Karriere-Interview: Franziska Klün, Journalistin und Gründerin des Online-Magazins Ysso

Mit Franziska Klün verbinde ich ausschließlich gute Erinnerungen: Zusammen haben wir früher für das Zitty Modebuch gearbeitet und waren ein paar Jahre später auf der Leipziger Buchmesse, wo ich mein Buch-Debüt „Hinter dem Blau“ bei einer Lesung vorstellen durfte. Ohne Franzi hätte ich weder jemals ein Buch in meinem Leben veröffentlicht, noch die Lesung überstanden. Schon damals war ich von dem Organisationstalent der 33-Jährigen beeindruckt und der Gabe, selbst in stressigen Situationen die Ruhe zu bewahren. Nervosität lacht sie weg.

Natürlich kann eine Frau mit einer derartigen Strahlkraft nicht dauerhaft in der zweiten Reihe stehen: Nach mehreren Stationen in großen Redaktionen hatte die gebürtige Kreuzbergerin das Bedürfnis, etwas eigenes zumachen. Also gründete sie mit ihrer Schwester Katharina das Onlinemagzin Ysso. Es ist aber nicht das gefühlt 250. Blog, auf dem es um Mode, Fitness oder Beauty geht. Die beiden widmen sich dem Handwerk und Design aus dem deutschsprachigen Raum.

Mehr über ihre Leidenschaft für Produkte mit Geschichte, ihre Erfahrungen als Modejournalistin in Berlin und die Vor- und Nachteile eines Familienunternehmens verrät Franziska im Karriere-Interview!

Liebe Franziska, was antwortest du auf die Smalltalk-Frage: „Und was machen Sie beruflich?“

Ich seufze natürlich erstmal schwer und antworte: “Ganz schwierige Frage!” Nein, besonders komplex ist das ja nicht. Ich sage: “Ich bin freie Journalistin und baue gerade gemeinsam mit meiner Schwester ein eigenes Onlinemagazin und eine Kreativ-Agentur auf.”

Du hast beim Stadtmagazin Zitty gearbeitet, warst dann bei Eden Books im Lektorat tätig, hast schließlich für das Lufthansa Magazin als Redakteurin gearbeitet und viele tolle Interviews gemacht – und jetzt also dein eigenes Online-Magazin Ysso gestartet. Wie kam es zu dem Entschluss?

Im Grunde war alles, was ich bislang beruflich gemacht habe, der Weg zu diesem Entschluss: Ich habe bei der Zitty volontiert, war dort dann als Redakteurin. Damals gehörte die Zitty noch zur Tagesspiegel-Gruppe, ich konnte also gleichzeitig viel übers Tageszeitungsgeschäft lernen. Das war eine super Zeit und eine großartige Schule.

Natürlich war mir aber auch immer klar, dass sich die ganze Medienlandschaft in einem grundlegenden Umbruch befindet, niemand weiß wirklich, wohin es geht. Daher galt für mich schon relativ früh die Regel, möglichst viel zu lernen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und aufzusaugen, was geht. Entgegen der meisten Empfehlungen habe ich irgendwann meinen Redakteursjob an den Nagel gehängt, nicht wissend, was folgen soll. Ich wusste nur, dass das nicht mehr das Richtige ist.

Die Selbstständigkeit hat sich dann ehrlich gesagt, erstmal eher ergeben, als dass sie mein großer Plan gewesen wäre: Frei zu schreiben und fest frei für unterschiedliche Redaktionen zu arbeiten, fühlte sich sofort ziemlich gut an, war abwechslungsreich, ich lernte viele spannende Leute kennen und – auch ziemlich motivierend – verdiente viel mehr. Was jedoch trotzdem blieb: Die große Sehnsucht, etwas Eigenes aufzubauen, am liebsten gemeinsam mit meiner Schwester.

An welchem Punkt in deinem Leben warst du, an dem du dich nicht nur für die Selbständigkeit, sondern auch für ein eigenes Magazin entschieden hast? 

Selbstständig war ich ja schon nach meinem Weggang von der Zitty, aber sich mit einem eigenen Magazin und einer Agentur aufzustellen, ein Büro anzumieten und damit auch ein finanzielles Risiko einzugehen – dafür musste ich erst einiges ausprobieren, um zu merken: dieser Wunsch bleibt, egal, was ich tue. Also probiere ich es aus. Das Leben ist zu kurz, um es nicht zu machen.

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Franziska und Katharina Klün von Ysso

Warum kam es nicht früher dazu, was musstest du noch lernen oder dich in welchem Bereich sicherer fühlen?

Ob das etwas mit Gelerntem oder sich sicherer Fühlen zu tun hat, weiß ich gar nicht. Vielleicht ist es eher die Erkenntnis, dass eh alles immer unsicher und im Wandel ist, egal, was man tut. Auch wenn man festangestellt ist, ist das ja keine Sicherheitsgarantie. Also sollte man einfach wagen, was man wagen will.

Um was geht es bei Ysso und was bedeutet der Name?

Ysso ist ein Magazin über Handwerk und Design aus dem deutschsprachigen Raum. Wir zeigen, was hierzulande (und in der Schweiz und in Österreich) noch alles Tolles produziert wird, vor allem für den Interior-Bereich, und was für Menschen dahinter stehen, welche Geschichten sie zu erzählen haben.

Ich schreibe sonst ja auch viel über Mode – und auch da hat mich immer das Handwerk dahinter fasziniert. Die steinalte Posementen-Schneiderin Madame Pouzieux von Chanel zum Beispiel, die in der berühmten Loic Prigent Dokumentation “Signé Chanel” vorkommt – niemand kann, was sie kann.

Mich faszinieren Menschen, die etwas mit einer solchen Hingabe, Leidenschaft, einem Perfektionismus tun, wie es in einigen Handwerksunternehmen seit Generationen der Fall ist. Natürlich muss mich auch das Produkt begeistern, was dabei entsteht. Und es gibt keine Plattform, die auf eine ansprechende, coole Art und Weise zeigt, was es da so gibt. Natürlich ist da der ganze Manufakturen-Trend – aber eine wirklich gute, journalistische Plattform dafür? Die wollen wir aufbauen.

Und zum Namen: Wir wollten etwas Kurzes, Prägnantes. Da wir zeigen, wie’s bei den Firmen wirklich zugeht, steht es für „Is’ so!“ – aber mit y, for the twist.

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Welche Themen sind deine persönlichen Steckenpferde?

Von Anfang an habe ich wie gesagt viel über Mode und Design geschrieben, über Unternehmenskulturen, die Wirtschaftlichkeit von Kreativbranchen, wie zum Beispiel der Berliner Modebranche oder von Traditionsunternehmen wie Leica.

Mich interessiert auch immer der Gedanke: Was erfüllt Menschen, was treibt sie an? Als ich bei der Zitty anfing, ging es gerade los mit der Mode in Berlin. Die Berliner Fashion Week war neu, es entstanden spannende Labels. Die Bread & Butter kam zurück aus Barcelona, die Premium wurde größer. Das war eine spannende Zeit und ich hatte bei der Zitty und beim Tagesspiegel die Möglichkeit viel darüber zu schreiben. Wir haben das Zitty Modebuch und das Zitty Designbuch zusammen mit dem Gestalterbüro von Mario Lombardo entwickelt. So ergaben sich die Themenfelder.

In was bist du gut?

… die Frage, die Frauen anscheinend so schwer fällt zu beantworten? (lacht) Ach, ich denke, ich bin ziemlich gut organisiert und kann daher viele Dinge gleichzeitig händeln.

Das kann ich bestätigen…

Und ich bin sehr neugierig, lerne gerne ganz unterschiedliche Leute kennen. Ich kann gut mit unterschiedlichen Charakteren und entwickle relativ schnell ein Gespür für jemanden, auch Unternehmen, und glaube es auch ganz gut im Schriftlichen widergeben zu können.

Ysso hast du wie gesagt mit deiner Schwester gegründet. Aus welchem Bereich kommt sie?

Sie kommt aus dem Strategie- und Marketing-Bereich und war auch immer ziemlich umtriebig, hat beim Film begonnen, war dann immer verantwortlich für die spektakulären Opening- und Closing- Veranstaltungen der Modemesse Bread & Butter – und hat später lange bei Red Bull Culture Marketing in deren Headquarter in Österreich als Producerin und Projekt-Managerin gearbeitet.

Wann habt ihr das erste Mal über die Idee nachgedacht?

Schon vor gut zwei Jahren. Ich hatte bereits seit Ewigkeiten die Idee so eine Art “Made in Germany”-Journal aufzubauen, doch ich wusste nicht, wie – und was das Geschäftsmodell dahinter sein könnte. Die Idee, die Plattform auf den deutschsprachigen Raum zu erweitern, thematisch erstmal auf Interior-Produkte zu beschränken und dahinter unsere Expertise im Event-, Strategie-, Projektmanagement- und Storytelling-Bereich auch als Dienstleistung anzubieten, ist dann im gemeinsamen Austausch, aber auch mit den Kunden mit denen wir heute arbeiten, entstanden.

Wie ergänzt ihr euch?

Als Producerin ist Katharina wahnsinnig gut darin, komplexe Prozesse oder Situationen zu analysieren und in klare Aufgaben zu übertragen – sei das für uns oder für unsere Kunden. Sie hat immer das große Ganze im Blick – das Strategische, wo soll es hingehen und wie realisieren wir das. Ich bin für die journalistischen, redaktionellen Prozesse zuständig.

Welche Vor- und Nachteile bestehen darin, mit der eigenen Schwester zusammen zu arbeiten?

Die Vorteile überwiegen – ganz klar! Wir kennen uns so gut, dass wir uns im Grunde blind verstehen. Das ist super hilfreich, weil wir uns nur anschauen zu brauchen, um zu wissen, wie es der anderen geht. Dadurch mussten wir natürlich auch lernen, nicht alles und jede Gefühlsschwankung der anderen zu antizipieren. Sonst kommt man ja zu nichts!

Was ich besonders vorteilhaft finde: In der Familie hat man eine gelernte Streitkultur. Wir können diskutieren, streiten, und wir wissen, wie wir da wieder rauskommen. Ich glaube, wenn man mit einem Familienmitglied beruflich etwas startet, ist man ganz schnell an dem Punkt, wo man mit anderen Geschäftspartnern, seien es Bekannte oder enge Freunde, erst viel viel später ist. Es gibt dieses böse Erwachen nicht, was ja unter Freunden und Geschäftspartnern doch oft passiert. Die Frage: Können wir wirklich miteinander arbeiten, stellt sich viel früher.

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Ein paar deiner beruflichen Stationen habe ich zu Anfang schon angesprochen: Waren das alle bzw. die wichtigsten?

Im Grunde schon. Zwischendurch war ich noch knapp anderthalb Jahre stellvertretende Chefredakteurin des Modefachmagazins JNC, das war auch eine fest freie Tätigkeit – und hat mir noch mal ganz andere Seiten des Modegeschäfts gezeigt. Mehr die Industrie, die kommerzielleren Unternehmen – ich konnte mein Wissen über das Modebusiness, die Situation des Handels, auch von Traditionshäusern noch mal vertiefen und sehr interessante Leute treffen – vom Carlo Rivetti, Chef von Stone Island, bis hin zu Christian Stadil, zum Retter der Sportmarke Hummel.

Warum hast du so oft gewechselt bzw. nach was für einem Job hast du gesucht?

Ehrlich gesagt habe ich das nie so empfunden. Bei den meisten Jobs war ich relativ lange dabei, zum Beispiel betreue ich für die Lufthansa-Magazine auch weiterhin die Stilthemen als freie Mitarbeiterin. Schon während meiner Zeit bei der Zitty habe ich auch für andere geschrieben – ich mag das, unterschiedliche Sachen parallel zu machen. Es darf natürlich nicht zu viel werden, man muss genug Zeit und Muße haben, die Dinge auch richtig zu machen, aber wie gesagt, im mich selbst Organisieren bin ich ganz gut. Ich schätze, das ist vielleicht ein bisschen wie bei dir: Buchautorin, Team Journelles, Schmucklabel-Betreiberin, freie Autorin – warum machst Du so viel? Hat man viele Leidenschaften und Interessen, und kann diesen auch nachgehen, ist das ein großes Privileg!

Gute Antwort! Was hast du denn zuvor für eine Ausbildung oder Studium absolviert?

Ich habe in den Niederlanden einen Bachelor of Economics gemacht, mit der Fachausrichtung Tourismus und im Anschluss mein Volontariat, also die klassische journalistische Ausbildung bei der Zitty, in Kooperation mit dem Tagesspiegel.

Warum hast du dich für einen Studiengang in den Niederlanden entschieden?

Ich war nach dem Abi ein Jahr in Neuseeland als Au-Pair, als ich wiederkam wollte ich unbedingt schnell studieren. Damals eigentlich am liebsten Journalismus, aber alle rieten mir davon ab: zu schwere Branche, unsichere Zukunft, mach das nicht! Und dann hat eine Freundin mir von dem Studium und den guten Studienbedingungen in den Niederlanden erzählt, ich habe mir das angeguckt, fand es reizvoll weiter im Ausland zu leben, der Studiengang war englischsprachig und international – und ich hatte diese wage Vorstellung, irgendwas mit Reisen, gegebenfalls auch Reisejournalismus, könnte mir gefallen.

Welche Vorstellung hattest du damals von dem Beruf des Journalisten? 

Das ist eine gute Frage … Ich glaube, ich wollte vor allem schreiben, viel lernen und meine Neugier ausleben dürfen. Das ist ja das Schönste an diesem Beruf, immer wieder in andere Welten eintauchen zu können, alles fragen und Dingen wirklich auf den Grund gehen zu dürfen.

Hast du heute ein Büro oder arbeitest du vom Küchentisch aus?

Ich habe lange vom Küchentisch aus gearbeitet, und das war okay, so lange ich viel unterwegs war, ob auf Recherchereisen oder mal in anderen Redaktionen. Jetzt mit Ysso könnte ich es mir nicht mehr vorstellen.

Von Anfang an war für meine Schwester und mich klar, dass wir ein besonderes Büro wollen. Bei uns geht es um Besonderes, da will ich auch an einem besonderen Ort arbeiten. Mich inspiriert und motiviert meine Umgebung. Wir hatten großes Glück im Berlin-Kreuzberger Graefekiez eine Remise zu finden, die lange leer stand, total verfallen war und gerade frisch renoviert werden sollte, als wir sie entdeckten. Hier sitzen wir jetzt gemeinsam mit anderen freien Journalisten, Fotografen, Grafikern – ein super Netzwerk, mit dem wir auch wunderbar zusammenarbeiten. Hier können wir Feste feiern und Kunden empfangen – ziemlich perfekt.

Ysso Büro in Berlin-Kreuzberg
Ysso Büro in Berlin-Kreuzberg
Ysso Büro in Berlin-Kreuzberg
Ysso Büro in Berlin-Kreuzberg

An welchem Punkt merkst du, dass der Journalismus bzw. Schreiben nicht nur dein Talent, sondern – neben der Liebe zu handgemachten Dingen – deine größte Leidenschaft ist?

Ich habe schon als Zwölfjährige gerne geschrieben. Ich erinnere mich noch an Sommerurlaube, meine Schwester wollte zum Strand, ich wollte drinnen bleiben und Geschichten schreiben. Vor kurzem habe ich mal so ein Buch von damals wieder gefunden – also zur Veröffentlichung taugt das jetzt nicht gerade… aber ich habe mich gefreut. Und über gute Texte von anderen kann ich mich wahnsinnig freuen, sogar über eine schön geschriebene SMS – und über richtig schlechte Texte irrsinnig aufregen. Das Schreiben kann sich manchmal wie ein Kampf und Krampf anfühlen, manchmal wie ein Leichtes von der Hand gehen. Es ist ein bisschen wie beim Kochen: manche Gerichte liegen einem, manche weniger, manche gelingen besonders gut, manche gar nicht.

Was macht deiner Meinung nach eine „gute“ Geschichte aus?

Eine gute Geschichte kann alles sein, von einem 500 Zeichen langen Reiseerfahrungsbericht bis zur Zeit-Titelgeschichte über die guten Seiten von Stress. Wichtig ist der Aufhänger, die These: Wohin will der Text? Und eine klare Schreibe, die jeden mitnimmt und niemanden durch möglichst starkes Fremdwort-Umsichwerfen ausschließt. Mein erster Chef war Matthias Kalle, heute beim Zeit-Magazin, er sagte ganz am Anfang meiner Ausbildung zu mir: „Wenn dir drei Worte einfallen um das auszudrücken, was du ausdrücken willst: Nimm das einfachste.“

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Natürlich gibt es immer wieder auch Textchefs oder Chefredakteure, die einen Text zerreißen. Wie hast du gelernt mit Kritik umzugehen?

Das gehört dazu, fand ich am Anfang aber extrem schwierig. Vor allem die Art, wie es manche machen – gerade wenn du neu dabei bist und dann kommt es von oben herab: „Sooooo Franziska, das hier ist, mit Verlaub, sehr unglücklich ausgedrückt …“ Auch da hat mir Matthias (Kalle) geholfen. Er sagte: „Ob du Texte von anderen redigierst oder selbst redigiert wirst: Hab immer im Kopf, Journalisten sind extrem eitel. Machs anders.“ Das habe ich mir zu Herzen genommen. Wenn man von oben herab Feedback bekommt, sollte man das einfach ausblenden und stattdessen dankbar sein, für die Kritik. Macht ja – zumindest meistens – den Text besser. Das Schreiben ist auch nichts anderes als ein Handwerk, manche beherrschen es besser, manche weniger – wer es lernen will, sollte es versuchen dürfen, ohne Eitelkeit und Arroganz.

Verleiht dir deine langjährige Berufserfahrung mehr Souveränität? Oder bist du jedes Mal nervös, wenn du einen Text abgibst?

Bei manchen Texten schon, wenn sie einem besonders am Herzen liegen. Grundsätzlich ist ein Text immer etwas, das mit Herzblut entsteht und das ist einem nie egal.

Wie verhandelt man als freier Journalist die Tagessätze und Honorare? Gibt es Richtlinien an denen du dich orientierst?

Allgemeine Richtlinien zu definieren ist schwer und Tagessätze sollten von der Erfahrung abhängen, die man mitbringt. Grundsätzlich gilt für mich: Gute Texte und gute Redaktionsarbeit kosten viel Zeit und daher auch Geld. Oft denken Leute, ach das mit dem Schreiben, das kann ja jeder irgendwie, der sich einigermaßen ausdrücken kann und eloquent ist – ein doch ganz schön weit verbreiteter Irrtum.

Ich werde mindestens alle sechs Monate von meinem Versicherungsmakler anschrieben, der mir Angst vor der Altersarmut macht und mich überreden will, noch eine Rentenversicherung abzuschließen. Dabei habe ich schon zwei! Wie gehst du mit der Zukunftsangst um und wie hast du das als Freie geregelt?

Oh Gott, solche Mails bekomme ich Gott sei Dank bislang nicht! Um richtig detailliert zu werden: ich zahle jeden Monat etwas in meine Rentenversicherung ein und mache auch Riester. Ich habe relativ früh damit angefangen, wenn ich damit so weitermache, sollte ich später ganz okay aufgestellt sein. Ich sage mir immer: Die Zukunftsangst ist ja auch ein ziemlich deutsches Phänomen. Alles muss abgesichert sein. Das ist in anderen Ländern ganz anders. Ich glaube, ich ticke da eben auch anders.

Wieder zu den schönen Themen: Was war eine der ersten Geschichten, die du unbedingt auf Ysso machen wolltest und warum steht sie für das Programm, das ihr anbieten wollt?

Das war ein Besuch bei Mühle Shaving im Erzgebirge. Ein Familienunternehmen, das in vierter Generation Rasierpinsel herstellt – heute ist das Sortiment breiter aufgestellt, Rasierer und Kosmetik für den Mann machen sie auch. Sie sind extrem erfolgreich mit dem was sie tun. Auch durch den ganzen Barttrend, den Barber-Hype.

Ich finde es beeindruckend, wie sie es geschafft haben aus dem Traditionsunternehmen, das auch stark geprägt war durch die deutsche Geschichte, die Teilung, die Verstaatlichung zu DDR-Zeiten und anschließende Reprivatisierung, heute eine international expandierende Firma zu machen, die tolle Kooperationen mit Designern umsetzt und für die wir mit Ysso auch ein Kundenmagazin entwickelt haben, das jetzt halbjährlich erscheint: „30 Grad“, benannt nach dem Winkel in dem man einen Nassrasierer ansetzt.

Ich fand die Produkte toll, dann habe ich ein bisschen recherchiert und fand die Geschichte extrem spannend – so viele Hürden! Trotz allem sind sie dran geblieben und haben ein Handwerk bewahrt, das es heute in Deutschland so kaum noch gibt. Und heute boomen sie.

Im Laufe deiner Karriere hast du viele interessante Begegnungen gemacht. Welche davon ist dir besonders in Erinnerung geblieben und warum? 

Da gibt es einige. Aber sehr besonders waren meine Treffen mit Robert Lebeck. Er war einer der größten deutschen Pressefotografen des 20. Jahrhunderts – seine ikonischen Bilder von Romy Schneider, Jackie Kennedy und Elvis Presley hingen schon im Martin Gropius Bau. Er hat wirklich die Welt gesehen. Ich habe zwei Geschichten mit ihm gemacht: eine mehrtätige Reportage über die legendäre Bar 25, die es heute so nicht mehr gibt und ein Interview mit dem Berghain-Türsteher Sven Marquardt. Da war Lebeck Ende 70, doch noch immer neugierig und frech wie ein kleiner Junge. Sein Interesse, seine Offenheit, alles ausprobieren, mitnehmen, Risiken eingehen und genießen zu wollen, egal wie alt man ist, das hat mich tief beeindruckt. Ein toller Mann.

Was würdest du jemandem raten, der gerade Abi gemacht hat und unbedingt auch Journalist werden möchte?

Auch wenn alle dir sagen, wie unsicher und schwer diese Branche ist: Probier’s trotzdem unbedingt aus – es ist der schönste Beruf der Welt! Und: es gibt 1.000 Wege dahin.

Vielen Dank für deine Zeit, liebe Franziska!

(Headerfoto: Kirsten Becken)

Kommentare

  1. Danke liebe Alexa für das superinteressante und lange Interview! Ich finde solche Frauen wirklich bewundernswert und mutig. Da bin ich als gelernte Redakteurin fast ein bisschen traurig, dem Journalismus den Rücken gekehrt zu haben. Aber wie man an Franziska und ihrer Schwester sieht, ist es heute auch gar kein Problem, öfter mal was anderes zu machen. Das gibt mir zur Hoffnung Anlass, dass mich vielleicht doch noch traue, den beruflichen Absprung aus dem (vermeintlich) sicheren Großkonzern zu schaffen.

    Nur bei einer Sache hats bei mir Autsch gemacht: Statt „In was bist du gut?“ lieber „worin“ schreiben :-). So hab ich das jedenfalls gelernt.

    Ganz liebe Grüße!

  2. Super Interview! Im ersten Satz sollte es aber „ausschließlich gute ErinnerungEN“ heißen, glaube ich. Gerade bei einem Interview, in dem es um Schreiben geht, ist das vielleicht gar nicht so unwichtig.

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