Erfolgreich als Modedesigner – wie schafft man das? Interview mit Malaika Raiss, Designerin und Dozentin

In Teil 2 der Newcomer-Serie sprechen wir mit Malaika Raiss. Die gebürtige Hessin gilt als eines der Zugpferde der Berliner Fashion Week und ist außerdem Dozentin an der Kunsthochschule Esmod. Welches Wissen sie den Studenten weitergeben möchte und welches Fach ihrer Meinung nach auf dem Stundenplan der deutschen Modeschulen immer noch fehlt, lest ihr in dem folgenden Interview!

Liebe Malaika, du bist nicht nur Designerin und bereitest gerade deine Show für die kommende Fashion Week im Juli vor, sondern hast auch einen Job als Dozentin: Was genau machst du an der Esmod?

Ich unterrichte Textiltechnologie für den Bachelor-Studiengang im Winter-Semester. Es geht von der Faser bis zur fertigen Materialverarbeitung: Wie man Materialien beschafft, wie man nachhaltig arbeitet, was es für neue Entwicklungen gibt und wie man unter Vorgaben, zum Beispiel Preisranges, arbeitet und trotzdem möglichst hochwertige Materialien für seine Kategorie findet.

Verstehe ich das richtig: Du bringst den jungen Designern bei, wie sie realistisch arbeiten und nicht nur wie in der Haute Couture in Samt und Seide schwelgen?

Zu Beginn sind die Studenten tatsächlich alle auf Couture gepolt und wollen so kreativ wie möglich arbeiten. Im wahren Leben unterliegt man als Designer aber ständig irgendwelchen Einschränkungen, seien es die Vorgaben, die man von seinem Vorgesetzten bekommt oder das Segment, in der man Mode anbieten möchte.

Was macht dich zu einer Textiltechnologie-Expertin?

Für mein eigenes Label Malaikaraiss entwickeln wir fast alle Stoffe, die wir verwenden, selbst sowohl von der Webstruktur, als auch der Faserverwendung, die Prints, Oberflächengestaltung oder Strickmotive. Dafür arbeiten wir mit verschiedenen Webereien in Frankreich, China und Italien zusammen. Viele Firmen sind interessiert daran, dass man ihre Materialien fashionmäßig einsetzt. Dabei geht es immer um Erfahrungsaustausch, wie man mit neuen Techniken neue Sachen ausprobieren kann. Der Kurs sollte realer und praxisbezogener, nicht theoretisch wie ein Chemiekurs, werden – so ist die Schulleitung der Esmod auf mich gekommen.

Der Begriff „Dozentin“ klingt so seriös. Hast du dich über die Anfrage anfangs nicht ein bisschen gewundert?

Nein, ich habe mich eher gefreut! Ich bin zwar noch jung, aber ein sehr intensiver Mensch: Seit acht Jahren arbeite ich als Designerin, seit fünf Jahren habe ich mein eigenes Label. Textiltechnologie interessiert mich sehr. Ich habe mich zwei Monate auf den Kurs vorbereitet und mich mit der Materie beschäftigt. Diesen Winter habe ich den Kurs zum dritten Mal gegeben. Für mich ist es toll, den Austausch mit jemandem zu haben, der gerade erst mit Mode anfängt und die Reaktionen darauf zu sehen, wenn ich Anwendungsbeispiele präsentiere. Ich zeige den Studenten die Höhen und Tiefen, die in einer Idee bis hin zum fertigen Produkt stecken – und was da manchmal alles schief gehen kann. Oft blicke ich in fragende Gesichter, die Studenten sitzen mit offenen Mündern vor mir und schütteln mit dem Kopf. Denn manchmal dauert es ein Semester und man hat trotzdem immer noch nicht das richtige Material für seine Idee gefunden. Ich nenne das den „Realitätscheck“ – der hat mir in meinem Studium in Mannheim gefehlt.

Was hättest du dir denn gewünscht und wo siehst du Lücken in der Ausbildung?

Bei allen Unis fehlt der wirtschaftliche Faktor, der jeden Bereich, sei es Design oder Modedesign, betrifft. Es wird sehr viel Wert auf Kreativität gelegt, das ist sinnvoll, aber Kreativität muss ein Designer schon von sich aus mitbringen. Viele toben sich während ihres Studiums einfach nur aus und sind dann überrascht, welche Faktoren man alle im Job beachten muss. Zum Beispiel, dass sich jeder Schritt für jeden in der Kette rechnen muss: Vom Designer, Einkäufer, Verkäufer bis hin zu dem Kunden, den man ansprechen will. In einem Kollektionsplan wird das theoretisch gelernt, aber nie, wie man das meiste an Kreativität innerhalb der Einschränkung herausholen kann. Das ist ein viel höherer Anspruch, als grenzenlos kreativ zu sein.

Wie denkst du über deutsche Mode-Unis im Allgemeinen? Sollte es mehr prominente Dozenten geben, damit auch die Absolventen nicht nur eine bessere Ausbildung, sondern auch mehr Beachtung als „Schüler von…“ finden?

Schwierig. Namenhafte Designer sind immer gut für eine Uni, weil man dadurch ein großes Netzwerk erreicht. Aber es gibt so viele Unis, die gute Leute ausbilden, von denen man aber nichts mitbekommt, weil sie im Hintergrund agieren. Die AMD liegt zum Beispiel viel Wert auf Marketing und Kollektionsplanung, andere Schulen legen den Fokus auf das Künstlerische oder das Handwerk. Aber fast überall fehlt der Praxisbezug – das sehe ich an den Praktikanten, die bei uns arbeiten und dann das erste Mal überhaupt sehen, wie alles zusammenhängt.

Du hast es gerade angesprochen, dass viele gute Leute im Hintergrund arbeiten. Aber die meisten Studenten, die frisch an der Uni anfangen, wollen doch eher ihr eigenes Label gründen und der neue Karl Lagerfeld werden, oder?

Viele glauben das, ja. Ich rate jedoch jedem davon ab, sich gleich nach der Uni selbständig zu machen. Ich habe „nur“ drei Jahre gearbeitet und dann mein Label gründet. Heute würde ich lieber nochmal zehn Jahre woanders arbeiten, um alle wichtigen Faktoren, die es gibt, kennenlernen zu können. Entweder hat man einen Partner, der das komplette Business übernimmt, aber wenn man sich alleine selbständig macht, rückt die Kreativität in den Hintergrund und man muss sehr zielgerichtet arbeiten, um die wenige Zeit, die neben Administration etc. noch bleibt, voll ausschöpfen zu können.

Malaikaraiss Fall/Winter 2015 (Foto: Getty Images)
Malaikaraiss Fall/Winter 2015 (Foto: Getty Images)

Hat sich deiner Meinung nach das Berufsbild des Designers verändert?

Ja, ich glaube schon. Dem Modemarkt geht es nicht gut: Früher waren die Budgets und die Rahmenbedingungen größer und einfacher. Es ist viel schwieriger zu starten, weil die großen Konzerne ihre Marken sehr prominent platzieren. Gegen die anzukommen, ist eine echte Herausforderung. Der Einkauf ist nicht mehr so flexibel und traut sich nicht mehr so viel früher. Statt neue Labels voranzubringen, gehen alle lieber auf Nummer sicher. Um da irgendwo eine Nische zu finden, ist es total wichtig, genau den Preispunkt zu treffen, mit dem man die Zielgruppe anspricht oder noch besser: In mehreren Segmenten mit verschiedene Zielgruppen und verschiedenen Preispunkten vertreten sein. Zum Beispiel ein Einstiegssegment für Leute anzubieten, die das Label noch nicht kennen und kein so großes Budget haben, aber totaler Fan sind. Durch das Onlinegeschäft ist der Endkunde viel wichtiger geworden: Der hat Lust auf etwas Neues und möchte individuell sein, bekommt es vor Ort in seiner Heimatstadt nicht. Für mich als Designer ist der Endkunde also viel wichtiger geworden. Ich denke nicht mehr an den Zwischenhändler, sondern wie ich die Kundin, die später Malaikaraiss trägt, erreichen kann. Wie stelle ich es also an, dass sich die Kundin wohl fühlt und Malaikaraiss immer wieder kauft?

Apropos Einstiegssegment: In deinem Onlineshop gibt es auch Schmuck, zum Beispiel Ketten mit Eis- oder Einhorn-Anhänger ab 54 Euro, wohingegen ein Kleid 270 Euro und ein Blazer 500 Euro kostet. Erzähl’ uns bitte mehr darüber.

Wir haben ein Segment unter 100 Euro mit Schmuck, Sweatshirts und T-Shirts geschaffen. Es fing mit einer Dino-Kette an, weil der Dino immer unser Maskottchen war. Daraus haben sich noch mehr Ideen ergeben und wir haben gemerkt, wie gut die Kunden darauf reagieren. Es gibt eben jetzt auch „etwas kleines“ von Malaikaraiss, das man sich mal eben leisten kann, ohne lange zu überlegen. Alle Sachen sind alle mit einem Augenzwinkern zu verstehen und sollen zeigen, dass wir trotz aller Ernsthaftigkeit, den die Branche so mit sich bringt, wir unseren Humor nicht verlieren.

Sweatshirt Malaikaraiss Spring Summer 2015
Sweatshirt „Good-at“ von Malaikaraiss Spring/Summer 2015

Du redest immer von „wir“ – wen meinst du damit?

Ich meine mich und mein Team, sowie Silke Bolms und Kerstin Geffert von der Presse-Agentur Silk Relations. Ein Label funktioniert nicht alleine.

Welche Faktoren, abgesehen von der Unterstützung deines Teams, haben dir den Durchbruch als Designerin ermöglicht?

Es sind viele Kleinigkeiten, die zusammen spielen. Zum einen muss das Produkt gut sein. Oft gibt es Storys, die gut laufen, aber das Produkt selbst ist nicht gut. Ich bin immer Fan davon, dass ein Produkt für sich selbst spricht: Qualität, Machbarkeit und Preis müssen stimmen. Außerdem braucht man Beharrlichkeit, die Marke bekannt zu machen und die Marke zu leben. Wer mich kennt, der weiß, dass ich Leuten ganz schön auf den Keks gehe, wenn es darum geht, jemanden von der Marke zu überzeugen. Auch in die Presse zu kommen, war für uns anfangs schwierig. Ich versuche selbst viel zu machen, damit die Leute mich, das Label und das ganze Team kennenlernen. So schafft man eine Authentizität, die gut ankommt. Zusammengefasst: Man braucht Geduld, Beharrlichkeit und darf sich nicht unterkriegen lassen. Den Nerv der Zeit zu treffen ist wichtig, vieles bleibt aber auch Glück und Zufall. Dabei kann es nicht schaden, wenn eine in den Medien bekannte Persönlichkeit wie Karoline Herfurth, Lena Meyer-Landrut oder Emilia Schüle ein Kleid von uns trägt.

Wie hast du gelernt, dass du dich gut verkaufen kannst?

Ich musste mir das aneignen, weil ich von Natur aus schüchtern und überhaupt nicht out-going bin. Aber wenn man das Ziel vor Augen hat und sich überwindet, schafft man es, aus sich heraus zu gehen. Dafür braucht man ein bisschen Mut und noch mehr Zielstrebigkeit. Trotzdem bin ich immer aufgeregt, wenn ich vor einer Kamera sprechen soll oder wenn ich jemanden treffen, den ich aus den Medien kenne und selber toll finde, zum Beispiel Christiane Arp oder Joy Denalane, die nach einer Show einmal einfach Backstage kam, ohne dass ich es vorher wusste.

Liebe Malaika, danke für das Interview!

Zu Teil 1 der Newcomer-Serie geht es hier.

(Headerfoto: Chantelle Gomez)

Kommentare

  1. Mir hat das Interview auch sehr gut gefallen. Und das „Good at“-T-Shirt habe ich mir gestern gleich mal bestellt. 😀

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