Valentino Haute Couture SS18: eine Lektion in Sachen Farbenlehre und eine wichtige Botschaft

Meine Omi hat immer gesagt, sie möge Berlin nicht so sehr, weil sich hier niemand mehr schick macht. Man müsse nur mal in die Oper oder zum Derby gehen und würde direkt sehen, woher in der Hauptstadt der Wind weht. Vielleicht liegt es an der Vorliebe der Berliner für lässige Looks oder aber an der an Krisen nicht armen Geschichte dieser Stadt, dass „sich schick machen” hier nicht wirklich eine Nummer-Eins-Priorität ist.

Doch wenn Berlin sich mal richtig in Schale werfen würde, so als Stadt-Kollektiv, dann würde ich uns alle in den Entwürfen Pierpaolo Picciolis für Valentino sehen. Seine Kollektion, die vor einer Woche in Paris den Abschluss der Haute-Couture-Schauen bedeutete, ist so lebendig, kunstvoll, bunt, meisterhaft und vielseitig wie die deutsche Hauptstadt und vereint auf atemberaubende Weise Ready-to-Wear mit Extravaganz, wie sie mir lange nicht mehr untergekommen ist.

Wir sehen Elememte aus praktischer Outerwear, wie die weit geschnittenen Hosen aus festem Stoff oder die langen Trenchcoats aus Seidenstoff. Lässige Sweater mit delikatem Blumenprint und Tanktops aus Seide kombiniert Piccioli kurzerhand mit überbordenden Rüschen und gigantischen Hüten aus eingefärbten Straußenfedern. Schlichte Seidenblusen werden mit XXL-Schluppen versehen und die Ausschnitte rutschen hinunter bis zur Taille.

Die ganze Kollektion ist eine Verschmelzung von vergangenem Glamour mit dem understatement Chic der Neunziger- und Nullerjahre. So erinnerte mich der Look mit Spitzenbluse und Paperbag-Rock stark an die Ready-to-Wear-Entwürfe 2011 von Raf Simons für Jil Sander. Was aber besonders im Gedächtnis bleiben wird, ist die Zusammentstellung der Farben.

Wir tauchen ein in eine Welt der Farbkontraste

Wer in der Grundschule gut aufgepasst hat, dem werden beim Anblick der Kollektion direkt die klassischen Farbkontraste in den Sinn kommen. Komplementär-, Simultan- und Farbe-an-sich-Kontraste sorgen unter anderem dafür, dass unser Sehsinn in einen wahren Rausch verfällt. Gleichzeitig wirkt das Gezeigte aber so ausgewogen und stimmig, dass es eine Freude ist, sich durch die Kompositionen der verschiedenen Looks zu klicken.

Don’t call them „Petites Mains”!

Eines seiner wichtigsten Statements machte Piccioli jedoch via Instagram vor der Show: Kein Entwurf, keine Idee eines Designers würde ohne die Hilfe der handwerklichen Künste der NäherInnen jemals zum Leben erwachen. Die Branche nennt die fleißigen, guten Geister der Ateliers scheinbar liebevoll „Petites Mains”, also „kleine Hände” – doch Pioccioli ist dieser Begriff zuwider. Gegenüber Vogue Runway sagte der Designer:

I hate it when they’re called ‘petite mains.’ They are not ‘hands,’ they’re people.

Auf Instagram und Youtube stellt der Designer in der eigens produzierten Kampagne „Whats your Name” die Näherinnen und Näher hinter den Träumen aus Stoff in kleinen Filmen vor und lässt sie erzählen, wie die Arbeit bei Valentino ihr Leben verändert und bereichert. Aber auch, welche Aufgaben mit dem Beruf einhergehen. Ich finde diese Initiative sehr lobenswert, schließlich machen wir uns alle viel zu wenig Gedanken um die Hände, die unsere tägliche Kleidung fertigen. Ob es sich nun um Haute Couture handelt oder nicht.

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Bilder im Header via Instagram.com/maisonvalentino

Kommentare

  1. Einmal bitte alles zu mir nach Hause liefern! Ein paar Ballerinas habe ich mir schon gegönnt, der Rest lässt sich momentan nicht mit meinem Budget vereinbaren, dennoch laden mich die Bilder zum träumen ein. Die Näherinnen werde ich mir auch noch anschauen.
    Liebe Grüße

  2. Oh wow! Eine wirklich sehr bemerkenswerte Kollektion und eine tolle Botschaft. Die Farben sind ein Traum. Ich selbst bin kein Fan von allzu bunten Outfits aber da bekommt man doch direkt mal Lust auf ein wenig Abwechslung. So schöne und stimmige Kontraste! Richtig, richtig schön. Eine tolle Geste, die Näherinnen vorzustellen. Du hast völlig Recht, man sollte nie vergessen, wer unsere Kleidung näht… Wenn man ehrlich ist, kann man dann aber wohl so gut wie gar nichts mehr kaufen. Vielen Dank für diesen mal wieder toll recherchierten und geschriebenen Beitrag!

    Liebe Grüße Neele

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