Von der Politik zur Produkt-Poesie: Unsere Homestory mit Anna von Schwesterherz

Als ich Anna frage, ob sie Lust hätte, die Hauptrolle in einer Homestory auf Journelles zu spielen, sagt sie zunächst erfreut zu. Um aber schon kurz darauf einzulenken, dass es in ihrer Wohnung natürlich schon ganz anders aussehe als im Laden. Anna Menke ist Chefeinkäuferin bei Schwesterherz. Dem Laden, aus dem ich nicht hinaus gehen kann, ohne etwas gekauft oder mich in mindestens eines der Stücke verliebt zu haben.

Ohne eine leiseste Vorstellung davon zu haben, wie es bei Anna zuhause wohl aussehen mag, habe ich ihrem Geschmack einfach blind vertraut. Ihre Wohnung konnte gar nicht langweilig eingerichtet sein. Der von ihr kuratierte Laden sagt bereits alles.

Beim Betreten von Annas Friedrichshainer 110qm-Wohnung, eröffnet sich einem der Blick auf einen ellenlangen Flur. Zwei Vasen stehen an dessen Ende. Die eine davon hat sie bei Schwesterherz mitgenommen. „Die andere ist von meiner Oma.“ Eine Aussage, die Anna an diesem Vormittag noch einige Male wiederholen wird. Zwischen neu gekauften Möbelstücken und Dekoobjekten tummeln sich Geschenke von Freunden, aus dem Keller Geholtes von ihren Eltern, Flohmarktfunde – und eben auch viel Altes, von Annas offensichtlich ziemlich cooler und stilsicherer Oma.

Anna trägt ein schwarzes, knielanges Kleid. Das dunkle Haar fällt ihr locker über die Schultern. Während sie Kaffee kocht, erzählt die Gastgeberin von den Messen, die sie die letzten Wochen über besucht hat. Die Maison et Objet in Paris ist eine der wichtigsten Möbelmessen. „Paris ist anders als Berlin. Der Einrichtungsstil dort ist irgendwie süßlicher. Berlin ist ein bisschen mehr retro. Trotzdem sieht man an beiden Städten, dass sich durch das Internet alles immer mehr an den skandinavischen Stil angleicht.“

Hast du Tipps für das Interiorshopping in Paris und Kopenhagen?

Ich liebe den Mix aus Vintage und neuer Ware. Dora in Kopenhagen ist ein absolutes Muss wenn ich dort bin. In Paris gehe ich immer in den Merci-Store im Marais. Der überrascht mich jedes Mal von Neuem.

Die transparenten Tischchen hat Anna ihren Eltern abgeluchst, die Vasen sind von Kähler und der Teppich von Urbanara.

Was sind laut der Messen die Trendprognosen?

Es wird dunkler. Das fand ich sehr erfrischend. In den letzten Jahren dominierte stets der helle, klare Minimalismus und jetzt geht es wieder in eine andere Richtung. Toll sind Wände in dunkleren Tönen. Auch wenn Streichen mit dunklen Farben wie Dunkelgrün viel Mut erfordert, empfehle ich jedem, der Lust darauf hat, es einfach auszuprobieren.

Haptik ist auch ein super wichtiges Thema gewesen auf den Messen. Samt ist ein wegweisendes Material. Auf der einen Seite hat man dieses Pompöse, Plüschige und Luxuriöse und im Kontrast dazu Materialien wie Leinen. Denn der zweite wichtige Strang ist das Handgemachte. Unperfekte Keramik beispielsweise ist im Kommen. Da merkt man aber gerade auch im Laden, dass die Kunden dafür noch nicht bereit sind. Sie kaufen zwar gern Keramik aber wenn etwas unperfekt oder sehr stark handgemacht aussieht, gefällt es bisher nur wenigen. Das kommt mit der Zeit, je öfter man das gesehen haben wird. Außerdem super wichtig: Pflanzen. Schon letztes Jahr ein großes Thema auf den Messen – dieses Jahr noch mehr. Kakteen sind allerdings durch. Große und exotische Grünpflanzen sind das, was uns jetzt erwartet.

Annas Lieblings-Inspirationen im Netz

Dienstagsdinge auf Journelles (ja, wirklich!)
Herz und Blut
23 qm Stil
Inattendu
Und analog: das Magazin RUM

Eigentlich hat Anna Sozialwissenschaften und nordamerikanische Politik studiert. Während des Studiums begann sie bei Schwesterherz, einem Friedrichshainer Einrichtungsladen, zu jobben, um nebenbei ein bisschen Geld zu verdienen. Sie wollte in die Politik, vorher auch mal in den Journalismus. Eine Promotion war der Plan. Bis dann doch alles ganz anders kam.

Mit der Zeit merkte Anna, dass sie ein Auge für Einrichtung hat. Und ihre Chefin ließ ihr freie Hand: „Mach‘ mal, hat sie gesagt. Und ich habe gemacht. Mich ausprobiert.“ Der Nebenjob entwickelte sich zum Vollzeitjob, die Promotion wurde erstmal auf die Warteliste gesetzt – und inzwischen arbeitet Anna seit zweieinhalb Jahren vollverantwortlich als Chefeinkäuferin für beide Schwesterherz-Läden in Kreuzberg und Friedrichshain und überrascht mit ihren wundervoll kuratierten Interior-Träumen bei jedem Besuch von Neuem. Ein bisschen ist das wie Produkt-Poesie. Die einzelnen Teile im Laden ergänzen sich, nehmen Bezug aufeinander und geben jedes für sich, genauso wie alle zusammen, ein wunderbares Bild ab.

Wie ist es, in einer WG zu wohnen, wenn man sich hauptberuflich mit Einrichtung und Design beschäftigt?

Wie drücke ich das am besten aus? (Lacht.) Es geht total gut, weil mir wirklich freie Hand gelassen wird. Ich bin ja auch Hauptmieterin. Das Wohnzimmer und mein Zimmer habe ich ganz so eingerichtet, wie ich das mag. Die Küche und das Bad sind Gemeinschaftsräume. Aber man muss schon auch mal durchatmen und Fünfe gerade lassen sein können. Wenn ich ein Typ wäre, der ganz cleane Flächen mag und mit Unordnung nicht umgehen kann, dann würde das Leben als WG nicht funkionieren. Aber so würde ich auch nicht wohnen wollen, deswegen ist das okay so. Ich verstehe mich außerdem sehr gut mit meinen Mitbewohnern und da ich die Wohnung schon seit acht Jahren angemietet habe, möchte ich sie, auch in Anbetracht der Berliner Wohnungslage, wirklich nicht aufgeben.

Die Malereien sind von Lena Olenhusen, einer Künstlerin und Freundin von Anna.

Kopenhagen war während meines Erasmus-Jahrs ein Auslöser dafür, das Designinteresse auf ein anderes Level zu heben. Selbst in der Uni hängen dort Designer-Lampen. Dort lebt man ganz natürlich im Alltag mit Design. Das hat mich nachhaltig beeinflusst.

Hast du Lieblings-Designklassiker?

Das ändert sich immer wieder. Ich habe ein großes Faible für alte dänische Möbel. Außerdem liebe ich Lampen und Stühle. Den weißen Eames Chair habe ich beispielsweise schon seit meinem Geburtstag vor vier Jahren. Und damals dachte ich, dass das mein absoluter Lieblingsstuhl werden würde und wollte mir am liebsten gleich acht Stück davon kaufen. Heute bin ich sehr froh, dass ich das nicht getan habe. Ich habe mich eben schon ein bisschen satt daran gesehen. Pinterest und Instagram beschleunigen diesen Prozess noch einmal.

Aber der Stuhl auf dem du sitzt – das ist eigentlich mein absoluter Lieblingsstuhl. Der Series 7 Stuhl von Arne Jacobsen. Den mag ich schon seit 15 Jahren. Mein Ex-Freund hatte ziemlich viele davon und seitdem finde ich den ganz toll. Auch die anderen Holzstühle von Jacobsen finde ich super schön, wie den GrandPrix oder die Ameise. Den hier habe ich in einem kleinen Trödelladen in Friedrichshain auf der Grünberger Straße entdeckt. Allerdings haben die Series 7-Stühle ein Manko. Wenn sie alt werden, können sie im Kern brechen und deswegen hat der auch nur 100 Euro gekostet. Obwohl er aus dem wirklich schönen Teakholz ist, mit dem heute leider gar nicht mehr produziert wird.

Wieso nicht?

Die Abholzung ist sehr schwierig. In den 60ern wurden sozusagen halbe Regenwälder dafür gerodet. Für die Holzaffen von Kay Bojesen, die ja immer noch aus Teak produziert werden, gibt es ganze Plantagen in Vietnam. Allerdings gibt es da auch Schwierigkeiten, weil das Teak sehr viel heller geworden ist in den letzten Jahren. Klar, das dunkelt noch nach aber wenn man sich wirklich alte Affen anguckt, dann sieht man, dass die eigentlich sehr viel dunkler sind.

Annas Lieblings-Interiorläden
in Berlin

Ting, Ryestraße 41
Stue, Torstraße 70
Vintage Galore, Sanderstraße 12
Coroto, Karl-Marx-Allee 134

Bist du auch außerhalb des Ladens kreativ und bastelst oder baust Dinge für deine Wohnung?

Ich würde sehr gerne, aber leider habe ich dafür viel zu wenig Zeit. Letztes Jahr aber habe ich zum Beispiel wirklich kurz überlegt in Serienproduktion zu gehen. Wir hatten für ein Jahr eine dänische Praktikantin im Laden und zum Abschied habe ich ihr einen Farn gestickt. Der sah total toll aus, aber der hat so viel Zeit in Anspruch genommen, dass ich die Idee mit der Serienproduktion sofort wieder verworfen habe.

Zum Abschluss zeigt uns Anna ihr momentanes Lieblings-Kleidungsstück. Ein orange-fliederfarbenes Kleid, das sie bei Berlin Vintage Clothing gekauft hat. „Ein Label, das alte Kleidung wieder aufarbeitet. Als ich mich damit das erste Mal im Laden im Spiegel gesehen habe, habe ich mich gefühlt wie so eine 70er-Jahre-Boho-Lady. Das passt total zu der Leidenschaft, die ich gerade für Rattan hege. Der kleine Spiegel im Wohnzimmer, der Stuhl und der Sessel hier im Schlafzimmer sind alle in dem Stil.“

Danke, liebe Anna!

Fotografin: Julia Novy (@fridahannegaby)

Kommentare

  1. alicjaschindler@gmail.comcharlotte_k@gmx.at
    Charlotte sagte am

    Tolle Frau, angenehmer Stil. Man merkt, dass sie es sich für sich selbst schön macht und nicht um anderen zu gefallen.

  2. alicjaschindler@gmail.commerle.bonato@gmx.de

    Super schöne Wohnung und allgemein ein interessanter Bericht. Ich würde mich über weitere Homestories freuen! 🙂

  3. alicjaschindler@gmail.cominfo@mehralsgruenzeug.com

    Das ist eine wunderschöne Homestory – gerne mehr davon! Ich liebe solche Inspirationen sehr und kann von solchen entspannt-geschmackvollen Ideen gar nicht genug bekommen. 🙂

    Liebe Grüße
    Jenni

    • alicjaschindler@gmail.comanna.menke@gmx.de

      Liebe Anne, der Teppich ist laut der
      Farbbezeichnung hellgrau. Aber ich finde, dass er einen Blaustich hat. Dadurch, dass er aus Viskose ist, verändert er auch je nach Lichteinfall seine Helligkeit.
      LG, Anna

  4. alicjaschindler@gmail.comcharlotte.schleiffer@gmx.de

    Liebe Anna, mir gefällt deine blaue Wand so wahnsinnig gut und nun wollte ich wissen, ob du mir Hersteller und Produktnummer verraten würdest…? Danke und ganz liebe Grüße, Luise

    • alicjaschindler@gmail.comanna.menke@gmx.de

      Liebe Luise, ich bin auch nach so langer Zeit noch total verliebt in die Farbe. Das ist Hague Blue von Farrow and Ball.
      Viel Spaß beim Streichen, falls du dich dafür entscheidest. Das geht mit deren Farben super gut. Liebe Grüße, Anna

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