#PFW Sommer 2020: Paris inszeniert sich als besonders umweltbewusst

Wer in den vergangenen Tagen die Modenschauen der Paris Fashion Week mitverfolgt hat, fühlte sich gelegentlich weniger von den Kreationen der Designer als von deren umweltpolitischen Aussagen überrascht. Die Idee, dass Designer und Modehäuser verantwortungsbewusst handeln, klimaneutrale Wege gehen, Stoffe recyceln, Altbestände neu aufleben lassen und generell einen umweltbewussteren Ansatz verfolgen, ist natürlich eine schöne Perspektive, aber in einigen Fällen war es nicht immer überzeugend.

Paris im Zeichen des Klimawandels

Los ging es mit einer Erklärung des Modekonzerns Kering gleich zu Beginn der Fashion Week. Das Unternehmen kündigte an, dass sich das gesamte Unternehmen inklusive Marken wie Gucci oder Yves Saint Laurent ab sofort der Umwelt verpflichte. „Wenn es um den Klimawandel geht, können wir es kaum erwarten, konkrete Maßnahmen zu ergreifen“, sagte François-Henri Pinault, CEO und Chairman. „Wir alle müssen uns als Unternehmen weiterentwickeln und die Treibhausgasemissionen, die wir insgesamt verursachen, berücksichtigen. Kering verpflichtet sich, als Gruppe in allen unseren Betrieben und Lieferketten völlig klimaneutral zu werden. Während wir uns darauf konzentrieren, unsere Treibhausgasemissionen zu vermeiden und zu reduzieren, um unser wissenschaftlich fundiertes Ziel zu erreichen, werden wir alle unsere verbleibenden Emissionen ausgleichen und den Erhalt wichtiger Wälder und der biologischen Vielfalt auf der ganzen Welt unterstützen.“

Von dieser Verpflichtung war bei der Show von Saint Laurent, das zu Kering gehört, noch wenig zu sehen. Wie immer zeigte der Chefdesigner Anthony Vaccarello seine von der Hippiebewegung der 70er Jahre inspirierte Kollektion als riesengroßes Modespektakel auf der Place de Varsovie. Seine Enwtürfen bestachen durch tiefe Ausschnitte, körperbetonte Schnitte, mit Paisleymuster bestickte Kleider, Chiffonblusen, Laméröcke und goldschimmernden Stoffen. Superhübsch, keine Frage, aber die Kollektion selbst sowie die aufwendige Lichtshow und die riesige Bühne, die jedes Mal extra für die Modenschau aufgebaut wird, wirkten alles andere als umweltfreundlich.

Saint Laurent
Saint Laurent

Zwar gab Saint Laurent bekannt, dass für seine Lightshow Bio-Treibstoff und erneuerbare Energien verwendet wurden, klingt allerdings insgesamt ein bisschen halbherzig. Auch bei Rick Owens, dessen Einladung aus einer massiven Plexiglas-Karte bestand und den Hinweis „made from 100% recycled and recyclable acrilic“ trug, konnte mit diesem Ansatz nicht so recht überzeugen. Zugegeben, eine nette Idee, aber nicht zuletzt schwingt der Vorwurf, es sei lediglich PR, mit. Schließlich landet die Einladungskarte auch schnell im Müll.

Dass das noch besser geht, bewies Maria Grazia Chiuri: Sie hatte nur wenige Stunden zuvor den Erhalt biologischer Vielfalt zum Thema ihrer Dior-Show gemacht. Als Laufsteg im Pariser Hippodrome de Longchamp diente ein Wald aus 164 Bäumen, kreiert vom Pariser Umwelt- und Designkollektiv Coloco. Unter dem Motto #PlantingForTheFuture werden die „Showbäume“ später zur Begrünung der ganzen Stadt weiter gepflanzt.

Chiuri schickte Models auf den Laufsteg, die mit ihren geflochtenen Zöpfen ein bisschen an die Umweltaktivistin Greta Thunberg erinnerten. Sie alle trugen Strohhüte, Kleider aus Bastfransen, kurze Kombishorts mit klobigen Stiefeln, Espadrilles oder flache Sandalen. Besonders schön waren die Kleider – bedruckt, bestickt, verziert –, in denen Spitze, Raffiabast, Jacquard, Seide und Tüll übereinander gelegt und verwoben wurden, um durchweg wunderbare, handwerklich meisterhafte Stücke zu schaffen.

Chiuris Nachhaltigkeitsansatz spiegelt sich in der kostbaren Handarbeit in Verbindung mit echtem Design wider. Sie entwirft Kleider, die man jetzt kauft und für immer trägt; sie sollen im Schrank Wurzeln schlagen und mit der Zeit an emotionalem Wert gewinnen.

Auch Marine Serre, die 2017 den renommierten LVMH-Prize gewann, ist schon lange für umweltfreundlichere Kollektionen bekannt. Die französische Designerin hatte den ersten großen Tag der Pariser Fashion Week unter dem Titel „Marée noire“, zu Deutsch Ölpest, eröffnet. Dafür ließ die 27-Jährige den Laufsteg mit schwarz-glänzendem PVC auslegen, dass tatsächlich auch an einen Ölteppich erinnerte. „Stellt euch vor, ihr wandelt in der Ödnis, die Überflutungen, Klima- und Umweltkatastrophen, Hitzewellen und Kriege hinterlassen haben“, heißt es von der Designerin. Zwar besteht 80 Prozent der Kollektion aus Upcycling-Materialien, doch wie das mit schwarzem PVC, das wie wir wissen aus Erdöl gewonnen wird, zusammenpasst, lasse ich mal so stehen.

Courrèges

Neu auf unserem Moderadar ist Courrèges. Bei dem Label, das draußen am Ufer des Canal Saint Martin zeigte, gab es zwar wieder Vinyl zu sehen – das Material, mit dem die Marke in den 60er Jahren berühmt wurde –, überraschte allerdings mit neuen auf Algenbasis hergestellten Vinyl, das zehn Mal weniger Kunststoff verbraucht. Außerdem verwendete die Designerin Yolanda Zobel zum ersten Mal Fischhaut als Lederersatz.

Während die Denim-Looks von Givenchy aus upgecycelten Stoffen geschneidert waren, überzeugt Stella McCartney wohl am meisten mit ihrer Kollektion in Hinblick auf die Klimadebatte. Die britische Designerin zeigte ihre bislang umweltfreundlichste, zu über 75 Prozent nachhaltig produzierte Kollektion. Nicht zu vergessen, dass sie für ihr Label nur zertifizierte Bio-Baumwolle nutzt und in ihren Kollektionen komplett auf Leder oder Pelz verzichtet. Erst vor wenigen Wochen hatte der Modekonzern LVMH Anteile von Stella McCartney gekauft und die Designerin als Sonderberaterin für Bernard Arnault und die Mitglieder der Geschäftsleitung der LVMH-Gruppe in Sachen nachhaltiger Entwicklung eingestellt.

Givenchy
Stella McCartney

Im Zeichen des Klimawandels ist Umweltbewusstsein auch für Luxuslabels zum wichtigen Verkaufsargument geworden. Denn gut angezogen heißt, der Situation entsprechend angemessen gekleidet zu sein und sich im Einklang mit seiner Umwelt (die zunehmend mehr Verantwortung gegenüber der Erde empfindet) wohl zu fühlen. Doch so sehr wir ein Umdenken in den Modehäusern begrüßen, muss die Modebranche aufpassen, den Anspruch nicht zu verwässern und durch Greenwashing unglaubwürdig zu werden.

Allein die Paris Fashion Week ist mit ihrer ökologischen Bilanz (Flüge, Chauffeurdienste, Plastikbecher, Müll, Bühnen und Schauräume) alles andere als positiv. Das soll sich ab 2020 zwar ändern, verspricht Pascal Morand, Präsident des französischen Verbands für Haute Couture und Mode. Wir bleiben gespannt.

Alle Bilder via PR oder Vogue Runway

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