TV: So war „Fashion Hero“ gestern Abend

Mode im kommerziellen Fernsehen – ist schwierig, klar! Wir sind mit unserer Sendung It’s Fashion extrem nischig. Umso mehr freue ich mich, wenn über das Castingmonster GNTM hinaus Mode im TV läuft. Ein Grund, sich die Sendung Fashion Hero gestern spätabends online für ein erstes Resümee anzusehen. Daran vorbei kam man in den letzten Wochen wirklich nicht. Nach zahlreichen Pressemitteilungen, Previews, Presse, Plakaten, Vorschauen wusste wirklich jeder: Claudia Schiffer ist Gesicht der Sendung und gibt Nachwuchsdesignern als Mentorin Tipps. Die mehr oder weniger erfahrenen Teilnehmer stellen jeweils zwei Teile ihrer Kollektion auf dem Laufsteg vor und haben die Möglichkeit, sofort den Verkaufszuschlag von einem der drei Einkäufer zu bekommen.

Das sind Anne Rech von ASOS, Petra Winter von s.Oliver und André Maeder von Karstadt. Unterschiedliche Zielgruppen, unterschiedliche Ausrichtungen. Hier sind meine Gedanken zu Fashion Hero!

 Chance für die Designer

Eine der Kandidatinnen bringt es auf den Punkt: „Es ist die einmalige Chance, Einkäufer kennenzulernen“ – denn das sei ihr in der bisherigen Laufbahn nicht gelungen. Im Berlin Showroom in Paris haben wir vergangene Woche noch über ähnliche Probleme gesprochen. Kaum einer kann sich einen Sales-Agenten leisten, der hartnäckig potenzielle Läden angeht. Absagen gibt es en masse, kaum einer traut sich, in aufstrebende Talente zu investieren, Investoren bleiben aus, mit Misserfolgen werden Jungdesigner ständig konfrontiert.

Somit ist der grosse USP der Sendung tatsächlich, dass hier ein Kontakt mit möglicher Order hergestellt wird. Können die Designer Geld verdienen? Na klar, nur darf man sich nicht von den gebotenen Geldbeträgen verwirren lassen. Der Reingewinn setzt sich aus dem Einkaufspreis minus den Produktionskosten zusammen. (Dazu unten ein Beispiel.)

Ich sehe das als guten Start für so manchen Newcomer an, denn mit entsprechenden finanziellen Mitteln kann man später viel aufbauen. Ob die Sendung zu anhaltender Bekanntheit verhilft und ein Markenname entsteht, ist fraglich.

Die Mentoren 

Eine solche Show benötigt prominente Gesicher, das ist  klar. Dennoch ist der Job von Claudia Schiffer und ihren beiden Mentoren leider… überflüssig. Die Einkäufer können sie ohnehin nicht überreden, Geld zu investieren, und echte Profitipps bleiben aus.

Die Einkäufer 

Neben unterhaltenden Elementen ist die Show vor allem eins: eine Dauerwerbesendung. Die Gewinner sind am Ende ganz klar die Shops. Eine bessere Promo und Werbefläche mit anschliessender direkter Kaufmöglichkeit ist einzigartig im deutschen Fernsehen und hat sich schon am ersten Abend positiv ausgewirkt: die Websites waren vor lauter Überlastung stellenweise down. Schliesslich kann die eingekaufte Ware sofort online geshoppt werden. (Die Sendung wurde bereits im Mai diesen Jahres aufgezeichnet, was genug Produktionsvorlauf gab.)

Und: die Einkäufer sind sympathisch, handeln logisch im Auftrag ihrer Läden und Warenhäuser. Denn es geht um echte Zahlen! Das zeigt der Schweizer Maeder gut auf, denn er rechnet hin und her, gibt zu Beginn lieber keine Angebote ab.

Die Rechnung: Wenn ein Kleid im Laden 80 Euro kostet und davon 1000 geordert werden, ist die Angebotssumme bei Fashion Hero 80.000 Euro. So viel wird aber gar nicht erst ausgegeben, denn der Einkaufspreis ist nur etwa ein Drittel des Verkaufspreises (gehen wir von einer etwaigen Marge von 2,5 aus). Anhand dieses Beispiels nimmt Laden XY also „nur“ 32.000 Euro in die Hand, um die Teile des Designers zu ordern. Wer die Produktion übernimmt, ist unklar. Auch, in welcher Qualität hergestellt wird, denn dadurch entstehen ganz andere Preisspannen.

Schwachstellen

Ich bin ganz froh, einige Sequenzen online vor spulen zu können. Zum Beispiel, weil ich die Kommentare der Mentoren nicht wirklich ertragen kann. „Sexy“! „Raffiniert“! „Genau meins!“ – Mehrwert? Ade.

Und was genau sollen die Kommentare, die neben den Looks auf dem Laufsteg auftauchen?: „Bodycon-Kleid kaschiert breite Hüften“ oder „Asymmetrischer Print versteckt Problemzonen“ erinnern an QVC.

Spiegel Online fragt: „Was erfährt man über die Mode? Neonfarben sind wieder in und sogenannte Jeggings, eine Kombination aus Jeans und Leggings, voll gut. Sagt Frau Schiffer.“ – Weniger Zeitgeist geht kaum. Mit visionären Entwürfen hat das alles wenig zu tun. Was letztlich wieder kein allzu positives Bild auf die deutsche Designerzunft wirft. Zwei Favoriten der Sendung kommen aber erst nächste Woche an die Reihe: Tim Labenda und Barre Noire. Ihr macht das, Jungs!

Fazit

Die Show ist hart für die Designer, denn ein ehrlicheres Feedback gibt es kaum. Was der deutsche Markt will, dafür stehen symbolisch die Einkäufer. Und daran muss sich letztlich jeder orientieren – wenn er verkaufen möchte.

In Frankreich oder Schweden etwa ist es selbstverständlich, junge Designer zu tragen, Marken aus dem eigenen Land zu bilden. Wer trägt in Deutschland eigentlich deutsche Designer? Sehr lesenswert dazu ist Alfons Kaisers Artikel „Prêt-à-porter aus dem Hinterhof„. Insofern hat die Sendung doch einen ganz ordentlichen Mehrwert.

Das hier ist übrigens das Top von Marco Hantel, das gestern bei Asos in den Verkauf ging. Passt, oder?

Kommentare

  1. Danke für die Zusammenfassung, ich hab’s nicht geguckt und werde es wohl auch nie gucken, klingt ja insgesamt furchtbar. Denke auch, die Sendung wird schnell wieder in der Versenkung verschwinden, denn das, was du auch als Wichtig und Positiv beschreibst, wird wohl kaum den normalen Privatfernsehnschauer interessieren. Schade eigentlich.

  2. Annalena sagte am

    Besser hätte ich es nicht zusammenfassen können!!! Alles was ich zu bemängeln hatte, hast du wunderbar verpackt! Dankeschön 🙂

  3. Bin gleicher Ansicht. Leider tatsächlich eine zweistündige Dauerwerbesendung mit ordentlich Promo für die Moderiesen. Ich hätte mir zudem noch mehr innovatives Design gewünscht.

  4. Vor allem ist es schade, dass deutsche Designer wieder in einem eher schlechten Licht dargestellt werden, Mode komerziell und überflüssig rüberkommt. Wer in Deutschland trägt eigentlich deutsche Designer? Was ist deutscher Stil? Denkt man an Scandinavien, weiß man sofort etwas zuzuordnen, genauso wie zu Großbritannien, Frankreich, den USA, Spanien…

  5. A Couple's Gallery sagte am

    Leider fand ich es auch eher enttäuschend. Die Mentoren fand ich peinlich,nur wenige Designs waren überzeugend und die Modebranche wird wieder Mal so schön einseitig, klischeehaft dargestellt… Und diese Jeggins/Neon Kommentare von la Schiffer? Schlimm. In Deutschland tickt die Uhr was Mode angeht international gesehen leider doch noch etwas langsamer.

    http://www.acouplesgallery.blogspot.com

  6. Timm R Süssbrich sagte am

    DANKE für diesen adäquaten Artikel mit Hirn und Köpfchen. Das vermisse ich bei anderen Bloggern. Ich als einer der Teilnehmer bin froh, endlich mal etwas qualifiziertes zu lesen! Es geht nicht um die Modehäuser und Werbung in allen Facetten. In Deutschland werden Designer kaum gefördert. Diese Sendung öffnet einfach mal den Blick auf die Deutsche Modewelt und macht verständlich was alles hinter einem Design steckt… Wartet noch 2 Sendungen ab – dann wird super!

  7. mrsjune sagte am

    Du sprichst mir aus dem Herzen! Das deutsche Fernsehen spielt Modeindustrie und schmeißt mit Klischees mal wieder nur so um sich. Zeitgeist??Fehlanzeige!

  8. Vielen Dank für Deine Sichtweise, ich habe die Sendung auch online verfolgt und mir hat sie nicht wirklich gefallen. Ich fand sie teilweise zu aufgesetzt und zu gekünzelt… und ich finde, klar ist es ein Sprungbrett für die Designer, sich einen Namen zu machen, aber seien wir doch mal ehrlich, wer möchte sein Label bei Karstadt oder S. Oliver präsentieren?

    Ich fand z.B. die Bluse von Sahra Tehrani http://karstadt-fashionhero.de/pd-5150182.html interessant und bin durch Zufall am nächsten Tag bei einem Karstadt vorbeigeschlendet. Wollte mich dann in Natura von den Gewinner-Kollektionen überzeugen lassen, doch der Schuss ging gewaltig nach hinten los. Die Kleidung hing lieblos auf Kleiderpuppen und saß sehr unförmig. Zudem ist die Bluse aus 95 % Polyester, dafür gebe ich doch keine 49,99 EUR aus… und das High Low Kleid von Marcel Ostertag hing auch sehr unglücklich auf einer Kleiderpuppe und gefiel mir auch überhaupt nicht. Sah wirklich billig aus und überhaupt nicht nach „High Fashion“ – man muss sich schon auch Gedanken um die Präsentation vor Ort machen, wenn ich da an die neue Abteilung mir maje, Sandro und Topshop und Co. denke — da liegen Welten dazwischen.
    Ich weiß nicht, wie es bei S. Oliver präsentiert wird, aber das Geschäft habe ich seit Jahren nicht mehr betreten…

  9. Leanott sagte am

    Sehr sehr sehr guter Artikel. Die Kritik hätte gerne noch vernichtender ausfallen können, aber hier ist es „nett“ auf den Punkt gebracht. Genau so habe ich die Sendung auch empfunden. Insgesamt aber ein Format, das ich mir nächste Woche gerne wieder anschaue.

  10. Die Sendung ist aber doch wenigstens schon einmal ein Anfang – für deutsche Kreative. Aber ist euch mal aufgefallen, dass bei ALLEN deutschen Labels die Ärmel zu lang sind! Auch die Hosen! Man muss sowohl bei den etablierten wie Strenesse, als auch bei Esprit & Co dauernd kürzen lassen. Ich bin davon überzeugt, dass die richtige Größe – die europäische Durchschnittsfrau ist nämlich nur 1,65m groß – den hohen Verkaufserfolg von Zara ausmacht.

    • Was Sinnfreieres ist mir hier selten unter gekommen, mal ehrlich!
      Kürzen geht immer, anstückeln nur schwer. Wenn alles auf 1,65m angepasst wäre, dann sähen ich und ein Großteil meiner Freundinnen ganz schön blöd aus.

      Daher sucht und findet man im besten Fall ein Label, dass entsprechend der eigenen Körperproportionen schneidert. Wär ja tragisch, wenn wir alle nur bei Zara einkaufen müssten. Pfui!

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