Karriere-Interview: Nina Mair, Architektin und Interior-Designerin aus Österreich

Manchmal geht es ganz schnell: Jessie sieht etwas, leitet mir eine Email mit dem Link weiter, ich finde es genauso gut und zack! – machen wir ein Interview! Angesichts der Stühle und Tische von Nina Mair waren wir uns innerhalb von einer Millisekunde einig: „Schööööön!“ Wie die österreichische Architektin und Designerin ihr Label auf dem Markt etabliert hat und wie sie in ihrem Atelier in Innsbruck arbeitet, lest ihr im Karriere-Interview:


Liebe Nina, du wurdest in Österreich geboren und hast in Italien studiert. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich war ein Jahr an der Accademia delle Belle Arti in Florenz und habe dort Architektur studiert, aber meinen Abschluss in Innsbruck gemacht. Nach dem Abschluss 2006 habe ich gleich mit zwei Partnern ein Designstudio gegründet. Wir waren sechs Jahre gemeinsam tätig und haben für internationale Firmen, wie zum Beispiel Casamania, Produkte entworfen. Seit 2012 arbeite ich unter dem Namen „Nina Mair“ als Designerin und Architektin.

Florenz ist hinsichtlich Kunst und Architektur ein besonders geschichtsträchtiger Ort. War es eine bewusste Entscheidung, dort zu studieren?

Es ist ein Klischee, aber Italien ist ein Land, das sehr emotional an Gestaltung heran geht und deshalb ein großer Anziehungspunkt für mich war. Das Flair, das dort herrscht, die Freude an der Mode und Design im Alltag und der überall spürbare Stolz, eine Design-Nation zu sein, haben mich immer schon begeistert. Florenz ist architekturgeschichtlich eine sehr attraktive Stadt, die unglaublich viel bietet. Meine Erwartungen sind vollkommen erfüllt worden – heute empfinde ich Florenz als meine zweite Heimat und ich liebe das italienische Lebensgefühl.

Welche Marktlücke möchtest du mit deinem Label Nina Mair schließen?

Ich möchte Produkte herstellen, die Geschichten erzählen und dem Konsumenten einen Mehrwert bieten, sodass eine höhere Identifikation mit dem Produkt möglich ist. Man denke an eine kleine Mode-Boutique in einer Seitengasse in Paris, in der man ein T-Shirt oder Bluse findet – dazu hat man einen viel stärkeren Bezug, als zu einem Teil, dass man anonym bei einer großen Handelskette kauft. Ich kann zu jedem meiner Produkte eine Geschichte erzählen: Sei es über die Handwerktechnik, das Material, das mich inspiriert hat oder eine Filmfigur, die Namensgeberin für ein Produkt ist – es gibt in jedem Design etwas zu entdecken.

"Cypris" für Classicon von Nina Mair
„Cypris“ für Classicon von Nina Mair

Hast du eine Lieblingsgeschichte?

Für die Badewanne „Shell“ aus Holz hat mich die Badekultur in Japan inspiriert, wo Baden ganz anders als bei uns funktioniert. In unserer Kultur gibt es bei Holz und Wasser Berührungsängste, denn Badewannen aus Holz sind ja total unüblich. Aber wenn man sich die Geschichte dahinter anschaut und begreift, dass seit Jahrhunderten Boote und Schiffe aus Holz gebaut werden – also muss es also doch funktionieren!?

Ich dachte immer, Architekten bauen nur Häuser! Du gestaltest aber auch Badewannen, außerdem Tische und Stühle.

Klassischerweise ja, aber mich hat immer dieser Schöpferdrang, meine eigenen Ideen zu verwirklichen, angetrieben. Mir fiel der Einstieg ins Berufsleben im Maßstab des Produktdesigns leichter, als einen Auftraggeber für ein ganzes Haus zu finden. Ich habe in meiner eigenen Werkstatt angefangen, Prototypen zu bauen und Möbel zu zeichnen. Ich bin Autodidaktin, was das Handwerkliche betrifft, aber liebe es zu experimentieren – wenn man mir zum Geburtstag eine große Freude machen will, dann muss man mir ein Werkzeug oder eine Maschine schenken.

Die ersten Jahre meiner Designkarriere habe ich drei Mal hintereinander meine Produkte auf dem „Salone Satellite“, einer Newcomer-Ausstellung im Rahmen der Mailänder Möbelmesse Salone del Mobile vorgestellt. Dafür muss man sich bewerben und ich hatte Glück, dass ich genommen wurden, weil sich dort jedes Jahr hunderte junge Studenten bewerben. Da war der Ansporn groß, auf so einem hohen Niveau mithalten zu können. So bin ich in die Szene reingewachsen, kannte irgendwann den ein oder anderen Journalisten und Händler.

Heute bin ich stolz sagen zu können, dass ich Händler in New York und Kopenhagen habe, wobei ich meine Produkte selber produziere und vertreibe. Besonders freut mich, daß demnächst mein Webshop online geht und somit meine Produkte weltweit erwerbbar werden. Aber: Ich entwerfe auch immer noch private Wohnhäuser, von der Türklinke bis zum Dach, außerdem auch Büro- und Shop-Interiors. Gerade entsteht in Vorarlberg, Österreich ein Einfamilienhaus. Das ist mein erster Hochbau, also mein erstes Gebäude. So habe ich den Umweg vom Produktdesign zurück zur Architektur genommen.

Nina Mair bei der Arbeit

Designer stehen zumeist für einen bestimmten Stil. Auf der Website bin ich über den Begriff „Identity“ gestolpert – um wessen Identität geht es?

Es geht nicht um meine, sondern um die Identität des Kunden. Wenn ich von der Architektur spreche, gehe ich genau auf den Nutzen ein. Dafür sitze ich mehrere Stunden mit den Bewohnern zusammen und erarbeite ein Storyboard. Sie erzählen mir von ihren Ritualen, beispielsweise, wie sie morgens in der Frühe aufstehen und wer wiewo und wann sein Frühstück einnimmt. Dann schaue ich, welche Qualitäten dieser Raum dafür braucht. Sprich: Wie wird ein Raum in Zukunft genutzt und wie wird das Lebenskonzept in diesen Räumen erlebbar? Das verstehe ich unter „identitätstiftender Architektur“, also Architektur, die auf die Persönlichkeit der Bewohner eingeht.

Dann ist Nina Mair also das Gegenteil vom Fertighaus!

Ja, so könnte man das sagen! Es ist erstaunlich, wie man Wohnraum, je nach Bedürfnis, immer wieder neu denken kann. Ich muss immer wieder eine neue Lösung finden. Mein Beruf wird nie langweilig, jedes Proejkt ist eine neue Herausforderung.

Wie nähert man sich als Designer einem so herkömmlichen Produkt wie einem Tisch? Der wurde ja schon tausend Mal entworfen, was kann man daran noch anders machen?

In einem neuen Produkt steckt viel meiner Identität. Die einen Designs entstehen aus einem Bedürfnis heraus, weil ich denke, dass es so etwas auf dem Markt noch nicht gibt. Andere Produkte entstehen einfach aus einem Gefühl heraus, aus einer Idee, die ich ewig mit mir herumtrage. Für „Tilda“ beispielsweise, der filigrane Messing-Hocker mit der Naturlederfläche, hat es einfach nur das Konstruktionsprinzip in meinem Kopf gegeben, das auf Zug und Druck funktioniert. Ich habe die Idee über Wochen in Gedanken immer weiter gesponnen, bis ich mich mit einem Stift und Papier hingesetzt und den fertigen Stuhl aufgezeichnet habe.

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Wo wird der „Tilda“-Stuhl hergestellt?

Tilda stelle ich selbst in meinem Atelier her. Ich habe ein Netzwerk an Tiroler Handwerksbetrieben die mir dafür Komponenten zuliefern. Das Leder beispielsweise kommt aus einer der ältesten Gerbereien Europas, in der Nähe von Innsbruck.

Dein Atelier sitzt ja auch in Innsbruck. Wie kann man sich eigentlich die österreichische Design-Szene vorstellen?

Es gibt jeweils eine tolle Szene in Wien und in Linz, bedingt durch die Universitäten an denen man Design studieren kann. In Tirol beschäftigen sich natürlich auch vor allem junge Leute mit Gestaltung, aber ich denke dass ich als Designerin mit dem Fokus auf den High-End Bereich und meiner internationalen Ausrichtung die Ausnahme darstelle.

Welche Designernamen aus Österreich sollte man auf dem Schirm haben?

Das Designbüro Eoos macht sehr schöne Sachen, u.a. für renommierte Firmen wie Bulthaup oder Dedon. Ich schätze besonders die jungen Design-Studios, die eher in die experimentelle Richtung gehen und sehr konzeptionell arbeiten, wie Mischer & Traxler, ebenfalls ein ganz tolles Duo.

Auf deiner Website liest man auch, dass viele deiner Sachen deinen Sinn für Humor zeigen. Bitte nenn’ uns ein Beispiel.

Eine Kommode heißt „Mrs. Robinson“ – benannt nach einer Figur aus dem Film „The Graduate“ mit Dustin Hoffman. Die Hauptfigur, Mrs. Robinson, eine Dame um die 50 pflegt ein Verhältnis mit einem Maturanten, also einem 18-jährigen jungen Mann, wahrt aber nach außen hin die Fassade einer verheirateten Frau. Auch die Kommode sieht nach außen weiß und geordnet aus, aber wenn man die Schubladen öffnet, kann man kleine Muster, sozusagen den wahren Inhalt, entdecken. Das ist für mich ein Produkt mit „Augenzwinkern“. Design muß nicht ernst sein sondern soll Spaß und Freude machen. Ich möchte, dass meine Designs einladen sie zu benützen und ihre Geschichten zu entdecken.

Hast du ein Material mit dem du besonders gerne arbeitest?

Bei Nina Mair gibt es wenig dekorative Elemente, ich mag das Material pur und seiner Natur entsprechend authentisch und unbehandelt zu verarbeiten. Ich versuche dem Material entsprechend zu denken und dabei immer an die Grenzen zu gehen. Der Beton-Tisch, den ich letztes Jahr entworfen habe, hat eine Stahlbetonplatte, die nur drei Zentimeter dünn ist. Dünner kann man einen Tisch bei der Spannweite von 220 cm nicht produzieren. Es hat sogar Versuche gegeben, die Stahlbewehrung mit Klavierseiten zu realisieren. Hier hilft mir mein Know-How aus der Architektur Designideen zu entwickeln.

Ein weiteres Klischee: Architekten sind immer Männer mit schwarzen Rollkragenpullovern. Dein Team besteht nur aus jungen Frauen. Zufall?

Ja, das hat sich zufällig ergeben. Alle Damen sind in ihrem speziellen Bereich topqualifiziert. Wir machen alles selber: vom Produktdesign über die Programmierung der eigenen Website bis hin zu den Konstruktionszeichnungen und Bauplänen für Gebäude. Für Architektur und Design braucht man ein feines Gespür und diese Frauen verstehen meine Sprache.

Welchen Ratschlag würdest du jungen Frauen mit auf den Weg geben, die wie du eine Karriere im Bereich Design und Architektur machen möchen? Ist es immer noch so eine Männerdomäne und wenn ja, wie setzt man sich durch?

Ich denke selbst nicht geschlechterspezifisch. Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich mit Männern oder Frauen arbeite. Das Wichtigste ist, in dem was man macht, sehr gut zu sein, sich ein breites Wissen aufzubauen und sich ständig fortzubilden – vielleicht sogar einen Schritt voraus zu sein.

Mein Forscherdrang läßt mich immer wieder an neuen Dingen experimentieren. Ich überlege mir im Vorfeld technische Lösungen, baue Prototypen, probiere Fertigungstechniken selbst aus. Man muß an die eigenen Ideen glauben und diese konsequent verfolgen. Mit viel Enthusiasmus und Überzeugungskraft für die eigene Vision und innovationsfreudigen Partnerfirmen läßt sich jede Idee in die Realität umzusetzen.

Sich ein Netzwerk an Partnern aufzubauen dauert eine gewisse Zeit, aber meine Erfahrung zeigt, nur eine gute Teamarbeit führt zu perfekten Ergebnissen. Also kurz zusammengefaßt würde ich sagen man braucht: Fundiertes Wissen, grenzenlose Passion und die richtigen Partner.

Vielen Dank für das Interview, liebe Nina!

Mehr Fotos von Nina Mair seht ihr in der Galerie:

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Nina Mair in ihrem Atelier in Innsbruck
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Werkzeuge für die Möbelherstellung
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Nina Mair bei der Arbeit (Foto: ninamair.at)
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Nina Mair beim Betongießen (Foto: ninamair.at)
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"Relax Light" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
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"Halo" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
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Badezimmerserie "Shell" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
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Badewanne "Shell" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
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"Concrete Table" und "Mia Stool" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
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"Concrete Table" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
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"Concrete Table" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
Tilda Table Nina Mair

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"Tilda Table" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
Tilda Table Nina Mair

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"Tilda Table" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
Tilda Stool Nina Mair

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"Tilda Stool" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
Tilda Stool Nina Mair

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"Tilda Stool" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
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"Tildas Stool" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
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"Relax Island" Nina Mair (Foto: ninamair.at)
Tilda Stool Nina Mair

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"Tilda Stool" von Nina Mair (Foto: ninamair.at)
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"Cypris" Spiegel von Nina Mair (Foto: ninamair.at)

Kommentare

  1. Wunderschöne Stücke! Vielen Dank für das Interview.
    Kann man schon irgendwo online bestellen bzw. gibt es eine Übersicht der Vertriebspartner?
    Die Preise (insbesondere für den tilda table) würden mich sehr interessieren.
    Viele Grüsse
    Anna

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