Auf dem Weg nach New York… und in Gedanken in Paris

Das ganze Wochenende habe ich überlegt, wie uns heute der Einstieg in die neue Woche gelingen kann. Angesichts der furchtbaren Ereignisse in Paris und der Schockstarre, die sich seit Freitagnacht nur langsam löst, erscheinen unsere Lifestyle-Themen so wahnsinnig schnuppe. All die schönen Dinge, über die wir hier täglich berichten, sind natürlich noch nie überlebenswichtig, geschweige denn weltbewegend gewesen. Und so schön die Mode ist, sie sollte nie ausschliesslich unseren Alltag bestimmen. Aber eines können Mode,- Reise,- Beauty,- und Interiorthemen schon: Inspirieren, informieren, uns träumen lassen und die Welt vielleicht ein klitzekleines bisschen hübscher machen.

Der Welt-Artikel „Hier geht es um uns. Um die Art, wie wir leben“ beschreibt recht gut, was der Terror in Paris im Visier hatte. „[…]Es gibt keinen Zweifel, was sie treffen wollten: uns. Unsere Freiheit. Unsere Werte. Unsere Lust an diesem Leben hier.“ Dazu gehört nicht nur die freie Freitagabendgestaltung inklusive Restaurant- und Konzertbesuchen, Freunde treffen, Spaß haben und das französische „savoir vivre“ mit ganz viel Liebe und Leidenschaft zu leben. Dazu gehören auch Themen und Artikel, die uns ablenken, in eine andere Welt eintauchen lassen und den Kern unseres Daseins zu zelebrieren: In einer Demokratie die Möglichkeit zu haben, unser Leben so zu führen, wie es uns gefällt. In Freiheit. Ein Privileg, das wir im westlichen Europa bislang weitestgehend leben durften.

Erst letzten Monat war ich wieder in Paris zur Fashion Week und es gibt keine offenere, lebendigere und liebevollere Stadt. Jeder Schritt durch die Straßen fühlt sich so unbeschwert an, die positive Einstellung der Bewohner ist  herzerfrischend. Ich gehe immer mit einem Lächeln auf den Lippen durch die Stadt. Immer. Ich hoffe sehr, dass sich Paris eines Tages von diesem Schock erholen kann, um sich dem Terror mit den eigenen Stärken entgegen stellen zu können: Liebe. Leidenschaft. Das Leben feiern.

All das scheint gerade noch so weit weg. Mein persönlicher Schock sitzt tief; als ich Freitagabend die Eilmeldung auf Spiegel Online lese, dass im 10. Arrondissement in einem Restaurant geschossen wurde, wird mir schlagartig speiübel. Meine Schwester lebt in Paris nahe des Viertels, hält sich immer dort auf. Ich rufe sie bei FaceTime an, glücklicherweise reagiert sie sofort. Im Laufe der Nacht stellt sich heraus, dass sie nur 350 Meter von dem Konzertsaal Bataclan Essen war und anschliessend den Boulevard entlang lief und drei der Anschlagsorte passierte – jeweils zehn Minuten vor oder nach den Schüssen und Bomben. In dem Restaurant Petit Cambodge in der Rue Bichat, in dem allein 14 Menschen das Leben genommen wurde, waren wir mehrmals essen. Zuletzt an meinem Junggesellinnenabschied. Es ist ein junges Studentenviertel. Ein bisschen hip, nahe des Kanals, in dem Restaurant muss man immer einen Tisch reservieren. In etwa vergleichbar mit Kreuzberg. Mir läuft es kalt den Rücken hinunter. Meine Schwester kann sich nicht vorstellen, jemals wieder unbeschwert all die Orte zu passieren, die zuvor ihr tagtägliches Leben ausmachten.

Es ist ein furchtbar komplexes Thema und es fällt mir schwer, Gefühle und Gedanken vernünftig niederzuschreiben. Solidarität und Anteilnahme bestimmen derzeit meinen Tagesablauf, ich klebe nonstop vor dem Fernseher und im Netz für neue Informationen. Das gilt nicht nur für Paris. Das gilt auch für Beirut. Kenia. Ankara. Paris fühlt sich nur so viel näher an, weil es einen Teil des eigenen Lebens ausmacht, wir die Stadt kennen und lieben.

Gefühlt kein guter Zeitpunkt, eine Reise anzutreten, auf die ich mich eigentlich so sehr freue. Ich fliege heute für ein paar Tage nach New York und möchte mein vorhandenes Bauchkribbeln zulassen. Ohne mich schlecht zu fühlen. Denn wenn uns dieser Anschlag eines gelehrt haben sollte, dann ist es doch, genau das Gegenteil von dem zu tun, was die Intention der Terroristen war. Angela Merkels Ansprache am Samstagmorgen trifft es:

„Wir leben von der Mitmenschlichkeit, von der Nächstenliebe, von der Freude an der Gemeinschaft. Wir glauben an das Recht jedes Einzelnen, an das Recht jedes Einzelnen, sein Glück zu suchen und zu leben, an den Respekt vor dem anderen und an die Toleranz. Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror. Lassen Sie uns den Terroristen die Antwort geben, indem wir unsere Werte selbstbewusst leben. Und indem wir diese Werte für ganz Europa bekräftigen. Jetzt mehr denn je.“

Ich fliege heute zwar nach New York, aber in Gedanken bin und bleibe ich aber in Paris, bei den Opfern, deren Angehörigen und den Verletzten.

Kommentare

  1. Toller, bewegenden Text. Das lasse ich einfach so stehen und wünsche Dir eine gute Reise und eine tolle Zeit in New York.

  2. Toller Text. Ich fliege morgen zum ersten Mal nach New York und wie ich mich die ganzen Wochen vorher freute… Jetzt bleibt ein ungutes Gefühl und während man die aktuellen Nachrichten verfolgt fällt es schwer einfach so weiter zumachen wie bisher.

  3. unsere Werte, unsere Freiheit…ist denen schnurzpiepegal. es geht Ihnen darum, uns zu verunsichern, uns zu quälen, damit wir eben diese Schockstarre erleiden..–von morgens bis abends an sie denken— und es ist ihnen gelungen!!! All dieses ‚je suis…tralala‘ ist lieb gemeint, aber erreicht genau Ihr Ziel: Wir haben sie in unseren Gedanken. Ignorieren wäre das Beste!

    • Rein psychologisch ist es vollkommen nachvollziehbar, dass man trauert und auch wichtig, um mit dem Erlebten fertig zu werden und das sollte man auch jedem zugestehen. Es darf kein Dauerzustand werden, wir müssen zurück ins Leben, sonst hätten sie ihr Zeil erreicht, aber tralala einfach weiter zu machen fänd‘ ich fast noch schlimmer und empathielos, zumal wenn die Schreiberin einen persönlichen Bezug dazu hat.
      Jeder verarbeitet auf seine Art und Weise. Da gibt es kein Richtig oder Falsch!

      • was Du schreibst, steht doch außer Frage! Es ging mir hier aber um einen anderen Aspekt: Ich will keine Geisel von denen werden! Die Täter verfolgen einen Plan – und er geht auf. Das ist das Traurigste überhaupt. das man sich mit den Opfern und deren Liebsten nicht solidarisch zeigen sollte, ist wohl die mindeste Form der Anteilnahme-sprich mir das bitte nicht ab. Aber es geht weiter….in eine andere Richtung. Willst Du dir das Leben vorschreiben lassen, bald nicht mehr aus dem Haus gehen?

        • Das steht Dir doch auch alles zu und wollen, denke ich, die meisten von uns. Keiner will Geisel solch perfider Weltanschauungen werden, aber an einem Tag wie heute, das Geschehene in Paris einfach zu ignorieren, das Geschehene im Libanon, in Kenia, in Syrien zu ignorieren, um den Tätern keine Bedeutung zukommen zu lassen, das bedeutete auch, die Opfer zu einem gewissen Grade zu ignorieren und das kann und will nicht jede/r.
          Die Art der Trauer solltest Du jedem selbst überlassen und das ein fahler Beigeschmack und vielliecht sogar etwas Angst bleiben wird, auch das wird man nicht vermeiden können. Was wir tun können ist offen, aufrichtig, fair und grecht zu bleiben und damit keinen weiteren Nährboden für Missgunst, Ausgrenzung, Hass zu bieten.

  4. Vielen lieben Dank, liebe Jessie, für diesen bewegenden Text!
    Mein Freund und meine beste Freundin leben in Paris und ich kann nachvollziehen, wie fassungslos und ohnmächtig man sich fühlt angesichts der vielen Gedanken und Sorgen, die bei einem solch traurigen und schrecklichen Ereignis aufgewühlt werden. Aber ja, das Leben soll und muss weitergehen.
    Meine Gedanken sind ebenfalls von Solidarität und Anteilnahme bestimmt und genau diese Welle an Mitgefühl und Liebe lässt mich für die Welt hoffen.
    Ich wünsche eine gute Reise in New York.

  5. Ich habe mich auch gefragt, wie ihr in diese Woche starten würdet und das hätte euch nicht besser gelingen können! Danke für den Beitrag, Jessie, und eine gute Zeit in New York!

  6. stephanie sagte am

    Schöner machen kann man die Welt, indem man von Herzen liebt, freundlich und hilfsbereit, dankbar und demütig ist.

  7. Liebe Jessie,
    ich lese so gern deinen Blog. Dein heutiger Beitrag ist so bewegend und trifft mit meinen Gedanken zusammen. Sehr schön geschrieben. Es ist unfassbar was passiert ist. Da Paris so nah ist, ist es einfach greifbarer. Ich wünsche Dir einen tollen Aufenthalt in NY trotz der Geschehnisse. Lass das Bauchkribbeln zu. Liebe Grüße, Bianca

  8. barbara sagte am

    Liebe Jessie,
    ein schöner und ehrlicher Text.

    Ich schreibe mit einem Hinweis. In letzter Zeit habe ich ein Problem mit der Seite. Immer wenn das Feld mit dem Neswletter aufploppt, kann ich dieses nicht wieder wegklicken, da der obere Rand mit dem X oben rechts nach oben verschwindet.

    Ich kann dann also nicht weiterlesen, sondern schließe die Seite und rufe sie neu auf. Wahrscheinlich könnte ich das Feld auch loswerden, indem ich einfach den Newsletter abonniere. Das möchte ich aber nicht, da ich gerade bewusst Newsletter abbestellt habe. Ich komme eh mehrmals pro Woche hier vorbei, brauche also keinen Brief im Postfach.

    Aber die Sache mit dem Newsletter-Feld, das sich nicht wegblicken lässt, schmälert mein Lesevergnügen. Lässt sich da was machen?

    Ganz lieben Gruß,
    Barbara

  9. Ich finde deinen Post wirklich treffend, ehrlich und berührend!:)
    Ich glaube jeder fühlt mit den Menschen in Paris mit und wenn man noch Verwandte/Freunde dort hat und ein persönlichen Bezug zu diesen Orten, macht das noch viel nachdenklicher… trotzdem muss das Leben eben weiter gehen, Hab Spaß in New York!

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