Von bunten Erinnerungen und Freundschaft: Unsere Homestory mit Vanessa und Leonie von Nandi

Leonie und Vanessa sind in erster Linie Freundinnen. In zweiter Linie sind sie Geschäftsfrauen. Und zwar reisende Freundinnen und Geschäftsfrauen. Ferne Länder, deren Kultur und vor allem deren traditionellen Produkte sind das, was die beiden zusammengebracht hat – und was sie so schnell auch nicht mehr auseinander gehen lassen wird.

Vor knapp sechs Monaten eröffneten Leonie und Vanessa in Prenzlauer Berg ihren Concept Store Nandi. Davor gab es für ein paar Monate nur den Onlineshop, über den sie ihre bunten Körbe, Teppiche, Kissen und Accessoires aus Ländern wie Marokko, Mexiko oder Peru verkauften. Als sie dann von dem frei werdenden Laden in der Dunckerstraße hörten, handelten die beiden. „Den Laden zu eröffnen und aus dem Digitalen ins Analoge zu gehen, war die beste Entscheidung, die wir für Nandi hätten treffen können.“

Wir besuchen Vanessa in ihrem Zuhause in Kreuzberg, wo sie mit ihrem Freund lebt. Leonie, die zweite im Bunde, öffnet die Tür in einem bodenlangen Batik-Kleid.

Kennengelernt haben sich die beiden vor knapp neun Jahren als Praktikantinnen einer Berliner Modemesse. Leonie arbeitete damals noch im Marketing und Vanessa im Event-Bereich. „Meine erste Zentral- und Südamerikareise machte ich direkt nach dem Studium mit 22. Damals hatte ich mich von meinem Freund getrennt und wollte mich auf ein Abenteuer einlassen. Mein Vater hatte diese Reise auch schon gemacht und seitdem er mir als Kind seine Dias davon gezeigt hat, war für mich klar, dass ich das auch machen wollte.“

Vanessa kam wegen des Jobs ihres Vaters viel in der Welt rum. „Wir sind alle drei bis vier Jahre in ein anderes Land gezogen.“ Sie lebte mit ihrer Familie bereits in China, Mexiko, Spanien und Peru.

Als Halb-Peruanerin reiste sie allein einen Monat durch Peru und besuchte hoch in den Anden Frauen, die Frazadas (Decken) auf alten Webstühlen herstellen und „musste am Ende einfach ein paar von diesen wunderschönen Decken in meinem Koffer mit nach Berlin bringen.“

Zusammen waren die beiden schon in unterschiedlichen Ländern, aber vor allem zu Marokko und Peru haben sie eine besondere Verbindung. Schon von Beginn an brachten sie von ihren Reisen Mitbringsel für Freunde und Verwandte mit. Nach und nach wurde den beiden bewusst, wie gut die Produkte in Deutschland ankommen und überlegten sich, einen Onlinehandel zu eröffnen. „Wir hatten wenig Ahnung von Online-Marketing“, sagt Leonie, „ich komme noch aus der alten Offline-Schule. Am Anfang haben wir uns gedacht, dass wir einfach mal abwarten aber dann nahm alles seinen Lauf.“

Zunächst war der Plan, nur kurz im Job auszusetzen, um Zeit für Nandi zu haben und danach wieder einsteigen zu können. Das allerdings scheint für die beiden im Moment keine Option mehr zu sein. „Es macht uns so eine große Freude, unseren Kunden zu erklären, wo welches Produkt herkommt und die Geschichten dazu zu erzählen. Teilweise ist das auch eine Menge Aufklärungsarbeit. Beispielsweise bei unseren KashKash-Tontöpfen aus dem Iran, die unperfekt verarbeitet sind und genau so sein sollen, da verstehen viele nicht, warum das so ist.“ Bis die beiden zu den Expertinnen geworden sind, die sie jetzt sind, war es ein langer Weg. „Vor allem Marokko ist beim Einkauf immer noch das schwierigste Land für uns. Dort sind wir schon so oft über’s Ohr gezogen worden.“

Marokko ist ein Land, in dem es einem sehr schwer gemacht wird, direkt an die HandwerkerInnen heran zu kommen. „Man bekommt es oft nur mit Mittelmännern zu tun – denn Marokko ist immer noch ein stark von Männern regiertes Land.“ Gerade in Marrakesch finde man deshalb auf den Märkten nur wenig, das wirklich auch aus Marokko komme. „60 bis 70 Prozent kommen aus China oder sind von minderwertiger Qualität. Marokko ist wirklich eine harte Schule und wir lernen immer noch, sind aber schon viel weiter als am Anfang. Zu Beginn haben die Verkäufer uns dort alles erzählt, weil sie dachten, wir wären zwei junge Mädels, die keine Ahnung hätten und denen man falsche Materialien verkaufen kann. Das ist heute nicht mehr so.“

Inzwischen versuchen sich die beiden auch an eigenen Designs und experimentieren mit Farben, Stoffen und Mustern. Sollten sie nicht vor Ort sein, gehen die Ideen gehen via Mail oder Skype an die ProduzentInnen. Manchmal liefern diese aber auch sehr eigene Interpretationen davon: „Wenn wir sagen, dass wir gern pinkfarbene Tassels an einem Korb hätten, ist es oftmals schon vorgekommen, dass wir stattdessen schwarze bekommen haben. Die Handwerker sind da sehr eigen und setzen manchmal lieber ihre eigenen Ideen um. Oft sind wir nach mehreren Monaten Hin und Her immer noch nicht annähernd an dem Punkt, an dem wir ein eigenes Design so umgesetzt haben, wie wir es uns vorgestellt haben. Aber manchmal braucht das eben einfach Zeit. Wir arbeiten mit Menschen und nicht mit Maschinen.“

Den Großteil ihrer Produkte kaufen Vanessa und Leonie aber immer noch direkt in der traditionellen Fertigung. In den meisten Ländern korrespondieren sie direkt über WhatsApp mit den HandwerkerInnen, die ihre Produkte herstellen. In Kenia flechten mittlerweile insgesamt 200 Frauen die Körbe, die es bei Nandi zu kaufen gibt. Diese beziehen sie über eine Organisation, die es Frauen ermöglicht, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften

Der enge Kontakt zu den HandwerkerInnen ist beiden sehr wichtig: „Wenn sich die Frauen in Damaskus in Syrien nicht melden, ist das entweder, da sie temporär keinen Strom haben oder weil es wieder Bombenanschläge gegeben hat. Das so direkt mitzubekommen ist oft sehr hart.“

Wie ist es so als enge Freundinnen ein Geschäft zu führen?

Klar, dass das nicht jeden Tag einfach ist. Wir sind meist 24 Stunden in Kontakt, sei es im Laden oder unterwegs per SMS und auch wenn wir beide Zuhause sind, sind wir noch am kommunizieren. Das ist wirklich wie eine Beziehung. Zu Anfang haben wir sogar jeden einzelnen Instagram-Post abgestimmt. Das machen wir mittlerweile zum Glück nicht mehr. Vor allem in der Gründungsphase hatten wir manchmal mit der Doppelrolle „Freundin und Geschäftspartnerin“ zu kämpfen. Aber am Ende des Tages verfolgen wir mit Nandi natürlich beide dasselbe Ziel und sind dankbar, dass wir dies gemeinsam erleben und teilen können.

Wie oft seid ihr auf Reisen?

In Marokko sind wir tatsächlich am häufigsten, ungefähr alle drei Monate, weil wir dort noch am meisten überprüfen müssen. Sonst verreisen wir auch gern allein oder nur urlaubsmäßig. Wenn wir von diesen Reisen Produkte mit nach Hause bringen, kaufen wir mittlerweile alles zweimal, weil wir immer schon auf dem Markt wissen, dass die andere das ganz bestimmt auch haben möchte.

Wo holt ihr euch Inspiration?

Im Alltag am meisten auf Pinterest oder Instagram. Ansonsten mögen wir unglaublich gerne Bücher über Textilien und Trachten aus Guatemala, Mexiko oder Afghanistan. Wir interessieren uns beide für Mode genauso wie Interior – eigentlich logisch, weil in beiden Bereichen mit Textilien gearbeitet wird.

Wie würdet ihr euren Einrichtungsstil beschreiben?

Sehr zeitlos und sehr gemütlich. Gerade das hat uns im Interior-Bereich immer gefehlt. Wir richten uns beide genauso ein, wie es uns gefällt, ohne uns an Trends oder anderen Vorgaben zu orientieren. Bei Nandi gibt es ja auch keine Kollektionen. Das Sortiment entwickelt sich organisch weiter. Beispielsweise diese Schuhe aus Palmenblättern, welche bei unseren Kunden für sehr viel Begeisterung sorgen. Die sind einfach zeitlos. Oder auch eines der Lieblingsprodukte unserer Kunden: Kissen und Teppiche aus Cactus SilkLustig ist auch, dass wir vor der Ladeneröffnung dachten, dass unsere Zielgruppe so in unserem Alter um die Mitte 20 ist – aber Pustekuchen. Unsere Kundinnen sind eher Mitte 30 bis 60 und wissen unsere Produkte sehr zu schätzen, was uns wirklich freut.

In Vanessas Wohnung finden sich überall Andenken und Mitbringsel von Reisen. Hier baumelt ein wunderschönes, traditionelles Kleid aus Mexiko über dem Schreibtischstuhl, da liegt eine marokkanische Decke aus Kaktusseide, die Flechtkörbe kommen aus Kenia, Fächer aus Bali und der Bettüberwurf kommt aus Peru.

Pulsierendes Leben, Tradition, bunte Kulturen und Erinnerungen finden so Platz in einer einzigen Dreizimmerwohnung. Man merkt, dass die beiden Freundinnen ihren Laden mit Leidenschaft führen. „Momentan können wir uns noch nicht vorstellen, Angestellte zu beschäftigen. Dafür erzählen wir unsere und die Geschichten der HandwerkerInnen einfach viel zu gern.“

Danke liebe Vanessa und liebe Leonie!

Fotos: Julia Novy

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