Power-Periode: Kristel de Groot revolutioniert den Diskurs um den weiblichen Menstruationszyklus

Eigentlich wissen wir alle, dass Frauen regelmäßig menstruieren. Und doch, da brauchen wir uns nichts vormachen, bleibt es für viele ein Tabuthema. Dass die meisten vor und während dieser Zeit mit unterschiedlich starken Symptomen zu kämpfen haben, darüber spricht man nicht. Frauen müssen funktionieren, im Alltag und im Berufsleben. Um einen offeneren Umgang mit dem weiblichen Zyklus voranzutreiben, hat Kristel de Groot, Mitbegründerin von Your Super, in ihrem Start-up jüngst die sogenannten „Moon Days“ eingeführt. Worum es dabei geht und was das Ganze mit „Female Empowerment“ zu tun hat, darüber habe ich mich mit ihr und Co-Founder Michael Küch bei unserem Treffen im Soho House vergangene Woche unterhalten.

Kristel de Groot

Was bedeutet es, eine Powerfrau zu sein? Als Co-Founder und CMO von Your Super, einem Superfood Start-up spezialisiert auf pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel, verkörpert die Holländerin Kristel de Groot (29) den Prototyp einer neuen Generation junger Gründerinnen. Sie ist schlank, groß und strahlt, als hätte sie die Sonne aus Los Angeles zu unserem Treffen gleich mitgebracht. Neben Berlin befindet sich dort nämlich der Zweitsitz der Firma, die sie 2015 mit ihrem Partner, Michael Küch (29), im Zuge seiner Krebserkrankung gegründet hat. Kurze Zeit später trifft auch er ein und wir nehmen an einem Tisch im The Store, einer kleinen Shopping-Institution im Berliner Soho House, gemeinsam Platz. 

Die beiden wirken sympathisch und äußerst herzlich während unseres Gespräches. De Groot trinkt einen Ingwer-Zitronen-Tee, Küch einen Green Smoothie. Klischee? Könnte man meinen angesichts des Unternehmens, das die beiden in den letzten fünf Jahren aufgebaut haben. Im Fokus von Your Super steht in erster Linie ein gesunder Lifestyle. „Unsere Produkte sind eine reine Ergänzung, kein Heilmittel“, erklärt de Groot, die mit ihren blonden, natürlich gewellten Haaren und dem leicht gebräunten Sommerteint am heutigen Tag das pure Glück ausstrahlt.

Frauen sind allgemein gut darin, über die Grenzen ihrer körperlichen und mentalen Bedürfnisse hinauszugehen – ganz egal in welcher Situation. Was im Inneren wirklich los ist, sieht man uns oft nicht an. Kein Wunder, schließlich mussten wir jahrzehntelang für unsere Rolle in der Gesellschaft kämpfen. Starke Statements und Parolen von ‘Together we are better’ bis hin zu ‘We should all be feminists’ werden immer mehr Teil der westlichen Wertekultur.

Die Entwicklung ist gut, keine Frage, aber ein Ereignis machte de Groot vor kurzem nachdenklich. Bei einer wichtigen Vorstandssitzung hatte sie so starke Regelschmerzen, dass sie Bedenken hatte, die dreistündige Präsentation zu überstehen. Am Ende verlief alles nach Plan, man war mit ihrer Performance sehr zufrieden. Dennoch fragte sie sich anschließend: „Wieso habe ich mich in dem Moment so schwach gefühlt, obwohl meine Wirkung nach außen offenbar sehr überzeugend war? Und wenn wir von Frauenpower sprechen, sollten wir dann nicht auch Frauen Frauen sein lassen? Mit allem was dazu gehört – auch der Periode? Sind wir wirklich gleichberechtigt, während wir unsere weiblichen Rhythmen unterdrücken, verbergen und nicht auf sie hören?“ 

Die meisten Frauen sind zu Bescheidenheit erzogen worden. Viele sprechen nicht einmal mit ihren engsten Freundinnen über das, was eigentlich völlig normal sein sollte: den weiblichen Menstruationszyklus und wie sie damit umgehen. Es wird im Gegenteil viel zu häufig stigmatisiert. „In Ländern wie Indien, wo wir einen Großteil unserer Zutaten beziehen, ist es sogar noch viel schlimmer“, erzählt mir de Groot. „Die Periode ist dort nach wie vor ein großes Tabuthema.“

Man kann die Welt nicht in einem Tag retten, aber kleine Schritte bringen uns bekanntlich voran. Nach der Präsentation für ihr eigenes Unternehmen traf de Groot gemeinsam mit Küch die Entscheidung, die Frauen in ihrem Unternehmen in ihrer Weiblichkeit fortan mehr zu unterstützen. „Kostenlos Tampons und Binden anzubieten reicht einfach nicht aus“, fährt sie fort. Stattdessen lancierte Your Super die sogenannte Moon Day Policy*. Die neue Firmenpolitik erlaubt Mitarbeiterinnen auf ihren Rhythmus zu hören und frei zu entscheiden, wieviel sie sich und ihrem Körper während ihrer Periode zumuten möchten. „Das ist ein „whatever-you-can-do-day“, sagt Küch. Sie können also wahlweise ins Büro kommen, aber auch von Zuhause arbeiten oder sich den Tag ganz frei nehmen. Ich frage, was die männlichen Kollegen dazu gesagt haben? „Natürlich wollten sie direkt wissen, ob ihnen ähnliche Privilegien zustehen“, antwortet Küch. „Das wäre absurd. Schließlich bekommen Männer keine Periode“, fährt de Groot fort. 

Im Mittelpunkt der Moon Day Policy steht eine offene Kommunikation, um Verständnis zu schaffen. Das, so haben die Gründer festgestellt, sei die größte Herausforderung in ihrem und anderen Unternehmen. Den meisten sei gar nicht bewusst, dass die Tage für manche Frauen ein echtes Problem darstellen. „Die Arbeitswelt, wie wir sie heute kennen, wurde im Grunde von Männern gestaltet“, erklärt de Groot. Ihrer Meinung nach fehle deshalb in vielen Firmen das nötige Bewusstsein, um entsprechend Einfluss auf die Unternehmenskultur und die Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen zu nehmen. 

Bei Your Super wird viel Wert auf ein positives Miteinander gelegt. „Bei uns arbeiten zum Großteil Frauen“, sagt Küch, der offen zugibt, selbst kaum über den weiblichen Menstruationszyklus Bescheid zu wissen. Mittlerweile habe er jedoch einen Newsletter abonniert, der ihn regelmäßig über den Gemütszustand bzw. die Moon Days seiner Partnerin informiert. „Das hilft mir, sie besser zu verstehen und dementsprechend zu reagieren“, sagt er. 

Und genau das ist der Punkt: Empathie! Auch das hat mit Female Empowerment zu tun. Denn machen wir uns nichts vor, die Förderung von Frauen ist bis heute mehr Wunsch als Wirklichkeit. Das liegt vor allem an der Definition. „Unterschiede zu zelebrieren und verletzlich sein“, wie de Groot betont, sind essentiell, wenn es darum geht, das Bild der modernen Powerfrau zu wandeln. „Unser Ziel war es immer, ein Unternehmen zu gründen, für das wir beide selbst gerne arbeiten wollen würden“, sagt Küch. „Außerdem glaube ich, dass jeder Mensch etwas Positives in der Welt bewirken will.“ 

Your Super ist deshalb auch eine sogenannte Benefit Corporation (B-Corporation), eine seit 2010 in den USA eingeführte Unternehmensform, die Auswirkungen von Entscheidungen im Interesse des Gemeinwohls berücksichtigt. „Wir verstehen unser Business als ein mächtiges Tool, um positive Veränderungen zu schaffen“, sagt Küch. „Es muss noch sehr viel passieren, aber Maßnahmen wie unsere Moon Day Policy sind entstanden, weil die Stärkung der Gemeinschaft, sowohl intern als auch extern, bei Your Super groß geschrieben wird“, ergänzt de Groot. 

„Niemand kann diese Probleme alleine lösen“, sagt sie. Ganz nach dem Motto: ‘We are all in it together’ hat das Unternehmen zudem eine Initiative gegründet, die Frauen Führungs-Coaching anbietet. „Die Idee von Female Empowerment umgibt definitiv das Stigma, Probleme alleine lösen zu müssen. Frauen denken: Wir müssen stark sein und bekommen es im Notfall auch alleine hin.“ Dabei wäre es doch viel besser, sich gegenseitig zu unterstützen, auszutauschen und voneinander zu lernen, entgegne ich. 

Mit dem Projekt ‘Ready, Set, Sprout’ greift Your Super diesen Gedanken nun auf. Mitarbeiterinnen von Your Super haben die Möglichkeit mit einem persönlichen Coach zusammenzuarbeiten. „Frauen zweifeln so viel mehr an sich selbst als ihre männlichen Counterparts, das merken wir vor allem bei Vorstellungsgesprächen“, sagt de Groot. „Wir möchten ihnen vermitteln: Glaube an deine Träume und an dich selbst. Nur so können wir gemeinsam Berge versetzen und die Zukunft für uns Frauen Schritt für Schritt ein kleines bisschen besser machen.“

Die Moon Day Policy von Your Super:

Die Moon Day Policy erlaubt weiblichen Mitarbeitern auf ihren Rhythmus zu hören

Die Moon Days ermöglichen weiblichen Mitarbeitern, während der Menstruation im Homeoffice arbeiten oder den Tag ganz frei nehmen können, um dem Bedürfnis nach mehr Ruhe und Rückzug nachgehen zu können.

Offene Kommunikation schafft Verständnis

Your Super ist ein junges und innovatives Unternehmen und so waren Kristel und Michael sehr überrascht, als sie ihr Führungsteam in die Moon Day Policy einweihten und in viele peinlich berührte Gesichter blickten. Die Gründer sahen dies als eine großartige Gelegenheit, eine klare Kommunikation vorzuleben. Kristel sprach offen über ihre eigenen PMS-Erfahrungen, erzählte, welche Fragen und Bedenken auch viele ihrer Kunden bezüglich des Zyklus hatten und bot einen neutralen Ort an, um alle offenen Fragen zu stellen – auch vermeintlich peinliche. Die Frauen im Team haben seither über einen tieferen Dialog und ein tieferes Verständnis der männlichen Teamkollegen zu diesem Thema berichtet.

Bio-Tampons für alle Mitarbeiterinnen

In allen Büro-Badezimmern bietet Your Super seinen Mitarbeiterinnen kostenfrei chemiefreie Menstruationsprodukte an. „Wir sagen unseren Kunden immer: Lest die Etiketten, wenn ihr es nicht aussprechen könnt, esst es nicht. Aber nicht allen unserer Mitarbeiter ist es in den Sinn gekommen, dass dies auch auf Menstruationsprodukte ausgedehnt werden sollte, die wir Monat für Monat und insgesamt ca. 3.000 Mal im Leben nutzen“, so Kristel de Groot.

Übrigens: Auf der Webseite von Your Super findet ihr nicht nur alle Produkte, sondern auch jede Menge leckere Rezepte für Smoothies, Salate & Co. – lasst euch inspirieren!

Bilder von Your Super via Stilgeflüster PR

Interview und Umsetzung von Katharina Hogenkamp.

Kommentare

  1. Groß – schlank? Wow, nicht dass es mich interessiert wie jemand aussieht die erfolgreiches Business macht aber das auch noch als Prototyp für erfolgreiche Entrepreneurinnen zu beschreiben schießt den Vogel ab.

  2. Ich finde den moon Day eine Superidee und es ist sehr beachtlich, was die beiden sich aufgebaut haben. Allerdings finde ich Attribute wie schlank, braungebrannt und wellige Haare nicht unbedingt entscheidend für Start-up Unternehmer*innen. Denn für mich zählen dort mehr Attribute wie: ideenreich, kreativ, pragmatisch, freundlich…
    Das nur am Rande bemerkt.
    Ansonsten: ein sehr schöner Post.
    Viele Grüße
    Nicole

  3. Schöner Artikel, der sich mit einem sehr intimen Thema jeder Frau befasst.
    Sie sind ein Beispiel für eine Unternehmerin, herzlichen Glückwunsch zur Stärke aller Frauen.

  4. Super Artikel. Bei aller Offenheit über Sexualität, ist der Zyklus der Frau und die damit verbundenen Befindlichkeiten noch immer bei vielen Männern nicht realisiert. Sie können somit auch nicht nachvollziehen, wie es uns geht. Dies begleitet Frauen bis und über die Wechseljahre hinaus und führt oft dazu, dass wir uns irgendwie ungenügend fühlen. In meiner 1961 Generation wurde das Thema Menstruation von meiner Mutter noch als ein Geheimnis deklariert und sollte vor dem Mann möglichst versteckt werden. Es war dadurch mit einem hohen Schamfaktor besetzt. Ich habe dann versucht, das Thema mit meiner Tochter und meinem Sohn offener zu leben. Allerdings ist es auch heute eher ein Thema, über das schon in der Pubertät nicht gerne gesprochen wird. Es besteht daher noch ein großer Bedarf an Aufklärungsarbeit. Marion

  5. Schöne Idee! Ich leide fast jeden Monat unter PMS und starken Periodenschmerzen. Leider schränkt mich das tatsächlich oft in meinem
    Arbeitsalltag ein, da ich viel weniger leistungsfähig bin. Es hilft dann natürlich wenn man sich etwas zurückziehen kann. Das ist aber im Berufsalltag nicht immer realisierbar. Aber vielleicht muss man dann auch einfach konsequenter sein, sich tatsächlich ausruhen, zurückziehen, und es ansprechen. Bei engen Kolleginnen treffe ich auf Mitgefühl und Verständnis, aber es gibt auch oft den Kommentar „na dann nimm doch einfach Hormone, dann funktionierst du wenigstens“. Das ist natürlich sehr stark pauschalisiert, dass Hormone helfen könnten. Und ich frage mich zudem immer wieder, dass es doch einen Grund haben muss, dass mein Körper einmal im Monat weniger leistungsfähig ist und dass ich das nicht mit Hormonen stumpf ausschalte.

    Ich hatte zudem auch schon die Erfahrung gemacht, dass ich bei der Arbeit plötzlich sehr starke Periodenschmerzen hatte. So stark, dass mir übel wurde und ich fast ohnmächtig wurde. Zu dem Zeitpunkt stand ich in der Schlange in der Kantine. Zum Glück konnte ich mein Essen schnappen und mich zügig hinsetzen, was mir in diesem Moment erstmal half. Essen konnte ich aber nichts. Und meine Essens-Begleitung hat mich nur mit großen Augen angeschaut und desillusioniert verarbeitet, dass ich gerade ganz schlimme Schmerzen habe aufgrund dessen dass ich meine Periode habe und ich auch noch darüber spreche. Das hat mir wieder gezeigt, dass es einfach immer noch ein Tabu Thema ist. Dabei hat doch die Hälfte der Weltbevölkerung ihre Periode .. das geht einfach nicht in meine Kopf rein, dass es so ein Tabu Thema ist.

    • katharina sagte am

      Liebe Birthe,

      vielen lieben Dank für deinen ehrlichen und ausführlichen Kommentar!
      Dass wir Frauen oft „funktionieren“ müssen, ist genau das Problem ebenso wie die fehlende Unterstützung bzw. das Verständnis unter Frauen.
      Female Empowerment sollte bedeuteten, Frauen wieder Frauen sein zu lassen, statt anderen etwas beweisen zu müssen.

      LG,
      Katharina

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