Mode-Mythen: Woher kommt unsere Mode? Die Feldstudie und Interview mit Dr. Kirsten Brodde

Los geht es mit unserer Themenwoche – zuvor aber noch eine kleine Feldstudie. Wie oft schaut ihr beim Kleiderkauf auf das Schildchen, um das Herkunftsland herauszufinden? Und was entnehmt ihr der Kennzeichnung? Ich muss gestehen, dass ich die Herkunft zwar spannend finde, jedoch nichts mit der Information anfangen kann. Trotz problematischer Arbeitsbedingungen in den Fabriken kann

Los geht es mit unserer Themenwoche – zuvor aber noch eine kleine Feldstudie. Wie oft schaut ihr beim Kleiderkauf auf das Schildchen, um das Herkunftsland herauszufinden? Und was entnehmt ihr der Kennzeichnung? Ich muss gestehen, dass ich die Herkunft zwar spannend finde, jedoch nichts mit der Information anfangen kann. Trotz problematischer Arbeitsbedingungen in den Fabriken kann man kein Produktionsland über einen Kamm scheren; im Zweifel ist Boykott sogar schädlich. Wir widmen uns in der Themenwoche den sogenannten„Mode-Mythen“ in den Artikeln „Made in China“ sowie „Made in EU“ und stellen anhand von Experteninterviews fest, worauf es wirklich ankommt.

Welche Unterschiede gibt es aber zwischen hochpreisigen Designerkleidern und Fast-Fashion-Ketten? Wer lässt wo produzieren? Ich habe mich für meine Feldstudie auf die Suche gemacht – und wurde überall schräg angeschaut, die Schilder so explizit unter die Lupe zu nehmen…

Unterwegs war ich am Ku’Damm, sowohl bei Zara und Topshop als auch im KadeWe. Im heimischen Kleiderschrank habe ich auch nachgesehen.

Ungarn: Mein Blazer von Stella McCartney.

Marokko: Karierte Bluse aus Polyester von Zara.

China: Die Cashmere-Pullover von Zara. Seidenbluse von Theory. Ein Parka des englischen Labels Whistles, genau wie ein Pullover. Ein Seidenshirt von 3.1 Phillip Lim. Der Wollpullover von Carven. Ein Mantel von H&M. Ein Pullover von Isabel Marant für H&M.

Portugal: Ein T-Shirt aus 100% Baumwolle von Zara. Ein Kleid von Victoria Beckham.

Deutschland: In der Luxusabteilung des KaDeWe ist lediglich Odeeh made in Germany.

Türkei: Ein Rollkragenpullover von Acne. Jeans von Topshop.

Rumänien: Eine Hose von Isabel Marant.

Pakistan: Eine Lederjacke von Muubaa.

Polen: Die Jacke aus dem Teaserfoto, ebenso Marant.

Italien: Eine Seidenhose von MSGM.

Made in Bangladesch habe ich nicht gefunden.

Es ist erstaunlich, dass die Luxusdesigner fast ausschliesslich in China produzieren. Dennoch kann kaum ein Label oder Designer lückenlos dokumentieren, woher sein  Kleidungsstück stammt – vielleicht wurde es in China zusammen genäht, die Knöpfe stammen aber aus Indien, der Reissverschluss aus der Türkei und die Wolle aus Rumänien. Die Zeit hat die Herkunftsländer in einer interaktiven Karte genau dargestellt. Darin kann nach Label geschaut werden, wo z.B. H&M produziert. China wird in der Karte Rot angezeigt, als Land mit extremen Arbeitsrechts- und Arbeitsschutzrisiken. Das gilt auch für Sri Lanka, Pakistan, Indien, Indonesien, Bangladesch. Esprit beispielsweise lässt in allen vermeintlich schlechten Ländern produzieren, die einzige Ausnahme ist die Türkei.

Thomas Meyer zur Capellen, Professor für Textiltechnologie an der Akademie Mode Design (AMD) und Autor des Lexikons der Gewebe, antwortet in unserem Interview:

China ist der grösste Importeur (wenn man Hong Kong ausser Acht lässt) von Textilien für Deutschland. An 4. Stelle steht Bangladesch. China hat im Textilmarkt sehr viel gelernt und ist sehr bemüht, die Anforderungen deutscher Kunden einzuhalten. Trotzdem sollte man bei Billigware auf Umweltzertifikate wert legen. Die Löhne haben in den letzten Jahren etwas zugelegt, obwohl die Arbeitsbedingungen weiter verbessert werden sollten.

Welche Zertifikate das sind, dazu lest ihr hier bald mehr.

Dr. Kirsten Brodde ist Modejournalistin und Greenpeace-Aktivistin und schreibt darüber regelmäßig auf ihrem Blog Grüne Mode. Wir haben sie im Rahmen der Feldstudie befragt:

Made in… China, Bangladesch, Rumänien. Ist das alles wirklich so schlecht? Mal ganz plakativ gefragt: Gibt es Länder, die man meiden sollte? 

Nein, prinzipiell lässt sich in allen Ländern sauber produzieren und fair bezahlen.

Worauf soll man wirklich achten, wenn man einkauft?

Tja, ich weiß, dass passt nicht zur schnelllebigen Mode, wo ein Modell das andere jagt – übrigens wie in der Elektronik – aber: „Solide ist das neue Cool“, Sachen, die langlebig sind und robust sind, darauf gilt es zu achten. Vermutlich geht damit auch eine „Ästhetik der Reduktion“ einher, also etwas was beispielsweise das japanische Design a la Yamamoto hervorgebracht hat  in den – gestatte den Spott – „Prä-Hello-Kitty-Zeiten“. Und bitte, das ist nicht langweilig – wer originell sein will, soll es sein – aber nicht denken, dass erreichte man mit einem neuen flippigen Fummel.

Wieso ist die Aufzählung der Produktionsketten eines einzelnen Kleidungsstückes nach wie vor unmöglich?

Auf dem Etikett? Das müsstest du ja aufrollen, so lange würde es….Aber auf den Webseiten der Unternehmen ginge es schon – viele legen doch jetzt ihre Lieferantenlisten offen, zuletzt H&M. Transparenz radikal macht Bruno Pieters, der schlüsselt auch den Preis auf. In meiner Ökomode-Welt legt der schwedische Jeanshersteller Nudie ja sehr schön offen, wo sie produzieren.

Welche Labels und grosse Ketten gehen mit wirklich gutem Beispiel voran?

Die kleinen Labels, die mit gutem Beispiel vorangehen, findest du auf meinen „Grünen Listen“ auf dem Blog oder bei getchanged.net – bei den Großen würde ich sagen, dass sind diejenigen, die ein Detox-Commitment unterschrieben haben (also die 18 bislang, die Greenpeace nennt). Aber natürlich haben die auch keine Carte Blanche, sondern werden immer mal wieder getestet. Adidas hat zwar ein Commitment unterschrieben, hinkt aber hinterher, wie der jüngste Bademoden-Test von Greenpeace zeigte. Der Mädchen-Badeanzug steckte voll mit gefährlichen Chemikalien.

Was kann ich als Konsument tun, um langfristig dafür zu sorgen, dass z.B. in Bangladesch die Arbeitsbedingungen verbessert werden?

Siehe oben, hinter den sozialen und ökologischen Katastrophen in Bangladesch und anderswo steckt das Thema Konsum. Die unglaubliche Menge Klamotten, die produziert werden müssen und weil immer ein Modell das andere jagen soll, ist es so schwer, wirklich Verbesserungen zu erreichen, die Menschen und die Umwelt zu entlasten.

Buy less, choose well, make it last.

(Vivienne Westwood)

 

Von Jessie

Ich bin Jessie Weiß, 32 Jahre jung, lebe verheiratet in Berlin, bin Mama von Levi (1), schwanger mit dem zweiten Kind sowie Gründerin von Journelles. Ich liebe Phoebe Philo, Stella McCartney und Isabel Marant, kann aus anatomischen Gründen nicht auf hohen Schuhen laufen, habe einen Céline-Taschentick, tanze und höre leidenschaftlich gern Hip Hop, kann mir selten Ironie verkneifen, leider immer noch kein Französisch sprechen, obwohl ich Paris für die schönste Modestadt der Welt halte, gucke am liebsten Jimmy Fallon, Jan Böhmermann, Game of Thrones oder entspanne beim Serienmarathon auf Netflix, bin ein kleiner Workaholic mit Multitaskingtalent, professionelle Instagram-Durchscrollerin, in jeder Lebenslage tollpatschig, habe ein Faible für skandinavisches Interior und einen Kissen-Tick, bin groß im Wellness machen und wäre daher noch lieber professionelle Hoteltesterin. Mode ist meine grosse Liebe, aber meine Kohle investiere ich eher in Reisen und Essen – und neuerdings fast ausschliesslich in mein Kind.

Als alter Bloghase – 2007 habe ich LesMads mitbegründet – ging im Oktober 2012 mein persönlicher Traum in Erfüllung: Ich habe mich mit "Journelles" selbstständig gemacht. Das Blogazine ist mein digitales Zuhause, News-Plattform, Modetagebuch und tägliche Anlaufstelle für spannenden Content rund um die Themengebiete Interior, Reisen, Beauty und sowohl High Fashion als auch Contemporary Labels und Highstreetmode.

Nebenbei habe ich die Modesendung It's Fashion auf EinsPlus von der ARD moderiert, berate Firmen im Social-Media-Bereich, halte Vorträge und reise um die Welt, um euch täglich den schönsten Content zu präsentieren. Im Juni 2015 habe ich mein eigenes Modelabel JOUUR. gegründet.

2016 ist mein Sohn Levi auf die Welt gekommen. Baby-Themen werden seither auf Mini Journelles behandelt und das nun auch wieder intensiver, da unser zweites Kind unterwegs ist.

Journelles ist inzwischen gewachsen: Wir sind ein sechsköpfiges Redaktionsteam im Berliner Prenzlauer Berg und haben im Sommer 2018 unseren ersten temporären Concept-Store, den Journelles Marché, eröffnet.

Mein Credo: Mode muss Spaß machen, auf Augenhöhe funktionieren und sollte sich nicht so ernst nehmen.

Mehr über mich findet ihr im Presse-Bereich, auf Instagram und ab und an auf YouTube. Subscribe!

Aktuelles Presse-Feature:

VOGUE.DE: "Influencer im Portrait: Jessica Weiß - Alles, nur kein Stillstand"

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6 Antworten auf „Mode-Mythen: Woher kommt unsere Mode? Die Feldstudie und Interview mit Dr. Kirsten Brodde“

Ich muss gestehen, dass ich nur selten auf das Herkunftsland schaue sondern eher auf das Material das verwendet wurde…das sollte ich mal ändern.
Auf den Punkt hat es wohl Miss Westwood gebracht. Daran versuche ich mich auch zu halten.

Toller Beitrag. Ich schau auch immer, woher meine Sachen kommen, aber so richtig anfangen konnte ich bislang nichts damit.

Nur bei der Lederjacke made in Pakistan sind bei mir wieder diese Bilder aufgepoppt, die 37Grad letztens gezeigt hat. Mit den Rindern, die lebendig gehäutet werden. Ganz schrecklich. Ich habe beschlossen, schweren Herzens übrigens, weitgehend auf Leder zu verzichten. Leider ist mir auch die Freude an schon vorhandenen Ledersachen wie an meinem Miu Miu-Shopper, den ich erst im August gekauft habe, ziemlich vergangen.

Daher wäre ich dir, Jessi, dankbar, wenn du vielleicht mal gesondert auf die Herkunft von Leder bzw auf Marken, die ihr Leder nicht aus Asien oder Nordafrika beziehen (nicht auf den Herstellungsort der Sachen!!), eingehen könntest.

Interessanter Artikel – danke dafür! Kleine Besserwisserei am Rande: Das Zitat des Herrn Professors „China ist der größte Importeur (…) von Textilien für Deutschland.“ bedarf einer kleiner Korrektur: China ist nicht Importeur sondern Exporteur von Textilien für Deutschland. Importeur hieße, dass China Textilien einführt – der Importeur ist hier aber Deutschland – also sinngemäß: Deutschland importiert den größten Teil seiner Textilien aus China.

Dieses Thema ist sehr heikel und auch schwierig im realen Leben umzusetzen. Ich persönlich habe den großen Ketten abgeschworen: H&M, Zara, L’Oreal und alle Marken, die dazugehören (also von COS bis Massimo Dutti). Ich versuche regionale Designer/Marken zu unterstützen. Das mache ich in allen Bereichen, also auch Beauty, Möbel, Deko, Essen.

Beim Einkaufen muss man das Kleidungsstück einfach genau prüfen. Was sind das für Materialien, wie wurde es verarbeitet, passt das Teil wirklich zu mir und wie lange werde ich es tragen wollen?
Vivienne Westwood hat da schon Recht.

Bitte füllt doch genau hier zu einmal meine Umfrage aus, ich schreibe genau darüber derzeit meine Bachelor Arbeit, die Produktionsbedingungen von Jeans und die unzureichende Transparenz für Kunden, dauert keine 2 Min!!! Tausend Dank!!!!!! Hilft mir sehr!

Ich schaue immer auf das Etikett, wenn ich Klamotten kaufe. Und versuche Sachen zu erwischen, die in Europa oder Nordafrika gefertigt sind (bei Baumwolle vor allem). Bestimmte Sachen kaufe ich grundsätzlich nicht – vor allem Labels, bei denen man primär für den meist auch noch überdeutlich sichtbaren Markennamen zahlt, die aber in Billigstlohnländern produziert werden. Dann lieber was von zum Beispiel manufactum, auch wenn das natürlich im Prinzip auch nur Edelkommerz für betuchte Akademiker ist. Ansonsten kann ich mich Vivienne Westwood nur anschließen.

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Journelles ist das grösste unabhängige Mode-Blogazine in Deutschland und wurde 2012 von Jessie Weiß gegründet. Die 34-jährige Unternehmerin legte 2007 den Grundstein für die Modeblogosphäre mit dem Netz-Urgestein LesMads und arbeitet seither als Journalistin, Moderatorin und Kreativdirektorin.