Karriere-Interview: Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert von EDITION F

In meinem Alter empfindet man die Anzahl der Blogs und Onlinemagazine, die das Leben als gestandene Frau betreffen und sowohl inspirierend als auch lesenswert sind, als rar. Mit EDITION F machen sich zwei junge Damen aus Berlin daran, diese Marktlücke zu schließen und wagen sich auf ihrem Portal an einen Themenrundumschlag von Business-Mode à la Emmanuelle Alt bis hin zum Rücktritt von Klaus Wowereit. Von ihrer Idee, Frauen im Netz nicht länger zu unterfordern (die Twitter-Kampagne #Ansage habt ihr mitbekommen, oder?), konnten Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert sogar Investoren überzeugen und sind dann mit einem angeblich sechstelligen Betrag auf dem Firmenkonto und Vollgas ins Onlingeschäft eingestiegen.

Die Geschichte dahinter und welche Pläne Susann und Nora haben, wollten wir bei Journelles ausführlich wissen – hier also das Karriere-Interview mit EDITION F!



Vorab bitte die Hardfacts zu eurem Werdegang: Alter, Ausbildung/Studienfächer, Praktika und der 1. Job?

Susann: „Wir haben beide schon einige Jahre Arbeitserfahrung. Direkt nach dem Studium zu gründen, wäre sowohl für mich, als auch für Nora keine Option gewesen. Nora hat Publizistik, Politik und Islamwissenschaften studiert, danach bei fischerAppelt in der Redaktion volontiert und ist dann als Redaktionsleiterin zu Gründerszene gegangen. Ich selbst war nach dem Theaterwissenschafts- und Germanistik-Studium fast fünf Jahre in der Strategie und PR-Beratung bei Scholz&Friends bevor ich sechs Monate mit Nora bei Gründerszene gearbeitet habe. Wir kennen uns privat bereits seit sechs Jahren, über die gemeinsame Arbeit haben wir festgestellt, dass wir auch auf der Ebene gut harmonieren. So wurde aus der Idee zu EDITION F schnell ein Unternehmen.“

Wie waren eure Vorstellungen vom Arbeitsmarkt und eurer späteren Karriere zu Studienbeginn? Wie haben sie sich in der Zwischenzeit relativiert?

Nora: „Ich habe während des Studiums sowohl für große Zeitungen geschrieben, als auch für Corporate-Unternehmen wie Roland Berger oder Scout24 gearbeitet. Nach dem Studium kam dann mein Volontariat bei fischerAppelt. Überall habe ich viel gelernt, unterschiedliche Prozesse und Teams kennengelernt, doch auch gemerkt, dass man als Berufseinsteiger, selten Großes bewegen kann. Als ich dann bei Gründerszene als Redaktionsleiterin anfing und ein Team aufbauen durfte, veränderte sich das schlagartig. Im Startup hatte ich die Option, übergreifend zu denken, schnell Führungsverantwortung aufzubauen. Was ich grundsätzlich verstanden habe, das Team und die Kultur eines Unternehmens muss zu mir passen.“

Susann: „Ich bin extrem idealistisch in mein Berufsleben gestartet. Ich wollte Theaterpädagogin werden. Geld war für mich nicht der zentrale Antrieb. Verwirklichung, Kreativität, Eigeninitiative und die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten hingegen schon. Während des Studium habe ich frei für deutsche und englischsprachige Zeitungen geschrieben und Kurzfilme produziert. Gerade in meiner Zeit bei Scholz & Friends habe ich viele unterschiedliche Unternehmen betreut und kennengelernt. Mit EDITION F habe ich best of both worlds: Es ist ein toller Brückenschlag zwischen relevanten Inhalten und Aufgaben, die mich begeistern, und dem unternehmerischen Teil, den so eine Gründung mit sich bringt.“

Mit einem „Elevator Pitch“ soll man sein Gegenüber in zwei Minuten von einer Geschäftsidee überzeugen: Warum gibt es EDITION F?

Susann: „Wir wollen Frauen, die sich beruflich verwirklichen wollen, ein digitales Zuhause bieten, das auf ihre Bedürfnisse eingeht, sie ernst nimmt und inspiriert. Eine Plattform fernab der stereotypen Frauenthemen. Ein Gegenangebot zu den Wirtschaftstiteln, die sich häufig auf Männer fokussieren. Wir verheiraten die Business- und Business-Lifestyle-Welt mit einem integrierten Angebot: inspirierende und meinungsstarke Inhalte, Kontakte und ein starkes Netzwerk, Jobs und alles was ihr Berufsleben schöner macht. Damit wollen wir zum täglichen Begleiter werden.“

Wie habt ihr eure Investoren gefunden und von eurer Idee überzeugt?

Nora: „Susann und ich haben durch unseren früheren Job bei Gründerszene bereits ein großes Netzwerk in der Startup- und Investorenszene aufbauen können. Das hat uns viele Türen schneller geöffnet, weil wir bereits einen Kontakt hatten, oder jemanden kannten, der uns direkt vorstellen konnte. Trotzdem ist die Investorensuche ein intensiver und zeitbindender Prozess. Wir haben sehr genau überlegt, wer zu uns passt und sind dann noch vor dem Launch im Frühling an Investoren herangetreten. Der erste Kontakt läuft meistens mit einem Pitch-Deck (einer Präsentation) per Mail, dann folgen persönliche Termine und ein Blick auf die Annahmen. In so einer frühen Phase muss man stark als Team und mit der Vision überzeugen. Dafür braucht man Investoren, die stark an die Idee glauben. “

Aktuelle Meldungen von dem Stellenabbau bei Gruner+Jahr machen deutlich, dass die Print-Branche mehr und mehr zugrunde geht. Wie seid ihr in den Online-Bereich gekommen und wann war klar, dass hier eure Zukunft liegt?

Susann: „Es gibt kaum Verlage, die sich komplett auf Print beschränken und alle sehen sich mit den Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung konfrontiert. Unser Medienkonsum hat sich nachhaltig gewandelt. Trotzdem wird Print nicht sterben, wenn es um Meinungen und Hintergründe geht. Online und Print miteinander zu verzahnen wird zentral sein und Online auch wirklich digital zu denken. Aktuell liegt die größte Crux für viele Titel darin, dass Online nur eine Verlängerung des Print-Angebots ist oder so separiert ist, dass Print und Digital im Grunde zwei verschiedene Medien sind. Dabei liegen gerade wenn wir an die Monetarisierung denken echt große Chancen im Zusammenspiel von Print und Online. Für mich persönlich, hat meine Zeit bei Gründerszene gezeigt, dass ich meine Zukunft im Digitalen sehe.“

Nora: „Die Chancen, die wir digital haben, sind unglaublich. Ein so vernetztes und integriertes Produkt wie EDITION F hätten wir im Print nie umsetzen können. Für uns sind die Nutzerbedürfnisse dabei unser ständiger Ankerpunkt. Uns war es wichtig ein Produkt zu schaffen, welches nicht fragmentiert ist, sondern wirklich vernetzt denkt, eine eigene Welt, in der alles zusammenpasst. Die direkte Interaktion mit dem Nutzer ist zentral, finden wir. Die Nahtlosigkeit der Medienkanäle. Die digitalen Möglichkeiten zu nutzen. Bereits seit meinem ersten Job begleiten mich digitale Themen stark, das war sowohl bei Scout24, als auch bei fischerAppelt und Gründerszene der Fall.“

Die Eltern wünschen sich für ihre Kinder immer eine Festanstellung. Das Konzept „Freiberufler“ scheint für die ältere Generation immer noch unseriös. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Wie fühlt es sich für euch an selbständig zu sein? Wo seht ihr Vorteile, wo Nachteile?

Susann: „Nora und ich haben das große Glück, dass unsere Familien uns sehr stark unterstützen und an uns glauben. Auch, wenn sie selbst als Angestellte arbeiten. In aller erster Linie ist es ihnen wichtig, dass es uns gut geht und sie spüren, dass wir die richtige Entscheidung für uns getroffen haben.“

Nora: „Entscheidungen eigenständig im Team zu treffen, schnell zu entscheiden und die eigene Vision umsetzen zu können ist genial. Sich dabei bei aller Leidenschaft und manchmal auch Sorgen um Geld trotzdem um sich, eine Freunde und Familie zu kümmern, manchmal eine große Herausforderung.“

Was war in diesem Hinblick das Wichtigste, was ihr im Studium/Ausbildung gelernt habt, was für euren späteren Job wirklich relevant war? 

Nora: „Im Studium habe ich herausgefunden, was ich will und was nicht. Die Inhalte selbst brauche ich kaum, aber ich habe mich in diesen Jahren entwickelt und viel ausprobiert. Den Schritt in die Selbstständigkeit wollte ich jedoch erst wagen, als ich einige Jahren Erfahrungen gesammelt hatte.

Susann: „Denken.“

Auf eurem Portal heißt es: „Wir haben große Pläne.“ Was für Pläne sind das genau? Und was für Leute sucht ihr, um sie gemeinsam umzusetzen?

Susann: „Mitte September startet unsere Jobbörse. Mit einem neuen Ansatz. Wie tickt das Unternehmen bei dem ich mich bewerbe? Mit wem arbeite ich zusammen? Wie sieht mein Arbeitsplatz aus? Worum geht es bei dem Job tatsächlich? Was gibt es außer dem Geld noch? Fragen, die vor dem Vorstellungsgespräch meist unbeantwortet bleiben. Unsere Jobbörse will diese Fragen beantworten. Wir wollen Unternehmenskultur ein Stück weit erlebbar machen: mit Premium-Profilen – die echte Fotos zeigen, in die Video-Interviews eingebunden werden können, in die Unternehmen ihre Social-Media-Feeds einbinden können. Diese Antworten sind Bewerbern heute wichtig. Deshalb ist es wichtig als Unternehmen authentisch  zu sein. Und das können sie bei uns.“

Nora: „Im Herbst geht dann unser Marktplatz für Business-Mode und Produkte online. Wir wollen sehr kuratiert tolle Produkte und Mode für das Business vorstellen. Vorallem wollen wir in Anlässen und Outfits denken, so wie auch jetzt schon in unserer Business-Mode-Rubrik. In Sachen Mitarbeiter ist unser Team erst einmal komplett bis Jahresende. Was uns wichtig ist: Das Mitarbeiter soowohl unsere Vision mittragen, sich einbringen, Verantwortung tragen und inhaltlich gut passen.“

Business, Frauen, Mode – worin liegt eurer Meinung nach das große Missverständnis innerhalb dieser Themenbereiche?

Susann: Die aktuelle Frauenmedien-Landschaft zeigt, dass der Themenkosmos seit Jahrzehnten recht klar umrissen ist: Mode, Beauty, Partnerschaft, Diät. Es gibt natürlich auf Frauentitel, die etwas moderner und breiter denken. Perfekt: Denn das echte Leben zeigt ja, dass die alten Bilder und Stereotye nicht mehr passen. Ich kenne super viele coole Frauen – unabhängig davon, ob sie sich gerade entschieden haben, erstmal Mama zu sein oder ein Unternehmen zu gründen. Jeder entscheidet selbst. Für genau das, was einen glücklich macht. Und das strahlt Kraft aus.

Was ist für euch „guter“ Onlinejournalismus?

Nora: „Wir glauben, dass Erfolg vor allem davon abhängt, ob Unternehmen die Interessen der Zielgruppe wahrnehmen. Nutzern zuhören. Das gilt vor allem für den Journalismus. Journalismus muss sich wandeln. Vor allem online. Die Eins-zu-eins-Übertragung von Print nach Online hat ausgedient. Die direkte Interaktion mit dem Nutzer ist zentral, finden wir. Dies bedeutet nicht, dass die Qualität der Inhalte leiden sollte oder die Recherche vernachlässigt werden kann. Online ist anders als Print. Wir glauben trotzdem an Meinungsstücke. An Reportagen, Interviews. Der Snippet-Journalismus von Heftig.co, der nur noch auf die Geilheit der Überschrift und Katzen-Content abzielt, um den Kampf um die Klicks zu gewinnen, kann sich nachhaltig nicht durchsetzen. Das ist kein Journalismus aus unserer Sicht.“

Wie sieht das Vergütungsmodell hinter EDITION F aus: Setzt ihr auf Anzeigen, Advertorials oder wie verdient ihr Geld mit der Seite?

Susann: „Wir setzen auf Native Advertising (als Werbung gekennzeichnet), Premium-Profile und Jobanzeigen sowie Provisionen im Marktplatz. Klassische Banner schließen wir aus. Das hat einen einfachen Grund: Wir glauben, Werbung macht nur Sinn, wenn sie einen Mehrwert für den Nutzer hat. Dieser wird nicht durch ein blinkendes Statement geschaffen. Die Zukunft der Werbung ist die Geschichte, die Idee, welche die Marke transportieren will. Nur Unternehmen, die das verstehen, können der anspruchsvollen Zielgruppe nachhaltig im Kopf bleiben.“

Was braucht man, um ein Onlinemagazin an den Start zu bringen und davon leben zu können? Wo und wie arbeitet ihr? Wie teilt ihr eure Aufgaben?

Nora: „Man muss ganz klar nicht nur redaktionell, sondern auch unternehmerisch denken, ohne dabei die Inhalte zu vernachlässigen.“

Was sind eure Ziele und Träume?

Susann: „In manchen Fachmedien konnte man lesen: Ist EDITON F die Zukunft des Journalismus? Mein Wunsch: Bald beantworten alle die Frage mit „ja”. Und dann machen wir das gleiche für Frauen in anderen Ländern.”

Wir wünschen euch viel Erfolg dabei und danken für das Interview!

Kommentare

  1. alexa@vonheyden.delamaiire@gmail.com

    Vielen Dank für dieses tolle Interview! Alleine hätte ich die Seite vermutlich nie gefunden, aber auf den ersten Blick sieht sie sehr vielversprechend aus und ist bereits in Reeder gelandet.

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