„Im Businessalltag müssen Entscheidungen schnell getroffen werden, der kreative Prozess jedoch braucht Zeit und Ruhe“ – Gespräch mit Maike Dietrich von Maiami Berlin

Selbst wenn sie in der Lage dazu wären, die wenigsten haben Zeit, mit zwei oder vier Nadeln einen Faden zu Maschen zu verschlingen und einen Pullover herzustellen. Dabei besteht seit einigen Jahren eine regelrechte Sehnsucht nach Stricken und vor allem nach Handgemachtem. Das haben einige Marken begriffen, wie etwa das Berliner Label Maiami.

Als Maike Dietrich vor 15 Jahren ihr Unternehmen gründete – und so ihr Hobby zum Beruf machte, hat sie nicht geahnt, wie erfolgreich ihr Label einst werden würde. Angefangen hat alles 2004, da strickte sie einen Pullover und legte damit ungeplant den Grundstein für ihr Unternehmen. Der Pullover kam bei Freunden so gut an, dass sie kurzerhand später eine Kollektion auf der Berliner Modemesse Premium ausstellte. Erst arbeitete sie nebenbei als Stylistin weiter; als dann aber der Strickboom kam, wollte plötzlich jeder handgestrickte Pullover tragen. Seitdem geht es bei Maiami steil nach oben.

Wir haben Maike zum Interview gebeten und tauchen gemeinsam mit ihr ab in die Welt von weichem Kaschmir, bunten Streifen und Handwerk.

Ich kenne wenige Menschen, die heute noch stricken. Schade eigentlich!

Ja, sehr schade! Es ist etwas sehr Haptisches in einer Zeit, die von Digitalität geprägt ist. Und auch, weil eine Kulturtechnik verloren geht, die Fähigkeit, eine textile Fläche bzw. ein Kleidungsstück zu kreieren. Ein handgemachtes Produkt ist ein echter Gegenpol zur Massenproduktion. Außerdem empfinde ich Handgestricktes als wahren Luxus, es verspricht Geborgenheit und Individualität.

Hast du vor der Gründung von Maiami viel gestrickt?

Als Kind und in den 80ern habe ich sehr viel gestrickt, damals auch im Schulunterricht. Dann verebbte es in den technolastigen 90ern. Aber ich habe es für mich wiederentdeckt und dann viel für mich und Freunde gestrickt. Und daraus ist Maiami entstanden.

Wie hast du denn überhaupt Stricken gelernt? In der Schule etwa?

Nein, als Kind von meiner Großmutter. Sie hat mir die Basics beigebracht. Ich habe es geliebt, mit ihr zu handarbeiten. Es hat mich fasziniert und ich habe es dann immer wieder für mich entdeckt.

Ich habe auch mal gestrickt, das hat etwas Meditatives an sich, ähnlich wie Yoga.

Absolut, Yoga tut mir sehr gut, sowohl als Ausgleich zu der immer rasanter werdenden Metropole Berlin, als auch zu einem immer anspruchsvoller gewordenen Businessalltag. Stricken sowieso!

Was hast du eigentlich vor Maiami gemacht?

Ich habe Kommunikationswissenschaften studiert und danach zunächst bei einem mittelständischen Modeunternehmen in der PR-Abteilung gearbeitet. Dann war ich Assistentin bei den beiden Designerinnen vom Modelabel Bless. Anschließend war ich als freie Stylistin tätig, habe aber währenddessen schon das Stricken wiederentdeckt.

Und wie kam es dann letztlich zur Gründung eines Stricklabels?

Ich hatte nie konkret geplant, ein Modelabel zu gründen. Die Leidenschaft fürs Stricken habe ich vor ungefähr 16 Jahren wiederentdeckt und meine Umgebung reagierte sehr positiv darauf. Das großartige Feedback, wachsende Interesse an meinen Entwürfen und die Nachfrage haben letztendlich den Impuls gegeben, ein eigenes Label zu gründen. Es gab also keine durchgeplante Existenzgründung, das Unternehmen hat sich aus der Passion heraus entwickelt.

Stimmt es eigentlich, dass sich der Name Maiami aus deinem Vornamen Maike und Miami Vice zusammensetzt?

Hahah, richtig. Die ersten Maiami-Sweater waren aus einem dickem, schweren Schurwollstrick in eher poppigen, starken Farben, kombiniert mit Intarsien wie beispielsweise Flamingo, Martiniglas oder Sunset. Ich mag diese starken Kontraste! Miami Vice mit seinem tollen Intro, der Neon Style der Stadt, der RetroCharme, die tollen Autos, die Sonne, die Palmen – all das war die Inspiration zu meiner ersten offiziellen Kollektion. Da passte das kleine Wortspiel gut.

Hast du zu Beginn gezweifelt? Schließlich kamen neben dem Arbeitsaufwand auch Kosten auf dich zu, das Material, Personal, etc.

Es war zwar immer mal wieder sehr anstrengend und risikoreiche oder belastende Entscheidungen mussten getroffen werden – aber wirklich gezweifelt habe ich eigentlich nie.

Du hast dennoch anfangs als Stylistin gearbeitet. Wie lange hat es gedauert, bis du deinen Job gekündigt hast?

Maiami hat sich sehr langsam aus einem Hobby und durch das Interesse und die Nachfrage entwickelt. Es gab also anfangs nicht den Plan, ein Label zu gründen und keine Existenzgründung oder ein Startkapital. Deswegen hat es bestimmt sechs Jahre gedauert, bis ich nicht mehr nebenher gearbeitet habe.

Im Grunde war es immer die positive Dynamik, die mich vorwärts getragen und Maiami hat weiterentwickeln lassen. Und dann kam der Moment, in dem ich bemerkt habe, dass ja ich eine Assistenz brauche, und ich nicht mehr die Zeit habe, irgendwo anders zu arbeiten. Das war dann der Moment, mich 300 Prozent meinem eigenen Label zu widmen. Sich erstmal eine Basis zu schaffen ist sicherlich hilfreich, aber auch, den richtigen Moment zu erkennen und dann aktiv die Entscheidung für das Eigene zu treffen.

Was war die größte Herausforderung bis jetzt?

Das Schwerste war vielleicht die Umsetzung bzw. die Skalierung der Produktion bei stark wachsenden, großen Stückzahlen der handgestrickten Designs in genormte Größen, Qualität und Passform. Sprich: Größen und Qualität in der Fertigung, Verarbeitung und Endverarbeitung/Konfektionierung müssen von jeder unserer Strickerinnen in allen Ländern und Produktionsstätten eingehalten werden und eben unseren vorgegebenen Normen und Qualitätsansprüchen entsprechen. Und das in bestimmten vorgegebenen saisonalen Auslieferungszeitfenstern, was in der Modebranche von absoluter Wichtigkeit ist. Dies ist bei einem handgemachten Produkt eine wirklich große Herausforderung.

 

Was ist das Schwerste daran, ein eigenes Label zu führen?

Der Spagat zwischen Kreativchef und der Geschäftsführung. Im Businessalltag müssen Entscheidungen schnell getroffen werden, der kreative Prozess jedoch braucht Zeit und Ruhe – also zwei komplett unterschiedliche Tempi, die ich balancieren muss.

Das hat gut funktioniert, inzwischen gibt es Maiami schon 15 Jahre und ihr wachst weiter.

Maiami wächst, weil wir ein besonderes Produkt haben, das durch sein Design, seine Qualität und Machart den Zeitgeist und einen Nerv bei den Menschen trifft. Ich war sehr früh mit dem Thema Handstrick und dann auch mit dem Thema Looseknit Mohair. Das war erst eine Nische und dann kam der ganz große Trend, und Maiami wurde und wird immer noch weltweit als Marke immer wieder neu entdeckt. Außerdem bleiben wir nie stehen, entwickeln uns sowohl im Design aber auch in internen Strukturen immer weiter. Das ist eine ganz wichtige Komponente.

Wichtig beim Wachsen ist:
1. Keine Kompromisse bei der Qualität machen
2. Nicht stehen bleiben, sondern mutig und visionär vorangehen, was manchmal auch heißt: unbequeme Entscheidungen treffen
3. Organisationsstrukturen, also ein Team und interne Abläufe, für Wachstum schaffen

In welchem Land kommen deine Entwürfe am besten an?

Zurzeit ist unser größter Markt die USA. Früher war es Japan. Italien ist und bleibt auch wichtig für uns. Dazu freuen wir uns aktuell über ein Wachstum in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Wie werden deine Kollektionen produziert?

Nach einem sehr intensiven Designprozess und dem Entstehen der Musterkollektionen für die Vertriebsagenturen und allen weiteren Salesvorbereitungen wie Shootings etc. werden die Kollektionen versendet, und wir können uns ein wenig sortieren, warten auf die Reaktionen und Aufträge der Kunden. Es ist unsere Zeit zum Durchatmen, Krafttanken oder auch um eben mal wieder zum Yoga zu gehen, hehe.

Nachdem wir von unseren Vertriebsagenturen und den Messen das Ordervolumen bekommen haben, wird die Produktion in unserem Studio organisiert, das Materialvolumen bestellt und Produktionsaufträge an die Strickerinnen und Manufakturen verteilt. Die produzierte Ware kommt in unser Studio zurück. Hier wird die Qualitätskontrolle, oftmals die Endverarbeitung und die komplette Vorbereitung zur Aussendung vorgenommen, um dann an unsere Kunden weltweit versendet zu werden.

Was den Herstellungsprozess angeht, produzieren wir fast ausschließlich auf Bestellung. Jedes einzelne Teil wird dann von Hand gefertigt, individuell und mit der Zeit, die es braucht. Jedes einzelne Teil ist trotz Designvorlage einzigartig und immer ein Unikat.

In einem Interview habe ich gelesen, dass dich Filme inspirieren, zum Beispiel hattest du dir beim Stricken der Kollektion für Herbst/Winter 2015 „Shining“ angeschaut.

Ja, tatsächlich ist es die Kombination. Ich liebe Filme und Serien und dabei etwas zu tun. Oder auch anders herum: Ich mag es gerne, wenn beim Stricken nebenher audiomäßig, aber auch visuell etwas passiert. Und was schon bei „Miami Vice“ anfing, hat sich dann durch Filme wie „Blow Up“, „Gorki Park“, „Love Story“ aber auch „Strawdogs“, „Twin Peaks“ und eben auch „Shining“ fortgesetzt.

Es gibt in „Shining“, zum Beispiel ganz konkret diesen tollen Raketenpulli, fantastische Norwegerpulli und allein der ganze Hotelstyle im Vintagelook – das alles kann sehr inspirierend für mich sein! Bei „Antonioni“, zum Beispiel in „Beruf Reporter“ oder in „Die Verachtung von Godart“ ist es die großartige Bildsprache im Allgemeinen, die mich inspiriert.

Die Muster strickst du zum Teil nach wie vor selbst. Wie wichtig ist es dir, dich aktiv in den Schaffungsprozess einzubringen?

Mir ist es sehr wichtig. Der Kollektionsentwurf und die Entwicklung tragen meine Handschrift. Es ist das, was mir nach wie vor immer noch am meisten Spaß macht. Dabei kann ich mich entfalten und meiner Kreativität freien Lauf lassen. Der kreative Prozess ist wahnsinnig intensiv für mich. Ich liebe es, die textile Fläche zu entwerfen, und brauche dazu den Prozess des Strickens. So entstehen Reihe für Reihe Flächen, die mit dem Stift oder digital, also dem Computer, nie entstanden wären.

Für die Kreation gehe ich in einen richtigen Tunnel, konzentriere mich nur noch auf das Entwickeln. Ich arbeite dann sehr gerne alleine, oft auch tagelang und ohne Pause. Für unser Design- und Werkstatt-Team ist das ebenfalls eine sehr intensive und spannende Zeit. Skizzen mit Farbkombinationen, auch Dopplungen und Varianten gebe ich gerne aus der Hand, um dann schon das nächste neue Thema zu entwickeln.

Jessies Lieblingsmodell gibts hier.

Wo werden die Pullover dann gestrickt?

Wir wollen nachhaltig arbeiten und begrenzen unsere Produktion deshalb bewusst auf Europa, etwa mit vielen einzelnen Strickerinnen in Berlin, Brandenburg, aber auch in Köln und Süddeutschland. Da es in Deutschland fast keine familienbetriebenen Handstrick-Manufakturen gibt, wird auch ein Teil der Produktion in Italien, Tschechien und Bulgarien gestrickt. Jeder Pullover, jede Strickjacke, jede Mütze oder jeder Schal wird jeweils von einer einzigen Person gefertigt, von der ersten Masche bis zum fertigen Produkt – das Gegenteil von Massenproduktion.

Woher stammt die Wolle, mit der ihr arbeitet?

Für unsere Garne gilt: Wir wollen nachhaltig arbeiten. Ein Großteil unserer Garne stammt von Lieferanten aus Deutschland oder der Schweiz, alternativ aus Italien oder Spanien. Die hohe Qualität unserer Ressourcen steht an erster Stelle, an zweiter die Farbauswahl.

Ihr versteht euch als nachhaltiges Unternehmen?

Ja, und leben das in vielen Aspekten aus. Wir müssen uns Nachhaltigkeit nicht auferlegen, sie ist uns und unserem Produkt immanent. Stricken an sich ist ja eine uralte Kulturtechnik, die ohne Strom auskommt. Handstrick benötigt keine Maschinen, es entsteht kaum Abfall. Auch die Geschäftswege innerhalb des Produktionsprozesses sind vergleichsweise kurz, da sie auf Europa beschränkt sind.

Beim Thema Garn ist uns wichtig, dass es nachhaltig ist, unter guten Bedingungen für Mensch und Tier hergestellt wird und einen langlebigen Charakter hat. Wir arbeiten mit allen Kooperationspartnern wie Lieferanten, Manufakturen etc. gemeinsam daran, dass wir und unsere Partner immer nachhaltiger werden und beispielsweise neue oder recycelte Rohstoffe verwenden.

Und natürlich geht es bei unserer Produktionsweise auch um die Menschen und einen nachhaltigen Umgang mit ihnen. Deswegen pflegen wir einen sehr persönlichen Kontakt zu allen unseren KooperationspartnerInnen und vor allem zu unseren Strickerinnen in Deutschland und den Manufakturen. Wir besuchen unsere europäischen PartnerInnen regelmäßig und überprüfen die Arbeitsbedingungen vor Ort. Wenn ein Produkt von Hand gemacht wird, dann spürt und sieht man das auch in seiner Qualität. Die ist für uns der beste Beweis, dass unsere Herangehensweise richtig ist und sich Nachhaltigkeit auszahlt. Sie macht unter anderem auch den Charme des Labels aus.

Könnest du dir vorstellen, über den Pullover hinaus weitere Produkte zu lancieren? Was sind deine Pläne für die nächsten Jahre?

Auf jeden Fall! Es gibt ja bereits unsere Interior-Linie, deren Produktpalette ich sehr gerne erweitern würde und für die ich vielleicht mal wieder eine Präsentation oder Kooperationen mit Shops planen möchte. Ideen sind da! Zurzeit widmen wir jedoch alle Kapazitäten unserer Hauptkollektion: Wir haben gerade zusätzlich eine Kaschmirkollektion entwickelt und planen Holiday- sowie „Pre Fall“- und „Spring Capsule“-Kollektionen weiterzuentwickeln. Außerdem spiele ich schon immer mit dem Gedanken an eine Kinder-Linie.

Lieben Dank für den spannenden Einblick!

Einige Modelle aus der neuen Kollektion:

Alle Bilder via PR

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