finde ich es unverpackt? Dazu muss man keine zweistündige Recherche machen. Man kann auf den Markt, in den Bio- oder Unverpackt-Laden gehen. Wenn man sich das in Vorhinein überlegt, kann man auf viele Orte zurückgreifen, wo man plastikfreier einkaufen kann. Und immer einen kleinen Beutel aus Baumwolle mit dabei haben.“ Auch in herkömmlichen Supermärkten kann man bewusster und damit ein wenig plastikfreier einkaufen, zum Beispiel bei Nudeln, Reis, Brot, Obst und Gemüse sowie Käse und Wurst.

Für viele Lebensmittel gibt es nach wie vor nicht immer eine Alternative (außer in einem Unverpackt Laden!): Gestern zum Beispiel brauchte ich Tofu und konnte nur auf einen verpackten zurückgreifen. Und von solchen Produkten gibt es viele: Was also tun? Der Gehalt an endokrinen Verbindungen in Lebensmitteln hängt von der Zeit, in der sie mit der Folie in Berührung kommen, und der Temperatur ab. Wenn man also etwas in Folie verpackt kaufen muss, sollte man es so schnell wie möglich in eine Glas- oder Stahlverpackung umlegen. Gemüse wie Mais oder Erbsen in Konserven oder in Einweg-Schraubglas sind aus Umweltsicht immer zweite Wahl {Mehr dazu hier}; keines davon ist umweltschonender. „Gerade Hülsenfrüchten wie Kichererbsen oder Linsen kann man auch gut getrocknet kaufen. Da spart man Geld und sie schmecken knackiger und frischer. Und wenn man sie rechtzeitig einweicht, hat man nicht mehr Arbeit.“

Das Kinderzimmer

Bei der Umstellung spielt das Kinderzimmer eine besonders große Rolle: Tonnen von Lego, Spielzeug, Plüschtieren. Einmal alles wegwerfen? Die Besitzer würden wohl lautstark protestieren. Welche sollen also bleiben? Zu den weniger schädlichen gehören Spielzeuge aus hartem, dickem Kunststoff. Außerdem sind die in Europa hergestellten Produkte in der Regel sicherer als die in China. Zwar sollte Spielzeug bei uns auf Schadstoffe geprüft sein, aber diese Tests fallen auch oft schlecht aus {Quelle: Tagesspiegel}.

Wenn man die Dinge schon hat, macht es kein Sinn, sie wegzuschmeißen. Auch wenn das Kind aus dem Spielzeug herauswächst, bitte nicht wegschmeißen, sondern weitergeben! Es ist nicht so, dass unser Kind nicht mit Plastik in Berührung kommen darf“, sagt Ria. „Doch Kinder bekommen Plastik häufig geschenkt. Man darf Freunden und Familie ruhig sagen, dass man etwas aus Holz oder etwas kleines, dafür qualitativ hochwertiges für sein Kind möchte, das man dann lange weitergeben kann.“

Außerdem empfehlen Experten, das Kinderzimmer regelmäßig zu saugen, da sich Partikel im Staub ansammeln. Gleiches gilt für Räume mit Computern, Fernsehern oder Musikgeräten – auch deren Gehäuse können Schadstoffe abgeben. Aus diesem Grund sollten sie nicht im Schlafzimmer stehen. Als Staubkiller ist die Verwendung von Staubsaugern und feuchten Tüchern am besten, da Möbelreinigungsmittel eine weitere Quelle für gefährliche Stoffe sind. Genauso wie Möbel, Fenster und Böden aus Kunststoff.

Kosmetik

Vor dem Badezimmer hatte ich Angst, für Ria hingegen ist die Umstellung hier am leichtesten. Statt Flüssigseife aus dem Einweg-Plastikspender verwende ich eins im Stück. Leicht ist es auch bei den Taschentüchern – statt in einzelnen Päckchen kaufe ich nur noch welche im Kartonspender (die gibt es übrigens auch aus Recyclingpapier!), außerdem bin ich seit einem Jahr auf waschbare Wattepads aus Baumwolle und Bambus umgestiegen. Eine gute Alternativen für Zahnbürsten sind ebenfalls die aus Bambus. Statt Zahnpasta kann man sich zum Beispiel im Unverpackt-Laden Denttabs kaufen oder sie aus Natron und Koksöl (2 EL Kokosöl mit 1 EL Natron, dazu getrocknete, zerriebene Pfefferminze) selber machen, empfiehlt Ria.

„Bei der Umstellung sollten wir nicht jedes Plastikprodukt, das wir im Bad finden, direkt wegwerfen. Das wäre eine riesen Verschwendung. Es ist ein Prozess. Kaufe dir nicht jedes Mal, wenn etwas leer wird, ‚einfach‘ ein neues ‚verpacktes‘ Produkt, sondern überlege, wie du es unverpackt kaufen ‚oder‘ was du vielleicht sogar selber machen kannst. Außerdem ist das besser für unsere Haare und unseren Körper. Man ist nicht mehr von diesen unnatürliche Stoffen abhängig und es ist gar nicht schwierig, Kosmetik selbst herzustellen. Man muss nur reinkommen. Außerdem gibt es da auch viele Do-it-Yourself-Kits zum Starten.“ Zum Beispiel ist Kokosöl ein tolles Allround-Talent und kann als Make-up Entferner, Rasierschaum-Alternative, Haarspülung & Co. herhalten.

Ein weiterer Vorteil von selbsthergestellten Produkten? Noch immer enthalten viele Kosmetikprodukte Mikroplastik. Angezeigt wird es durch die Inhaltsstoffe Polyethylen (PE), Polypropylen (PP), Polyamid (PA) oder Polyethylenterephtalat (PET). Dazu habe ich einen Einkaufsguide vom BUND gefunden, wo ihr Kosmetikprodukte findet, die noch immer diese Kunststoffe enthalten. Von denen also in Zukunft lieber Finger weg!

Putzmittel

Nicht nur, dass Reinigungsmittel gesundheitsschädliche Chemikalien enthalten, fast jedes ist ausnahmslos in einer Plastikflasche zu kaufen. Dabei kann man mit Essig, Soda und Zitronensäure (im Zweifel noch Orangen- oder Teebaumöl hinzufügen) die meisten notwendigen Reinigungsmittel ersetzen. Wer sich noch nicht dafür entscheiden kann, kann zumindest ökologisch-freundlichere Produkte, die nicht in Plastik verpackt werden, kaufen und seine Schwämme ersetzen. Denn viele Mikrofaser- und Schwammtücher bestehen aus Plastikfasern. Beim Spülen und Schrubben lösen sich zwangsläufig kleine Partikel und werden in den Ausguss gespült. Dafür gibt es Reinigungsschwämme, die aus reiner Pflanzenfaser wie Zellulose, Mais oder Bambus bestehen. Diese Schwämme kann man am Ende in den Biomüll oder auf den Kompost werfen.

Selbst für Geschirrspüler statt Tabs (die werden ja häufig nochmal extra in Folie verpackt) lässt sich ein Reinigungspulver ohne Chemie herstellen: 100g Natron, 100g Salz, 100g Zitronsäure und 20 Tropfen Zitrusöl: Alle Zutaten vermischen und in einem fest verschließbaren Glas aufbewahren. Dann ein bis zwei Esslöffel pro Spülgang verwenden. Habe ich getestet, funktioniert wunderbar!

Weiter geht es mit dem Waschmittel! Ich muss zugeben, dass ich mich daran noch nicht versucht habe: Dabei spart man mit selbst gemachten Waschmitteln nicht nur Plastikmüll, sie sind auch günstiger. Dazu habe ich vier Rezepte für vegane Waschmittel gefunden. Auch für Weichspüler habe ich gute Alternativen, denn von diesen sollten wir unbedingt in Zukunft die Finger lassen. Dass sie schädlich für unsere Umwelt sind, war mir seit Jahren bewusst. Dass aber herkömmliche Weichspüler hauptsächlich aus Schlachtabfällen bestehen, nicht {Quelle: FAZ}. Vor allem für Vegetarier und Veganer ein nicht unwesentlich wichtiger Hinweis. Doch Vorsicht bei Alternativen: Anstatt auf tierische Fette wird alternativ häufig auf eines der günstigsten pflanzlichen Fette wie Palmöl zurückgegriffen. Ebenfalls schlecht für unsere Umwelt.

Und wenn wir schon beim Thema Waschen sind: In der Waschmaschine lösen sich bei Kunstfasern wie Polyester winzig kleine Faserteile aus der Kleidung, die mit dem Abwasser fortgespült werden und am Ende im Meer landen. Zudem ist für die Herstellung von Kunstfasern viel mehr Energie nötig als bei der Baumwollproduktion. Der Blick aufs Etikett vor dem Kauf lohnt sich also auch.

Doch waschen müssen/sollten wir unsere Kleidung trotzdem 😉 Dafür haben Oliver Spies und Alexander Nolte den Waschbeutel Guppy Friend entwickelt, der aus eng verwobenen Polymerfäden besteht, die selbst kleinste Partikel des Mikroplastiks auffangen. Die Rückstände sammeln sich in den Ecken und Kanten des Beutels, wo sie sich nach der Wäsche per Hand entfernen und separat (nicht mit Wasser) entsorgen lassen.

Ein kleines Fazit

Ohne Kunststoffe auszukommen scheint heute noch kaum möglich. Doch es gibt immer mehr, die sich bemühen, ein möglichst plastikarmes Leben zu führen. Und drumherum hat sich eine Industrie aus Firmen gebildet, die plastikfreie Produkte anbieten: Zahnbürsten aus Bambus, Brotboxen aus Zucker und Wachs, Teebeutel aus Stoff oder Strohhalme aus Glas.

Zwar sind diese Anbieter noch klein, doch wir haben als Kunden die Macht und der Druck auf die Konzerne wächst. Viele von ihnen haben sich verpflichtet, weniger Plastik einzusetzen, unter ihnen sind Coca-Cola, Danone und L’Oreal. Der Konzern Unilever, zu dem Marken wie Dove, Knorr und Langnese gehören, will ab 2025 nur noch Kunststoffe einsetzen, die komplett recyclebar sind. Procter & Gamble lässt für die Marke Head & Shoulders in Frankreich Shampooflaschen aus Plastikmüll herstellen, der am Strand eingesammelt wurde. Adidas stellt aus Plastikmüll Sportschuhe her; H&M fertigt seine Conscious-Kollektion aus PET-Flaschen.

Rias abschließender Tipp für eine Umstellung: „Es ist eine Frage der Bewusstheit. Schmeiße Dinge nicht einfach instinktiv weg, sondern hinterfrage es, schreibe es sogar auf und stelle dir die Frage. War es nötig diesen Müll zu produzieren? Wie hätte ich ihn vermeiden können? Eigentlich ist das gar nicht so schwer.“

Sharing is caring: Teilt in den Kommentaren euer Wissen und eure Tipps mit uns!

Kommentare

  1. Schön, dass hier auch solche Themen besprochen werden. Auch wenn das nicht die vielen Avocados und Fernreisen relativiert. Mir persönlich hat die Codecheck App geholfen etwas vorsichtiger und kritischer in meinem Konsum zu sein.

  2. Hi. Ich wollte deinen Tipp der Konservendosen durch Glas zu ersetzen, hinterfragen. Ich habe dazu letztens etwas gelesen, und meine mich zu erinnern, dass Einwegglas, das für Kichererbsen, Mais etc, verwendet wird, eine schlechtere Co2-Bilanz hat, als die herkömmliche Metallkonserve…vielleicht kannst du das noch mal recherchieren?

SCHREIBE EINEN KOMMENTAR.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Geben Sie einen Text ein

Ich akzeptiere

Geben Sie Ihren Namen ein