Social Media aus, Emails vom Handy löschen, keine Whatsapp-Nachrichten beantworten: Früher undenkbar, mit Kindern inzwischen ein Muss für mich im Urlaub. Den Juli und August hatte ich weitestgehend freigeschaufelt, nur hier und da ein paar kleine Integrationen im Kalender eingetragen. Und so startete die kleine Auszeit am Meer auf Sardinien recht vorbildlich. Mein Handy blieb oft in der Tasche und meine neue Fuji-Kamera übernahm den Job. Das Fotografieren und Einfrieren von Lieblingsmomenten ist in meine DNA eingebrannt, der Automatismus übernimmt - irgendjemand muss den Großeltern ja die Bilder schicken, Ende des Jahres will das Fotoalbum gefüllt werden. Ich fotografiere und filme, ohne mein Instagram-Feed im Kopf zu haben. Ich dokumentiere für das nicht-vergessen-wollen, halte fest, weil die Kinder doch viel zu schnell groß werden. Und werde bei jedem Rückblick auf meinem Telefon schmerzlichst daran erinnert, dass es wirklich so ist, nicht nur ein Kalenderspruch.
Je weniger ich im Urlaub in meine Stories postete - und das tue ich sorgsam beinahe täglich seit Einführung des Features, also seit 10 (!) Jahren - desto wohler fühlte ich mich.
Zurück zuhause hatte ich weitere vier Wochen mit den Kindern vor der Brust, die weder in den Hort, noch irgendein Camp gehen wollten. Arbeiten war undenkbar, aber ich wollte ja auch bewusst entschleunigen. Unsere Ferien live zu teilen fühlte sich zu dem Zeitpunkt bereits “falsch” an, obwohl wir viele schön kleine Dinge unternahmen.
Es folgte das erste kinderfreie Wochenende seit vielen Monaten: Johan und ich fuhren mit Freunden zum Garbicz-Festival. Campen! Eine Premiere. So viele erste Male, so viele witzige Momente. Dazu kein Empfang und strikte no-photo-policy. Das Telefon blieb also direkt im Zelt. Zurück kam ich nicht nur mit intensivem Kater und Schlafmangel, sondern auch einem vollen Herzen, witzigen Anekdoten und exakt 6 Bildern. Was auf dem Festival geschah, sollte auf dem Festivalgelände bleiben!
Das Leben ohne ständiges Status-Update gefiel mir inzwischen so gut, dass ich von Unternehmensgründungen träumte, die nichts mit meiner Person in der Öffentlichkeit zu tun hatte.
Ich dokumentierte wunderschöne Pool-Parties, mein Hochbeet-Glück, Dinner mit Freundinnen, sehr viele Rezeptideen, meine Workouts - zumindest die wenigen, die ich machte - meine Garten-Erfolge, den Aufbau vieler Wohnprojekte, Museumsbesuche und Handwerker-Ärgernisse. An meinem Alltag änderte sich nichts, das Internet bekam jedoch nichts davon mit. Ich postete wenige Marmeladenglasmomente, aber nie, wie ich mich fühlte.
Instagram ist nicht mehr als deine persönliche Visitenkarte, der bunte Strauss voller Erfolge und Highlights.
Ich habe diesen Sommer so viel mehr gefühlt, gelesen, erlebt, getrauert und hinterfragt, als es mein Kanal widerspiegeln könnte.
Mir war klar: Ich möchte nicht über den sehr herausfordernden Alltag mit neurodivergenten Kindern schreiben, der anstrengenden Suche nach Therapieplätzen, den ständigen Absagen oder die Trauer über mögliche Diagnosen.
Ich möchte nicht (ständig) von dem Rechtsstreit, der Badsanierung, der Handwerkersuche, der administrativ aufwändigen Wohnungsvermietung, den Anwaltsgesprächen, dem Leben auf einer halben Baustelle und so vielen Rechnungen, für die wir nichts können, sie aber bezahlen müssen, sprechen.
Je weniger ich diesen Sommer also live oder zeitnah im Netz teilte, desto mehr hinterfragte ich meine Inhalte. Was ist eigentlich meine Daseinsberechtigung?
War es Zufall, dass auf meiner for you Page nur noch Analysen erfolgreicher Instagram-Posts ausgespielt wurden? Oder welche Trends man nun dringend mitmachen sollte?
Ich hatte weder bei “kinda chic”, dem Netflix Doku Trend, “reasons to follow/unfollow me”, der gelben fetten Font auf Bildern, den “10/10 Habits” oder “5 things worth the money” mitgemacht.
Wie zum Teufel soll ich so mein PERSONAL BRANDING weiter ausbauen? lol.
Wir leben in einer Welt, in der alle die selben Trends mitmachen und in der keine Caption mehr ohne Claude geschrieben wird. Der Einheitsbrei einheitsbreit.
Fühlt sich wie gestern an, dass wir uns von einzelnen Fotos im Feed verabschieden mussten und stattdessen einen Crashkurs im Videoschnitt für den hot shit namens Reels machten.
Für Millenials: ein Kraftakt.
Heute sollen wir nur noch die KI trainieren, mit Canva und Capcut verknüpfen und teilbaren Mehrwert für unsere Nische generieren. Klar, wir sind jetzt alle ExpertInnen. Klar, dass alle Carousel-Posts innerhalb kürzester Zeit gleich aussehen.
Ich fühle mich wie ein Relikt aus dem Mittelalter, denn ich habe Claude noch nie gebeten, meine Texte zu schreiben oder catchy hooks für meine Reels auszuspucken. Ich suche günstige Preise für Flüge mit dem Tool und das war es auch schon.
“DESHALB gehst du nicht viral!!” kommt direkt auf meine FY-Page geflattert, gepaart mit vielen Tricks, wie man es doch endlich schafft. “So ist mein Kanal in 5 Monaten auf 100k Follower gewachsen!”
Die viel wichtigere Frage ist doch: Warum zum Teufel will man viral gehen?
Damit landen Menschen auf deiner Seite, die sich weder für dich, noch für deine Inhalte interessieren. Bei den meisten viralen Posts muss man sich dann mit Trollen, üblen Kommentaren und Männern Ü60 herumschlagen. Ich verzichte gerne.
Social Media ist anstrengend. Mein ruhiger Sommer offline hat gezeigt, wie vergänglich all diese Trends sind. Schnell vergessen und ermüdend.
Bei sich zu bleiben, seinen wahren Qualitäten, Interessen und Leidenschaften zu folgen und in seiner Nische zu inspirieren ist daher so viel besser als jeder kinda chic Trend. Allein dieser Text hat mir beim Schreiben geholfen, den Fokus auf meine Inhalte zu schärfen, ohne aus jedem privaten Bereich aus dem Nähkästchen zu plaudern.
Trotzdem freue ich mich über eure Anmerkungen, welche Inhalte ihr gern lesen möchtet. Nach bald 20 Jahren im Internet sieht es nämlich ganz danach aus, als ob es wieder back to the roots geht!
Wie schön, dass ihr hier seid.
xx
Jessie







Das ist der schönste NL den ich seit langem gelesen habe. Danke dafür. I feel you. Was ich an deinem account mag (und ich folge dir auch auf insta) ist, dass du schönes teilst und ich bei dir trotzdem immer das Gefühl habe, dass du “echt” bist und weißt, wo der Hammer hängt, wenn es drauf ankommt. Ganz zu schweigen von deinem Humor. Für mich sind schöne Räume und Mode eine Ressouce und wenn ich die aufladen will, dann schaue ich u.a. bei dir vorbei. Also, bitte weitermachen ohne Claude-Hooks und Viral gehen ist so 90er… Happy day.
Deinetwegen hab ich mir schon Jeansshorts gekauft und Brownies gebacken und ich bin so froh, dass Du ohne Claude schreibst. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass ich Deinen Text von Anfang bis Ende gelesen habe. Und sogar kommentiere. (Das mache ich viel zu selten. Shame on me!) Ich finde die Mischung aus Luxus und der Freude über billige Silikon-Aufbewahrungs-Dingern für eine übrig gebliebene halbe Avocado sehr inspirierend und ganz wunderbar. Danke dafür!