Karriere-Interview mit Susanna Riethmüller, Digital Director ELLE

Susanna Riethmüller und ich haben früher eine „Büro-Ehe“ geführt. Gemeinsam haben wir  uns bei einem großen Verlag in Berlin um den Aufbau und redaktionellen Alltag verschiedener Onlinemagazine gekümmert und so fast jeden Tag acht oder mehr Stunden miteinander verbracht. Wir waren wie Pat und Patachon, Schlüssel und Schloß, Pech und Schwefel. Inzwischen ist Susanna von ihrem letzten Job bei Stylebook zu ELLE gewechselt und aus der Hauptstadt nach München gezogen.

Im Karriere-Interview erzählt sie, was sie über die Zukunft des Modejournalismus denkt!

Liebe Sue, wir waren beide auf der AMD in Hamburg und kennen uns von der gemeinsamen Zeit bei Stylebook. Jetzt bist du Digital Director von ELLE. Würdest du sagen, du bist karrieretechnisch vorerst am Ziel deiner Träume?

Ja, auf jeden Fall. Ich bin überzeugte Online-Journalistin. Das bei einer etablierten und dann auch noch so schönen Marke wie der ELLE machen zu können, fühlt sich nahezu perfekt an.

Auch wenn es auf dem Zeitschriftenmarkt turbulent zugeht, ist ELLE ja ein nach wie vor renommierter Titel – was verbindest du mit dieser Zeitschrift?

Die ELLE ist eines der wichtigsten Modemagazine Deutschlands. Ich lese sie schon sehr lange, habe sie mir früher von meiner Mutter geklaut. Und dann habe ich mir vorgestellt: Später werde ich mal Journalistin. Aber nicht beim Weserkurier, sondern bei einer Zeitschrift wie der ELLE. Ich wusste gar nicht genau, was das bedeutet, stellte es mit aber aufregend vor.

Wie beurteilst du den Unterschied zwischen Modejournalismus im Print und Modejournalismus online?

Der wird immer kleiner. Wenn der Inhalt relevant ist, ist mittlerweile egal, wo er erscheint. Klar: Online ist schnell, kann unmittelbar sein und darf – gerade in den sozialen Netzwerken – auch einfach mal nur Spaß machen. Im Print hat man mehr Zeit zum Schwelgen und zum lesen langer Texte, schaut sich Editorials an. Was ja noch immer wichtige Momente im Modejournalismus sind. Interessant ist also eher die Frage wie Titel, die gedruckt und online erscheinen, das miteinander verbinden können.

Wie hast du eigentlich den Einstieg in den Modejournalismus geschafft?

Ich habe Modejournalismus und Medienkommunikation an der AMD in Hamburg studiert und dann Praktika bei verschiedenen Magazinen gemacht. Ich wollte aber nie Modeproduktionen oder Styling machen, sondern immer schreiben. Also war ich auch ganz klassisch in Lokalredaktionen. Das würde ich jedem empfehlen, da lernt man das Handwerk. Das ist für mich immer noch die Voraussetzung, auch wenn man später über Mode berichten will.

Was waren die Momente, in denen du während deiner Karriere frustriert warst?

Richtig grundlegend frustriert war ich nie. Klar hat man mal Stress oder kommt für den Moment nicht weiter. Ich hatte aber zum Glück immer Jobs, die mir großen Spaß gemacht haben und in denen ich viel Freiheit und Gestaltungsspielraum hatte. Dieses Gefühl hat immer überwogen.

Und welche sind die Momente, in denen du sicher warst, dass du diesen und keinen anderen Job machen möchtest?

Eigentlich habe ich dieses Gefühl permanent. Ich habe mir meinen Beruf bewusst ausgesucht und bin auch alle Schritte bewusst gegangen. Zum Beispiel, als ich mich dafür entschieden habe, nur noch online zu arbeiten oder später in die Konzeption und Entwicklung zu gehen, weniger selbst zu schreiben. Generell finde ich immer noch: Journalist ist der beste Beruf der Welt. Ich kenne bis heute keinen spannenderen und würde mich ohne Zögern wieder für ihn entscheiden.

Wie hat sich das Ansehen der Online-Journalisten deiner Meinung nach in den letzten Jahren verändert und was hat zu dieser Veränderung beigetragen?

Die Online-Journalisten sind besser geworden – also wächst auch ihr Ansehen. Die Verlage denken um und konzentrieren sich aufs Digitale, das hilft natürlich auch. Dadurch verändern sich die Budgets, es ist viel mehr möglich. Heutzutage muss sich ein Journalist erklären, wenn er nicht online ist. Natürlich gibt es schnelle Portale, die sich nur auf Klicks konzentrieren. Das ist okay, Spaß muss sein. Es birgt aber auch Gefahren. Klicks sind eine harte Währung, es ist sehr verführerisch, auf diesen Zug aufzuspringen und sich zum Beispiel nur noch auf viralen, reißerischen Content zu konzentrieren. Da setzt der Online-Journalismus den guten Ruf, den er sich gerade erst erarbeitet hat, schon wieder aufs Spiel.

Offen gestanden wirkt ELLE Online mit den Red Carpet Looks, Horoskopen und schwarzem Hintergrund ganz schön oldschool. Was wirst du tun, damit wir ELLE jeden Tag lesen?

Grob kann man sagen: Ich möchte dafür sorgen, dass du diese Frage in Zukunft nicht mehr stellen kannst. Das hat etwas mit Storytelling zu tun, aber auch mit Optik und Usability. Und natürlich mit einem Grundverständnis der Marke. Auch ein renommierter Titel wie die ELLE muss im Netz mit Katzenvideos konkurrieren – und das, ohne sich untreu zu werden. Ich finde das spannend, weil da in Deutschland für mich echte Benchmarks noch fehlen.

Wie sind Print und Online bei ELLE miteinander verzahnt?

Die ELLE wächst gerade zusammen. Es gibt keine Printler und Onliner mehr. Alle machen beides, alle können beides. Das Wichtigste dabei ist: Alles wollen beides.

Du pendelst jetzt zwischen Berlin und dem Redaktionssitz in München. Was gefällt dir an München? Hast du schon ein paar neue Lieblingsadressen, die du uns verraten kannst?

Die Isar ist toll, ich freu mich schon auf den Frühling und aufs Radfahren. Und ich mag den Coffeeshop „Man vs. Machine“. Brooklyn-Feeling im Glockenbachviertel!

Inwiefern ist München für dich eine Modestadt?

Ich denke gar nicht in dieser Kategorie. Wir sind doch immer den ganzen Tag online, es ist fast egal, wo wir uns tatsächlich aufhalten.

Auf welche Qualifikationen achtest du bei Leuten, die du als Redakteure oder Autoren einstellst?

Vor allem darauf, dass sie wirklich gut schreiben können und echte redaktionelle Erfahrung haben. Also haben sie am besten auch mal bei einer Tageszeitung oder in einer Newsredaktion gearbeitet und können dir in zehn Minuten eine Meldung schreiben. Redakteure für den Onlinebereich sollten außerdem wirklich onlineaffin sein, also auch Facebook, Twitter und Co. aus dem Effeff beherrschen und akzeptieren, dass die Uhren online anders ticken als im Print.

Welche Arten von Jobs in unserer Branche haben deiner Meinung nach eine Zukunft?

Jobs im digitalen Bereich. Gefragt werden dabei Leute sein, die nicht nur gut schreiben können und etwas von Mode verstehen. Sondern die auch die Muße haben, sich mit Technik und dem Analysieren und Interpretieren von Daten auseinander zu setzen.

Wie hat sich dein Look im Laufe deiner Karriere verändert? Was trägst du als „Chef“? Hast du so etwas wie ein Markenzeichen?

Mein Look ist konstant. Ich mag Basics und Klassiker, am liebsten von guter Qualität und gut geschnitten. Ich liebe Trends und aufregende Looks, aber ich muss gestehen: ich bin etwas zu pragmatisch dafür. Durch meinen Job empfinde ich permanent ein Haben-Wollen-Gefühl, weil ich ständig Neues sehe. Also habe ich irgendwann beschlossen, das einfach zu ignorieren.

Erinnerst du dich noch an die erste Fashion Show, bei der du dabei warst? Wo und wann war das, wer hat gezeigt? Und was war die Show, die du nie vergessen wirst?

Ehrlich gesagt nein, an meine erste Show erinnere ich mich nicht. Eine Show, die ich nie vergessen werde, war die von Dries van Noten in Paris im September 2013. Colin Greenwood von Radiohead hat live gespielt und am Ende standen alle Models Spalier, man konnte ganz nah ran gehen und die Kleider sogar anfassen – wenn man sich getraut hat.

Für deinen Job musst du immer up to date in Sachen News und Trends sein. Welche Zeitungen, (Online-) Magazine und Blogs liest du beruflich? Und welche privat?

Ich unterscheide da nicht in beruflich und privat, das gehört für mich immer zusammen. Ich scanne jeden Tag unzählige Online-Magazine, Blogs und Newsseiten. Viele Digital- und Medien-Blogs habe ich als Newsletter abonniert. Außerdem versuche ich, jeden Monat die wichtigen Modemagazine zumindest durchzublättern. Tageszeitungen lese ich kaum noch, Nachrichten nur noch online. Der Spiegel ist für mich ein Muss.

Welche fünf Dinge hast du in deinem Koffer oder deiner Tasche immer mit dabei, wenn du wie jetzt für die Modewochen nach New York fährst?

Einen schwarzen Blazer, schwarze Wildleder-Pumps, eine schwarze Clutch, ein schwarzes Kleid, eine weiße Bluse. Damit kann ich zu jeder Show und zu jeder Einladung gehen und befinde mich immer zumindest am Rande des Dresscodes.

Apropos: Deine persönliche It-Bag ist welche?

Zuletzt gekauft habe ich die „June“ Bag von A.P.C. Die ist perfekt für den Alltag, sie hat genau die richtige Größe.

In jeder Redaktion kommen tägliche viele Goodies und Presse-Sample an, das gehört zum Alltag. Bei welcher Art von Beauty-Produkten oder Post gerätst du jedoch immer noch aus dem Häuschen?

Bei Beauty-Produkten wird man mit den Jahren gelassener. Am meisten freue ich mich über Einladungen zu wirklich schönen Events, bei denen ich viele Kollegen und Freunde treffen kann.

Letzte Frage: Wen möchtest du unbedingt persönlich mal interviewen und was wäre deine erste Frage?

Sheryl Sandberg. Meine erste Frage wäre: Wann fängt mein Praktikum bei Ihnen an?

Liebe Sue, das hat Spaß gemacht. Danke für das Interview!

Kommentare

  1. Tolles Interview!!! Bitte noch viel mehr Interviews mit Modejournalistin, aber auch deine Fragen nach der Zukunft des Modejournalismus finde ich als Studentin an der AMD besonders spannend.

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