Karriere-Interview: Nora Eisermann und Laura Muthesius von Our Food Stories

Es gibt wohl kaum ein Blog-Phänomen, das in den letzten Jahren so dermaßen durch die Decke gegangen ist wie die Food Blogs. Der Trend wirkt höchst ansteckend – angesichts Avocado-Brot, Latte Art auf dem Cappuccino oder einem leckerem Burger zücken alle ihr Handy, um einen Instagram- oder Facebook-Post mit „Lecker-Smiley“ zu machen.

Da trennt sich dann allerdings schnell die Spreu vom Weizen. Wer sehen will, wie man wirkliche tolle Fotos von Essen macht, der muss Our Food Stories folgen. 600.000 Menschen tun es bereits auf Instagram und lassen sich einmal die Woche von hinreißend schönen Kuchen-Fotos zum Backen inspirieren.

Dahinter stehen, und das wird angesichts der tollen Fotos niemanden überraschen, zwei Profis: eine Fotografin und eine Foodstylistin, die das Blog seit 2013 als Portfolio für ihre Arbeit nutzen. Wir haben Nora und Laura zum Interview getroffen und wollten wissen: Wie bekommt ihr das so schön hin? Und noch viel wichtiger: Wer darf nach dem Shooting die leckeren Kuchen essen?


Laura, du bist die Fotografin und Nora macht das Styling. Wie habt ihr beide zusammengefunden?

Laura: Wir haben uns vor viereinhalb Jahren bei einem Filmprojekt von einer Freundin kennengelernt. Damals war ich das Mädchen für alles und habe Behind-the-scenes-Fotos gemacht. Nora war sozusagen die Besitzerin der einen Location, wo gedreht wurde.

Nora: Ich habe Modedesign studiert und hatte früher ein Atelier in Kreuzberg – meinen Platz habe ich dann für den Dreh zur Verfügung gestellt. So haben wir uns kennengelernt!

Machst du neben Our Food Stories denn auch immer noch Modedesign oder Styling?

Nora: Nein, dafür habe ich gar keine Zeit mehr – und irgendwie auch nicht das Bedürfnis…

Laura, wo hast du so schön Fotografieren gelernt?

Ich habe an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin-Mitte studiert – es nennt sich „Studium“, ist aber eine private Schule. Die Ausbildung dauert aber ähnlich wie ein Bachelorstudium drei Jahre.

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Hast du dich denn von Anfang an auf das Fotografieren von Essen konzentriert?

Laura: Nein, ich habe viele abstrakte Sachen gemacht, mehr in die Kunstrichtung und auch Portraits. Auf jeden Fall ganz anders als das, was wir jetzt machen.

Wie habt ihr denn rausgefunden, dass Essen – vielmehr Kuchen – euer gemeinsames Ding ist?

Nora: Das kam peu à peu. Wir haben uns kenngelernt, immer öfter getroffen und sind dann zusammen gekommen. Wir haben jeden Abend zusammen gekocht, weil Laura eine leichte Histaminunverträglichkeit und Glutenintoleranz hat, was das Essen sehr einschränkt. Wir konnten in fast kein Restaurant gehen und haben irgendwann entschlossen selber zu kochen.

Laura: Ich kann weder kochen noch backen und hatte zu diesem Zeitpunkt drei Jahre keinen Kuchen mehr gegessen. Heute gibt es schon öfter glutenfreie Gerichte im Angebot, aber damals war es wirklich schwierig etwas zu finden. Nora meinte dann irgendwann mal: ‚Es kann doch nicht sein, dass es für dich keinen Muffin oder Kuchen gibt!‘ So haben wir angefangen, selber zu backen und Rezepte auszuprobieren. Wir mögen Kochen, aber Backen noch lieber!

Nora: Wir haben im Internet geschaut, was für gluten- und histaminfreie Rezepte es gibt und haben aber nichts gefunden was uns angesprochen hat – so kam schließlich unser Blog Our Food Stories zustande.

Laura: Außerdem dachten wir, dass es praktisch wäre, wenn man online sofort auf die Rezepte zu greifen kann, wenn man Lust hat, das Rezept nochmal kochen.

Hattet ihr denn vorher irgendeine Affinität zu Online oder zum Schreiben?

Nora: Ne. Gar nicht. (lacht)

Laura: Das ist alles ziemlich spontan entstanden und wir haben es ganz langsam anlaufen lassen. Wir haben aber schnell positive Resonanz bekommen. Nach drei Monaten war mein Studium zu Ende und wir haben uns überlegt: Entweder machen wir das jetzt richtig oder wir lassen es.

Also waren es erst gar nicht nur die schönen Bilder, sondern das Thema, das euch erfolgreich gemacht hat? War euch bewusst, dass ihr damit den Nerv der Zeit trefft?

Laura: In Deutschland war das Thema ‚Glutenfreies Essen‘ noch nicht in aller Munde, aber im Ausland und besonders auf den amerikanischen Blogs haben schon viele Blogger glutenfreie Rezepte geteilt. Wir kannten uns in der Bloggerszene aber gar nicht aus. Fest stand nur: Wenn wir nach glutenfreien Rezepten auf Deutsch gegoogelt haben, gab es nichts was uns angesprochen hat.

Nora: Viele Rezepte hatten alle einen Diät-Charakter. Aber darum geht es uns ja gar nicht. ‚Glutenfrei‘ heißt ja nicht unbedingt gesünder. Vor allem nicht, wenn es um Kuchen geht! (alle lachen)

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Nun gibt es aber auch diesen besonderen „Our Food Stories“-Look: Eure Bilder erkennt man nicht nur an den köstlichen Kuchen, sondern diesen dunkeln, moody Touch. Wie habt ihr euren Stil gefunden?

Nora: Ganz am Anfang haben wir noch viel bei uns zu Hause fotografiert. Damals waren die Fotos clean weiß. Dann haben wir immer mehr Zeit in Brandenburg verbracht, weil wir dort mehr Platz hatten und die Materialien vor Ort waren: Ein alter Holztisch, viele verschiedene Untergründe, saisonale Blumen usw.

Laura: Jetzt haben wir allerdings ein neues Studio in Berlin, weil die Deckenhöhe in dem Haus nicht mehr ausreichte und die eineinhalb Stunden Fahrt jedes Mal schon ganz schön lang waren.

Ein eigenes Studio – wow! Das heißt: Ihr macht das Blog fulltime und es läuft.

Nora: Das haben wir von Anfang an gemacht, von dem Tag an dem Laura mit dem Fotografie-Studium fertig war. Wir haben uns anderthalb Jahre gegeben, um zu gucken, ob wir davon leben können. Es hat sich relativ schnell gezeigt, dass ein großer Markt vorhanden ist.

Gibt es für Our Food Stories einen Businessplan oder habt ihr euch eine Strategie überlegt?

Nora: Nein. Wir versuchen einfach immer das Beste zu geben.

Laura: Es macht uns unfassbar viel Spaß und wir arbeiten viel. Wir haben das Glück, dass wir bei unserem Job unsere beiden Leidenschaften – Fotografie und Styling –verbinden können. Und dann haben wir noch das Glück, dass wir als Paar gut zusammen arbeiten können. Man ist einfach bereit viel mehr zu geben. Das zahlt sich aus.

Bei Modeblogs kommt das Geld über Kooperationen oder Affiliate-Links. Wie verdient man mit einem Foodblog seinen Lebensunterhalt?

Nora: Wir sind nicht nur Food-Blogger, sondern in erster Linie Food-Fotografin und Stylistin. Jobs. Das Gros unserer Einnahmen kommt nicht über unseren Blog, sondern durch Aufträge. Unser Blog funktioniert dabei als unser Portfolio. Wenn wir Kooperationen machen, dann müssen die Produkte zu uns passen. Natürlich bekommen wir viele Anfragen, aber davon lehnen wir vieles ab.

Was für Aufträge übernehmt ihr als Fotografin und Stylistin: Fragen euch Magazine an oder für wen arbeitet ihr?

Laura: Magazine kaufen eher Bilder ab, aber davon kann man nicht leben. Gerade haben wir viele Fotos für den Instagram-Kanal einer Supermarktkette produziert, außerdem bekommen wir viele Anfragen für Kochbücher oder Produktfotos. Wir fotografieren auch nicht nur Lebensmittel, sondern manchmal auch Möbel. Außerdem arbeiten wir an einem Buchprojekt mit der dänischen Firma Frama Cph, aber darüber können wir leider noch nicht mehr verraten.

Wie kann man sich euren Arbeitsalltag vorstellen? Ihr seid nicht nur Kreative, sondern selbständig und ein Paar. Da braucht man eine besonders gute Work-Life-Balance.

Nora: Unser Alltag wirkt etwas unstrukturiert. (beide lachen laut) Wir haben oft Termine und sind viel mit einkaufen beschäftigt. Wir checken abends und morgens unsere Mails, tagsüber shooten wir meistens die ganze Zeit, weil wir nur mit natürlichem Licht arbeiten. Laura bearbeitet danach die Bilder, ich arbeite an den Rezepten.

Laura: Es kommt immer darauf an, was los ist. Aber klar, manchmal müssen wir noch spät abends Post beantworten.

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Man kann euch also auch nur zusammen buchen. Eine Agentur, die euch vertritt, habt ihr aber nicht?

Nora: Nein, wir machen alles selbst. Auch die Rezepte!

Laura: Ich kann zwar weder kochen, noch backen aber habe ein ganz gutes Gespür für Kombinationen. Ich sage dann zu Nora: ‚Ich habe Lust auf einen Rosen-Pistazien-Kuchen‘ und sie macht es dann genauso, wie ich ihn mir in meinem Kopf vorgestellt habe!

Wie lange dauert es eigentlich, bis so ein typisches Our Food Stories Kuchen-Foto fertig ist?

Nora: Das ist unterschiedlich. Wir müssen uns meistens erst Mal eingrooven und schauen, welche Materialen am besten passen und wie die Farbstimmung sein soll.

Früher hieß es immer, dass Foodstylisten die Hähnchen mit Haarspray einsprühen, damit die Haut glänzt und knusprig wirkt.

Laura: Die Zeiten sind vorbei. Die Leute wollen immer mehr Natürlichkeit. Es ist ok, wenn etwas nicht ganz perfekt ist.

Nora: Auf Hochglanzproduktfotos haben wir gar keine Lust.

Auf Instagram habt ihr bald 600.000 Follower – da kommen sicherlich viele Fragen und Kommentare zusammen. Wer kümmert sich darum?

Laura: Am Anfang haben wir jedem geantwortet, das haben wir auch ziemlich lange durchgehalten, aber irgendwann geht es nicht mehr. Wir versuchen trotzdem so viel wie Möglich mit unseren Lesern zu interagieren.

Wie wichtig bewertet ihr die Sozialen Medien für euren Erfolg?

Laura: Extrem wichtig. Instagram wird in Deutschland immer gefragter. An Snapchat versuchen wir uns auch immer mehr heranzutasten.

Nora: Als Fotograf sollte man sich meiner Meinung nach einen Instagram-Account zulegen.

Laura: Ja, das wäre sonst eine vertane Chance. Das ist für die Außenwirkung, neben Facebook und der eigenen Website, extrem wichtig. Man hat so einfach einen zusätzlichen Kanal über den Kunden auf dich aufmerksam werden können. Außerdem haben wir viele Leute über Instagram kennengelernt, vor allem aus dem skandinavischen Raum bzw. aus unserem Lieblingsland Dänemark. Dadurch sind echte Freundschaften entstanden.

Nora: Mit unseren Freunden können wir uns austauschen, wie das Business läuft, denn die Food-Branche ist noch so jung. Wie geht man zum Beispiel mit Kunden um oder was wird erwartet?

Laura: Für das Preisniveau ist dieser Austausch wichtig, denn man sollte sich bzw. seine Bilder nicht unter Wert zu verkaufen und sich gegenseitig unterstützen.

Gut, dass ihr euren Marktwert kennt. Noch ein Unterschied zu vielen Bloggern bei euch: Ihr seid auf dem Blog kaum sichtbar, man sieht immer nur eure Hände und Arme, aber selten eurer Gesichter.

Nora: Unsere Arbeit soll im Vordergrund stehen. Mir ist Privatsphäre wichtig und außerdem haben wir nicht den Wunsch irgendwann eine Kochshow zu machen.

Laura: Wir haben momentan auch einfach nicht das Bedürfnis so sichtbar zu werden.

Wie wollt ihr euch in Zukunft weiterentwickeln?

Laura: Erst mal müssen wir das neue Studio fertig bekommen. Nächste Woche kommt die Küche und dann haben wir hoffentlich bald alles zusammen. Wir konzentrieren uns weiterhin auf unsere hauptberufliche Tätigkeit als Foodfotografin und Stylistin.

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Braucht man eurer Meinung denn unbedingt ein Studio und eine fotogene Profiküche, um Foodblogger zu werden?

Nora: Nein, wir haben auch nur mit einem Holzlöffel und Handmixer angefangen.

Aus Erfahrung kann ich sagen: Wenn man für einen Blog arbeitet, sitzt man viel am Rechner. Wo findet ihr neue Inspiration?

Nora: Die Jahreszeiten, also neue Früchte oder Gemüsesorten, inspirieren uns.

Laura: Bis jetzt hatten wir noch nie ein Inspirationsloch. Außerdem posten wir nur einen Beitrag die Woche.

Ein Beitrag die Woche und 600.000 Follower – das ist echt der Wahnsinn!

Laura: Wir würden gerne mehr auf dem Blog posten. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

Letzte Frage: Wer darf eigentlich die Kuchen nach dem Shooting essen?

Nora: Unsere Eltern, Nachbarn und Freunde – da wird manchmal schon nachmittags angerufen, wann wir denn ungefähr fertig sind. Da gibt es immer viele glückliche Abnehmer.

Vielen Dank für eure Zeit!

(Fotos: Our Food Stories, Ezgi Polat)

Kommentare

  1. Wie super spannend! Und Wahnsinn, wie viel Arbeit hinter solchen Fotos steckt. Ich fand das Interview wirklich großartig und die beiden super sympathisch. Ganz nebenbei habe ich Hunger bekommen, haha 😀

  2. Wirklich ein spannendes Interview. Folgen ihnen schon lange bei Instagram und fand es sehr schön, jetzt ein bisschen mehr über die beiden zu erfahren 🙂

  3. super interview. ich folge dem blog der beiden schon lange und fand es immer toll, wie herzlich sie wirken und dass sie wirklich jeden kommentar beantwortet haben, (mal ganz abgesehen von der großen detailliebe der fotos und dem unfehlbaren stilempfinden). inzwischen ist das zwar kaum mehr möglich und auch wenn mir die fotos im vergleich zu früher manchmal beinah etwas „zu“ düster wirken, ich bleibe großer fan und freu mich sehr für die zwei 🙂 schön zu sehen, wie ein deutscher blog so erfolgreich wird. ihr habts verdient ? ? ?

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