„Medien und Journalismus befinden sich ohnehin im starken Wandel“ – Susann und Nora von Edition F über ihren Achterbahn-Podcast

Es ist schon verrückt, wie schnell Podcasts innerhalb einer kurzen Zeitspanne so erfolgreich geworden sind. Noch vor ein paar Jahren war die Podcast-Kultur in Deutschland eine von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Nischenangelegenheit; heute dagegen schalten viele anstelle der eigenen Spotify-Playlist (laut einer Bitkom-Studie knapp jeder Fünfte hierzulande) ganz selbstverständlich Podcasts an und erfreuen sich an einer kostenlosen Unterrichtsstunde über das Leben. Über Smartphones begleiten sie die Hörer auf der Fahrt zur Uni und zum Job, am Kochherd, auf dem Laufband oder ins Bett zum Einschlafen. Die Themen sind inzwischen so vielfältig, dass man sich oft kaum entscheiden kann.

Maßgeblich zu diesem Boom beigetragen haben Jan Böhmermann und Olli Schulz, deren zweistündige Sendung „Sanft und Sorgfältig“ zwischen 2012 und 2016 beim Sender Radio Eins ausgestrahlt wurde und zum Podcast-Hit wurde. Inzwischen ist das Duo unter dem Titel „Fest & Flauschig“ zwar zu Spotify gewechselt, doch seit sich die Popularität von Podcasts herumgesprochen hat, probieren sich immer mehr Medienpersönlichkeiten an diesem Format: Neben der Kanzlerin höchstpersönlich setzen auch Unternehmen oder Verlage auf das gesprochene Wort, um schwierige Materien leicht verständlich präsentieren zu können.

Was aber macht einen guten Podcast aus? Wir haben Nora und Susann von Edition F befragt, die vergangenen Freitag die erste Folge ihres Achterbahn-Podcasts gelauncht haben. In diesem widmen sich die Powerfrauen den Höhen und Tiefen des Alltags, des Lebens und Unternehmertums – mit ganz viel persönlichen Input und eigenen Erfahrungen. Hört unbedingt mal rein!

Am Freitag ist euer Achterbahn-Podcast gestartet, herzlichen Glückwunsch! Worum geht es darin?

Nora: Wir wollen das Tabu brechen, öffentlich zu sagen, wenn es nicht so läuft, uns von dem üblichen PR-Gelaber verabschieden. Und das aus eigenem Anlass. Mit EDITION F ging es oft weit nach oben und noch öfter ziemlich weit nach unten. Das mündete Anfang des Jahres in Entlassungen und einem Gefühl von absolutem Stillstand. Was hat sich damals mal wieder gezeigt: Als wir anfingen ehrlich zu sein, haben wir gemerkt, dass wir nicht allein sind.

Susann: Der Aufbruch kam, als wir mit unserem Umfeld geteilt haben, wo wir stehen. Stärker in Eigenkritik gegangen sind, lange Gelerntes hinterfragt haben. Von außen gab es Tipps, Feedback und ziemlich gute Ideen. Bei Achterbahn werden wir jetzt immer freitags über die Höhen und Tiefen des Lebens sprechen, große Freude und große Trauer. Mit unserem eigenen Unternehmen, in der Liebe, im Leben. Damit wollen wir Mut machen und deutlich machen: Fehler gehören dazu.

 

Welche Vorteile ergeben sich, wenn man diese Themen in einem Podcast (statt in Textform) vermittelt?

Susann: Zwischen uns beiden entsteht die offene Dynamik im Gespräch und Stimme transportiert Gefühle viel besser als das geschriebene Wort. Zusätzlicher Vorteil: Nora und ich machen eine Stunde pro Woche Selbstkritik und im gewissen Sinne gemeinsame Gesprächstherapie.

Nora: Als ich klein war, habe ich wahnsinnig gerne mit Freundinnen Kassetten aufgenommen und mir die dann Monate später angehört. Ein bisschen wie Tagebuch fühlt sich Achterbahn an und auch ein Stück ehrlicher als das geschriebene Wort, wo dann oft noch rumgefeilt wird. Schon mit der ersten Folge fühlt es sich so an, als wäre es ganz natürlich. Und ich mag es unglaublich gern, dass Podcasts so schön in den Alltag passen und beim Kochen, auf dem Arbeitsweg oder abends statt Hörspiel gehört werden können.

Was versprecht ihr euch von eurem Podcast?

Susann: Quality Time. Im Ernst: Wir wollen unsere Gespräche, die sehr offen und sowohl intellektuell und auch emotional sind, einfach mit der Community teilen. Wir wollen einen Raum schaffen, in dem jedes Thema einen Platz finden kann, egal, ob unbequem, kritisch oder als gesellschaftliches Tabu klassifiziert wird. Dazu gehören Dinge aus unserem persönlichen Leben, Familie und Freundschaften, aber auch aus dem Unternehmertum, gesellschaftliche Bewegungen und Ideen und das Hinterfragen der eigenen Positionen. Was dann daraus entsteht, liegt natürlich nicht bei uns allein, sondern auch daran was ZuhörerInnen zurückspielen. Wir wollen mit der Zeit wachsen. An uns, und anhand des Feedbacks.

 

Wird es auch Gäste geben?

Susann: Ich finde es tatsächlich schön, dass wir uns selbst wieder mehr Raum geben, EDITION F auch inhaltlich mitzugestalten. Aber uns begegnen natürlich immer wieder Menschen, die uns nachhaltig prägen, besondere Geschichten teilen, von denen wir lernen, Dinge umzudenken, die uns aus unserer Komfortzone holen. Deshalb werden wir ab und an einen Überraschungsgast an unserer Seite haben.

Wo wird euer Podcast aufgenommen?

Nora: Ihr müsst euch zwei Samtsofa in unserem Prenzlauer Berg Hinterhofbüro vorstellen. Also ganz unkompliziert ohne Studio. Sicher werden wir, weil wir ja jede Woche aufnehmen aber auch immer wieder unterwegs aufnehmen, nicht immer hier sitzen. Der Wochen-Rhythmus wird eine ganz schöne Herausforderung sein, in dem ziemlich vollen Gründerinnenalltag mit Familien-Paket. Aber wir denken Dinge oft von Beginn an groß. Ich bin schon gespannt auf unseren ersten Ferntalk.

Viele Podcasts werden ohne die Kenntnis von Radioexperten gemacht. Hattet ihr Sprechtraining, Hilfe oder ähnliches? Wie habt ihr euch darauf vorbereitet?

Nora: Stimmenmäßig – tatsächlich gar nicht. Den ersten Aufnahme-Termin haben wir fünf Mal geschoben, weil man auf einmal so eine große Erwartung an uns selbst gespürt haben, zumindest ging es mir so. Und auch Angst vor Reaktionen. Ich bin leider ziemlich Anerkennungssüchtig und nehme mir Kritik oft sehr zu Herzen. Dann bin ich auch nicht sicher, wie Offenheit so ankommt, denn sie macht ja auch ziemlich verletzlich. Also wurde geschoben und geschoben. Auf einmal war alles wichtiger. Bis dann wirklich klar war, jetzt muss es sein, wenn wir pünktlich zum EDITION F-Relaunch starten wollen. Für die technischen Themen haben wir uns ziemlich viel mit Matze von Mit Vergnügen und David und Isa vom Role Models Podcast ausgetauscht, aber auch unsere Redaktionsleiterin Silvia macht ja schon länger einen Podcast und konnte einen großen Erfahrungsinput teilen.

Gehen wir noch mehr auf die Hintergründe ein: Gibt es ein Skript oder sprecht ihr einfach drauf los? Gibt es davor eine Generalprobe?

Susann: Einer von uns denkt sich jede Woche das Thema aus. In der ersten Folge sprechen wir über Erfolg. Was bedeutet Erfolg für uns persönlich? Wann fühlt man sich erfolgreich? Wieso fühlen sich Momente des Scheiterns oft so viel größer an als Höhepunkte? Das Jahr war für uns sehr schmerzhaft auf unternehmerischer Ebene und so auch persönlich und hat dazu geführt, dass wir Wochen lang im Stillstand waren, manchmal das Gefühl hatten nicht atmen zu können. Dann kam der Wendepunkt mit einem kleinen Anstoß von außen und jetzt gibt es wieder ganz viel Bewegung.

Nora: Eine Generalprobe gab es nicht. Wir haben einfach angefangen zu sprechen, ohne die Geschichte zu kennen, zu wissen, was die andere sagt. Wir haben nur gesagt, wir wollen wirklich offen sein, sonst macht es keinen Spaß. Da wir aber tatsächlich bei der Feuerprobe wegen eines Fehlers nicht aufgenommen haben, gab es dann doch eine Art Probe. Der zweite Versuch folgte nach zehn Minuten Pause und kleiner Ärger-Runde, ist nun aber die erste Folge.

Schneidet ihr etwas aus, wenn es einen Versprecher gab oder es doch zu lang wurde?

Susann: Es gibt eine Intro mit Jahrmarktsmusik, die ich schnell eingesprochen habe und von der jeder glaubt, es sei nicht ich. Und ein kleiner Vorspann verrät, worum es in der jeweiligen Folge geht. Ansonsten haben wir nicht geschnitten. Versprecher gehören zur Folge wie zum Leben.

Ist es kostspielig ein Podcast herauszubringen?

Susann: Eigentlich nicht. Aufnahmegerät, zwei Mikros, Speicherkarte. Schneiden kann man selbst, wir haben einen Freelancer dazu geholt, der das für uns macht, uns ist aber zu Ohren gekommen, dass man das wohl auch selbst hinbekommt, wenn man Zeit hat und Lust sich rein zu fuchsen. So eine kleine Außeninstanz, die sich das anhört, vorab finden wir aber ganz gut.

Welche Tipps habt ihr für jemanden, der auch einen Podcast starten möchte?

Nora: Ein Thema suchen, dass einen persönlich bewegt, und dann einfach machen. Oft denkt man über Dinge zu lange nach.

Welche Podcasts hört ihr selbst gerne?

Nora: „Hotel Matze“ und „Role Models“ höre ich schon lange, weil ich einfach die Art der Gespräche mag und auch die Gäste. „Alles gesagt“ von Christoph Amend und Jochen Wegner finde ich auch ein super Konzept. Ich bin aber auch großer „Paardiologie„-Fan, ich mag die Offenheit von Charlotte Roche und ihrem Mann Martin sehr. Die Intro der beiden mit den Voice Messages war uns selbst ein kleines Vorbild. Nicht immer muss man die Welt neu erfinden. Und niemand sendet mir so viele Voice Messages wie Suse.

Sind denn Audioinhalte und Podcasts für Verlage, Magazine, Blogs oder Zeitungen heute ein Must-have oder eher ein Nice-to-have?

Susann: Das muss wohl jedes Medium für sich selbst wissen. Wir werden in den kommenden Monaten mehrere Formate ausprobieren und finden Podcasts ein ziemlich tolles Format, das gut in die Zeit passt.

Nicht nur die SZ tut sich mit Podcast-Formaten hervor, sondern auch der Spiegel, die FAZ, die Zeit und viele weitere Medienhäuser. Woher kommt diese Entwicklung?

Nora: Was lange totgesagt war, kam auf einmal wieder ganz hoch, ist aber noch lange nicht in allen Ecken und bei jedem Zuhause angekommen. Jedoch waren es eher nicht die klassischen Medien, die das Thema so befeuert haben, sondern einige kluge Menschen da draußen, die einfach Lust hatten der Welt etwas zu erzählen. Spotify & Co und auch klassische Medien und Werbepartner haben dann mit Budgets geholfen das Thema zu professionalisieren. Für die Zukunft sehen wir, dass sich da noch ziemlich viel bewegen wird.

Susann: Medien und Journalismus befinden sich ohnehin im starken Wandel. Immer weniger ist heute die Webseite die einzige Anlaufstelle für LeserInnen. Sondern Plattformen wie Instagram oder auch Hörplattformen und YouTube sowie Live-Events wie Konferenzen. Wir haben Lust, neue Dinge mit EDITION F auszuprobieren.

Wird es mit dem großen Angebot nicht auch schwieriger für Anbieter, ihre Podcasts an die Hörer zu bringen?

Susann: Vielfalt finden wir immer gut. Es gibt so viele Interessen da draußen und viele Stimmen, die andere Perspektiven aufzeigen. Ein besseres Angebot vergrößert die Anzahl der ZuhörerInnen – und wir freuen uns auf die ersten Schritte mit Achterbahn.

Danke, liebe Nora, liebe Susann und weiterhin viel Erfolg!

Wer reinhorchen möchte, dann bitte hier entlang.

 

Bild im Header: von Sebastian Geis

Kommentare

  1. Esmeralda sagte am

    Na hoffentlich ist das dann inhaltlich besser als das Onlinemagazin Edition F.
    Ich habe die auf Facebook abonniert und da schon so viele journalistisch wirklich schlechte Artikel (ja, ich weiß,Gastautor/Innen und sponsored Content) gelesen, dass ich wirklich entsetzt war. Ich würde mich freuen, wenn die Inhalte besser geprüft würden.

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