Jil Sander, Bottega Veneta, Lanvin – Diese „unbekannten“ Designer bestimmen jetzt die großen Modehäuser

Eigentlich ist es ja keine neue Taktik, einen unbekannten Designer einzustellen, der ein eingestaubtes Modehaus wieder auf Vordermann bringen soll. Wie gut das funktionieren kann, bewies schon damals Burberry mit Christopher Bailey, der 17 Jahre sehr erfolgreich für die Marke entworfen hat. Kann es sein, dass diese Taktik gerade ein zweites Hoch erlebt?

Es begann, als sich Marco Bizzarri, Präsident und CEO des Modehauses Gucci, entschied, den unbekannten Alessandro Michele als Kreativdirektor zu engagieren. Der Italiener arbeitete bereits mehrere Jahre für das Modehaus, doch stets im Schatten seiner Chefin Frida Giannini. Michele steckte junge Frauen in wadenlange Faltenröcke, trutschige Strickjacken und setzte ihnen Hornbrillen auf. Sie wirkten wie extravagante Großmütter, die Kombinationen aber waren neu und frisch. Heute, vier Jahre später, ist Gucci eine der zehn stärksten Luxusmarken der Welt, und sein Wert hat sich fast verdoppelt.

Mehr oder weniger zur gleichen Zeit wurde das Modezepter des französischen Modehauses Balenciaga einem ebenfalls recht unbekannten Designer namens Demna Gvasalia anvertraut. Allein die von ihm für die Marke entworfenen Ugly Sneaker „Triple S“ verkaufen sich fast so wie Turnschuhe von Nike, obwohl sie fünfmal so viel kosten.

Und wo Potential für mehr Umsatz, da auch jede Menge Nachzügler, die sich ebenfalls entschieden haben, nicht einen Promi-Designer mit einem dicken Instagram-Accounts einzustellen, dafür einen talentierten, nischenorientierten, „jungen Kreativen“. Es hat sich eine neue Generation von Chefdesignern etabliert, die mehr als nur ihr Alter gemein haben. Sie haben einen Abschluss an einer renommierten Kunst-/Modehochschule und Praxiserfahrungen in den Ateliers weltberühmter Designer wie Phoebe Philo oder Nicholas Ghesquière gesammelt. Wer sie sind?

Bruno Sialelli von Lanvin

Wen hat er ersetzt: Olivier Lapidusa, der gerade einmal acht Monate in dem Modehaus gearbeitet hat. Seit dem Abgang von Alber Elbaz, der von 2001 bis 2015 für das Modehaus sehr erfolgreich entworfen hat, wechselt Lanvin bereits zum vierten Mal seit Herbst 2015 seinen Chefdesigner aus. Übrigens ist Lanvin das älteste französische und weiterhin aktive Schneiderhaus (gegründet 1889 von Jeanne Lanvin).

Wer ist er: Bruno Sialelli ist 31 Jahre, in Frankreich geboren und hat die Pariser Designschule Studio Berçot besucht. Seine Praxiserfahrung sammelte er bei Balenciaga, Acne Studios und Paco Rabanne, zuletzt hatte er die Position des „Design Director“ der Loewe-Herrenlinien inne, wo er mit JW Anderson zusammengearbeitet hat.

Stil: außergewöhnlich geschnittene Mäntel, viel Strick, gemusterte Cardigans und verspielte Blusen – alles in einem schöpft er aus dem Archiv, ohne dabei in der Vergangenheit zu verweilen.

Lucie und Luke Meier von Jil Sander

Wen haben sie ersetzt: Rodolfo Paglialunga, der nach drei Jahren das Modehaus wieder verließ.

Wer sind sie: Lucie Meier sammelte Erfahrungen unter Marc Jacobs bei Louis Vuitton und unter Nicholas Ghesquière bei Balenciaga und entwarf nach dem Weggang von Raf Simons für Dior. Luke Meier wiederum war viele Jahre Chefdesigner von Supreme und gründete die Marke OAMC, die sich auf Herrenmode spezialisiert. Das Ehepaar entwirft seit knapp drei Jahren für Jil Sander.

Stil: der für Jil Sander typische Purismus ist geblieben, heute auch mal sportiv, manchmal sogar ein bisschen exotisch und sinnlich, Fokus auf Stoff und Schnitt, die Silhouetten haben oft viel Länge und Weite, neutrale Farbpalette.

Rushemy Botter und Lisi Herrebrugh von Nina Ricci

Wen haben sie ersetzt: Guillaume Henry, der seit 2015 für das Modehaus entworfen hat.

Wer sind sie: In Curaçao geboren, lebte Rushemy Botter einen großen Teil seines Lebens in Amsterdam. Nach dem Modestudium in Arnheim studierte er an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerp, betreut von Walter van Beirendonck und Dirk van Saene. Lisi Herrebrugh ist in Amsterdam geboren und studierte am Amsterdam Fashion Institute. Gemeinsam gründeten sie die Herrenmodemarke Botter, mit der sie vergangenes Jahr beim Hyères 2018 Festival gewonnen haben.

Stil: Couture-Schnitte, bunte Farben, verspielte Details, XXL-Anzüge, stark an den 60er Jahren angelehnt.

Virginie Viard bei Chanel

Wen hat sie ersetzt: Karl Lagerfeld, der seit 1983 Chefdesigner bei Chanel war und mit dem Virginie seit bereits 30 Jahren zusammengearbeitet hat.

Wer ist sie: Sie fällt ein wenig aus dem Raster: Geboren wurde sie in Dijon; sie lernte im jungen Alter bei der französischen Designerin Jacqueline de Ribes, arbeite als Kostümbildnerin am Theater und studierte Film und Mode, bevor sie mit 23 Jahren Assistentin für Taschen und Handschuhe bei Chanel wurde. Vier Jahre später war sie für die Haute Couture zuständig. Als Lagerfeld 1992 die Kreativleitung bei Chloé übernahm, machte er Viard dort zur Directrice. Seit 1997 war sie Studioleiterin bei Chanel.

Stil: nah an Karl Lagerfelds Handschrift, erstaunlich entspannte, schlichte Vision, sehr tragbar.

Daniel Lee von Bottega Veneta

Wen hat er ersetzt: Tomas Maier, der 17 Jahre lang für Bottega Veneta gearbeitet hat.

Wer ist er: Daniel Lee kommt aus England und hat in London am Central Saint Martins seinen Abschluss gemacht. Nach dem Studium arbeitete er für Maison Margiela, Donna Karan, aber erst der Leitung der Ready-to-Wear-Linie bei Celine unter Phoebe Philo verdankt er die Stelle bei Bottega Veneta.

Stil: inspiriert von den 90er-Jahren, weite Hosen, gesteppte Röcke und außergewöhnlich-geschnittene Oberteile, lässige Mäntel und Jacken. Die Farbpalette ist in neutralen Tönen wie Beige und Braun gehalten mit Farbtupfern wie Gelb, Grün oder Türkis. Das Highlight sind die Accessoires: chunky Gold-Schmuck, weiche Lederhandtaschen und Schuhe mit quadratischer Spitze.

Momentan scheint Daniel Lee der nächste Alessandro oder Demna zu werden.

Alle Bilder via PR

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