„Wenn man für etwas brennt, ist eben auch die Gefahr da, dass man ausbrennt“ – Im Interview mit Carola Pojer von Vienna Wedekind

Heute, wo viele von einer Karriere als Youtuber oder Influencer träumen und der Zugang zu öffentlicher Aufmerksamkeit, gar Ruhm und Reichtum, greifbarer und verlockender denn je scheint, vergisst man schnell, wie doch alles einmal angefangen hat. Vor Begriffen wie Influencer oder neuerdings auch „Content Creator“ gab es die Generation der Blogger.

Vor über 15 Jahren begannen die ersten Blogs, die Berichterstattung aus der Modewelt auf den Kopf zu stellen. In Deutschland legte Jessie gemeinsam mit Julia Knolle mit der Gründung von „LesMads“ 2007 den Grundstein für steile Bloggerkarrieren.

Fashion-Blogs haben die Modeberichterstattung aus ihrem Elfenbeinturm geholt. Die Leser schätzten die Authentizität, Designer das direkte Feedback, Unternehmen die große Reichweite fürs Marketing. Aus kleinen Freizeitblogs wurden große Unternehmen wie The Blonde Salad (gegründet 2009), mit dem Chiara Ferragni inzwischen Millionen einnimmt.

Der längst selbstverständliche Fakt, dass man mit Blogs sogar Millionen verdienen kann, hat offenbar zu der Annahme geführt, dass das generell jeder kann. Neue Blogs und Instagram kamen hinzu, was die Branche noch einmal veränderte: Aus vielen Bloggern wurden Influencer und aus Blogs nur noch Follower-schwere Instagram-Accounts. Ist das Geschäftsmodell eines Blogs heute überhaupt noch sinnvoll?

Ja, meint Bloggerin Carola Pojer, die 2011 ihre Seite Vienna Wedekind gegründet hat. Vor kurzem gab es sogar einen Relaunch ihres Blogs: neues Logo, neues Design. So möchte sie auch noch nach acht Jahren in der Branche ihre Leser inspirieren. Wie sich die Blogszene in den vergangenen Jahren verändert hat, vor welchen Herausforderungen Blogger heute stehen und wie lukrativ und nachhaltig der Beruf „Social Media“ ist, erzählt uns Carola in einem sehr spannenden Interview.

Liebe Carola, acht Jahre ist es her, dass du deinen eigenen Blog Vienna Wedekind gegründet hast. Warum hast du damals angefangen?

Am 10. März 2011 ging der erste Blogpost auf Vienna Wedekind online. Ich kann mich noch gut daran erinnern: Es war der Geburtstag meines Mannes; er war nur nicht da und mir war einfach langweilig. Eine Freundin hatte mich zuvor für ihren Blog fotografiert und mir das Konzept erklärt: „Das ist eine Art Online-Tagebuch, da kannst du schreiben und hochladen, was du willst.“ Diese digitale Freiheit fand ich wahnsinnig spannend. Also habe ich mich an diesem Tag hingesetzt, eine Seite auf Blogspot erstellt und ein paar Willkommenszeile getippt.

Du hattest zu dem Zeitpunkt gerade dein Schauspiel- und Fotografiestudium beendet.

Richtig, ich befand mich in einem ständigen Warteprozess. Warten auf Castings. Warten auf Theatervorsprechen. Warten auf wichtige Events zum Networken. Warten auf Godot sozusagen. Aber Warten ist eigentlich gar nicht so meins. Ich bin lieber meines eigenen Glückes Schmied. Der Blog hat mich dazu gebracht, wieder mehr zu fotografieren, mein Auge zu schärfen, meine Inspirationen mit Gleichgesinnten zu teilen und meinen Fokus vom Warten hin zum Machen zu shiften.

Wie hat sich das Bloggen deiner Meinung nach verändert, seitdem man damit auch Millionen verdienen kann?

Die Leidenschaft und Authentizität ist auf der Strecke geblieben. Damals haben wir alle völlig unbedarft mit dem Bloggen angefangen, weil wir etwas zu erzählen hatten und/oder unsere Erlebnisse/Inspirationen mit der Welt teilen wollten. Es gab noch keine bezahlten Kooperationen und der Fokus lag schlicht auf dem Inhalt und dem Spaß am Teilen.

Dann wurde die Presse auf die geheimnisvolle Zunft der Blogger aufmerksam und es gab einen regelrechten Hype um „uns“. Man wurde überallhin eingeladen, aufwendige Blogger-Events mit Cupcakes und Goodie Bags gehörten plötzlich zum Must für Brands, ständig gab es Giftings und Interviewanfragen. Und dann kamen die ersten bezahlten Aufträge …

Dadurch sind dann sehr viele Blogs aus dem Boden geschossen.

Genau, die nur auf das „schnelle“ Geld aus waren. Auch wenn viele die Arbeit hinter einem gut geführten Blog unterschätzt haben und wieder aufgaben, gab es plötzlich viel zu viel Angebot und leider zu wenig Inhalt. Das war der Beginn der Monetarisierung und seitdem gibt es immer noch zu viele, die nur aus dem reinen Businessgedanken bloggen. Oder „instagramen“. Auch wenn ich die Beweggründe ein Stück weit nachvollziehen kann, finde ich das sehr schade.

Auf vielen Blogs passiert fast gar nichts mehr, stattdessen wurde vieles auf Instagram verlagert. Ist Bloggen noch ein sinnvolles Geschäftsmodell?

Auch wenn Instagram mittlerweile einen riesigen Stellenwert (auch für Kunden) einnimmt, beobachte ich eine langsame Rückkehr zu Blogs. Wir sind übersättigt vom schnelllebigen Content. Von kurz aufflackernden Bildern. Vom Konsumdruck. Die Menschen wollen wieder einen ruhigen Platz, wo sie Luft holen können und mehr Informationen sowie Hintergrundgeschichten bekommen.

Hast du in den vergangenen Jahren keinen Rückgang deiner Leser oder Kommentare wahrgenommen?

Klar! Aber ich würde eher sagen, dass sich das Konsumverhalten geändert hat. Früher waren meine Leser Schüler und Studenten, heute sind die meisten von ihnen berufstätig und da hat man keine Zeit täglich mehrmals auf Blogs zu klicken. Geschweige denn zu kommentieren. Die Konsumation ist nun gebündelter, sogar qualitativer, weil sich meine Leser aktiv Zeit für den Blog nehmen und dann auch länger verweilen.

Hast du deshalb deinen Blog gerelauncht? Neues Logo, neues Design, neue Inhalte.

Ich habe ehrlich gesagt sehr lange überlegt, ob ich in Zeiten von Instagram und Co. noch einen Relaunch wagen soll. Schließlich ist sowas mit viel Zeit und Geld verbunden. Vienna Wedekind soll als Inspirationstankstelle dienen, eine Servicestation sein, wo man Stylingtipps und Anregungen für den eigenen Kleiderschrank bekommt. Oder wo man einfach nur verweilt und visuell stimuliert wird, zum Beispiel mit kurzen Videos. Der Fokus liegt immer auf dem Storytelling in Verbindung mit zeitlosen Klassikern, guter Qualität und miteinander kombinierbaren Teilen. Es ist schön eine „Homebase“ zu haben, die von keinem Algorithmus gebeutelt ist. Und ein tolles Haus braucht eben ab und an einen neuen Anstrich.

Wir sind übersättigt vom schnelllebigen Content. Von kurz aufflackernden Bildern. Vom Konsumdruck.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als Bloggerin?

Das viele Reisen ist zwar wunderschön und inspirierend, aber auch anstrengend. Und umwelttechnisch ein riesiger Konflikt für mich. Außerdem gelingt es mir kaum, wirklich abzuschalten. Wann bin ich offline? Wann bin ich nur die Privatperson Carola? Die Grenzen verschwimmen oft sehr, gerade weil ich so für den Beruf brenne. Das hat in der Vergangenheit beinahe zu einem Burn-out geführt.

So geht es leider vielen Kollegen in der Branche. Das kriegt man als Leser gar nicht so mit. Wenn man für etwas brennt, ist eben auch die Gefahr da, dass man „ausbrennt“. Ich musste in den letzten zwei Jahren lernen, mich selbst zu schützen. Dazu kommen Hasskommentare, der finanzielle Druck (gegenüber seinen Mitarbeitern und Co.), der Instagram-Algorithmus, der uns alle in den Wahnsinn treibt, und den ständigen Drang, etwas Neues zu kreieren. Das alles ist psychisch und physisch sehr fordernd – aber trotzdem würde ich nicht tauschen wollen!

Die Jagd nach „Content“ hat mittlerweile Ausmaße angenommen, die mich selbst schockieren: Möglichst viele Artikel. Dabei werden lange, ernstere Artikel seltener geklickt, gut geklickte Shopping-Artikel wiederum als oberflächlich empfunden. Wie findet man die Balance?

Man wird es nie allen recht machen können. Wie überall im Leben. Ich arbeite nicht selten ein bis zwei volle Arbeitstage an einem Travel Post, der prozentuell weit weniger geklickt wird als meine Outfits. Aber mir gibt so ein Post unheimlich viel, daher nehme ich mir auch gerne die Zeit. Für mich hat der Spaß an der Content-Produktion immer oberste Priorität. Und wenn das einmal ein banaler Artikel über Flip-Flop-Heels ist, so be it. Ich glaube fest daran, dass sich die Leidenschaft und der Spaß an der Sache auf andere überträgt.

Bleiben wir noch bei den Herausforderungen: Vor allem bei Facebook säubert der Algorithmus den Newsfeed mittlerweile so konsequent, dass das Spiel um Aufmerksamkeit einer Lotterie gleicht. Auf der anderen Seite kämpft man auf Instagram mit der Glaubwürdigkeit – dank Bots und gekauften Freunden. Das sind noch weitere Probleme, mit dem Blogs kämpfen müssen.

Das Gute ist, das Blogs relativ unbeeinträchtigt von solchen Algorithmen und Grabenkämpfen sind. Und die Halbwertszeit ist dank Google auch viel länger als auf Social Media, was wiederum sehr attraktiv für Kunden ist. Natürlich benötigt man auch die Social-Media-Kanäle wie Instagram und Facebook, um auf neue Posts aufmerksam zu machen, aber dank Stammleserschaft, Google Search, Pinterest und Newslettermarketing bin ich nicht darauf angewiesen. Das ist ein sehr befreiendes Gefühl.

Auf Instagram solle bald nicht mehr zu sehen sein, wie viele Likes ein Bild bekommt. Das könnte sich positiv für Blogs auswirken.

Die Idee ist großartig und ich hoffe, das setzt sich auch so durch. Wie schön wäre es, wenn spannende Inhalte wieder mehr zählen würden als pure Zahlen? Außerdem würde es extrem viel Druck aus Social Media rausnehmen. Sollte die entstehende Entschleunigung noch zu mehr Bloglesern führen, wäre das natürlich ein toller Bonus.

Was macht einen Blog heute erfolgreich und welche Faktoren spielen in der Zukunft eine Rolle?

Authentizität, Ehrlichkeit und Innovation. Es ist immer wichtiger, verschiedene Kanäle zu bespielen und diese miteinander zu verknüpfen. Und es ist ungemein wichtig, auf die Community zu hören und mit ihr zu interagieren. Ich mache unter anderem regelmäßig Umfragen auf Instagram, um mir Input von den Lesern einzuholen – das macht enormen Spaß. Und ich versuche etliche Projekte offline umzusetzen, um das digitale und stationäre Leben mehr zu verknüpfen.

Deine Einschätzung: Wird es hauptberufliche Blogger geben, die von ihrem Job tatsächlich auch leben können? Oder werden die meisten doch mehrgleisig fahren müssen?

Das Business hat sich insofern verändert, als dass wir heute alle mehrere Kanäle bespielen wollen und unsere Expertise vielseitig anbieten. Ich selbst habe beispielsweise mit meinem Mann das Studio gegründet, wo wir Kreativkonzepte, Fotografie und Art Direction für Kunden abseits meiner Plattform anbieten. Zudem arbeite ich parallel auch an einigen offline Projekten mit heimischen Brands. Und dennoch ist alles mit dem Blog verwoben. Ein riesiges Netzwerk quasi.

Ich könnte zwar auch nur Bloggen, aber mich reizt die Abwechslung. Daher denke ich, dass es gar keine Frage des Müssens sondern eher des Wollens ist.

Last but not least: Wo siehst du dich und deinen Blog in den nächsten fünf Jahren?

Vienna Wedekind wird weiterhin die digitale Anlaufstelle für Styling, Tipps und Trend Reports rund um das Thema Basics und Sophisticated Simplicity sein. Zusätzlich soll der Blog und vor allem das Studio als Portfolio für meine Arbeit als Fotografin und Kreativdirektorin fungieren. Und dann wäre da auch noch die offline Welt. Ich würde gerne den Viennawedekind-Kosmos in das Stadtleben bringen und habe dazu schon einige Ideen. Langweilig, wie damals am 10. März 2011, wird mir also garantiert nicht …

Vielen lieben Dank für den tollen Einblick, liebe Carola!

Alle Bilder von Carola Pojer

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