The Show Must Go On? In Paris sieht man die Zukunft der Fashion Week unterschiedlich

Während in Paris Gerüchte über einen zweiten Lockdown kursieren, fand die Fashion Week in der Stadt trotzdem statt. Wir fragen: Sind physische Modenschauen 2020 noch ein Muss sind und wie wird die Zukunft der Präsentation und Laufsteg-Shows aussehen? Ein Report aus der digitalen ersten Reihe.

Chanel F/S21

Chanel F/S21

Bereits Anfang Juni 2020 gab die Fédération de la Haute Couture et de la Mode bekannt, dass die Paris Fashion Week wie gewohnt stattfinden wird. Sie ist das Finale des Modemonats nach New York, London, Mailand und mitunter eines der wichtigsten Events für die internationale Fashion-Szene. In der Metropole an der Szene zeigen einige der bekanntesten Labels, darunter Chanel, Chloé und Hermès, zweimal im Jahr ihre neue Kollektionen vor ausgewähltem Publikum. Bis heute gelten viele der Veranstaltungen als extrem exklusiv. Wer eine Einladung erhält hat es geschafft, gehört zum kleinen Kreis der Redakteure, Einkäufer und VIPs dazu.

Diese Saison war alles ein bisschen anders. Während die Fashion Week in New York und London gänzlich abgesagt wurde und viele der Shows in Mailand in digitaler Form stattfanden, hält die französische Hauptstadt weitestgehend an physischen Präsentationen fest. Paris bleibt das Epizentrum der Mode, ein Synonym für Tradition und Noblesse, für eine neue, alte Generation (noch) weniger Auserwählter.

Die Anzahl an Zuschauern vor Ort war in dieser Saison noch begrenzter. Das bedeutet auch, es gab weniger Streetstyles. Stilikonen wie Chiara Ferragni oder Pernille Teisbaek, die normalerweise Millionen von Klicks generieren, verzichteten 2020 auf einen Besuch der Fashion Week und verfolgten das Geschehen stattdessen per Livestream. Die meisten davon, zum Beispiel Dior, waren für jeden Fashion-Interessierten über die Website der Labels zugänglich. Machen digitale Formate physische Schauen also überflüssig?

Es ist Dienstagmorgen als ich im Büro sitze und mich per Klick in Sekundenschnelle in das Grand Palais teleportiere. Das im Jahr 1900 errichtete Ausstellungsgebäude mit seiner einzigartigen Glaskuppel dient seit 2005 jede Saison als Location für die Show von Chanel. Karl Lagerfeld, der im Februar 2019 nach fast vier Dekaden an der Spitze des Haute Couture Labels verstarb, initierte damals die Verbindung. Es ist meine erste Einladung von Chanel, wenn auch „nur“ digital. Für Außenstehende mag es ein wenig ridicule (lächerlich) klingen, aber das Ganze ist so etwas wie in kleiner Ritterschlag in der Fashion-Branche. Viele Redakteurinnen träumen davon, das weiß ich, die kreative Mode-Fanfare vor den meist spektakulären Kulissen live irgendwann einmal miterleben zu dürfen. Die F/S21 Kollektion von Chanel in Kooperation mit den holländischen Fotografen Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin ist eine Hommage an die Nouvelle Vage, Ikonen der italienischen Filmszene und die enge Verbindung von Gabrielle Chanel und Karl Lagerfeld zu vielen Schauspielerinnen. „Die Kollektion zollt den Musen des Hauses Tribut. Einige von ihnen existieren nur noch in unserer Erinnerungen, man hat sie lange nicht mehr gesehen“, erklärt Virginie Viard, die nach Lagerfeld die kreative Leitung von Chanel übernahm.

Um ehrlich zu sein, scheint von meinem Platz aus alles wie immer: beeindruckende Location, Tweed-Kostüme und Logo-Mania (dieses Mal sogar in Form von großen Lettern, die im Hintergrund an das Hollywood Sign erinnern) sowie überraschend viele Gäste vor Ort. Corona? Mais non! In Paris wird die globale Pandemie vom Glamour schlichtweg überstrahlt.

Chanel F/S21

Chanel F/S21

Chanel F/S21

Chanel F/S21

Chanel F/S21

Chanel F/S21

Ordnung im Chaos

Bei Chloé bleibt man optimistisch. Die von Natacha Ramsay-Levi entworfene Kollektion ist eine kritische Auseinandersetzung mit uns selbst und der Welt um uns herum. Die Designerin interpretiert den „Female Gaze“ neu und zeigt vor dem Pariser Palais de Tokyo energiegeladene Looks, die Weiblichkeit und die Art, wie wir uns selbst wahrnehmen, in einen neuen gesellschaftlichen Kontext setzt. Chloé versprüht Poesie und Hoffnung, lenkt ab und lädt zum Träumen ein. Spitze und hauchzarte Broderie Anglaise verschmelzen mit fließenden Silhouetten, sommerlichem Rippstrick und Baumwolltuniken sowie floralen Applikationen im Jugendstil.

Chloé F/S21

Chloé F/S21

Chloé F/S21

Chloé geht einen Schritt nach vorn, blickt positiv in die Zukunft und nutzt die aktuelle Situation, um digital stärker aufzutreten. Über die Webseite des weltbekannten Unternehmens, das 1952 von Gaby Aghion in Paris gegründet wurde, konnten Modeinteressierte die Show live mitverfolgen. Das Besondere: Via Instagram gab es zusätzlichen Content – Einblicke hinter die Kulissen und Snippet-Videos, die Models (die könnten übrigens noch ein wenig diverser sein) in den Key Looks der neuen F/S21-Kollektion zeigen.

Inspiriert war die Linie von den Arbeiten der amerikanischen Pop-Art-Künstlerin Corita Kent (1918-1986), deren mutige, farbenfrohe Siebdrucke während der 1960er-Jahre zunehmend politisch wurden. Sie sagte einst: “Flowers grow out of dark moments. Therefore, each moment is vital. It affects the whole. Life is a succession of such moments and to live each, is to succeed.”

Die Bedeutung hinter diesem Zitat könnte angesichts der aktuellen Situation nicht passender sein: Hoffnung in schlechten Zeiten schöpfen. Chloé nutzt den Moment, um Veränderungen zu bewirken. Im Gegensatz zu den vergangenen Saisons waren bei der Show weitaus weniger Gäste anwesend. Darüber hinaus fand die Präsentation draußen statt vor den Treppenstufen des Palais de Tokyo – kurzum: Mehr Raum, der zum Nachdenken inspiriert und neue Ideen reifen lässt.

Chloé F/S21

Chloé F/S21

Chloé F/S21

Die Fashion Week im New Look?

Auch bei Dior zeigt Maria Grazia Chiuri Pioniergeist. Seit 2016 ist die Italienerin Chefdesignerin des französischen Luxuslabels. Saison um Saison interpretiert sie moderne Weiblichkeit neu, greift soziale Strömung auf und setzt diese in innovativen Kollektionen um. Ihre Designs vereinen Tradition und Moderne gekonnt. Für Dior ist es in diesem Jahr die zweite Show nach dem Lockdown. Im Sommer zeigte das Modehaus seine Cruise 2021 Kollektion in Lecce, Apulien, unter freiem Himmel. Italien war mit am stärksten von der Corona-Krise betroffen, weshalb es keine internationalen Gäste vor Ort gab. Zwei Monate später in Paris sah es ähnlich aus: Für die Show im Zentrum der Stadt kamen nur die wichtigsten Namen der Branche zusammen. Abstand wurde gehalten, Masken waren ein Muss. Parallel dazu wurde das Event online übertragen.

Dior F/S21

Dior F/S21

Dior F/S21

Real Life vs. Online

Die Welt mit anderen Augen sehen, einen (digitalen) Perspektivwechsel vollziehen, kann einen markanten Unterschied ausmachen – und ist in manchen Situationen bitter nötig. Nichtsdestotrotz lassen sich reale Emotionen und Botschaften am Bildschirm nicht immer übertragen. Wer schon einmal bei einer Modenschau war weiß, welchen Einfluss das bunte Treiben vor Ort auf unsere Wahrnehmung hat. Eine rein digitale Show erzeugt einfach nicht denselben Effekt wie das physische Event. Die Frage ist, was ist fortschrittlicher? Worin liegt die Zukunft?

„Ich glaube, dass Mode unweigerlich mit unserer Gesellschaft und Kultur verbunden ist, so dass es richtig erscheint, einen Ansatz zu wählen, der unsere heutigen Welt besser widerspiegelt“, sagt Lacoste Creative Director Louise Trotter gegenüber der britischen Vogue und findet damit die richtigen Worte. Das Brand verzichtete in dieser Saison ebenso wie das Traditionshaus Saint Laurent, Off-White und Celine komplett eine Show. Andere machen halblang, investieren in reine Online-Formate: Roger Vivier sorgte beispielsweise mit „Vivier Cinématique“ mit der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert für ein interaktives Filmerlebnis, das sich problemlos von Zuhause aus genießen ließ. Übrigens gab es nur wenige Designer bei der Paris Fashion Week, die Gesichtsmasken auf dem Laufsteg (ohne Publikum) zeigten, darunter Fashion-Rebell Rick Owens.

Ebenso zeitgeistig zeigte sich Marinne Serre. Die Newcomerin zeigte das Accessoire schon in früheren Kollektionen. Damals war es allerdings nicht gegen Viren gedacht. Apropos Zeitgeist: Bei Balmain wurden die wichtigsten Gäste wie etwa US Vogue Chefredakteurin Anna Wintour exklusiv per Videocall zugeschaltet. Bei Miu Miu waren es dagegen Stilikonen wie die Modeillustratorin Jenny Walton oder die Modejournalistin und Bloggerin Susie Bubble.

Balmain F/S21

Balmain F/S21

Balmain F/S21

Die Modebranche ist angesichts der Corona-Krise gezwungen umzudenken. Und das ist auch gut so. Digital ist heute so viel möglich, dass die Events in Paris schon ein wenig obszön wirkten. Es muss nicht sein, zumindest in dieser Saison. Lieber sollten noch mehr Labels durchatmen, reflektieren, neu interpretieren. Denn wie bei allem, das uns die Corona-Krise lehrt, werden wir unser Privileg in Zukunft so hoffentlich noch mehr zu schätzen wissen.

Weitere Highlights der Paris Fashion Week

Text von Katharina Hogenkamp.

Bilder: Instagram Embed, Chanel via Chanel PR, Chloé via Chloé PR, Balmain via KCD Worldwide, Dior via Antje Campe-Thieling PR.

 

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