Hoffnungsschimmer: Mode, die nachhaltig UND schön ist! Interview mit Julia Leifert von Philomena Zanetti

Seien wir ehrlich: Nach unserer Themenwoche „Mode-Mythen“ achten wir hier und da auf Textilsiegel und finden Kollektionen wie die Conscious Collection von H&M toll – aber zum Alltag gehört nachhaltige, geschweige denn vegane Mode für uns nicht, es sei denn es handelt sich um die neue Resort Collection von Stella McCartney oder Maddie von Dariadaria überrascht mit einem Outfit von Grüne Erde. Fakt ist: Außer T-Shirts aus Bio-Baumwolle ist „Natur-Mode“ – was den Look angeht – nach wie vor eher uninteressant. Leider!

Julia Leifert ist eine aufstrebende Designerin aus Berlin, die mit ihrem Label Philomena Zanetti nachhaltige Kleidung nicht nur aus der Öko-Ecke holen, sondern Mode im High-End Bereich anbieten will. Wie und ob das der 32-Jährigen gelingt, lest ihr im Interview!


Liebe Julia, vorab: Wer ist diese Philomena Zanetti und warum hast du dein Label nach ihr benannt?

Philomena Zanetti war meine Ur- Urgroßmutter. Sie lebte in Südtirol. Ich bin in Süddeutschland aufgewachsen und der Name symbolisiert für mich die Nähe zur Natur. Auch wenn ich mit Leib und Seele Wahlberliner bin, steht er für mich für meine Herkunft und meine Familie. Die Dinge, die wichtig sind im Leben und in gewisser Weise auch für Entschleunigung.

Wie ist dein beruflicher Werdegang? Warum Mode? Und warum nachhaltige Mode?

Ich bin sehr kreativ und schon seit meiner Kindheit habe ich viel gezeichnet und kreiert, liebe Kunst und Design. Aber zur Mode bin ich eher durch Zufall gekommen, auch wenn sie mich schon immer begeistert hat. Sie ist viel mehr als reine Bekleidung. Sie ist Ausdruck von Individualität, innerer Haltung und beeinflusst unsere Gefühle. Ich habe nach dem Abitur Jura studiert. Nebenher habe ich begonnen ein wenig zu schneidern. Ich habe im Studium gemerkt, dass meine Leidenschaft eigentlich der Mode gehört und ich gerne auch beruflich in die Richtung gehen möchte. Zu dem Zeitpunkt hätte ich mir aber nie träumen lassen einmal ein eigenes Label zu gründen. Ich habe also ein zweites Studium an das erste angeschlossen und schreibe gerade meine Bachelorarbeit im Bereich Mode-und Design Management.

Gab es so etwas wie einen Schlüsselmoment in deinem Leben?

Interessante Frage: Darüber habe ich eigentlich so nie nachgedacht. Aber ich liebe Stoffe. Wenn ich irgendwo einen Stoffladen sehe muss ich reingehen und alles anfassen. Ich kann mich noch gut erinnern, ich habe in meiner Jugend einmal einen fantastischen, aber sehr teuren Brokat gekauft. Ich hatte ihn gesehen und wusste was ich daraus gerne machen würde, ohne genau wissen wie das gehen sollte. Vielleicht war das der Schlüsselmoment.

Was willst du mit deinem Label anders machen? Und was gelingt dir besser als allen anderen?

Nachhaltige Mode hat oftmals noch ein Imageproblem, wird oft gleichgesetzt mit langweiliger Öko-Mode. Ich möchte mit Philomena Zanetti zeigen, was bewusste Mode alles sein kann. Für mich ist es wichtig im Einklang mit meiner Umwelt zu stehen. Ich möchte keine Kleidung mehr tragen die andere Menschen und Tiere ausbeutet, oder die Umwelt belastet. Aber ich möchte trotzdem meinen Stil ausleben. Es gibt bereits jetzt tolle Alternativen, aber sie sind oft schwer zu finden, teilweise unbezahlbar oder doch ehre im Basic-Bereich angesiedelt. Ich möchte nicht sagen, dass mir etwas besser gelingt, aber ich habe eine persönliche Vision des Zusammenspiels von Contemporary Design und Nachhaltigkeit, die ich gerne umsetzen möchte.

Philomena Zanetti A/W 2015/2016
Philomena Zanetti A/W 2015/2016

Woher beziehst du deine „biologischen“ Materialien und wie kannst du dir sicher sein, dass das, was du verkaufen möchtest, auch zu 100% deinen Ansprüchen an eine nachhaltige Kleidung gerecht wird?

Die 100% zu erreichen ist immer mein Ziel, stellt in der Realität aber sehr oft die größte Herausforderung dar. Manchmal ist es auch einfach noch nicht möglich, die Vorstellungen von Design, persönlichem Anspruch und Realität in Einklang zu bekommen. Und dann stellt sich die Frage, ob und welche Alternativen es gibt und ob der Style überhaupt wie geplant realisierbar ist. Dabei entwickeln sich die endgültigen Designs erst manchmal erst in dem Moment, wenn die Materialien da sind. Ich stehe vor Fragen, die es in konventioneller Hinsicht so sicher manchmal nicht gäbe. Eine lückenlose Transparenz, wie ich sie mir wünsche, ist ab und zu auch schwer zu gewähren. Vertrauen spielt eine große Rolle, Kommunikation ist auch wichtig. Ich spreche viel mit den Lieferanten, frage nach und informiere mich und habe so in kürzester Zeit unglaublich viel gelernt.

Ich achte zum Beispiel darauf keine Baumwolle aus konventionellem Anbau zu verwenden. Und ich vermeide toxische Farbstoffe in den Stoffen. Die meisten meiner Materialien stammen aus Europa, viele sind GOTS-zertifiziert oder anderweitig ausgezeichnet. Nach der Modemesse ist eine Reise durch Europa geplant, um die Hersteller und die Betriebe besser kennenzulernen und mir ein besseres Bild machen zu können. Und ich wünsche mir natürlich, dass künftig noch mehr alternative Materialien angeboten werden. Aber ich sehe eine kontinuierliche Entwicklung und das ist fantastisch. Es gibt schon jetzt viele fantastische Materialien. Viele Hersteller mit denen ich zusammenarbeite, haben ein Sortiment oder sind sogar darauf spezialisiert natürliche, nachhaltige und zertifizierte Stoffe anzubieten. Ich habe außerdem eine Produktionsstätte gefunden, in der ich fertigen lasse, die ebenfalls GOTS-zertifiziert ist.

Philomena Zanetti A/W 2015/2016
Philomena Zanetti A/W 2015/2016

Was bedeutet „Nachhaltigkeit“ für dich persönlich und wie lebst du sie?

Nachhaltigkeit bedeutet für mich nicht auf Kosten von Menschen, Tieren oder Umwelt zu leben. Ich selbst versuche im täglichen Leben Abfall und die Verschwendung von Wasser zu weitestgehend zu vermeiden. Ich lebe schon seit vielen Jahren vegetarisch und seit einigen Jahren vegan. Ich kaufe Lebensmittel, Kleidung und andere Dinge bewusster und nicht mehr so häufig wie früher. Ich schaue mir auch immer an wo die Produkte, die ich kaufe herkommen und was sie beinhalten. Ein großer Punkt ist für mich auch der Tierschutz. Ich unterstütze zum Beispiel Kosmetika die ohne Tierversuche auskommt.

Warum ist es dir wichtig, dass deine Mode auch vegan ist?

Ich liebe Tiere. In meiner Familie haben immer Tiere gelebt, ich bin mit ihnen aufgewachsen. Ich finde es furchtbar zu sehen, wie respektlos auf der Welt mit ihnen umgegangen wird. In der Industrie gelten Tier oft nur noch als Ware. Sie sind aber ebenfalls Lebewesen, Individuen und ich finde sie verdienen unseren Schutz. Daher verzichte ich ganz bewusst auf Leder und Pelz in meinen Kollektionen.

Das Thema Wolle hat mich lange beschäftigt. Sie ist natürlich nicht vegan, aber nach wie vor ein fantastisches, vor allem aber langlebiges und sehr nachhaltiges Material, gerade im Winter. Ich habe lange nach einer gleichwertigen Alternative gesucht, bisher ohne Erfolg. Wenn Wolle in meinen Kollektionen in einzelnen Styles Verwendung findet, achte ich immer darauf, dass es sich ausschließlich um Schurwolle handelt und sie gewalt- und garantiert Mulesing-frei ist. Sie stammt dabei meistens von kleineren Bertrieben. Ich möchte langfristig vollständig auf tierische Produkte verzichten können. Das ist mein Ziel. und bin daher immer auf der Suche nach gleichwertigen veganen und nachhaltigen Alternativen.

Veganismus ist ein großer Ernährungs-Trend – warum sollte man ihn deiner Meinung nach auch auf die Mode befolgen?

Warum sich jemand vegan ernährt, hat oft verschiedenste Gründe. Für mich ist Veganismus kein Trend und hört daher auch nicht bei der Ernährung auf. Es ist vielmehr eine Lebenseinstellung. Wichtig ist für mich dabei der respektvolle, bewusste und verantwortungsvolle Umgang miteinander, anderen Lebewesen und unseren Ressourcen. Daher ist das Thema auch in der Mode ein wichtiger Aspekt. Ich persönlich sehe zum Beispiel überhaupt keinen Sinn darin Pelz zu tragen. Das gehört für mich zu vergangenen Schönheitsidealen und Denkmustern vor unserer Zeit.

Sicherlich sind Leute, die schon vegan leben, von deiner Mode sofort begeistert – aber wie gelingt es dir, dass du nicht nur diese Zielgruppe ansprichst? Sprich: Wie landet man als Designer von nachhaltiger Kleidung nicht automatisch in der Öko-Ecke?

Vegane oder auch nachhaltige Mode hat immer noch häufig mit Vorurteilen zu kämpfen. Viele verbinden damit langweilige, unförmige und graue Klamotten. Ich möchte mit meiner Mode in erster Linie durch das Design überzeugen. Es ist sehr clean, reduziert und lässt dadurch die Materialien für sich sprechen. Mir geht es darum zeitgemäße und qualitativ hochwertige Mode zu entwerfen, die auch über mehrere Saisons tragbare ist. Sie ist erst auf den zweiten Blick nachhaltig und fair produziert, auch wenn mir das Thema am Herzen liegt. Ich möchte niemanden vorschreiben, wie er zu leben hat. Aber ich freue mich natürlich, wenn jemand meine Kleidung auch deshalb kauft, weil ihm die Philosophie dahinter gefällt.

Philomena Zanetti A/W 2015/2016
Philomena Zanetti A/W 2015/2016

Wie trägst du deine eigenen eigentlich Sachen am liebsten?

Ich bin eher der sportliche Typ. Das heißt, ich trage meistens Sneaker. Ich mag es sehr gerne bequem und unkompliziert und kombiniere meine Teile daher oft eher casual.

Wo siehst du die Mode – und dein Label – hinsichtlich Nachhaltigkeit in zehn Jahren?

Es gibt schon jetzt viele Ansätze, die mich freuen. Auch große Unternehmen befassen sich mit dem Thema. Ich hoffe natürlich, durch Philomena Zanetti auch ein bisschen dazu beizutragen mehr Bewusstsein zu schaffen und andere zu inspirieren, sich dem Thema anzunehmen, Dinge zu hinterfragen und zu überlegen, was man ändern kann und ob es Alternativen gibt. Und vielleicht schaffen wir es sogar, dass in zehn Jahren Nachhaltigkeit in der Mode noch ein bisschen mehr zu Normalität geworden ist.

Wo kann man deine Sachen kaufen und wie reagieren die Einkäufer auf deine Kollektion?

Ich habe Philomena Zanetti im Sommer 2014 gegründet und stehe also mit der zweiten Kollektion noch ganz am Anfang. Bisher habe ich schon viel positive Resonanz bekommen und werde im Juli zum ersten Mal auf der Premium Messe zeigen. Ich bin schon sehr gespannt auf das Feedback der Einkäufer zur neuen Kollektion. Bisher kann man Philomena Zanetti ausschließlich über die Homepage beziehen. Es ist aber ein Onlineshop geplant, der zum Herbst starten soll.

Auch wenn man jetzt nicht von Kopf bis Fuß fair und nachhaltig gekleidet ist: Zu welchen Teilen sollte man deiner Meinung nach kompromisslos „Nein“ sagen und warum?

Ich glaube, es ist nicht falsch sich Gedanken darüber zu machen, wo die Dinge, die man kauft, herkommen. Und wahrscheinlich kann sich jeder denken, dass ein T-Shirt, das für zwei Euro angeboten wird, nicht unter den besten Bedingungen produziert wurde. Ebenso wenig würde ich ein Produkt kaufen wollen, das schon im Laden extrem nach Chemikalien riecht.

Letzte Frage: Wie können wir Mode „besser“ konsumieren und was sagst du Leuten, denen es egal ist, woher ihr T-Shirt stammt?

Ich finde es schön, wenn Bekleidung und die Arbeit, die hinter einem Kleidungsstück steckt, wieder mehr wertgeschätzt wird. Auch ich habe in meinem Kleiderschrank Teile, die ich nicht gebraucht hätte, oder viel zu selten trage. Jeder von uns besitzt ein paar Lieblingsteile. Um gut auszusehen und sich wohl zu fühlen braucht es oft nur ein paar weniger Teile in guter Qualität, die mit einander unterschiedlich kombiniert werden können. Sie sind meistens viel mehr wert als viele Teile, die schon nach der zweiten Wäsche nicht mehr tragbar sind.

Ich würde so jemandem vielleicht empfehlen, einmal selbst ein Shirt zu nähen, um einfach auch einmal zu erfahren, wie spannend es ist ein Kleidungsstück entstehen zu sehen und welche Arbeit dahinter steckt.

Vielen Dank für das Interview, liebe Julia!

Die gesamte Philomena Zanetti Kollektion für Herbst/Winter 2015/2016 (die Preise liegen zwischen 210 und 1.100 Euro) seht ihr in der Galerie:

Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-7

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Philomena Zanetti A/W 2015/2016 (Fotos: Anny CK)
Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-2

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Philomena Zanetti A/W 2015/2016 (Fotos: Anny CK)
Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-1

Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-1

Philomena Zanetti A/W 2015/2016 (Fotos: Anny CK)
Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-3

Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-3

Philomena Zanetti A/W 2015/2016 (Fotos: Anny CK)
Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-4

Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-4

Philomena Zanetti A/W 2015/2016 (Fotos: Anny CK)
Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-8

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Philomena Zanetti A/W 2015/2016 (Fotos: Anny CK)
Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-6

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Philomena Zanetti A/W 2015/2016 (Fotos: Anny CK)
Journelles-Philomena-Zanetti-Kollektion-9

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Philomena Zanetti A/W 2015/2016 (Fotos: Anny CK)
Journelles_Julia_Leifert_Philomena_Zanetti

Journelles_Julia_Leifert_Philomena_Zanetti

Philomena Zanetti A/W 2015/2016 (Fotos: Anny CK)

Kommentare

  1. Kristiane sagte am

    Entschuldigung, aber der einleitenden Text und insbesondere die Aussage „Fakt ist: Außer T-Shirts aus Bio-Baumwolle ist “Natur-Mode” – was den Look angeht – nach wie vor eher uninteressant. “ sagt in meinen Augen mehr über Euch und Euer Interesse an nachhaltiger Mode aus, als über den tatsächlichen Ist-Zustand ebendieser. Haltet Ihr vielleicht selbst noch sehr an einem sehr vorurteilbehafteten Bild von ‚Ökomode‘ fest?

    Farrah Floyd, Kaska Hass, die Labels „Format“, „Spectrum“ oder „Lanius“ sind nur einige Beispiele um aufzuzeigen, dass da doch längst so viel mehr vorhanden ist!

    Philomena Zanetti kannte ich wiederum nicht. Danke dafür.

    • Katharina Ley sagte am

      Ein schönes Label mit einer tollen Kollektion!

      @Alexa: Meine Mail an dich ist gerade raus, wenn du mehr über LANIUS erfahren möchtest, freue ich mich über eine Antwort 🙂

      Katharina von LANIUS

  2. Liebe Alexa, ich kann dir den GREENshowroom und die Ethical Fashion Show während der Berliner Fashion Week nur ans Herz legen. Danach wirst du deine Meinung sicher revidieren (müssen). Tolles Interview – danke!

    • Liebe Nina, ja ich schaue mir den Greenshowroom dieses Jahr mal wieder an! In den letzten Jahren fand ich das Ergebnis nicht immer überzeugend…

  3. Sehr sehr schöner Bericht, danke! ich kannte das Label nicht.

    Es ist übrigens recht einfach, nachhaltige Mode zu tragen. Man findet sie im eigenen Kleiderschrank, im Second Hand Shop, auf dem Flohmarkt oder im Fundus der Freundin oder Mutter. Bereits vorhandene Mode zu tragen ist nachhaltig gesehen am sinnvollsten. Natürlich widerspricht dies unserem auf Wachstum ausgerichtetem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Dennoch ist es ein Fakt, den wir gerne vergessen. Ich kann nur sagen: Besser als jedes neu produzierte Stück aus einer „nachhaltigen“ Kollektion ist ein bereits vorhandenes Stück.

    Also: Shop your own closet, swap with a friend, check out the vintage racks on your local flea market!

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