Ausstellungstipp: Women in Art und 9 Künstlerinnen, die jetzt neue Maßstäbe setzen

Das ursprünglich für Mai geplante Gallery Weekend wurde angesichts der Corona-Krise auf den Herbst verlegt. Am Wochenende vom 11. bis 13. September ist es nun endlich soweit: Zahlreiche Galerien öffnen ihre Türen, um die neuesten Werke aufstrebender und etablierter Künstler zu zeigen. Zum Start widmet sich die Modern Culture Plattform art perspectives mit der Ausstellung „Memories of Now“ vor allem weiblichen Teilnehmern, darunter Beatriz Morales deren Werke Jessie besonders bewundert. Die diesjährige Exposition schließt an die erfolgreiche Gruppenausstellung 2019 an, die mit Workshops und spannenden Podiumsdiskussionen mehr als 2.500 Besucher anlockte.

Begleitet wird die Ausstellung 2020 erneut von einer Sonderausgabe des Kunstmagazins „Die Kunst – Women in Art“. Das Heft stellt nicht nur Künstlerinnen vor, sondern blickt auch hinter die Kulissen der Kunstsammlungen  großer Unternehmen und gibt Tipps zum Netzwerken. Vor der Eröffnung lest ihr hier exklusiv einen Auszug aus der Ausgabe, geschrieben von Sara Karayusuf Isfahani, Lorena Juan und Barbara Green. Plus: neun spannende Künstlerinnen, welche die Branche jetzt und in Zukunft bewegen.

art perspectives wurde 2019 von Sara Karayusuf Isfahani initiiert und gemeinsam mit Benjamin Zombori und Birgit Amelung umgesetzt.

Wege durch den Wandel

Die nachfolgenden Texte stammen aus der Ausgabe DIE KUNST: Women in Art, eine Publikation des in|pact media Verlages, welches ab sofort dem Magazin Capital beiliegt

 

Auch 2020 sind Frauen in Galerien, Auktionshäusern, Museen und Samm- lungen deutlich unterrepräsentiert. Trotz der durchaus präsenten gesellschaftlichen Debatte um Diversity verbessern sich ihre Chancen in der Kunstwelt nur langsam. Die Gründe hierfür sind komplex, die Diskussionen um Vielfalt und Gleichberechtigung in der Kunstszene aktueller denn je. Wer echten Wandel fördern will, muss einen nachhaltigen Perspektivwechsel ermöglichen und das Thema „Women in Art“ in die Mitte des Diskurses um span- nende und progressive Gegenwartskunst tragen. Dies ist die Idee der Initiative art perspectives, die nach einer erfolgreichen Gruppenausstellung und Event-Reihe zum Berliner Gallery Weekend 2019 nun in die zweite Runde geht.

Die Pop-Up-Ausstellung Memories of Now (09. – 13.09.2020, Am Tacheles) versammelt acht internationale Künstlerinnen in einer facettenreichen Reflexion über kollektive und persönliche Erinnerungen, die das art-perspectives-Leitthema „Vielfalt“ mit substanziellen künstlerischen Positionen weiterführt: Wenn unsere eigene persönliche Geschichte den Bezugspunkt für die Begegnung mit anderen bildet, dabei immer zu einem gewissen Grad fiktionalisiert ist, welche Rolle spielen dann kollektive Codes in Form institutionalisierter Erinnerungen? Ist es letztlich eine Machtfrage, welche Geschichten auf welche Weise erzählt werden? Und welchen Anteil kann Kunst dabei haben, die Diversität von Erinnerung zu bewahren?

Jede Künstlerin wählt einen ganz eigenen Ansatz, um diesen Fragen nachzuspüren. Dabei war es uns wichtig, nicht nur eine möglichst große Vielfalt an Biografien, sondern auch ein breites Feld künstlerischer Medien abzubilden: Malerei, Skulptur, Videokunst, Performance, Sound, Textilarbeiten und Installation. So reflektiert die deutsche Künstlerin Marion Fink über das kollektive Imaginäre von Erfolg und Jugendkultur in westlichen Gesellschaften, die Werke der in Litauen geborenen Malerin Egle. Otto hinterfragen traditionelle Geschlechterstereotypen, die US-Amerikanerin Nasheeka Nedsreal erforscht in ihren Performances Traditionen und Aberglaube, die ihre Vorfahren bei ihrer Entführung über den Atlantik folgten, und die Berliner Videokünstlerin Antje Engelmann macht sich anhand von autobiographischem Filmmaterial zum Gegenstand ihrer Untersuchung von Erinnerung und Selbstkonstruktion. Ebenfalls vertreten sind Tatiana Echeverri Fernandez (Performance und Skulptur / Costa Rica), Elisa Duca (Performance / Italien) und Neda Saeedi (Konzeptkunst, Installation / Iran), sowie art perspectives 2019 Alumna Beatriz Morales (Mexiko) mit einer Textilkunst-Installation. Susanna Kim alias IAMKIMKONG rundet die Ausstellung mit einer eigens konzipierten Sound-Installation ab.

In der Beschäftigung mit der Vergangenheit möchte Memories of Now auch unser Verständnis von Gegenwart und Zukunft hinterfragen, worauf auch der scheinbare Widerspruch des Ausstellungstitels hinweist. Das „Jetzt“ ist keine Zeiteinheit, die isoliert zu betrachten ist, sondern steht natürlich immer in Wechselwirkung mit Vergangenheit und Zukunft. Bilder, Begegnungen und Ereignisse tauchen vor unserem autobiografischen Auge auf und der Blick zurück bietet im selben Moment die Basis für den Blick nach vorne. Die Gegenwart ist dabei mehr als der schlichte Übergang von Vergangenheit in Zukunft, sondern vielmehr ein komplexer und vernetzter Möglichkeitsraum. Einer, der uns zum Handeln animieren sollte, statt in Angststarre oder Melancholie zu verfallen angesichts der enormen gesellschaftlichen Umbrüche, die wir nicht erst seit der Corona-Pandemie erleben.

Beatriz Morales

Für die in Mexiko geborene und in Berlin lebende Malerin hat sich in den letzten Monaten sehr viel getan. Während sie in „Foreign Affairs“  (art perspectives 2019) noch mit kleinformatigen Werken aus ihrer „Ruin Porn“ Reihe vertreten war, mehrschichtige monochrome Malereien, die mit ihren zerkratzten und durchbohrten Flächen die Suche nach Identität verkörpern, konzentriert sie sich aktuell auf monumentalere Arbeiten, die die Limitierungen der Leinwandgrenzen zunehmend infrage stellen. Für das Museo MACAY in Mérida, Mexiko, realisierte sie Anfang 2020 die Installation KAAN / KIHAAB, eine riesige Textilarbeit, erinnernd an ein Tierfell, umgeben von Schlangenhäuten. „Mir war es wichtig, die Auseinandersetzung mit der Vielschichtigkeit moderner Identitäten sowie der Frage nach den eigenen Wurzeln auf eine neue Ebene zu bringen.“ Kaan (Schlange in Maya) besteht aus verschiedenen langen und bunten Schichten bemalter Stoffe, die einen Häutungsprozess nachahmen. Kihaab (Agavenfaser in Maya) ist ein pelziges, vertikales Werk aus natürlichen Materialien.

Neben ihrer Arbeit für das Museo MACAY realisierte Morales eine weitere Soloausstellung im Museo de la Cancilleria in Mexico City. Morales gab zudem ihr US-Kunstmessen Debut am Dallas Art Fair 2019, war mit einer Solo-Ausstellung in der Galerie Drexel in Monterrey zu Gast und in Deutschland unter anderem in der Edition 1 von Axis Art sowie der Austellungssreihe „Due To“ in der Lage Egal in Berlin zu sehen.

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Nasheeka Nedsreal

Fokus der Tänzerin und Performerin Nasheeka Nedsreal sind die Themen Identität, Kultur, Zugehörigkeit, Rituale, Traditionen, Abstammung, Gesellschaft und Politik. Dabei ist es ihr zentrales Anliegen, eine Kunst zu schaffen, die unabhängig ist von Imperialismus, „White Supremacy“ und „Heteropatriarchat“. Ursprünglich aus Baton Rouge, Louisiana, zog Nedsreal 2008 nach New Orleans und dann nach Berlin, wo sie seit sieben Jahren lebt. Ziel der künstlerischen Praxis Nedsreals ist es, sich aus strengen Bild- und Wortverständnissen zu befreien und ihren Körper als Vehikel einer ganzheitlichen menschlichen Erfahrung einzusetzen.

„New Growth“, ihr jüngstes Projekt und erste abendfüllende Solo-Performance, erforscht die Welt des Haares, insbesondere des „Black hair“. Dabei verbindet sie die Medien Videocollage, Songwriting (Rap) und Tanz. Nedsreal interessiert sich für Kunst als Mittel des Aktivismus und alles, was provokativ, verletzlich, fordernd, intim und manchmal unbequem ist. Letztendlich geht es ihr darum, die Vorstellungen davon zu hinterfragen, was Tanz sein kann – ebenso wie seine Hierarchien und historischen Kontexte.

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Tatiana Echeverri Fernandez

Es ist die verborgene Unheimlichkeit und die inhärente Fragilität der uns umgebenden technologisierten Welt und des Selbst, die Echeverri Fernandez in ihren Arbeiten immer wieder sucht und vermitteln möchte. Indem sie auf das reagiere, was vorhanden zu sein scheint, es zerstöre, verändere und neu kontextualisiere, so beschreibt es die kolumbianische Künstlerin selbst, stelle sie unsere visuelle Konditionierung infrage und biete eine alternative Ordnung der Dinge an.

Besonders reizt Echeverri Fernandez hierbei das Zusammenspiel und die Wechselwirkungen von Körper, kollektivem Gedächtnis und Material. Die Idee von „Experiential Archeology”, einer aktuellen Werkserie, ist es, das Publikum mittels Trance zeitlich und räumlich weit auseinander liegende Referenzen erlebbar zu machen. Seit November 2018 leitet Echeverri Fernandez den Projektraum „Changing Room“ in Berlin, dessen Programm auf interdisziplinären Arbeiten aus den Bereichen Soundart, Performance sowie Sprache und Stimme versammelt.

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Elisa Duca

In ihren prozessartigen Installationen versucht die in Italien geborene Performance-Künstlerin Elisa Duca die Beziehung zwischen belebter und unbelebter Materie zu ergründen. Wie lässt sich die materielle Welt jenseits des menschlichen Bewusstseins beschreiben, wie produziert sie aus sich heraus Bedeutung, bildet ihre eigenen Netzwerke? Indem man selbst zurücktritt und sich die Dinge langsam entfalten lässt, wie Duca den künstlerischen Prozess ihrer Performances selbst beschreibt.

Elisa Duca fühlt sich vom hektischen und durchlässigen Fluss des Lebens in Megastädten angezogen, in denen Natur und Kultur auf intensive Weise miteinander verbunden sind. Für ihre aktuelle Werkreihe verarbeitet Duca persönliche Eindrücke aus einer Asienreise zu kleinen, quasi-organischen Einheiten, die sie „zeitgenössische Fossilien“ oder „Pastiche-Identitäten“ nennt. Elisa Duca hat neben der Arbeit als klassische Schauspielerin am Institut DAMS der Universität Bologna ein Studium mit den Schwerpunkten Theater, Film und Kunstgeschichte abgeschlossen und lebt seit 16 Jahren in Berlin.

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Antje Engelmann

Im Fokus der in Ulm geborenen Künstlerin steht das Erzählen mittels narrativer Formate wie Performance, Fotografie, Film, Hörstück und multimediale Installationen. Meist greift Engelmann hierfür auf autobiografisches Material zurück, das sie nach Relevanz zum Politischen, der Wissenschaft oder größeren Kontexten der Soziologie und Autoethnografie befragt. Oft führt dieser Prozess, über den sie selbst als „Cosmic Recycling“ nachdenkt, zu Collagen aus privaten und ikonografischen Bildern.

Engelmann hat in Barcelona und Berlin studiert, in Australien, Brasilien und den USA gelebt und lehrt aktuell als Professorin an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. In einer Langzeit- Selbstporträtserie beschäftigt  sie sich mit dem Thema Mutterschaft, der Abbildung des weiblichen Körpers und Vorstellungen zu Weiblichkeit und Männlichkeit. Momentan arbeitet Engelmann an einem Projekt in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, das die Stigmatisierung und Pathologisierung des weiblichen Körpers in der Medizingeschichte untersucht.

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Neda Saeedi

In ihren Arbeiten thematisiert die in Teheran, Iran, geborene und seit 2012 in Berlin lebende Künstlerin die Beziehung zwischen menschlichem Körper und Architektur. Dabei wählt sie die Medien Installation und Skulptur, um Daten, Fakten und narrative Elemente miteinander zu kombinieren und in Form zu bringen. Saeedi legt Wert darauf, jedes ihrer Objekte selbst herzustellen, mit Materialien zu experimentieren und neue Fertigungstechniken zu entwickeln.

In den letzten Jahren konzentrierte sich Neda Saeedi darauf, den Begriff des Gartens und seine koloniale und imperiale Dimension zu reflektieren, insbesondere als Impuls zum Sammeln, Umbenennen, Umsiedeln und Absperren. Gegenwärtig verlagert sich ihr Interesse auf die Barockkunst. Saeedi studierte zunächst Bildhauerei in ihrer Heimat Iran, bevor sie ein Studium der Bildenden Kunst unter der Leitung von Prof. Hito Steyerl an der UdK Berlin absolvierte.

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Eglė Otto

Die Malerin Eglė Otto beschäftigt sich mit der Ausprägung von Geschlechterrollen und hinterfragt die Hürden, Zuschreibungen, Erwartungshaltungen und Vorurteile, mit denen wir es dabei bis heute zu tun haben. In ihrer Praxis erforscht sie intensiv die westliche Kunst- und Ideengeschichte und schafft auf dieser Grundlage neue Angebote für tradierte Sehgewohnheiten. Indem sie sich sowohl mit dem eigenen wie auch dem fremden Blick beschäftigt, dabei die Konzepte „Male Gaze“ und „Otherness“ reflektiert, werden ihre Malereien zum Kommentar des Geschlechterverständnisses der Gegenwart.

Ihre aktuelle Werkserie „Filosofisten“ setzt sich symbolisch mit dem Sujet Kopfbedeckung auseinander. Ein weiteres Bild der Serie trägt den Titel „messy gender box“. Es thematisiert die verschiedenen Strömungen und die hitzigen Debatten der Gender-Studies. Unter anderem ist es ihr Ziel, zur Entmystifizierung von Frauen in Machtpositionen beizutragen. Die in Litauen geborene Künstlerin lebt und arbeitet in Hamburg. Ihre nächste Soloausstellung wird in der Galerie Mathias Güntner gezeigt.

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Marion Fink

Die im Allgäu aufgewachsene und an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg ausgebildete Künstlerin hat sich einer Drucktechnik namens Monotypie verschrieben. Bei diesem Prozess malt sie zunächst mit Ölfarbe auf Acrylglas, um das Gemalte im nächsten Schritt mittels Körperkraft auf ein speziell beschichtetes Papier zu pressen. Das Ergebnis ist ein Originalabzug, der nicht wiederholt werden kann.

Jedes ihrer oft großformatigen Werke besteht aus vielen einzelnen Drucken, die nebeneinander auf dem Papier zusammengesetzt das Motiv ergeben. Finks Bilder sind bevölkert von Figuren, Objekten und Landschaften, welche Fragmente des kollektiven Imaginären der Populärkultur, der sozialen Medien und der Jugendkultur in sich vereinen. Für ihre aktuell fortlaufende Werkserie schafft sie Bilder, die als surrealer Ausdruck individueller Welterfahrungen gesehen werden könnten. Anfang September hat Marion Fink eine Einzelausstellung in der Galerie Setareh in Düsseldorf.

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Sowohl in der Ausstellung Memories of Now, in Form des Magazins Die Kunst als auch des diesjährigen Rahmenprogramms, unter anderem mit dem iranischen Musikerinnen-Trio „East Meets West“, das traditionelle persische mit klassischer abendländischer Musik verbindet, sowie der schwedischen Poetin und Autorin Cia Rinne, möchte art perspectives das Konzept einer Modern Culture-Plattform weiter etablieren. Im Mittelpunkt steht der Netzwerkgedanke. Unser Anspruch ist, weit über die bloße Präsentation von Kunst hinauszugehen und dabei vielfältige Möglichkeiten des Austausches zu schaffen – zwischen KünstlerInnen, Kunstinteressierten und etablierten sowie angehenden SammlerInnen.

WOMEN IN ART: DIE AUSSTELLUNG „MEMORIES OF NOW“

Die art perspectives, wieder im Rahmen des Gallery Weekend, gehen dieses Jahr in die zweite Runde. Wieder mit einer Gruppenausstellung, diesmal deutlich größer als 2019, wieder mit viel Möglichkeiten zum interdiszipliniären Austausch. Kuratiert wird die Exposition von Barbara Green und Loreno Juan. Die Sound-Installation zur Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der koreanischen DJANE und Künstlerin Susanna Kim.

Vom 09- bis 13.September 2020 findet die Ausstellung „Memories of Now“ in der art perspectives Pop-up Galerie, Oranienburger Straße 54 in Berlin-Mitte statt. Für den Besuch im Tacheles während des Gallery Weekendes kann man sich hier anmelden.

Mehr Infos findet ihr auf dem Instagram-Account @art_perspectives_

Credits

Editorial Fotos: Sara Karayusuf-Isfahani & Chiara Bonetti

Hair & Make.Up: Helena Narra @liganord

Styling: Charlotte Gindreau

Beatriz Morales von A. Holmes

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