4 Kommentare von Designern und Mode-Experten zum (Nicht-) Umzug der Berlin Fashion Week

Die Nachricht über den Umzug der Modemessen von Berlin nach Frankfurt am Main kam letzte Woche sehr plötzlich (hier geht es zum Interview mit Anita Tillmann von der Premium). Ist die Banken-Metropole wirklich so kreativ? Und was passiert jetzt in Berlin – vor allem mit den hier ansässigen Labels?

Licht ins Dunkle bringen unsere Interviews mit direkt oder indirekt beteiligten Branchenexperten. Wir sprechen mit den Modedesignern William Fan und Ewelina Smarz über persönliche Einschätzungen und haben einen aufschlussreichen Bericht zur Lage der (modischen) Nation von Nowadays-Gründer Marcus Kurz sowie dem AMD-Dozenten Prof.Dr.Ingo Rollwagen erhalten.

 

 

Marcus Kurz, Geschäftsführer der Kreativagentur NOWADAYS und Veranstalter der Mercedes-Benz Fashion Week

Als Veranstalter der MBFW liegt unser Fokus auf der Inszenierung von Modenschauen und Präsentationen von Marken und Designern aus dem Premium- und Luxus-Segment. Mit der MBFW orientieren wir uns am internationalen Schauenkalender der Fashion Weeks Paris, London und New York. Mit dem Umzug der Modemessen haben wir künftig die Möglichkeit, noch stärker auf Bedürfnisse unserer Labels einzugehen. So zum Beispiel auch beim zeitlichen Rahmen im Sommer, da wir nun die Option haben nicht parallel zur Pariser Modewoche der Haute Couture stattzufinden. 

Für den Modestandort Berlin heißt das: Die Stadt bleibt weiterhin Austragungsort für mediale Inszenierungen und Vermarktungskonzepte im Rahmen von Modenschauen und Präsentationen. Berlin werden jetzt ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Die Modehauptstadt ist und bleibt in unseren Augen Kreativ-Pool und Magnet für Unternehmen oder Veranstaltungskonzepte wie die About You Fashion Week. Auch diese zieht es erneut ab Januar 2021 zweimal pro Jahr von der Hansestadt zur Modewoche nach Berlin.

Credit: Ralph Mecke. 

Wenn wir also von einer Konkurrenz mit Mailand und Paris sprechen, dann sollten wir nicht nur auf eine Fashion Week oder andere Veranstaltungen im Einzelnen schauen, sondern von dem kreativen Potenzial Deutschlands im Allgemeinen sprechen. Den ständigen Vergleich zwischen Metropolen mit dem deutschen Markt schätze ich mittlerweile als etwas überflüssig ein, auch wenn es international sicherlich etwas verwundert aufgenommen wird, dass sich er deutsche Modemarkt jetzt weiter fragmentiert und von nun an mit zwei Fashion Weeks vertreten sein wird.

Wir konzentrieren uns daher noch gezielter sowohl auf High Fashion Labels aus dem deutschsprachigen Raum als auch der Förderung von Nachwuchstalenten – einem Mix aus Laufstegpräsentationen und Installationskonzepten sowie der Einbeziehung der modeinteressierten Öffentlichkeit. Darüber hinaus widmen wir uns gezielt zukunftsrelevanten Themen wie Nachhaltigkeit, Fashion Technology und Digitalisierung. Wir denken beispielsweise an eine ganzjährige, digitale Verlängerung, wodurch die MBFW über die eigentliche Fashion Week hinweg online erhalten und abrufbar bleiben würde.

Die Modehauptstadt ist und bleibt in unseren Augen Kreativ-Pool und Magnet für Unternehmen oder Veranstaltungskonzepte wie die About You Fashion Week

Was den durch Covid-19 hervorgerufenen Diskurs bezüglich des saisonalen Kalenders anbelangt, so sehe ich hier einen großen Bedarf in ausgefeilten Konzepten. Eine Öffnung der Formate für Öffentlichkeit und Konsumenten erscheint uns als absolut notwendig und zeitgemäß. Uns ist wichtig, Menschen zum gemeinsamen Austausch zusammenzubringen. Als Kreativagentur und Veranstalter beobachten wir sehr genau den gesellschaftlichen Wandel und die daraus resultierenden Bedürfnisse von Unternehmen. Berlin war schon immer Vorreiter für derart neue Konzepte. Das kommt nicht von ungefähr, denn Impulse geben nun mal die kreativen Köpfe. So lange diese Menschen weiterhin in Berlin ansässig sind und arbeiten, sehe ich kein Risiko.

Ewelina Smarz, Gründerin von evyinit

Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass Veränderungen im Leben passieren. Ob sie gut oder schlecht sind, muss jeder subjektiv für sich beurteilen – dies sollte allerdings nicht schon vorab passieren. Mir ist es wichtig, dass wir als deutsche Modebranche offen bleiben, Veränderungen annehmen und sie nicht vorab be- oder verurteilen. Wir werden im Laufe der Zeit sehen, was der Umzug für uns bedeuten wird, auch wenn es schade ist, weil Berlin bisher der Modestandort Deutschlands war.

Die Hinzunahme Frankfurts als zusätzlichen Messestandort sollte man für Berlin aber eher als Chance sehen, eingefahrene Strukturen aufzubrechen und offen für Veränderungen zu sein. Das Eine schließt das Andere nicht aus: Berlin könnte weiterhin mit der Mercedes Benz Fashion Week, der kreative Modestandort Deutschlands sein, mit dem Fokus auf den Designern und ihren Fashion Shows. Frankfurt hingegen wird mit den Messen dann zukünftig sicher Zentrum der Industrie sein. Berlin ist was fürs Herz und Frankfurt halt eher für die Brieftasche.

Credit: Ewelina Smarz von Ava Pivot.

Ich selbst habe 1,5 Jahre in Frankfurt gewohnt. Frankfurt ist eine finanzstarke Stadt. Viele namhafte Stores sind dort ansässig. Ich vermute, dass Premium, Neonyte etc. in Frankfurt wesentlich größer sein werden als in Berlin. Einerseits wird das mehr nationale und internationale Einkäufer mit sich bringen, die Konkurrenz wird dadurch natürlich aber auch größer, Standmieten teurer. Das wird besonders für kleinere oder Newcomer-Labels zum Problem.

Für kleiner gerade in Berlin ansässigen Designer wird es eventuell bedeutet, dass sie sich der Welt werden öffnen müssen und über den Berliner Tellerrand hinausschauen müssen, wenn sie erfolgreich bleiben möchten. Könnte sein, dass darin eine neue Challenge entsteht. Für mein Label wird sich allerdings nichts verändern, weil ich meine Aufträge überall nur nicht in Berlin geschrieben habe. Viele meiner Einkäufer waren nie auf der Messe in Berlin und hatten auch nie das Bedürfnis der Messe wegen nach Berlin zu kommen. Wir waren die letzten acht Jahre international präsent – ich denke, das ist das Geheimnis, warum unsere Aufträge zunehmen und nicht abnehmen.

Ich denke, dass auch das bisherige Konzept der Premium als Leitmesse nochmal neu gedacht werden muss, damit es für alle attraktiv bleibt. Gerade zum Thema Hygienemaßnahmen müssen sich die Messeorganisatoren selbst erst einmal Gedanken machen – eine solche Situation ist für alle neu.

Ich habe aber leider die Befürchtung, dass das Thema Messe für die Branche in Zukunft an Relevanz verliert. Stichwort Digitalisierung: AI, Digital Fashion und digitale Showrooms werden Mode zukünftig vom Laptop zuhause erlebbar machen. Der Aspekt der Nachhaltigkeit ist mittlerweile zum Glück immer wichtiger. Fast Fashion, zu Lasten der Natur und unser aller Ressourcen, wird nicht nur branchenintern sondern auch in der Öffentlichkeit, immer mehr angeprangert und das ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Berlin ist was fürs Herz und Frankfurt halt eher für die Brieftasche.

William Fan, Modedesigner

In Deutschland gibt es viele Standorte, die wirtschaftlich und kulturell relevant sind. Berlin ist für mich weiterhin die Metropole mit der größten Freiheit und ist geprägt von einer einzigartigen kulturellen Vielfalt. Deshalb glaube ich fest daran, dass es hier weitergehen wird. Für uns ist die Stadt nach wie vor der richtige Ort, um Mode zu machen und mit dem Atelier sowie dem Store ansässig zu sein.

Durch Covid-19 ist sowieso eine globale Frage entstanden, wie sich der Modezyklus an die jetzige Zeit anpassen wird. Der Schwerpunkt liegt jetzt auf anderen Werten. Ich finde, dass sich jede Designerin und jeder Designer fragen sollte, wie sie oder er zu seinen Kunden und der eigenen Community kommunizieren möchte. Die Lösung werden individuelle Wege sein. Berlin sollte für die nächsten Generationen weiterhin eine Bühne für starke kreative Arbeiten bieten. Es ist auch unsere Aufgabe, diese Plattform weiterhin anzuregen und das kommende Netzwerk mit einzubinden.

Ich glaube, dass sich jetzt eine ganz eigene Szene etablieren wird und sich ganz genau zeigt, wer bereit ist für eine neue Ära. Berlin hat eine Chance eine neue Phase einzuleiten, die sich mit aufstrebenden Talenten auseinandersetzt und hoffentlich Raum schaffen wird für Neues.

Credit: Detlef Eden 

Prof. Dr. Ingo Rollwagen, Professor für General Management an der Akademie Mode & Design Berlin

Credit: Die Hoffotografen Berlin. 

Für die deutsche Modebranche bedeutet der Umzug der Modemessen ein Signal, das Impulse für einen Neustart setzt. Insbesondere vor dem Hintergrund zurückgehender Reisetätigkeiten und wachsendem Nachhaltigkeitsbewusstsein der Modebranche war es an der Zeit, das Konzept der beiden Messen im Zuge der Digitalisierung grundsätzlich zu überdenken. Dabei muss man sich vor Augen führen, dass es in Zukunft nicht nur um klassische Modeevents, Laufstegpräsentationen oder Messen geht, sondern auch die Positionierung in Sozialen Netzwerken immer wichtiger wird.

Digitalisierung, Augmented Reality-Technolgien oder Künstliche Intelligenz werden eine Rolle spielen, indem beim Design nicht nur ästhetische sondern ebenfalls wirtschaftliche Parameter, wie der ökologischen Fußabdruck der Kleidung, mit einbezogen werden. Da man den genauen Verlauf der Zukunft aber nie wissen kann, lässt sich dieser mithilfe sogenannter Zukunftsszenarien bildlich vorwegnehmen. Für die Einschätzung der deutschen Modebranche sind zunächst drei entscheidenen Fragen zu klären: Wird die Mode- und Kreativbranche im Zuge der Digitalisierung und dem Leben nach Corona wachsen oder nicht? Wer profitiert von einem eventuellen Wachstum und wer verliert? Wie wichtig werden bei einem Ausbau von virtueller Events eigentliche Standorten noch Bedeutung haben?

Drei mögliche Szenarien:

  1. Frankfurt schafft es – auf Kosten von Berlin – mit seiner Fashion Week und neuen digitalen Formaten und Events noch mehr Besucher anzuziehen.
  2. Weder Frankfurt noch Berlin schaffen es, Messen und vor allem örtlich gebundene Veranstaltung durchzusetzen. Durch das Leben mit Corona verlagert sich die Modebranche zunehmend in den digitalen Bereich. Deutschland wird vor allem von neuen Fashion Weeks und Messen aus China und Südostasien überrannt.
  3. Sowohl Berlin als auch Frankfurt schaffen es sich mit eigenen, differenzierenden Eventformaten zu etablieren. Es findet eine allgemeine internationale Aufwertung der deutschen Modewirtschaft statt.

Die deutsche Mode- und Kreativbranche steht also vor vielen neuen Herausforderungen. Neben Digitalisierung, Nachhaltigkeitsdruck und den Veränderungen durch COVID-19 werden sich besonders asiatische Metropolen deutlicher als Konkurrenz darstellen. Standorte wie Shanghai gewinnen an Bedeutung und können schon jetzt die  weiter vorangeschrittene Digitalisierung und die Plattformen in China nutzen. Formate wie Livestreaming werden in Europa gerade erst entdeckt. 

Es wird sich zeigen inwieweit die ganz neuen Möglichkeiten in Frankfurt und Berlin genutzt werden. Gerade die Zusammenarbeit und Integration von Technik wird gegenüber der internationalen Konkurrenz entscheidend sein. In der Vergangenheit wurde in Berlin unter anderem die Fashion Tech Konferenz im Zuge der Fashion Week integriert. Das war aber erst der Anfang! 

Neben Digitalisierung, Nachhaltigkeitsdruck und den Veränderungen durch COVID-19 werden sich besonders asiatische Metropolen deutlicher als Konkurrenz darstellen.

Hard Facts:

Berlin bleibt weiterhin kreativer Hot Spot der Modeszene, muss sich aber mit digitalen Formaten und Events neu erfinden. Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Fashion Technology müssen gegenüber der internationalen Konkurrenz deutlich bespielt werden.

Frankfurt bietet vor allem wirtschaftliche Standortfaktoren als Austragungsort für Messen. Es muss darauf geachtet werden, dass mit einer Zweiteilung in Messen und MBFW keine innerdeutsche Konkurrenz entsteht, die das Bild des deutschen Modemarktes nach außen hin schwächt. Stattdessen müssen sich Frankfurt Fashion Week und MBFW harmonisch ergänzen und zueinander differenzieren.

Fragen und Umsetzung von Sarah Luisa Kuhlewind. 

Kommentare

  1. Ich finde es schade, dass die Digitalisierung fast aller künstlerischer Bereiche momentan häufig als der einzige Weg wahrgenommen wird, in Zukunft weiter bestehen und sich global behaupten zu können. Wäre es nicht erstrebenswert, gerade jetzt ein bewusstes Signal für das Hier und Jetzt, für das physisch Erlebbare und für den Reiz des nicht rund um die Uhr Verfügbaren zu setzen? Bitte nicht falsch verstehen, ich bin weder Globalisierungs- noch Digitalisierungsgegnerin. Ich finde nur, dass das alles gerade ein bisschen schnell geht und fürchte, dass uns der Versuch, der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit Schritt zu halten und sowohl in der virtuellen – als auch der realen Welt gleichzeitig präsent zu sein, mittelfristig sehr unzufrieden und vielleicht auch krank machen wird. Meiner Meinung nach braucht die Gesellschaft dringend einen Gegenpol und den erhoffe ich mir in der Kunst.

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