„Man darf keine Wälder abholzen“ – Zu Besuch im Atelier von Kentholz

Seit 2014 fertigt Stacey Kent Möbel aus recyceltem Holz

Fast hätte man das Schild übersehen: Grüne Blätter ranken sich um die Aufschrift Kentholz. In einem alten Berliner Gewerbegebiet im Ortsteil Niederschöneweide, schön an der Spree gelegen, vorbei an der Waldorfschule, liegt das Atelier des Interior-Labels.

Die Werkstatt ist so groß wie ein Ballsaal. Auf drei wuchtigen Tischen liegen riesige Holzplatten, die Decke ist mindestens fünf Meter hoch und aus grauem Beton, die Wände aus OSB-Platten. Es gibt keine Fenster, nur durch ein großes Tor schaut man auf die in der Mittagssonne glitzernden Terrazzo-Platten, durch die Kentholz in Berlin bekannt geworden ist.

Stacey Kent, der 30-jährige Gründer des Labels, scheint nicht so recht in diesen einschüchternden Raum zu passen. Hier erwartet man jemanden mit rauem Charme, er aber spricht leise und fragt höflich, was er mir zeigen darf. Stacey hat dunkle Augen, seine blonden Haare zu einem Zopf zusammengebunden und trägt an diesem Donnerstagvormittag einen kamelfarbenen Kapuzenpullover und Jeans.

Momentan läuft die Produktion diverser Einzelanfertigungen – unter anderem hat Jessie einen runden Esstisch in Auftrag gegeben. „Mein Kollege ist eigentlich Künstler. Er gießt diese Terrazzo-Platten von Hand aus Naturstein und Pigmenten direkt in den Beton hinein“, erklärt Stacey und tropft währenddessen Wasser auf einen dieser Tische, was in etwa so ist, als würde man einen Künstler beim Malen eines Gemäldes beobachten. Minutenlang streicht er über die verschiedenen Stellen und gleitet zufrieden über einzelne Steine. „Das ist das erste Mal, dass wir mit diesen Steinen arbeiten. Sie kommen aus Griechenland“, sagt er und tupft seine Finger erneut in die Wasserschale wie ein Maler seinen Pinsel in die Farbe. Im nächsten Moment läuft er weiter und tropft Wasser über einen pastellfarbenen Terrazzo. „Die heißt Index, weil sie so viele Farben hat. Wie das Inhaltsverzeichnis eines Buches.“ Circa 140 Kilogramm wiegt eine dieser Betonplatten.

Weiter geht es in die Werkstatt: Skizzen, Sägen, Holzbearbeitungsmaschinen, alles Originale aus den 60er Jahren von dem deutschen Traditionshaus Martin, die heute so nicht mehr produziert werden. Über einem großen Tisch hat sich Stacey ein kleines Atelier gebaut, hier verbringt er die meiste Zeit, um über neue Entwürfe nachzudenken. Allein über einen Stuhl denkt er gerne mal zwei Monate lang nach, um die perfekte Form zu finden.

Das Atelier, in dem Stacey heute arbeitet, ist der Ort einer kleinen Erfolgsgeschichte: Als er mit 21 aus seiner Heimatstadt Melbourne erstmals nach Berlin kam, wollte er nur kurz bleiben. Er lernte eine Frau kennen, verliebte sich, ging zurück nach Australien, um sein Studium zu beenden, und kam wieder. „Der Klassiker! Wir sind nicht mehr zusammen, aber ich bin geblieben“, lacht Stacey. Zuvor hatte er in Australien Wirtschaft mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit studiert und es war letztlich dieses Interesse, dass seinen Blick auf alte Bretter und Euro-Paletten lenkte.

„Ich kam zurück nach Berlin und wusste nicht wirklich, was ich machen soll. Also fing ich an, das Holz von der Straße zu sammeln und damit in meinem Hinterhof zu arbeiten.“ Er begann mit Stühlen, Hockern und kleineren Aufträgen. Die Nachfrage wuchs aber so stark, dass er schnell Unterstützung und eine eigene Werkstatt brauchte. Heute macht Stacey die Holzmöbel, sein Mitarbeiter und gleichzeitig bester Freund schweißt das Metallgestell und gießt die Terrazzoplatten. Zusammen ergeben sie tolle Einzelstücke, die so nicht viele in ihrem Zuhause haben.

Neben den drei Komponenten ist aber vor allem die Herkunft des Holzes das, was Kentholz besonders macht. „Ich arbeite mit einem Bauunternehmen zusammen, von der ich das alte Holz bekomme. Die Eiche kommt von einer Firma aus Österreich, die alte Hütten aus Sicherheits- oder ästhetischen Gründen, demontiert. Das Holz ist 500 bis 800 Jahre alt.“

Was seine Entwürfe auszeichnet, ist so simpel wie überraschend: Den Charakter der historischen Holzbretter, oft aus Eiche, lässt er möglichst bestehen. Zwar werden Späne glattgeschliffen und Holzschäden ausgeglichen, doch die im Laufe der Jahre verwitterte Holzstruktur und ihre natürliche Verfärbung bleiben erhalten. „Man kann altes Holz nachmachen, fälschen, aber es ist nie dasselbe wie echtes altes Holz.“

Stacey streicht über ein massives Brett, zeichnet ganz sanft über die Maserung und sagt im nächsten Moment: „Man darf keine Bäume fällen! Man muss das nicht tun, um einen schönen Tisch zu bekommen. Wir leben in einer Zeit, in der zu viele Menschen auf der Erde leben und durch das Fällen von Bäumen verlieren wir noch mehr Sauerstoff. Viele vergessen beim Kauf eines Holztisches, dass dafür nicht nur dieser eine Baum gefällt wurde, sondern ganze Lebensräume von Tieren vernichtet werden. Sie denken nicht daran, woher ihre Möbel kommen. Aber das sollten sie!“

Es überrascht, wenn ein Tischler so spricht. Aber es passt zu Stacey, der die Möbelwelt mit ihrer Abholzung und Massenproduktion insgesamt beunruhigt aber eher aus Distanz zu beobachten scheint. „Weißt du“, sagt Stacey, „ich möchte Möbelstücke schaffen, die nicht nur Jahre, sondern ganze Generationen überdauern. Man muss sich nur einmal einen schönen Tisch kaufen.“

Es ist diese Perspektive, die ihm ein besonderes Gespür verleiht für das, was die Menschen gerade wirklich bewegt. Denn in die Debatte über Flugscham, Nachhaltigkeit und Fast Fashion darf der Begriff von Möbelmassenproduktion nicht fehlen. Es gibt eine unfassbare Menge an Möbeln, die, wenn ich das mal so sagen darf, das Fast Food in der Einrichtung sind: billig gebaut, schnell gekauft – und im Zweifelsfall schnell auf dem Sperrmüll. Dafür werden viele Hektar von Wäldern abgeholzt.

Für seine Möbel verwendet Stacey nicht nur altes Holz, sondern nutzt auch die Reste für kleinere Elemente etwa Holzbretter oder Patchwork-Platten. „Wir streben nach einem Zero-Waste-Prinzip und möchten in Zukunft so umweltfreundlich wie möglich arbeiten.“ Diese Hingabe und Freude an der Sache spüren die Leute und das macht Kentholz auch so erfolgreich.

Und so passt ausgerechnet er doch sehr gut in die rustikale Werkstatt an der Spree – wie er da verlegen lächelnd auf seinem eigens gebauten Holzstuhl sitzt, zwischen den Terrazzotischen und Holzmöbeln, und sich über tiefe Maserungen im Tisch freut. Das Holz um ihn herum wird Stacey so schnell nicht langweilen, weil er weiß, wie wertvoll es ist.

Vielen lieben Dank für das schöne Interview und die nette Tour durch dein Atelier, lieber Stacey!

Mehr zu Kentholz hier.

Bild im Header via instagram/doitbutdoitnow

Von Alexandra

Schreiben sollte mir eigentlich leicht fallen, könnte man meinen, doch wenn es darum geht, etwas über mich selbst zu erzählen, bin ich – ja sagen wir mal – überfordert. Wo fange ich an? Vor eineinhalb Jahren habe ich bei Journelles als Praktikantin angefangen. Danach ging es weiter in die Moderedaktion vom Tagesspiegel und dann wieder zurück an die Uni. Nebenher habe ich hier als freie Autorin geschrieben und arbeite nun seit meinem Abschluss als Redakteurin bei Journelles.

Ich mag Mode und Beauty: Ich liebe neue Trends, gute Tipps und noch bessere Shoppingempfehlungen. Doch fast noch mehr mag ich es, Mode als Phänomen zu betrachten: Wieso gibt es diesen Trend? Woher kommt er? Welchen Einfluss hat die Politik oder Gesellschaft auf die Mode? Und umgekehrt!

Wenn ihr meine Texte lesen solltet: Dankeschön! Es gibt nichts Schöneres, als zu wissen, dass einige meine Artikel mögen. Und bitte seid gnädig mit mir, wenn ich Fehler mache. Ich lerne immer noch ... das wird sich wohl auch nie ändern ;-)

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Journelles ist das grösste unabhängige Mode-Blogazine in Deutschland und wurde 2012 von Jessie Weiß gegründet. Die 34-jährige Unternehmerin legte 2007 den Grundstein für die Modeblogosphäre mit dem Netz-Urgestein LesMads und arbeitet seither als Journalistin, Moderatorin und Kreativdirektorin.