Mode-Mythen: Produkte „Made in China“ sollte man nicht kaufen?

Jessies Feldstudie hat gezeigt, wo sowohl die Entwürfe von bekannten Designer-Labels als auch die Fast Fashion der Vertikalen hergestellt wird. Aber „Made in Italy“ heißt noch lange nicht, dass das Kleidungsstück tatsächlich komplett in Italien produziert wurde. Eher „designed in Italy“ aber „made in China“. Solche Mogelpackungen soll es in Zukunft nicht mehr geben. Bekleidungshersteller

Jessies Feldstudie hat gezeigt, wo sowohl die Entwürfe von bekannten Designer-Labels als auch die Fast Fashion der Vertikalen hergestellt wird. Aber „Made in Italy“ heißt noch lange nicht, dass das Kleidungsstück tatsächlich komplett in Italien produziert wurde. Eher „designed in Italy“ aber „made in China“. Solche Mogelpackungen soll es in Zukunft nicht mehr geben.

Bekleidungshersteller müssen sich auf striktere Vorgaben für die Kennzeichnung ihrer Waren einstellen, so will es der Verbraucherausschuss im EU-Parlament. Seit der Brandkatastrophe in Rana Plaza in Bangladesch, bei der 1.129 Menschen starben, schauen viele Kunden genauer auf das Etikett. Zwangs- oder Kinderarbeit, Diskriminierung, Achtung der Vereinigungsfreiheit, gerechte Löhne, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, geregelte Arbeitszeiten und Beschäftigungsverhältnisse – ob eine Jacke zu Lasten dieser Sozialstandards angefertigt wurde, sieht man dem Teil nicht an. Und schon gar nicht, welche Farbstoffe, Bleichmittel oder Weichmacher bei der Verarbeitung zum Einsatz kamen. Wie verhält man sich als Verbraucher: Klamotten aus Bangladesch, China oder Indien generell ablehnen? Unsere Experten sagen: Nein!

„Natürlich gibt es einige Länder, in denen eine Art moderne Sklaverei in den Textilfabriken sehr verbreitet ist. Als Verbraucher wird man aber nichts verändern, wenn man diese Länder einfach boykottiert. Es ist viel sinnvoller, gezielt sozialverträglich hergestellte Produkte zu kaufen, denn es gibt auch in Pakistan und Bangladesch zertifizierte Fabriken.“ Heike Scheuer, Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft e.V.

„Der Großteil unserer Kleidung wird in Billiglohnländern wie China, Bangladesch und Indien produziert, das ist eine Tatsache. Unter welchen Umständen dies geschieht, hängt aber immer von den jeweiligen Textilunternehmen und Lieferanten und deren Bemühen um soziale Verantwortung ab.“ Julia Knüpfer, Designerin ICA Watermelon

„Die Textilkette ist lang, oft werden verschiedene Verarbeitungsschritte in verschiedenen Ländern getätigt, was man am Etikett gar nicht sieht. Das Herkunftsland alleine ist noch nicht ausschlaggebend, ob man ein Kleidungsstück meiden sollte, oder nicht. Wichtig ist, ob ein Kleidungsstück eine externe Zertifizierung trägt, die zeigt, dass Kernarbeitsnormen und biologische Richtlinien eingehalten wurden. Für Baumwollanbau unter fairen Bedingungen steht das Fairtrade-Siegel. Die Kampagne für saubere Kleidung (bzw. Clean Clothes Campaign) oder die Fair Wear Foundation setzen sich für bessere Bedingungen in der Textilproduktion ein, das Textilsiegel Global Organic Textile Standard (GOTS) zeichnet biologische Textilien aus.“ Edith Gmeiner, Fairtrade Deutschland

„Bei Pelzmode spielt die Herkunft des Pelzes aus Tierschutzsicht letztendlich keine Rolle. Zwar ist Asien der größte und stark wachsende Markt für Tierfelle und Pelztierfarmen. Aber auch in Europa werden etwa 33,5 Millionen Nerze und zwei Millionen Füchse jährlich getötet. (…) Auch bei einer Jacke mit Pelzbesatz sagt der Hinweis ‚Made in…‘ nicht zwangsläufig etwas darüber aus, wo das Pelztier gezüchtet und getötet wurde, sondern nur, wo das Endprodukt verarbeitet wurde. Unseres Wissens nach ist die ‚Made-in‘-Kennzeichnung nicht geschützt. Das heißt, wenn der letzte Arbeitsschritt an einem Produkt in Deutschland ausgeführt wurde, kann die Angabe ‚Made in Germany‘ verwendet werden. Dennoch können die verwendeten Fasern bzw. Textilien oder eben Tierhaare aus ganz anderen Ländern stammen und ein Teil der Verarbeitung wiederum auch in einem ganz anderen Land stattgefunden haben.“ Yvonne Nottebrock, Vier Pfoten Stiftung für Tierschutz

Transparenz entlang der Textilkette ist laut der Fachzeitschrift „Textilwirtschaft“ die größte Herausforderung für die Modebranche. Dabei muss man sich einmal ihr Tempo vor Augen halten: Die Ketten bringen bis zu zwölf Kollektionen im Jahr auf den Markt, die Designer zwei plus Cruise/Prefall-Collections und Kollaborationen. Ein Prinzip des Wegwerfens und Neukaufens, das nur dank der Billiglohnländer funktioniert. Die Deutschen verbrauchen 20 Kilogramm Kleidung im Jahr, die Amerikaner sogar 35.

Wie ihr lieben wir Mode und wollen hier nicht die Öko-Apostel spielen, sondern vor allem Denkanstöße geben und eine Diskussion anregen. Mit dem neuen Wissen, das ich habe, werde ich in Zukunft bewusster einkaufen. Nebenbei sehe ich wie meine Freundin mindestens einmal im Jahr einen Flohmarkt veranstalten oder ihre Klamotten zu Seconhandläden wie Soeur in Berlin bringen. Viele Modeblogger verkaufen ihre Klamotten ebenfalls online weiter, anstatt sie in den Müll zu werfen – und das gilt sowohl für einen Mantel von Isabel Marant als auch eine Bluse von Gina Tricot.

Fazit: Um das Zitat von Vivienne Westwood zu ergänzen – beim Kauf auf das „Made in“-Schild achten, jedoch besonders auf die Textilsiegel. Länder nicht boykottieren oder in einen Topf werfen, sondern sich bewusst sein über den eigenen Konsum. Falls die Klamotte irgendwann nicht mehr gefällt, verschenken, tauschen oder verkaufen.

Von Alexa

Ich liebe schreiben, bloggen und schöne Dinge zu entwerfen, also mache ich all das.

Als Journalistin habe ich für Magazine und Zeitungen wie Business Punk, Fräulein, Gala, FTD/how to spend it, Instyle, Lufthansa Magazin, Stern, Tagesspiegel, Vanity Fair und zitty gearbeitet. Meine Online-Erfahrungen habe ich u.a. Stylebook und styleproofed gesammelt. Mein Blog heißt Alexa Peng, mein Schmuck-Label vonhey. Ich komme aus dem Rheinland und bin in einem Dorf am Waldesrand aufgewachsen, wo nur einmal in der Stunde ein Bus fuhr. Da muss man sich was einfallen lassen, um sich nicht zu langweilen. Meine Tante hatte in der Stadt eine Boutique und einen Schrank voller Kleider, Schuhe und Taschen, mit denen wir Kinder verkleiden spielen durften. Wir haben Modenschauen im Hobbykeller veranstaltet und die ganze Nachbarschaft eingeladen. Dass ich mal was mit Mode machen würde, war also klar. Nach dem Abi habe ich an der AMD in Hamburg Mode-Journalismus studiert und später an der UdK in Berlin einen Master of Arts in Kulturjournalismus gemacht. In Zukunft will ich mein Label weiteraufbauen, die Welt sehen und gute Geschichten schreiben.

(Foto: Sandra Semburg)

Kommentare (7) anzeigen

7 Antworten auf „Mode-Mythen: Produkte „Made in China“ sollte man nicht kaufen?“

Besonders den letzten Absatz möchte ich unterschreiben. Bewusster konsumieren und dann auch mal ausmisten und weiterverkaufen oder verschenken praktiziere ich so seit Jahren. Ich fand die Münchner Bloggerin aus der letzten ‚It’s-Fashion‘-Folge recht abschreckend, weil sie so viel hatte, dass sie gar nicht mehr wusste, was. Spätestens da sollte man sich Gedanken machen – oder es gar nicht erst soweit kommen lassen. Ich selber hab grad 30 ungeliebte Teile (nicht mehr so gut in Schuss / Farbe steht mir nicht / doch keinen Anlass gehabt zum Tragen) gekauft und mir 5 Schöne davon gekauft. Funktioniert wunderbar 🙂

Danke für die interessante Artikelserie.
Die mangelnde Transparenz in der Herstellungskette nervt mich auch, nicht nur bei Kleidung, auch bei Nahrung.
Auf Spiegel Online ist heute ein Artikel über die Greenpeace Detox Kampagne mit Link zur Datenbank der Unterzeichner-Unternehmen.
Erste Lehre: zwei meiner Haupt-Billiglieferanten sind nicht ganz schlecht, nämlich Inditex und Fast Retailing. Gap und Nike sind leider mies, Konsequenz für mich: brauche ich erstmal nix von;-).
Fast Retailing-Uniqlo, Theory etc- lassen viel in China machen…kann man dem trauen??
Ich bin gespannt auf die weiteren Artikel hier im Blog!

Bitte füllt doch genau hier zu einmal meine Umfrage aus, ich schreibe genau darüber derzeit meine Bachelor Arbeit, die Produktionsbedingungen von Jeans und die unzureichende Transparenz für Kunden, dauert keine 2 Min!!! Tausend Dank!

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Journelles ist das grösste unabhängige Mode-Blogazine in Deutschland und wurde 2012 von Jessie Weiß gegründet. Die 34-jährige Unternehmerin legte 2007 den Grundstein für die Modeblogosphäre mit dem Netz-Urgestein LesMads und arbeitet seither als Journalistin, Moderatorin und Kreativdirektorin.