„Mein Blog ist mein persönlicher Neuanfang“ – das Karriere-Update mit Sue Giers

Als Sue Giers neulich einmal nicht zur Berlin Fashion Week anreiste, waren die Insider besorgt: Immerhin gilt die gebürtige Wolfsburgerin als eine der wichtigsten Mode-Instanzen des Landes. Jahrelang hat sie mit ihrer Stilsicherheit (siehe Closet Diary) den Look der Jeansmarke Closed geprägt und als Geschäftsführerin der Boutique Linette internationale Labels wie Chloé, Marni & Co. nach Hamburg geholt. 

Jetzt gibt es ein neues Projekt: Sue Giers entwirft nicht nur eine eigene Kollektion, sondern ist unter die Blogger gegangen. Die ein oder andere von euch wird sich jetzt vielleicht wundern, warum eine gestandene Geschäftsfrau das macht. Immerhin gilt die Szene als überlaufen und wird trotz zahlreicher Superstars mit Millionen von Followern immer noch belächelt – zumindest von den Leuten der Old Economy, die nicht wahrhaben wollen, dass aus den „Blogger-Mädels“ mithilfe ihrer Agenturen (und Instagram-Husbands) inzwischen hocheffektive Medien-Unternehmen geworden sind, die komplette PR-Budgets einsacken.

Was es mit SoSUE auf sich hat und warum Sue Giers dieses Blogazine unbedingt machen wollte, erklärt sie im Update ihres Karriere-Interviews (für Teil 1 bitte hier klicken)!

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Liebe Sue, seit unserem ersten Karriere-Interview mit dir hat sich eine Menge in deinem Leben verändert. Erzähl’ mal!

Ja, bei mir ist viel passiert. Nach der Trennung von meinem Mann mache ich jetzt noch Designberatung bei Closed. (Anm. d. Red: Gordon Giers ist einer der drei Geschäftsführer des Labels). Außerdem bin ich noch Geschäftsführerin bei Linette und für Einkauf und Marketing verantwortlich. Wenn mir die Familie Zeit lässt, unterstütze ich mindestens zwei Nachmittage in der Woche das Shop-Team, weil ich gern im persönlichen Austausch mit meinen Kundinnen bin. Dazu kommen die Reisen für Linette zu den Showrooms in Paris oder Mailand. Über meine Fashion-Erlebnisse berichte ich regelmäßig als Mode-Kolumnistin auf Gala.de. Aber das wichtigste ist mir seit wenigen Monaten SoSUE.

Gutes Stichwort! Neu ist dein eigenes Blogazine SoSue, samt eigenen Onlineshop. Wie kam es zu der Idee?

Wie heißt es so schön: „Eine Tür geht zu, die andere geht auf.“ Ich bin ursprünglich Fernsehjournalistin und mit meinem aktuellen Wissen und Netzwerk kannte ich mich bei Mode und Trends gut aus. Da kam der Impuls: gründe doch SoSUE, eine Mischung aus Blogazine mit eigenständigen Geschichten und dazu einen Shop mit ausgesuchten schönen Dingen von Designern, die eine vergleichbare Haltung wie ich haben. Also habe ich mein ehemaliges Bücher- und Esszimmer in eine Redaktion und SoSUE-Shop verwandelt. Mich unterstützt ein Team aus Journalisten und Blogger-Neulingen. So konnte ich etwa die Schauspielerin Julia Malik als Berlin-Korrespondentin für uns gewinnen. SoSUE ist von den Geschichten eher für Frauen, die sich erwachsener fühlen und Lust auf einen lebensnahen Blog haben.

Dich und Julia sieht man oft zusammen auf Fotos auf Instagram. Woher kennt ihr euch eigentlich?

Ich kenne sie noch aus meiner Zeit bei Closed. Sie war damals als Schauspielerin noch nicht so bekannt, zeigte jedoch ein besonders Händchen für Mode. Das hat mich sehr beeindruckt. Die Chemie zwischen uns stimmte sofort. Es gibt einige Parallelen in unserem Leben und so ist eine echte Freundschaft entstanden. Jetzt ist sie unsere Berlin-Korrespondentin für SoSUE. Viele waren überrascht, wie gut Julia schreibt.

Julia Malik für SoSUE

Sprich: Du willst in Zukunft nur noch Online stattfinden?

Ja, Online ist der Weg der Zukunft. Ein gutes Beispiel ist 032c. Statt sich über Anzeigen zu finanzieren, verkauft der Gründer Jörg Koch coole Sweatshirts, damit der Inhalt des Heftes nicht verwässert. Wir alle werden über Instagram täglich derart mit Inhalten überschwemmt – und eigentlich braucht keiner mehr was. Aber jede Bewegung schafft Neues, es gibt daraufhin ein Gegenbewusstsein wie etwa der Wunsch nach nachhaltigen Inhalten. Wir sehen uns bei SoSUE als Storyteller. Uns geht es um die Menschen vor den Produkten.

Sue Giers in einem Blazer und Bluse von Isabel Marant Etoile

Gab es einen besonderen Moment, in dem dir deine Vision für SoSUE klar wurde?

Ja, ein Mantel von Chloé! Die Designerin Clare Waight-Keller hatte einen ähnlichen Teppich bei sich zuhause. Sie rollte ihn zusammen, brachte ihn kurzerhand mit zur Arbeit und bat ihr Designteam daraus einen Mantelstoff zu kreieren. Das hat mich gekickt. Genauso müssen Produkte manchmal entwickelt werden. So wird ihnen „Leben“ bzw. eine Geschichte eingehaucht und sie bekommen ihre Berechtigung!

Wie trennst du Linette und SoSUE?

Manche Labels überschneiden sich zwar, wie Odeeh oder Sminfinity, aber wir machen komplett getrennte Order. Linette und SoSUE sind so unterschiedlich: Linette kommt aus dem stationären Handel. SoSUE ist ein Blogzine mit Shop.

SoSUE heißt auch dein eigenes Label. Das Thema lag nach deinem legendären Closet Diary ja auf der Straße. Wie baust du deine Marke aus und was erwartet uns in Zukunft?

Nach dem grauen Hoodie und den Wollpullis wird es ein Kleid geben, aber mein Ziel ist es nicht die nächste Andrea Karg oder Dorothee Schumacher zu werden. Ich will mich auf die Inhalte konzentrieren und nicht auf den Vertrieb oder Verwaltung. Mir liegt eher das, was in der Luft liegt. Eher so, wie Blogger ticken, spontan mit viel Echtleben. Das Schreiben macht mir aber gerade mindestens ebenso so viel Spaß wie Mode. Aber klar muss ich ja auch was von etwas leben. Deshalb gibt es die Eigenproduktionen. Mit den Umsätzen liegen wir bisher im Businessplan und wollen weiterhin organisch wachsen.

SoSUE Hoodie

Was macht deinen grauen Hoodie so besonders?

Bei den Vetements-Sweatern fehlt mir die Weichheit, deshalb habe ich den Prototypen immer wieder zurückgehen lassen und nochmal brushen lassen, damit er flauschiger wird. Das ist meine Shop-Erfahrung: Die Kundin wünscht sich weiche, angenehme Materialien. Der Sweater wird in der Türkei hergestellt. Meine Pullover bestehen aus Kaschmir und Wolle und werden von einer Familie in Umbrien gemacht. Ich könnte hochwertiges Kaschmir aus China importieren lassen, aber das will ich nicht. Ich habe mich bewusst für Italien entschieden und stehe zu 150% hinter meinen Produkten. Weitere Farben und Sweater mit bestickten Slogans sind in Planung.

Kannst du schon mehr über dein neues Kleid verraten?

Kleider sind die Königsdisziplin. Ich selbst habe nur wenige Modelle im Kleiderschrank hängen und bin bei der Auswahl immer sehr wählerisch. Der Arbeitstitel ist „4 Shades of Blue“, es wird also vier Kleider in verschiedenen Blaustufen in verschiedenen Abtönungen geben.

Und wie sieht der Schnitt aus?

Es wird verschiedene Shapes geben, zum Beispiel ein enges, ein weites, entspanntes Modell und ein Hippie-Dress, weil ich auch so ein bisschen für den Hippie-Stil stehe.

Ich liebe deinen Stil. Also verrate uns: Wann gibt es die Dinger?

Geliefert wird im Herbst 2017. Es ist keine klassische Sommerware, die Kleider soll man das ganze Jahr tragen können.

Das Model im Onlineshop bist meistens du. Welche Idee steckt dahinter?

SoSUE ist ein Lebensgefühl – das sind wir, deshalb werden die Bilder nicht retuschiert. Wir haben Ecken und Kanten, sind manchmal „schief“, auch beim Denken. Wir wollen uns emotional damit auseinandersetzen, warum man etwas trägt. In den ersten 90 Sekunden scannt dich dein Gegenüber, ob er dich sympathisch findet. Wenn irgendetwas irritiert muss man 3x so gut sein, um dagegen anzureden. Mode und guter Stil hat viel Power und wird machtvoll eingesetzt – man denke nur an den amerikanischen Wahlkampf und Hillary Clinton in ihrem weißen Calvin-Klein-Anzug als heilsbringender Engel. Beispiel: Mit dem modernen Dresscode im Business existiert viel mehr Freiheit, aber eben auch viele Fragen. Man will nicht spießig aussehen, sondern Sachen mit einem kleinen Kick tragen, wie eine Jogginghose oder Sneaker. Da kann ich weiterhelfen!

Sue Giers in einem Mantel und Stiefeln von Chloé

Wie erklärst du das „SoSUE“-Lebensgefühl?

Bei Closed konnte ich mich bei den PR-Anfragen hinter einer Marke verstecken. Jetzt muss ich mich selber verkaufen. Anfangs fiel mir das schwer, weil das Verantwortung bedeutet. Aber ich habe inzwischen so etwas eine kleine Fangemeinde, die dieses SoSUE-Gefühl und meinen Look – meine Schrägheit mag. Es gibt wohl wirklich so etwas wie „Influencer“, das merke ich auch im Verkauf. Ich genieße es einfach, Frauen zu beraten. Aber Obacht! Wenn du zu mir in den Laden kommst, gibst du viel zu viel Geld aus. (lacht) Es gibt auch Kundinnen, die auf gar keinen Fall kommen, wenn sie wissen, dass ich im Laden stehe (lacht noch lauter). Auf der anderen Seite kommen Frauen ein halbes Jahr später in den Laden und bedanken sich für die Beratung und dass ich sie überzeugt habe auch mal etwas mutiger zu shoppen. Das ist für mich das schönste Kompliment.

Was sind deine Ziele für 2017?

Weniger impulsiv, sondern gelassener und vor allem wieder unbekümmerter werden, ohne diesen Perfektions- und Optimierungswahn. Ich habe das Gefühl, ich lebe wieder intensiver. Meine Leitsprüche: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ und „What goes around – comes around“ – das habe ich sogar auf Fußmatten geprintet!

Vielen Dank für deine Zeit und weiterhin Erfolg mit deinen Projekten und für die Zukunft, liebe Sue!

(Fotos: Mirjana Bernstorf für Linette, SoSue)

PS. Auf dem Headerfoto trägt Sue Giers einen Trenchcoat von Isabel Marant Étoile. Die Bluse ist von Sonia Rykiel.

Ein Beitrag geteilt von SoSue (@suegiers) am 14. Feb 2017 um 6:01 Uhr

Kommentare

  1. Spannendes Interview und die richtige Richtung. Online ist definitiv der Weg der Zukunft, genau wie Geschichten über die Menschen vor, bzw. hinter den Produkten 🙂

  2. Marni, Chloé und ‚Co.‘ habe ich schon bei Linette gekauft, als Ulla Giers, Mutter von Gordon, Gründerin von Linette und damals auch für den Einkauf zuständig, die Läden führte. Die Aussage, Sue hätte die Marken ’nach Hamburg gebracht‘ ist ein wenig überzogen und nicht wirklich gut recherchiert, ansonsten schönes Interview und coole Frau!

    • Stimmt doch gar nicht! Man muss als Boutiquen-Inhaber jede Saison aufs Neue beweisen, dass man als Verkaufsstelle infrage kommt. Für keinen Shop der Welt gibt es ein lebenslanges Chloe-Abo und ich finde auch, dass Sue viele neue Marken im Sortiment hat. Liebe Grüße an den Ulla-Giers-Fanclub!

  3. Janina horn sagte am

    Bester Blog mit der wunderschönen Sue!!!! Es gibt nichts schöneres als auf ihrem Blog zu stöbern!! Eine starke Frau, die aber sowas von viel auf dem Kasten hat!! Vorbildfunktion für viele Menschen!! Bin stolz auf Dich, liebe Sue!! Du bist eine so tolle Frau !! WAHNSINN!!! Weiter so!!! Toi toi toi und alles liebe für die Zukunft !!!

  4. Christoph beckmann sagte am

    Ulla Giers ist die Gründerin und die großartige Einkäuferin von Linette gewesen.
    Sie hat alle relevanten Kollektionen nach Hamburg geholt.
    Seitdem Sie nicht mehr die Chefin ist, ist Linette nicht mehr das was Linette über Jahrzehnte war: DER BESTE LADEN!
    Also bitte nicht schreiben das Sue Giers Linette ist. Das war Sie nie und wird es auch nie!

    • Was wäre denn die Konsequenz: Dass der Laden zumacht? Ich kannte Ulla Giers nicht und mich spricht das Angebot von Linette bzw. der Einkauf von Sue Giers total an.

  5. Ich tue mich irgendwie schwer mit ihr. Unterkühlte, unsympathische Ausstrahlung. In echt ist sie aber bestimmt ne ganz nette 😉

  6. Carola Miebach sagte am

    da wird aber scharf geschossen,“Linette ist nicht mehr was es war“…..man kann es eben nicht allen Recht machen!
    Nun kommen neue Zeiten, ein Glück, dass es auch Veränderungen gibt. Und das neue Konzept trifft im Sinne der Weiterentwicklung sehr unseren Zeitgeist.
    Ich lese den Block einfach sehr gerne, freue mich sogar regelrecht darauf, denn Sue schafft es einfach, aktuelle Themen charmant mit einem gewissen Augenzwinkern zu erzählen. Ich liebe ihren Witz, Ihren Stil und Ihren Look.
    Für Linette transportiert sie Ihren Look doch fabelhaft. Man glaubt Ihr sofort, wenn man sie im Laden trifft, und Ihr zuhört, wie sie über ihre Entdeckung, der Designerin, die auf Ibiza lebt und wunderschöne Kleider fertigt. Ich möchte dann sofort eines dieser Traumkleider besitzen.

  7. Ich bin alles andere als ein fashion victim. Eher das Gegenteil. Doch durch den Artikel kam da wieder so eine Ahnung zurück: Mode ist mehr als Körperbedeckung. Mode hat mit Kommunikation zu tun, oh ja. Siehe Hillary-Hosenanzug. Toller Beitrag!

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