Mode-Mythen: Pelz und Leder – nicht nur fragwürdig, sondern giftig?

Kaum ein Thema bringt die Leute so auf die Palme wie Pelz. Es geht nicht nur um den Tierschutz. Die Haltung der Tiere auf Pelzfarmen ist mit Umweltbelastungen verbunden und verschmutzt oft nahe liegende Gewässer. Die Fertigung von Pelzmode ist wiederum chemikalien- und energieaufwändig. Im Pelz finden sich Chemie-Cocktails, die beim Menschen Krebs, Allergien, Nervenschäden

Kaum ein Thema bringt die Leute so auf die Palme wie Pelz. Es geht nicht nur um den Tierschutz. Die Haltung der Tiere auf Pelzfarmen ist mit Umweltbelastungen verbunden und verschmutzt oft nahe liegende Gewässer. Die Fertigung von Pelzmode ist wiederum chemikalien- und energieaufwändig. Im Pelz finden sich Chemie-Cocktails, die beim Menschen Krebs, Allergien, Nervenschäden oder Hormonstörungen auslösen, die Schleimhäute reizen oder die Fortpflanzung beeinträchtigen können. Mehr dazu in der Dokumentation „Mode zum Wegwerfen“. Und trotzdem liegen Pelzmäntel und Lederhosen diese Saison wieder im Trend.

Die aktuelle Online-Kampagne www.parade-gegen-pelz.org der Tierschutz-Organisation Vier Pfoten e.V. richtet sich gegen Labels wie Armani, Burberry, Closed, Kookai, Max Mara und Prada. Dagegen haben sich u.a. American Apparel, ASOS, C&A, Cheap Monday, COS, Filippa K., Esprit, Monki, H&M, Takko, Tchibo, Otto oder Zalando im Rahmen des „Fur Free Retailer Program“ dazu verpflichtet, keinen Echtpelz zu verkaufen. Abgesehen davon  – gibt es so etwas wie saubere Pelze und Lederwaren? Das sagen unsere Experten:

„Mode mit Pelz ist unabhängig von der Herkunft des Felles aus Tierschutzsicht absolut inakzeptabel. 85% der verarbeiteten Pelze stammen aus der Pelztierzucht, bei der Millionen von Wildtiere ihr kurzes Leben unter grausamen Bedingungen in winzigen Drahtgitterkäfigen verbringen müssen. Wildlebende Tierarten wie Kojoten oder Waschbären werden mit tierquälerischen Fallen gejagt und brutal getötet. Ruhigen Gewissens kann man kein Pelzprodukt kaufen.“ Yvonne Nottebrock, Vier Pfoten e.V.

„Weil man Leder- und Pelzwaren, wie auch Textilien, nicht ansieht, ob sie schadstoffbelastet sind, sollte man unbedingt auf Siegel achten. Bei Lederprodukten garantiert beispielsweise das Siegel NATURLEDER IVN zertifiziert, dass das gekaufte Produkt schadstofffrei und ohne Tierquälerei oder die Ausbeutung von Menschen hergestellt wurde.“ Heike Scheuer, Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft e.V.

„Abgesehen von der Grausamkeit der Pelz und der Lederindustrie, stehe ich als Vegetarier spätestens beim Schuhkauf vor der schwierigen Entscheidung: ‚Naturprodukt’ Leder, welches schöner und langlebiger ist, aber meist mit einer Vielzahl toxischer Substanzen und dem Umweltgift Chrom gegerbt wird oder doch lieber erdölbasiertes also ähnlich umweltschädliches Kunstleder? Pelz ist für mich ein No Go! Bei Lederprodukten sollte man nach pflanzlich gegerbtem Leder, möglichst aus artgerechter Tierhaltung, suchen. (…) Wolle aus Australien sollte eindeutig mulesing-frei (Anmerk. d. Red.: Zur Vorbeugung gegen den Befall mit Fliegenmaden werden Schafen ohne Betäubung mit einer scharfen Schere Hautfalten um After, Vulva und Schwanz herausgeschnitten. (…) Auf dem Narbengewebe wächst keine Wolle mehr, es bleibt glatt und faltenfrei, so dass hier Maden nicht mehr angelockt werden. (…) Das „mulesing“ ist eine grausame und schmerzhafte Verstümmelung der Tiere und aus Tierschutzgründen entschieden abzulehnen. Quelle: Tierschutzbund) Auch Pelz und Leder mit ungewisser Herkunft sind sehr problematisch.“ Julia Knüpfer, Designerin Ica Watermelon

Kleidung kann aus pflanzlichen, tierischen oder synthetischen Fasern gemacht sein. Es kommt nicht nur darauf an, woher sie kommen, sondern auch wie sie erzeugt wurden. Bei Baumwolle, Wolle und Leder sollte man immer nach Anbau bzw. Tierhaltung und Arbeitsbedingungen fragen. Unternehmen, die mit gutem Gewissen über ihre Materialien und Produktionsbedingungen Auskunft geben können, tun dies auch. Zu Pelzen zählt man bekanntlich nicht nur geschützte Tierarten. Bei der Schlachtung von Nutztieren fallen auch Pelze bzw. die Felle von Lamm und Schaf, Kaninchen, Ziege und Zickel, Rind und Kalb, Pferd und Fohlen, Rentier und Känguru an.

Pelz bleibt daher zurecht ein Aufreger-Thema. Sowohl Designer, die mit Pelz arbeiten, als auch Labels wie „Friendly Fur“ (bietet Accessoires aus Wildfell, das aus kontrolliertem Waldmanagement stammt, an) sind umstritten. Auch auf den Laufstegen nimmt die Verwendung von Pelz erstaunlicherweise nicht ab – Alexander Wang hat in seiner neuen Kollektion unheimlich viel verwendet. Und bei Mytheresa gehen Nerzmäntel für 7000 Euro wie selbstverständlich über die Theke. Das Headerfoto hat Jessie 2010 in Mailand bei der Fashion Week aufgenommen. Ein typisches Beispiel für Angebot und Nachfrage. Da hilft besonders die Unterstützung gängiger Anti-Pelz-Kampagnen – hier kann man zum Beispiel nachlesen, wie Peta in den vergangenen Jahren dagegen vorgegangen ist.

 

Von Alexa

Ich liebe schreiben, bloggen und schöne Dinge zu entwerfen, also mache ich all das.

Als Journalistin habe ich für Magazine und Zeitungen wie Business Punk, Fräulein, Gala, FTD/how to spend it, Instyle, Lufthansa Magazin, Stern, Tagesspiegel, Vanity Fair und zitty gearbeitet. Meine Online-Erfahrungen habe ich u.a. Stylebook und styleproofed gesammelt. Mein Blog heißt Alexa Peng, mein Schmuck-Label vonhey. Ich komme aus dem Rheinland und bin in einem Dorf am Waldesrand aufgewachsen, wo nur einmal in der Stunde ein Bus fuhr. Da muss man sich was einfallen lassen, um sich nicht zu langweilen. Meine Tante hatte in der Stadt eine Boutique und einen Schrank voller Kleider, Schuhe und Taschen, mit denen wir Kinder verkleiden spielen durften. Wir haben Modenschauen im Hobbykeller veranstaltet und die ganze Nachbarschaft eingeladen. Dass ich mal was mit Mode machen würde, war also klar. Nach dem Abi habe ich an der AMD in Hamburg Mode-Journalismus studiert und später an der UdK in Berlin einen Master of Arts in Kulturjournalismus gemacht. In Zukunft will ich mein Label weiteraufbauen, die Welt sehen und gute Geschichten schreiben.

(Foto: Sandra Semburg)

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18 Antworten auf „Mode-Mythen: Pelz und Leder – nicht nur fragwürdig, sondern giftig?“

Was die Fashion-Szene betrifft, trägt Anna Wintour sicher Mitschuld, dass Echtpelz – trotz aller Argumente, die eindeutig gegen ihn sprechen – immer noch in solchen Mengen auf den Laufstegen zu sehen war.
Von den Konsumenten würde ich mir wünschen, dass sie etwas mehr darüber nachdenken, woher ihre Echtpelz-Kapuze oder Mützen-Bommel stammt und ob sie das wirklich unterstützen wollen

das problem ist, dass man den großen hype durch das tragen von fake fur oder second second hand ware ebenfalls unterstützt. wir vielleicht nicht. aber eine alexa chung, die im pelzmantel vom flohmarkt herum läuft, feuert das ganze dann doch so sehr an, dass instyle & co sich vor begeisterung kaum mehr halten können. was wiederum dazu führt, dass pelz immer wieder als „it“ und „hip“ gilt. und zack, dann geht das ganze auch in der nächsten saison wieder in produktion. damit’s auf dem laufsteg strahlen kann. ein teufelskreis, in dem man nur schwer etwas richtig machen kann – außer pelz auf ewig zu meiden.

begehrlichkeiten kann jeder auslösen. dafür muss man keine alexa chung sein, und auch kein outfit blogger, es reicht, toll auszusehen.
es ist also niemand frei von dieser vorbildfunktion.

Da hast Du vollkommen recht! Obwohl ich finde, dass Second Hand fast alles geht (Lederjacken, Lederschuhe etc.), finde ich, dass Pelz/Kunstpelz NIE geht, auch schon aus den von Dir genannten Gründen. Aber so schwer ist es dann doch auch nicht, auf EINE Sache zu verzichten oder?
Was ich nicht verstehe, ist, dass man Pelze grundsätzlich schrecklich findet aber der Pelzrand and der Kaputze ist okay? Weils weniger ist oder wie?
Außerdem finde ich es erschreckend, dass es in den letzten Jahren wieder „in“ ist, dass jeder (Blogger) mindestens eine Lederhose im Schrank braucht. Das ist meiner Meinung nach echt unnötig (und noch dazu ein Trend, der vermutlich nicht lange anhalten wird, ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da war das noch ein NoGo)

Ich persönlich mag Pelz gar nicht – weder vintage noch neu. Aber fake fur mit echten Pelz zu vergleichen kann ich nicht nachvollziehen. Würden mehr Designer fake fur unterstützen dann wäre das ein Anfang. Ganz abschaffen wird man es nie können… .oft sind es gerade die, die zu Hause ihre Waldis und Mizis abgöttisch lieben, sich fürs Tierheim einsetzen und dann den geschorrenen Nerz tragen, da sie keine Ahnung haben woher er kommt und wie er produziert wird.

Oh das heiße Eisen, da freu ich mich ja schon auf die Kommentare! 🙂
Echtpelz ist noch nie meins gewesen… schon allein der Preis ist abschreckend, aber natürlich auch die Herstellung. Komischerweise empfinde ich ähnlich bei exotischem Leder, das würde ich niemals tragen – nur nicht bei „normalem“. Das sage ich nicht ohne Selbstkritik, denn die Doppelmoral sehe ich auch. Mich würde interessieren, wie die Lederindustrie generell aussieht – ich habe einen ausgesprochenen Schuh- und Taschentick, kaufe aber nur hochwertige ( read: teure) Exemplare. Ich mach mir da keine Illusionen, dass die alle besseres Rohmaterial verwenden – trotzdem, woran, außer dem oben genannten Siegel, erkenne ich die Herkunft? Die meisten Leder in meinem Schrank sind Made in Italy und die Schuhe Made in Portugal… beides ist ja immer Aushängeschild, auch wenn wir ja bereits gelernt haben, dass das Made In nix zu sagen hat. Bei Schuhen und Taschen wird aber oft mit dem „Abfallprodukt“ Leder argumentiert und dass das getötete Tier wenigstens in Gänze verwertet wird (mir wird schlecht…). Ist dem so? Ahne schon the aweful truth!

Das Tier SOLLTE auch in Gänze verwendet werden. Ich verstehe nicht, was daran eklig sein soll. Wesentlich unmoralischer wäre es, wenn alle nur noch Filet essen würden!

ja natürlich. Da hast du mich nicht verstanden. Mir geht es darum, dass die Argumentation, Lederschuhe und -taschen zu kaufen, weil so ja immerhin alles verwendet wird, sehr sehr fragwürdig ist (und vor allem keine Gewissenserleichterung bringt). Außerdem bezweifle ich stark, dass alles Leder auf diese Art und Weise gewonnen wird.

Schön, dass in dieser Anregung zum Nachdenken und Diskutieren ein mytheresa rstyle-link gleich mitgeliefert wird. Natürlich nur als Illustration, weil keiner weiß, wie ein 7000 Euro Pelz aussieht.

Haha, Takko verwendet keinen Pelz. Aus Überzeugung. Klar!

Ich trage Leder. Über der Schulter und an den Füßen. Und davon lasse ich mich auch nicht abbringen. Plaste geht bei Schuhen überhaupt nicht, noch nicht einmal bei den Sohlen. Und ein Jutebeutel als Ersatz für meine Handtaschen geht für mich auch nicht. Klar, wäre es mir sehr lieb, wenn ich wüsste, alles sei bei der Produktion- auch im höheren Preissegment- umwelt- und tierverträglich abgelaufen, aber das geht nunmal nicht. Gerben und Färben ist Chemie.

Wenn man beim Leder anfängt, kann man auch gleich bei der Wolle weitermachen. Ich war neulich in Irland. Schafe über Schafe. Gehalten werden sie zur Fleischerzeugung. Sie werden auch geschoren, aber Rohwolle bringt so wenig Kohle, dass ein Geschäft nur zu machen ist, wenn das Tier insgesamt verwertet wird. Wobei Schafe in Irland und Schottland es durchaus nett haben;-) Die Rohwolle wandert übrigens nach China, da sie sehr rauh ist und wird dort weiterverarbeitet. Am Schluss des Bearbeitungsprozesses ist es vermutlich Angoragarn;-). Und wandert in den neuen Flauschpullover einer veganen Modeschöpferin, da ja das Ursprungsprodukt aus Irland kommt…..

Den goldenen Schnitt gibt es nicht. Ich werde probieren, die Schlusslichter der Greenpeace Detoxliste zu meiden, werde mich nach Ököshirts und -jeans erkundigen und kaufe kein Zeug, das offensichtlich nach Chemie stinkt.
Irgendwo ist aber auch eine Grenze erreicht. Finanzierbar muss das auch bleiben. Auf meine Billigsocken und weißen Shirts zum Sport werde ich nicht verzichten. Anonsten gehe ich pleite. Und ich bekomme meine Plünnen ja nicht gestellt;-).

Ich denke damit ist die liebe Frau McCartney gemeint. 😉 Die ja immer schön mit ihren 700€ Plastiktaschen wirbt und ihre Mode als „vegan“ verkauft, aber munter Wolle und Seide verarbeitet.

jährlich werden in islamischen Ländern Millionen Lämmer und Schafe für’s Opferfest getötet. Dieses Leder und Pelz sollte auf jeden Fall verwertet werden!

Es ist ein Thema, bevor die kalte jahreszeit beginnt. Mit freundlichen Logos wird uns Pelze schmackhaft gemacht, auf den Laufstegen werden pompöse Pelze gezeigt und auch die Scham, Pelz zu tragen, schwindet. Der Absatz, die Nachfrage ist unglaublich hoch und wir kaufen wieder ungeniert Pelze.

Was mich an diesem Thema stört, im eigenem Land wird die Zucht vertrieben, sie wird verlagert, wo sich niemand um die Aufzucht kümmert. Auch die Lieferwege werden global, das muss nicht sein.

Für mich sind Pelze langlebig, natürlich, elegant und sehr warm.

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Journelles ist das grösste unabhängige Mode-Blogazine in Deutschland und wurde 2012 von Jessie Weiß gegründet. Die 34-jährige Unternehmerin legte 2007 den Grundstein für die Modeblogosphäre mit dem Netz-Urgestein LesMads und arbeitet seither als Journalistin, Moderatorin und Kreativdirektorin.