„Ich bin kein Fan von vielen Regeln, schon gar nicht, die man sich selbst auferlegt“ – Im Karriere-Interview mit Jules Villbrandt von Herz&Blut

Es gibt Menschen, über die kann man nicht schreiben. Die muss man erleben. Genau so eine Person ist Jules Villebrandt. Wollte man die Berlinerin beschreiben, dürften drei Eigenschaften nicht fehlen: herzlich, liebevoll – und mutig!

Noch während ihres Studiums in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Udk und mit einem zwei Jahre alten Sohn hat sie ihren sicheren Job aufgegeben und 2010 den wundervollen Interiorblog Herz&Blut, den viele von euch bestimmt längst kennen, gegründet. Diesen füllt sie seit jeher mit liebevollen Homestories und persönlicher Interior-Inspiration ebenso wie Reiseartikeln. Jules versteht es nicht nur, schöne Bilder zu knipsen, sie hat auch schlichtweg ein gutes Händchen für Möbel und Accessoires und ein Auge fürs Detail. Deshalb führt sie neben Herz&Blut ihr zweites Unternehmen Maison Palmė.

Im Gespräch erzählt uns die Fotografin, Unternehmerin und Mutter, dass ihr die Abwechslung aus Instagram fehlt und sie die Plattform nicht für zeitgeistig genug empfindet. Die wichtigsten Tipps zum Thema Interior haben wir aber dennoch entlocken können.

Hii Jules! Knapp neun Jahre ist es her, dass du deinen Blog Herz&Blut gegründet hast. Wahnsinn!

Ja! Ehrlich gesagt, ist es so lange her, dass die Erinnerungen ganz schön verblasst sind. Mein Sohn Justus war da gerade zwei Jahre alt und ich steckte noch in der Uni. Ich wollte irgendwas Eigenes machen, ein Geschäftsmodell lag mir dabei aber fern.

Mitten im Studium, dann noch ein kleines Kind – das war ganz schön mutig.

Ja, ich habe an der UdK in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation einen Bachelor und Master gemacht. Nebenher habe ich immer im Einzelhandel gearbeitet, sodass mich der Schritt in die Selbstständigkeit tatsächlich etwas Mut gekostet hat. Eigentlich war alles fine und abgesichert, aber irgendwie auch langweilig. Ich habe 2014 einen Gründerzuschuss beantragt, in meiner Erinnerung sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Arbeitsagentur weniger aufbauend, but I made it!

Die größte Angst ist natürlich, ob man es schafft sich über Wasser zu halten, und ob es möglich ist, sich am Wasserrand noch ein Strandhaus zu ermöglichen. Alles in allem hatte ich ja nichts zu verlieren, ganz anders wäre es ein Restaurant zu eröffnen, wo es vorab viel Investment bedarf.

Die Reise startete also für mich mit einer mittelguten Kamera, viel Enthusiasmus und einigen Erfahrungen.

Vom reinen Bloggen zu Homestories und einem Fokus auf Interior: Wie ist dir dann letztlich der Einstieg mit Herz&Blut in die Branche gelungen?

Offenbar haben mein Geschmack und meine Arbeit den Zeitgeist getroffen. Aber es hat vor allem mit viel Arbeit und Fleiß zu tun. Wenn andere am Wochenende morgens aus dem Club nach Hause fuhren, war ich schon auf dem Weg zu irgendeinem Shooting an einem fancy Ort. Dann war ohne Frage die Veröffentlichung des Buches „Der Mama Styleguide: Mode-, Wohn- und Lebensstil mit Kind“ im Jahr 2016, welches ich zusammen mit Janine Dudenhöffer gemacht habe, ein Boost. Es kamen immer mehr Anfragen. Und im Allgemein war ich immer sehr breit aufgestellt, bis heute fällt es mir schwer, mich nur in einer Nische zu bewegen, da kommt mir der Oberbegriff Lifestyle ganz gelegen.

Trotzdem ist Interior dein Steckenpferd. Woher kommt das Interesse?

Das kam tatsächlich erst mit der Zeit, seitdem ich anfing nicht nur Streetstyles zu fotografieren, sondern mich immer mehr gefragt habe, wie die Menschen wohnen. Ich habe es schon als Kind geliebt, in Wohnungen im Erdgeschoss am Abend, wenn die Lichter an waren, zu schmulen. Das Schöne ist, ich muss nicht mehr creepy durchs Fenster schauen, ich darf jetzt auch reinkommen (lacht).

Machst du heute etwas anders als in der Anfangszeit?

Im Grunde mache ich – ganz cheesy gesagt – alles noch so wie am Anfang mit viel Herzblut. Ich will Bilder und Bildwelten erzeugen, hinter denen ich zu 100 Prozent stehen kann. Natürlich kommt mit der Zeit mehr Erfahrung, wie man bestimmte Sachen händelt hinzu, die ich keinesfalls missen will. Und ein Glück sind es heute auch ganz andere Filter und Tools, die ich zum Beispiel für die Bildbearbeitung einsetze. RIP Nashville.

Dein Team ist ja inzwischen auch gewachsen. Wie viele Leute arbeiten für dich?

Wir sind ein Team von drei Leuten einschließlich mir und von Zeit zu Zeit haben wir Praktikanten/innen bei uns. Ich habe vor gut zwei Jahren meine Schwester Maria sowie meinen Studienfreund Wilkin ins Boot geholt.

Das heißt dann auch, dass dein Unternehmen rentabel sein muss. Wie verdienst du genau dein Geld?

Mit Kooperationsbeiträgen auf Herz&Blut. Darüber hinaus habe ich Maison Palmė gegründet, ein Studio und eine Produktionsfirma in einem. Wir shooten Kampagnen für Firmen, planen und veranstalten Events, wir beraten Unternehmen im Bereich Social Media und noch so einiges mehr.

Und wie trittst du an Marken heran und überzeugst sie, mit euch zu kooperieren?

In fast allen Fällen kommen sie zu uns. Je nach Projekt und Vorstellung erstellen wir dann ein individuelles Konzept, wo wir auf die Wünsche und Bedürfnisse beider Seiten eingehen, sodass die Marke im besten Fall happy ist und auch wir voll und ganz dahinterstehen können. Aber das Netzwerk dahinter ist entscheidend.

Lehnst du auch mal einen gut bezahlten Auftrag ab?

Selten, aber ja. Das kann verschiedene Gründe haben: Manchmal gibt es tatsächlich absurde Anfragen zu Produkten, wo man sich gar nicht vorstellen kann, dass es so etwas gibt. Manche Anfragen passen nicht zu unserem Profil oder das Bauchgefühl sagt einem, dass es doch nicht passt. Aufs Bauchgefühl zu hören, war bislang immer eine sehr gute Entscheidung. Nur wenige Kooperationen würde ich heute nicht mehr machen, aber auch diese haben Erfahrungen mit sich gebracht.

Welches Projekt würdest du mal gerne machen?

Wir waren neulich von der Fondation Beyerle zur Picasso-Ausstellung eingeladen, so was finde ich toll. Ich würde gern mehr Künstlerinnen und Künstler porträtieren.

Tue das, was du tust, sodass du es selbst großartig findest.

Gibt es eine Homestory, die es dir auf Herz&Blut besonders angetan hat?

Oh, das ist tricky. Ich kann aber sagen, dass ich wahnsinnig stolz auf meine Freunde Susann und Yannic und ihrem Siedlerhaus bin, dann geht nichts über die klare Linie bei Christoph daheim, die ich immer wieder als Aufräummotivation ansehe und dann ist da noch die Wohnung von Karina, Valeria, Christoph und … 

Blogs gibt es wie Sand am Meer. Wie willst du es schaffen, weiterhin mit Herz&Blut bekannt zu bleiben?

Das ist eine spannende Frage. In erster Linie ist es wichtig, dass wir noch Spaß an der Sache haben. Wer sich unsere Beiträge auf Herz&Blut anschaut, wird sofort unsere durchgehende Bildsprache, Liebe zum Detail und der Leidenschaft für schöne Dinge erkennen. Ich denke, dass die Passion, die wir hier reinstecken, uns hoffentlich auch weiterhin interessant macht. Ansonsten würde ich an dieser Stelle Chefket zitieren: „Es gibt keine Konkurrenz, wenn du dein Ding machst.“ Das soll jetzt nicht hochnäsig klingen, sondern bewusst machen, nicht so viel rechts und links zu schauen, was die anderen machen oder sich ständig zu vergleichen. Tue das, was du tust, sodass du es selbst großartig findest.

Apropos Konkurrenz. Viele scheuen aus diesem Grund den Schritt in die Selbstständigkeit. Was würdest du so jemanden mit auf den Weg geben?

No risk, no fun und einfach machen. Leider habe ich den Eindruck, dass es in der deutschen Mentalität fest verankert ist, sich nicht zu trauen, etwas Neues auszuprobieren. Selbst, wenn es nicht klappen sollte oder es einem nicht liegt, frei zu arbeiten, sollte es eine jede oder ein jeder einfach probiert haben. Am Ende gibt es nichts zu verlieren, selbst Geld ist auch nur Papier. Ich ermutige jeden, der Bock auf sein eigenes Business hat es zu machen, weil es toll ist und einen wahnsinnig stolz, aber auch müde macht. Aber es gilt: Nicht reden, sondern machen!

Nicht reden, sondern machen!

Was war rückblickend die beste Lektion in der Selbstständigkeit?

Rücklagen können niemals schaden. Und die Steuer und die Krankenversicherung kommen immer, aber eigentlich auch nicht überraschend.

Sorgst du schon für das Alter vor?

Na klar.

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag bei dir aus?

Ich stehe für gewöhnlich sehr früh auf, schließlich muss mein Sohn auch in die Schule. Meist gehe ich dann gegen neun Uhr direkt in unser Studio Maison Palmė, was nur wenige Gehminuten von meiner Wohnung entfernt ist. Wir sind zu dritt im Team und von Telefonaten über Mails bis zu Bildproduktion sowie vielen Terminen wird es eigentlich nie langweilig. Ich arbeite allerdings auch viel zu Hause, weil mir immer noch was einfällt.

Du bist auf Instagram sehr aktiv, hast auch viele Follower. Wonach entscheidest du, was du postest? Bauchgefühl oder Planung?

Bei der Bildauswahl bin ich ganz eigen, das wissen Maria und Wilkin aus dem Team nur zu gut. Aber es ist vor allem mein Bauchgefühl. Wenn ich aus dem Haus gehe und was Tolles sehe, dann poste ich es auch asap. Ich bin kein Fan von vielen Regeln, schon gar nicht, die man sich selbst auferlegt. Am Ende ist es ja unser Kanal, den wir da geschaffen haben, und das macht die Magie aus. Leider geht authentisches Storytelling immer mehr verloren, in dem alles messbar sein soll.

Als du angefangen hast, wurde Instagram gerade erst gegründet. Wie hat sich die Branche durch die Digitalisierung verändert? Ursprünglich war es die Absicht, Follower zu inspirieren – daraus ist mittlerweile eher ein Geschäftsmodell geworden.

Ich habe von Anfang an auf Instagram gesetzt. Neben tumblr ist die Plattform wie für mich gemacht, da ich Bilder und Fotos liebe. Vielleicht bin ich auch deshalb nie mit Twitter warm geworden. Es hat sich viel verändert und die Reise ist super spannend. Zu Beginn war Instagram ein reines Spaßtool und diente vor allem für Inspiration. Ich bedauere es sehr, dass zum einen aufgrund des Markierungswahns von Werbung und dem ganzen #Abmahngate oft Verlinkungen gerade von kleineren Labels entfallen oder nur auf Nachfrage bekannt werden. Eigentlich war das ja das Tolle an Instagram. Gleichzeitig bin ich oft sehr gelangweilt von den immer wiederkehrenden gleichen Inhalten. Klar mache ich viele sponsored Post, bemühe mich aber viel Abwechslung, Neues und vielleicht noch nicht so viel Gesehenes zu zeigen.  

War dir damals bewusst, das Instagram so wichtig werden würde?

Es gab jetzt nicht den Moment, aber ich erinnere mich gut, als ich das erste Produkt für 50 Euro platzieren sollte. Ich fand es megakrass, dass man damit jetzt auch Geld verdienen kann.

Hast du schon mal Follower gekauft?

Nein.

Es gibt keine Konkurrenz, wenn du dein Ding machst.

Wie kann man denn heute sonst noch Follower generieren?

Wenn das Ziel wirklich ist, Follower zu gewinnen, sollte dein Inhalt so gleichbleibend wie möglich sein, sich alle zehn Motive wiederholen. Dreimal am Tag musst du posten. Du brauchst viel Dielenboden, Stuck und Flügeltüren. Dazu noch viel Avocado, eine bis zwei Katzen und Pflanzen und bloß nix Ausgefallenes oder neues posten. Ja, so sieht es momentan leider aus.

Sehr langweilig. Gibt es denn Instagram-Accounts, die dich überhaupt noch inspirieren?

Instagram ist ein wichtiger Trendbarometer – sowohl in der Mode als auch im Interior. Wie erkennst du auf der Plattform einen neuen Trend?

Da muss ich etwas stänkern: Ich glaube, wenn es auf Instagram ist, ist der Trend schon wieder vorbei bzw. bei der Masse angekommen. Im besten Fall erkennen wir als quasi Branchenexperten den Trend schon früher. Ich finde dafür Messen und Pinterest geeigneter, schon allein weil Instagram so stark vorsortiert, was ich denn eigentlich sehe.

Was sind deine Interior-Prognosen für dieses Jahr?

Mit Prognosen tue ich mich immer etwas schwer, aber ich glaube, das wieder mehr Individualität und Extravaganz zurückkommt.

Hast du da ein bestimmtes Lieblingslabel?

Ich habe einige. Besonders gern mag ich die Finnen von Artek. Aber auch die farbenfrohen Möbel von Montana sind umwerfend und natürlich dürfen meine Freunde von Objekte unserer Tage nicht fehlen.

Was ist deine jüngste Anschaffung für die Wohnung?

Ich habe seit kurzen ein Bett von Matri, in dem ich so gut schlafe, wie schon lange nicht mehr, und dann habe ich endlich eine ordentliche Küche. Vorher war es so eine richtig schöne Studentenküche, mit Vorhang statt Tür, 20 verschiedenen Gläsern. Naja, jedenfalls wurde es mal Zeit erwachsen zu werden. Aber die Partys waren in der alten Küche trotzdem legendär.

Was ist dein teuerstes Möbelstück zuhause?

Oh, das weiß ich gar nicht so genau, aber mein Liebstes ist das Sideboard von meiner Oma, welches eigentlich zu einem Ensemble gehört. Meine Großeltern haben es 1962 zur Einschulung meines Vater gekauft. Und dann gibt es da noch die Nelson Bank von Vitra, von der ich immer geträumt habe.

Wo siehst du dich in den nächsten fünf Jahren und welches Projekt steht bei dir als nächstes an?

Der Traum von einer eigenen Wohnung ist dank des Berliner Wohnungsmarktes ein bisschen in die Ferne gerückt. Aber vielleicht wird es einmal ein Haus am See oder Meer in den nächsten Jahren. Es bleibt sehr spannend, was die nächsten Jahre bringen werden. Print is not dead! Ganz oben auf meiner Wishlist steht in jedem Falle das Herausgeben einer eigenen Publikation, ob es ein Magazin oder ein Buch wird, das wird sich zeigen. Und sagen wir so, das Thema Print in unterschiedlichsten Formen steht bei uns ganz groß im Raum.

Vielen Dank für das ausführliche Interview, liebe Jules!

Kommentare

  1. NinA m. sagte am

    Puh. Cheesy, fancy, creepy, I made it, wishlist, storytelling in jedem zweiten Satz?
    Und sich gleichzeitig aber auch von Instagram-Klischees absetzen wollen?

  2. Christoph sagte am

    Jules ist einer der eindrucksvollsten Menschen, die ich in Berlin kennengelernt habe.
    Ihre Sicht auf die Welt, Ihr Enthusiasmus und Ihre Empathie sind einzigartig. Und das finde ich cheesy, fancy und SHE MADE IT!

  3. Tolles & sehr sympathisches Interview, das motiviert & trotzdem realistisch bleibt. Danke! Ich werde gleich mal folgen 😊

  4. So ein schön persönliches Interview. Ich liebe die Aussagen von Jules, denn Individualität ist das was zählt und leider geht das Links und Rechts gucken auf Instagram auf die Ketten. Das immer gleichwährende Bild ist total langweilig. Ich liebe schöne Bilder und nutze deshalb Instagram genau so

  5. Geschrieben, wie Jules redet. Einzigartig und ohne Filter aber mit viel Herz. Einer der inspirierendsten und schönsten Menschen, die ich kenne. Bravo! Ein wunderbares Interview.

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