Karriere-Interview: Christine Neder, Autorin und Reisebloggerin von Lilies Diaries

Modeblogger ist für so viele zum Traumberuf geworden, weil man nicht nur über neue Trends berichtet, Fashion Shows besucht und Outfits knipst, sondern ab und zu auch tolle Reisen machen darf.

Christine Neder packt hauptberuflich andauernd ihre Koffer: Sie zählt zu Deutschlands bekanntesten Reisebloggern und ist jeden Monat mehrere Wochen in der ganzen Welt unterwegs. Malediven, Dolomiten, Sylt, Portugal oder Südtirol sind nur einige der Ziele, die sie in letzter Zeit bereist hat.

Sie schreibt, fotografiert, filmt und betreibt nebenbei einen kleinen Onlineshop. „Digitale eierlegende Wollmilchsau“, sagt Christine über sich selbst.

Bekannt wurde die gebürtige Bayerin durch ihr Buch-Projekt „90 Nächte, 90 Betten„, für das sie drei Monate lang als Couchsurferin jede Nacht bei einem Fremden in Berlin schlief.

Auf dem Weg zu ihrem Traumberuf hat Christine nicht nur einige Umwege genommen, sondern jede Menge Learning-by-doing-Erfahrungen gemacht – darüber spricht die 30-Jährige mit uns im Karriere-Interview und verrät, welche schönen Ziele dieses Jahr noch bei ihr auf dem Plan stehen.

Liebe Christine, du sitzt schon wieder auf gepackten Koffern. Was ist dein nächstes Ziel?

Neun Tage Baden-Württemberg! Ich fahre jeden Tag in eine andere Stadt von Ulm, Mannheim bis nach Stuttgart und Baden-Baden und mache dazu mehrere Posts und Videos.

Wurdest du vom Land Baden-Württemberg eingeladen?

Ja, genau. Ich gehe immer auf die ITB-Messe, wo ich viele Leute kennenlerne. Alle Tourismusverbände wollen prinzipiell jünger werden. Für viele hat Baden-Württemberg einen langweiligen Charakter. Mein Ziel ist es, den Lesern zu zeigen, dass sich auch ein Städtetrip nach Heidelberg lohnt – es muss nicht immer London oder Mailand sein. Außerdem liebe ich es, Zug zu fahren. Bei einer vierstündigen Fahrt kann ich richtig schön entspannen, viel besser als im Flugzeug.


Jetzt sind wir schon mittendrin im Thema: Du zählst du den erfolgreichsten deutschen Reisebloggerinnen. Studiert hast du aber Modedesign. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Schreiben war schon immer mein Ding: Das hört sich jetzt sehr klischeehaft an, aber früher wollte ich immer wie Carrie Bradshaw in „Sex and the City“ arbeiten. Nebenbei habe ich Schauspielunterricht genommen, weil ich Schauspiel studieren wollte. Nach einer gescheiterten Aufnahmeprüfung an der Ernst-Busch-Schule habe ich diesen Traum jedoch aufgegeben. Das war vielleicht auch Schicksal. (lacht)

Dann habe ich mich an der staatlichen Modeschule in Bielefeld beworben, weil ich ganz gut malen kann und meine Oma Schneiderin war. Und siehe da: Ich wurde angenommen. Nach dem ersten Praktikum wurde mir klar, dass es nicht mein Ding ist – der Job als Designerin war mir zu menschenfern und zu eintönig. Dann wollte ich Stylistin werden und habe ein Jahrespraktikum bei der Vogue in München gemacht. Da wurde mir wiederum klar, dass ich vielleicht doch nicht verrückt genug bin, um Stylistin zu werden, weil ich nicht weinen würde, wenn ich einen Designer-Look nicht bekomme – es gibt ja noch 30 andere! Das wurde also auch nichts. (lacht)

Die Textredaktion hat mich aber nach wie vor fasziniert und an meiner FH in Bielefeld gab es Schreibkurse und sogar ein Modemagazin, sodass ich mich in die Richtung gut weiterentwickeln konnte. Nach dem Studium habe ich ein Praktikum bei der Elle gemacht. Da war es dann das große Highlight, wenn man drei Zeilen unter ein Bild schreiben durfte.

Ja, die ersten Schritte als Journalistin sind schwer. Wie kamst du auf die Idee ein eigenes Blog zu schreiben?

Das war noch während meines Praktikums bei der deutschen Vogue, als ich vier Wochen einen Austausch in dem New Yorker Korrespondenz-Büro gemacht habe. Das war vor neun Jahren. Anfangs habe ich über die New Yorker Fashion Week geschrieben, später dann über die Stadt und viel Persönliches. Damals ist meine Oma gestorben und das Blog wurde sozusagen meine Ersatz-Therapie.

Damals war Bloggen noch ganz neu. War dir klar, dass du daraus vielleicht eines Tages einen Beruf machen kannst?

Ne, überhaupt nicht. Ich habe das nur für mich geschrieben und wusste lange noch nicht mal, dass man sehen kann, wie viele Leute die Texte lesen. Erst zwei Jahre später habe ich jemanden getroffen, der mir Google-Analytics gezeigt hat. Ich habe aus Spaß angefangen und habe später das Blog zum Teil meiner Abschlussarbeit gemacht.

Aber irgendwann wurde es auf der Seite langweilig. Ich saß ohne berufliche Perspektive in München, wollte weg und neue Leute kennenlernen. Eine WG kam für mich nicht infrage und so kam ich über ein Gespräch mit einem Couch-Surfer auf die Idee, das Buch „90 Nächte, 90 Betten“ zu schreiben. Das Projekt hat alles verändert, denn so bin ich wirklich zum Schreiben gekommen. Eigentlich wollte ich gerne ein Volontariat bei einem Verlag machen, aber mit meinem Abschluss in Modedesign wurde ich leider wenig ernstgenommen.

Nach der Veröffentlichung des Buches bekam ich eine eigene Kolumne auf Spiegelonline, durfte beim Zeit-Magazin ein Praktikum machen und dann nach und nach auch für andere Hefte schreiben. Inzwischen mache ich das aber gar nicht mehr, sondern konzentriere mich auf mein Ding.

Wie kam es dazu, dass du immer mehr Reisen für dein Blog machen konntest?

Nach dem ersten Buch habe ich als Social Media Managerin bei 9 Flats angefangen, eine Plattform für private Ferienwohnungen, ähnlich wie Airbnb. Für den Job wurde ich u.a. auf die TBU-Messe geschickt. Ich war auf Agenturseite und habe die Blogger getroffen. Irgendwann habe ich fallen lassen, dass ich auch ein Blog schreibe und durfte dann meine erste Pressereise nach Italien in die Emilia Romagna zum Trüffel- und Maronensammeln machen. Herrlich!

Für diese schöne Einladung musste ich natürlich eine Gegenleistung erbringen, aber damals wusste ich noch gar nicht, wie ich einen Reisebeitrag verpacke und was bei meinen Lesern gut ankommt – ich musste mich als Blogger selbst entwickeln.

Viele Außenstehende glauben, dass man als Blogger als umsonst bekommt und überall eingeladen ist – das ist luxuriös, aber seine Miete kann man so nicht zahlen. Wie sind tatsächlich die Deals, die du machst und wie verdienst du mit dem Reisebloggen dein Geld?

Du sagst es: Am Anfang war es das Größte überhaupt auf eine Reise eingeladen zu werden. Aber irgendwann muss man mit dem Reisen die Miete bezahlen können. Nachdem ich meine Reichweite aufgebaut hatte, habe ich mein eigenes, kleines Geschäftsmodell entwickelt, das wie folgt aussieht: Ich habe mir während der Arbeit für mein zweites Buch „40 Festivals in 40 Wochen“ selber schneiden und filmen beigebracht. Ich habe die Bands gefilmt und die Länder gefilmt, um mir ein Portfolio aufzubauen und bin damit wieder zur ITB, um meine Videos anzubieten. So konnte ich das Reisen mit Geldverdienen kombinieren.

Würdest du sagen, dass du damit eine Vorreiterin in Sachen Reisebloggen bist?

Damals gab es auf jeden Fall noch nicht viele Reiseblogger und noch weniger, die Videos machten. Jetzt gibt es immer mehr, die sich darin reinfuchsen. Mein erster Auftraggeber war der Robinson Club und ich wusste, wie teuer eine richtige Produktion mit Tonmann, Kameramann und Redakteurin ist. Ich dagegen kann alles alleine machen und koste keine fünfstellige Summe. Die Nachfrage ist groß, denn im Tourismus ist ein Video die beste Möglichkeit, das Produkt zu zeigen.

Was für ein Equipment hast du beim Reisen dabei?

Meine Kamera von Sony, mein Stativ und mein Handy. Mehr brauche ich nicht.

Aber wirklich Urlaub vor Ort machen kannst du nicht, oder?

Es ist der schönste Job der Welt, aber wenn ich reise, muss ich Videos drehen. Ich kann nie aufhören noch eine neue Location zu suchen und kam zum Beispiel von den Malediven mit drei Stunden Material für einen Dreiminüter wieder – das muss man alles sichten. Aber mein Anspruch zum Perfektionismus ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum Lilies Diary so gut läuft.

Welche Themen laufen auf deiner Seite generell besonders gut?

Das Motto der Seite lautet ja: „Lilies Diary: Der alltägliche Wahnsinn“. Das Reisen ist mein Steckenpferd und im Sommer mindestens zwei Wochen im Monat unterwegs. Andere Artikel drehen sich um meinen Hund oder besondere Menschen, die ich auf Reisen getroffen habe oder ich schreibe über Lebensthemen wie „Warum weniger mehr istMinimalismus im Alltag“.

Früher habe ich ewig lange Texte geschrieben, nur leider liest das keiner, da die Leute immer lesefauler werden. Also schreibe ich schöne, strukturierte Tipps, da haben die Leute mehr davon. Damit sich der Blog weiterentwickelt schaue 1x im Monat, welche Themen besonders gut ankamen und warum. Einer der nach wie vor am meisten gelesenen Artikel ist „Insider-Tipps für Amsterdam„.

Modeblogger gibt es immer mehr. Ist das bei den Reisebloggern auch so?

Ja, früher waren bei der ITB vielleicht 30, jetzt kommen gefühlte 300. Es ist unglaublich, wie sich das entwickelt. Aber es gibt zwei Welten: die Blogger, die es schon ewig gibt wie zum Beispiel Travelettes und solche, die es nur machen, weil sie Geld damit verdienen und etwas abgreifen wollen.

Es gibt zudem viele junge Instagrammer, aber beim Reisebloggen kommt es wirklich darauf an, welche Zielgruppe man bedient und welche Infos man weitergibt. Darauf achten die Tourismusagenturen ziemlich genau, denn sonst bringt das alles ja nichts.

Gibt es ein Reiseziel, das ganz oben auf deiner Liste steht?

Im Oktober erfülle ich mir einen meiner größten Träume: Dann geht’s in die Antarktis. Das ist für mich persönlich wirklich etwas Besonders, weil ich ein Faible für Eisberge habe und so wenig Menschen dort hinfahren können.

Du könntest ja auch super rund um die Welt reisen und von unterwegs schreiben?

Ne, das ist gar nichts für mich. Ich habe einen Hund und einen Freund. Aber den nächsten Sommer möchte ich in Peniche in Portugal am Meer verbringen und surfen.

Wie hat dich das Reisen verändert?

Es hat mich zu einem toleranten und verständnisvollen Menschen gemacht. Ich schätze, was ich habe und ich bin nicht neidisch auf andere. Ich stelle die Theorie auf, dass Menschen, die viel reisen, weniger neidisch sind. Wer immer nur in seinem kleinen Kosmos hockt, schaut immer darauf, was die anderen haben.

Was ich außerdem gelernt habe: Alleine zu reisen und mit sich selbst, dem Moment und dem, was man erlebt, glücklich zu sein.

Ein wunderschönes Schlusswort. Vielen Dank für deine Zeit, liebe Christine und weiterhin gute Reise!

Kommentare

  1. Super tolles und interessantes Interview vielen Dank dafür! Ich wollte gerade kommentieren ob Christine auch zu uns nach Freiburg kommt, als ich gesehen habe, dass sie ja schon da war. Ich hoffe es hat ihr gefallen 😉 Was für eine tolle und sympathische Karriere. Das macht echt Mut, dass man seinen Traumjob auch über „Umwege“ finden kann. Ich finde auch so schön, dass sie schreibt, dass reisen weniger neidisch macht und man toleranter und verständnisvoller wird. Ich stimme ihr hier voll und ganz zu und bin sowie so sehr begeistert von Christine. 🙂 Sonnige Grüße aus Freiburg, Neele

  2. Wirklich eine tolle Frau und eine ebenso tolle Karriere. Beispielhaft würde ich sagen.

    Was ich allerdings schwierig finde, ist ihre eigens aufgestellte Theorie. Es gibt leider Menschen, die gerne reisen würden, es aber nicht können, sei es aus finanziellen oder zeitlichen Gründen oder weil sie Verpflichtungen oder ähnliches haben. Wenn ich könnte wie ich wollte, würde ich auch viel mehr von der Welt sehen wollen, leider hindern mich ein Vollzeitjob sowie das mangelnde Budget daran. Deshalb gönne ich es aber allen anderen, die es können, nicht weniger!
    LG 🙂

  3. Interessanter Einblick in ihren Arbeitsalltag!

    Es ist immer spannend, von Frauen zu lesen, die ähnlich alt sind wie man selbst (na ja…hüstel…ich bin 35) und die was komplett anderes machen und einen völlig anderen Alltag haben.

  4. Ein tolles Interview! Ich folge Christines Blog schon länger und fand es deshalb super interessant, noch einen zusätzlichen Blick hinter die Kulissen ihrer spannenden Arbeit zu bekommen.

    Liebe Grüße
    Franzi

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