Zuhause bei einem Interior-Profi: Unsere Homestory mit Santiago Brotons

Santiagos Zuhause in Moabit scheint perfekt. Bei instagram kann man sich einen Eindruck davon machen. Aber wie ist das eigentlich, wenn man als Interior-Designer arbeitet und die eigene Wohnung wie eine berufliche Visitenkarte öffentlich und für jedermann bewertbar wird? Diese Frage brennt mir auf den Lippen als ich die weichen, teppichbezogenen Stufen des herrschaftlichen Treppenhauses zu der 3-Zimmer-Wohnung hinaufgehe, in der Santiago zusammen mit seiner Freundin Linnéa seit zwei Jahren lebt.

Santiago ist in Spanien, genauer gesagt in Alicante aufgewachsen. Schon als Kind wollte er alleine auf Reisen gehen und bereits mit 11 Jahren bekam er dazu von den Eltern die Erlaubnis: „Geh, geh die Welt entdecken, sagten sie damals.“ So durfte er schon früh durch Europa reisen: Sprachreisen führten ihn nach Wien, Bonn, Freiburg, München und Berlin. 

Dieses Gespräch war ausschlaggebend für alles was danach kam.

Als ich Santiago frage, ob es schon immer sein Plan war, Architektur zu studieren und mit Einrichtung zu arbeiten, kommt die Sprache zunächst einmal auf seinen Vater. Da gab es ein Gespräch. „Das Gespräch!“

Santiagos Plan war es nämlich ursprünglich, in die Wirtschaft zu gehen. „Mein Vater war kaum zuhause, weil er so viel auf Reisen war. Und wenn es dann einmal dazu kam, dass er sich Zeit nahm, mit mir ein Gespräch zu führen, dann war das wichtig. Sehr wichtig.“ Statt Santiago aber gut zuzureden und ihn darin zu bestärken, dasselbe wie sein Vater zu machen, zog er ihn damals zur Seite und sagte: „Du kannst doch eigentlich etwas anderes, ist das nicht so?“ 

„Und das stimmte wirklich. Dieses Gespräch war ausschlaggebend für alles, was danach kam.“ Da seine Eltern bereits früh ein Haus gekauft hatten, aber immer mehr Kinder dazu kamen, mussten sie es oft umbauen und umräumen. „Ich war immer der kleine Mann, der kerzengerade auf der Anrichte saß und mit dem Finger zeigte, wo man was hinstellen sollte und wie es besser aussehen könnte. Schon meine Großmutter hatte diese Leidenschaft mit Einrichtung.“

Und so trug es sich zu, dass Santiago das Studium der Architektur begann – und es später wegen der Liebe in Berlin fortsetzte. Linnéa, seine Verlobte, kommt aus Stockholm und ist auch Architektin. „Unsere Wohnung ist ein Kompromiss zwischen uns beiden. Wir mischen viel und kaufen auch sehr gern auf Auktionen im Internet, wie beispielsweise bei Auctionet oder Bukowskis.  Der Teppich in unserem Schlafzimmer ist 200 Jahre alt, die Kommode ist aus den 40er Jahren und die Kerzenständer dort aus den 20ern.“

Die Wohnung nennt Santiago sein „Experimentierfeld“. Hier probiert er aus, was ihm durch den Kopf schwebt. „Ich ändere dauernd etwas. Wärst du vor zwei Wochen gekommen, hätte es hier noch ganz anders ausgesehen. Das Licht ändert sich ja auch dauernd je nach Jahreszeit. Im Sommer schmeiße ich auch immer alle Teppiche raus, das ändert auch sehr viel.“ Wobei das nicht nur stilbedingte, sondern auch ganz praktische Gründe hat. Denn Santiago und Linnéa haben einen Hund. Theo versteht auch Schwedisch. „Theo hat immer viel Spaß mit den Teppichen, wenn du weißt, was ich meine.“

Was hältst du von Interior-Trends?

Ich finde, um seinen eigenen Stil zu haben, muss man auf alle Trends verzichten. 

Wo holst du dir Inspiration?

Am meisten auf Instagram und Pinterest. Außerdem lese ich Magazine wie Residence oder RUM. Blogs lese ich ehrlich gesagt gar nicht. Außerdem sind Reisen eine wichtige Quelle für neue Ideen. Man kommt aus seinem gewohnten Umfeld heraus und nimmt Dinge ganz anders wahr. Am meisten bringen mich aber wahrscheinlich Gespräche mit anderen Personen weiter. Was sie sagen, ihre Kleidung und mit was sie sich umgeben – das inspiriert mich.

Es kann schon mal vorkommen, dass mich ein Kunde anruft, dessen Frau sich gerade von ihm getrennt hat. Dann schaue ich, was wir machen können, damit er sich in seiner Wohnung weiterhin wohl fühlt. Um ehrlich zu sein hätte ich auch sehr gern Psychologie studiert.

Außer in seiner eigenen Wohnung experimentiert und verschönert Santiago auch die Wohnungen anderer Menschen. Er arbeitet als Möbel- und Farbberater und macht beispielsweise auch Einrichtungen für Firmen wie Fantastic Frank.

„Wenn mich eine Privatperson um Hilfe beim Einrichten bittet, dann ist das immer etwas sehr Persönliches. Bei unseren Gesprächen geht es dann meistens auch eher um die Menschen als um Möbel.“

Santiago erfährt dann, welche Umgebung seine Kunden brauchen um sich wohlzufühlen, was für einen Geschmack sie haben und in welchen familiären Umständen sie gerade leben. „Es kann schon mal vorkommen, dass mich ein Kunde anruft, dessen Frau sich gerade von ihm getrennt hat. Dann schaue ich, was wir machen können, damit er sich in seiner Wohnung weiterhin wohl fühlt. Um ehrlich zu sein hätte ich auch sehr gern Psychologie studiert.“

Du machst unter anderem auch Jobs für die Immobilienagentur Fantastic Frank. Ich habe dieses System noch nie ganz verstanden. Kauft man die Wohnungen mitsamt der Einrichtung?

Nein, normalerweise nicht. Ich mache diese Jobs, die nur eine Woche dauern, so ungefähr fünf bis acht Mal im Jahr und jedes Mal ist es mir eine unglaublich große Freude – aber gleichzeitig ist es auch extrem anstrengend. Man betritt am Anfang der Woche eine leere Wohnung und am Ende der Woche ist sie vollständig eingerichtet. Ich denke mir meistens eine kleine Geschichte über eine Person, die in dieser Wohnung leben könnte, aus. Für mich ist Einrichtung immer sehr stark an Persönlichkeiten und individuelle Lebensstile geknüpft. Ich stecke immer sehr viel Kraft in diese kurzen, aber intensiven Projekte. Am Ende einer solcher Arbeitswoche bin ich dann meistens entweder sehr traurig, weil es schon vorbei ist oder krank.

Welche Farben magst du gerade?

Hier in der Wohnung haben wir diesen Grün-Grau-Ton. Was man wirklich nicht sofort sieht, ist, dass es sogar zwei verschiedene Farben von Farrow and Ball sind. Den einen Raum haben wir in Cromarty gestrichen und den anderen in Mizzle.

Beige, Rot und Bordeauxtöne werden gerade wichtig. Braun und Orange in Kombination ist auch sehr im Trend aber das ist nicht so mein Geschmack. So ein richtiges Schieferrot finde ich gerade toll, vor allem in Kombination mit Nude. Beige mit Grün ist auch super. Ich liebe ja auch grüne Pflanzen, nur leider bringe ich immer alle um. Grau ist auf jeden Fall vorbei. Jetzt kommt Farbe. Wir müssen alle Farbe benutzen. Weiß ist vorbei. So minimalistisch à la Skandi-Chic wie man das vor einer Weile noch gemacht hat, wohnt man heute nicht mehr.

Was sind deine Lieblings-Einrichtungsgegenstände in deiner Wohnung?

Ich liebe die Koch Gläser von Objekte unserer Tage sowie die Kollektion von Philippe Malouin für OTHR. Das Samsung Serif tv von Ronan & Erwan Bouroullec ist einer meiner neuen Lieblinge und den Stuhl SOLO von Nitzan Cohen mag ich schon seit Längerem.

Hinter den Postern an seinen Wänden findet man laut Santiago, in den Bilderrahmen versteckt, mindestens noch zwei andere Poster. Er ist gern spontan und hängt um, je nach Laune, je nach Jahreszeit.

Ein bisschen spiegelt das vielleicht auch seine Persönlichkeit. Er weiß was er will, hat aber immer noch eine andere, mindestens genauso gute Option in der Hinterhand. Besucher bekommen den Eindruck einer perfekt abgestimmten, wohnlichen Einheit. Santiago dagegen hat einen ziemlich genauen Plan davon, was alles noch möglich wäre – und bald umgesetzt wird.

Genauso hält er es wahrscheinlich auch mit der Frage nach der Verknüpfung von Berufs- und Privatleben auf einer öffentlichen Ebene, über die ich mir zu Anfang Gedanken gemacht habe. Das was die anderen zu sehen bekommen ist – genauso wie das gerade sichtbare Poster – nur eine Möglichkeit von vielen. Der Rest passiert in seinem Kopf. 

Am 20. Mai geben Santiago und Ilenia Martini zusammen mit vitra einen Workshop zum Stylen, Fotografieren und Posten für Social Media. Tickets gibt es hier.

Danke Santiago!

Fotos: Julia Novy

Kommentare

  1. So eine wunderbar inspirierende Homestory! Könnt ihr mir verraten, wo die abstrakten Drucke her sind…? Ich bin gerade bei einem Frühjahrs-Makeover und könnte was Neues an der Wand vertragen! 🙂 Liebe Grüße, Luise

  2. Hallo Alicja,
    weißt du zufällig woher die Glaskugeln (?) sind die im Wohnzimmer von der Decke hängen?
    Die sind sooo toll.
    Achja, und hättest du Tipps wo man tolle Mobile herbekommen könnte, ähnlich dem Vitra Plywood Mobile, nur vielleicht nicht ganz so kostspielig?
    Viele Grüße,
    Sophie

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