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Eine Interior-Pionierin der erste Stunde: Unsere Homestory mit Ilenia Martini

„Wie kann das sein, bin ich hier richtig?“ Das ist die allererste Frage, die ich mir stelle, als ich Ilenias Wohnung im zweiten Stock eines Vorderhauses im Prenzlauer Berg betrete. Auf allen Fotos, die ich bisher von der Wohnung gesehen habe, sieht sie riesengroß aus. Mindestens 80qm hätte ich geschätzt. In Wirklichkeit hat die Wohnung nur 56 qm. „Ja, das ist so eine Sache bei dieser Wohnung. Auf Fotos scheint sie wirklich viel größer, als sie es in Wirklichkeit ist.“

Höchstwahrscheinlich ist das aber schlichtweg der am eigenen Körper erfahrbare Beweis, dass Ilenia es drauf hat, zu arrangieren und eine kleine Bude größer wirken zu lassen, als sie es eigentlich ist.

Mit ihrer gelben Hose und dem wilden Wuschelkopf bietet Ilenia mir Kokos-Reismilch zum Kaffee an. Klingt komisch, schmeckt aber unglaublich gut. Vor allem an solch heißen Tagen, wie diesem, an dem ich Ilenia zu Hause besuche. Sie wohnt in der Wohnung zusammen mit ihrem Freund. „Die meiste Zeit wohnen hier aber eher mein Freund und unser Hund. Um ehrlich zu sein, bin ich so viel auf Reisen, dass ich gar nicht so viel Zeit in Berlin verbringen kann.“ Davon merkt man allerdings nicht nichts. Die Wohnung ist ganz nach Ilenias Geschmack eingerichtet und mit den vorwiegend skandinavischen Möbeln sehr gemütlich.

Während ich meinen Kaffee in den Händen halte und der sommerliche Lärm der unter uns liegenden Straße in einem gleichmäßigen Rauschen zu uns nach oben dringt, erzählt mir Ilenia davon, wie sie nach Berlin gekommen ist. „Aufgewachsen bin ich in einer kleinen Stadt in der Nähe Roms. In Italien habe ich dann auch Medien und Kommunikation studiert. Danach bin ich nach London, um dort Direction of Photography zu studieren und schließlich habe ich den Master in Filmmaking in New York gemacht. Danach habe ich angefangen als Fotografin zu arbeiten und habe richtig große Jobs gemacht. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass mir das alles zu wenig kreativ und zu kommerziell war. Ich begann als Freelancerin zu arbeiten und zog ständig Jobs im Interior-Bereich an Land. Das lag wohl zunächst daran, dass ich ein Blog hatte und dort Fotos von meiner Wohnung postete.“ 2009 begann sie dann mit ihrem Instagram-Account. Damals hatten noch so wenige Menschen die App, dass man sich mit den wenigen, die einem folgten, in Ruhe in New York zum Kaffee treffen konnte.

2009 hatten in New York noch so wenig Leute Instagram, dass wir uns alle zum Kaffee getroffen haben.

Während ihrer Foto-Jobs wurde Ilenia dann immer öfter auch gefragt, wie man die gezeigten Objekte und Möbel am besten arrangieren könnte. „So entwickelte sich mein jetziger Job im Bereich des Interior Designs.“ 2014 kam sie dann nach Berlin. Eigentlich nur kurz, um ein Filmposter für einen Freund zu gestalten. Eine Woche war sie da und während dieser Woche postete sie Fotos von der Stadt. Die damals noch in Berlin ansässige Firma Hem wurde aufmerksam – und bot ihr direkt einen Job an. Sie zog nach Berlin und arbeitete zwei Jahre lang als Creative Director für Hem: „Als ich bei Hem anfing, hatten wir auf Instagram vielleicht 12 Follower.“ Heute sind es 47.500. Als Hem dann das Studio von Berlin nach Stockholm verlegte, zog Ilenia zunächst für sechs Monate nach Stockholm, merkte aber schnell, dass solch ein geregelter Büroalltag nichts für sie ist. Sie ging wieder zurück und eröffnete zusammen mit ihrem Partner das Neni Studio.

Hört man Ilenia so zu, dann begreift man, was für einen Wandel die gesamte Möbel- und Interiorbranche in den Jahren durchgemacht hat. Eigentlich hat Ilenia selbst daran mitgewirkt, die Art des Jobs, den sie und viele andere heute ausführen, zu erfinden. Sie hat als eine der ersten Instagram benutzt und Firmen dabei geholfen, eine Bildsprache zu entwerfen, die uns heute wie normal erscheint – damals aber noch gar nicht existierte. Niemand dachte im Traum daran, seine Wohnung zu fotografieren und die Bilder auf Blogs oder eine App hochzuladen. Homestories waren ein Fremdwort. Ilenia gehört zu den Vorreiterrinnen in diesem Bereich. Und dieses Wissen gibt sie weiter. Beispielsweise in Peking, wo sie alle zwei Monate hinfliegt, um den dort ansässigen Möbelfirmen zu erklären, wie man eine visuelle Strategie entwickelt. „In China gibt es noch nicht lange so eine Mittelklasse, wie wir sie kennen. Die modernen Möbelfirmen stehen dort noch ganz am Anfang.“

Wie läuft so ein typischer Arbeitstag bei dir ab?

So einen ganz typischen Tag gibt es natürlich nicht, weil ich viel auf Reisen bin. Wenn ich aber hier bin und von Zuhause aus arbeite, dann stehe ich sehr früh auf. Ich liebe die Ruhe am Morgen. Nach dem Frühstück lege ich gleich los. Dann arbeite ich bis zum Mittagessen. Meist koche ich dann selbst etwas, das mache ich sehr gern. Und dann arbeite ich wieder als ob es kein Morgen gäbe (lacht). Ich würde mich selbst als Workaholic beschreiben. Ich habe schon ab und zu 20-Stunden-Arbeitstage. 

Ilenia hat als eine der ersten Instagram benutzt und Einrichtungsfirmen dabei geholfen, eine Bildsprache zu entwerfen, die uns heute wie normal erscheint – damals aber noch gar nicht existierte. Niemand dachte im Traum daran, seine Wohnung zu fotografieren und die Bilder auf Blogs oder eine App hochzuladen. Homestories waren ein Fremdwort.

Wie würdest du deinen Einrichtungsstil beschreiben?

Ich würde sagen nicht typisch minimalistisch, dafür habe ich zu viele Pflanzen. Ich habe so viele Pflanzen wie ein Garten-Center. Ansonsten liebe ich klare Linien und mag es modern und auf den Punkt. 

Ilenias Lieblingsläden und -magazine

Wie stehst du zu Trends?

Ich mag es gern zeitlos. Letzten Herbst gab es beispielsweise sehr viel in Aubergine. Hätte ich mir damals etwas in dieser Farbe gekauft – ich würde es heute nicht mehr mögen. Kleine Stücke kaufe ich mir allerdings schon mal trendbezogen. Beispielsweise dieses Terrazzo-Brett. Bei großen und teuren Möbelstücken lege ich Wert auf Zeitlosigkeit.

Gibt es gerade Farben und Materialien, die dich besonders inspirieren?

Im Moment liebe ich Blautöne, Terrakotta, Nude und helles Pink. Und in Sachen Material mag ich gerade Samt. Ich habe schöne Kissen aus dem Material. Super sind gerade auch Kristalle. Die kaufe ich in einem Kristall-Laden in der Nähe des Kollwitzplatzes.

Wie sehr Ilenia an der Entwicklung der Design- und Einrichtungswelt, wie sie gegenwärtig ist, teilgenommen hat, beeindruckt mich.

Heute arbeiten Interior-Stylisten und Fotografen wie sie nicht nur an der Schnittstelle zwischen Kunden und Produzenten, sondern auch an der Schnittstelle zwischen Privat und Öffentlich.

Sie macht ihr Zuhause über ihren Instagram-Account jedem zugänglich, der einen Blick hinein werfen will. Und natürlich auch potentiellen Kunden. Für die ist Ilenias Wohnung wie ein Spiegel ihres Stils und zeigt, ob sie sie buchen oder nicht. „Das kann anstrengend sein und es ist schwer, hier die Balance zu halten. Es ist immer noch meine private Wohnung und nur weil ich so wohne, heißt das nicht, dass ich für Kunden nicht komplett andere Einrichtungen kreieren könnte.“

Danke, liebe Ilenia!

Fotos: Julia Novy

Kommentare

  1. Wirklich schön, sieht aber irgendwie aus wie zig und zig andere Home-Bilder auf Instagram. Irgendwie greifen derzeit alle zu den gleichen Zutaten beim Einrichten. Dass der Zeitgeschmack einen prägt, ist schon klar, aber irgendwie vermisse ich mittlerweile die individuelle Handschrift in den Räumen. So auch hier. Aber klar, es ist schwierig. Ich ziehe selbst bald um – in eine sehr viel größere, vom Ambiente her ganz andere Wohnung als unsere bisherige und hirne seit Monaten, wie wir sie schön, funktional und unseren Bedürfnissen gerecht einrichten sollen. Daher schaue ich viele Bilder an … und finde nur selten Wohnungen, die einen wirklich eigenen Twist haben.

  2. Liebe Alicja, liebe Ilenia,

    eine tolle Home-Story die eine schöne und individuelle Wohnung zeigt. Gefällt mir sehr gut!
    Mag einer von euch zweien verraten, woher die Lampe ist, die neben der Couch steht (Glaskuppel, schwarzer Ständer)?
    Genau so eine suche ich noch! 🙂
    Vielen Dank!
    Liebste Grüße

  3. Ich finde sie sehr sympathisch. Sie macht einen fleißigen und realistischen Eindruck. Aber ich finde auch, dass genau das was im Text angesprochen wird – die Fotografiererei bzw. bei manchen Zurschaustellerei der Wohnungen – irgendwie ausgelöst hat, dass alles gleich aussieht. Bei jedem. Sie hat zwar mal nicht das übliche Bolia/BoConcept Sofa, aber muss jetzt eigentlich jeder einen solchen Teppich besitzen? Mittlerweile würde ich ihn – selbst wenn ich einen hätte – vorher aus dem Bild ziehen. Auch die übliche Aufstellerei von Verpackungsmaterialien der erworbenen Statussymbole wie (Byredo… Acne… bei vielen noch Chanel oder so) macht mich so müüüüüde. Genauso wie die Tatsache, dass eine kleine Vorratsbox sehr wahrscheinlich nur aufs Bild darf, weil Vitra dransteht. Es ist alles so gleich.
    Nicht falsch verstehen: Es sieht süß aus und sie kann bestimmt gut, was sie macht. Es fällt mir nur hier wieder so auf.
    Es ist ja auch in der Mode so. Es ist alles so gleich und so uninteressant geworden. Das eigentlich tragische finde ich aber, dass gerade heute sich alle so wahnsinnig individuell finden…

    • Sabina sagte am

      Word!!
      Und natürlich alle auch noch total authentisch….
      Ihre Geschichte ist spannend, Hut ab vor der Leistung, aber das „jetzt“ empfinde ich auch als komplett vorhersehbar.

  4. Nicole sagte am

    Das Sofa hat es mir angetan, wow! Darf man nachfragen, von welcher Marke es ist?
    Eine wirklich schöne Homestory, ich mag die Gestaltung sehr.

  5. Christiane sagte am

    Ich finde die Wohnung auch ganz wunderschön, schließe mich aber Mimis und Fionas Meinung voll an. Irgendwie sieht alles gleich aus und man ist dem überdrüssig. Außerdem finde ich, dass man keinesfalls erkennen oder vermuten kann ob die Wohnung nun „riesige 80qm“ (Alicja ?) oder klein ist. Es werden doch immer nur kleine Ausschnitte gezeigt. Das alles ist keine Kritik sondern nur meine persönliche Beobachtung.

  6. Für mich ist journelles eben wegen der homestories interessant geworden. Aber natürlich kann eine Story nur so spannend/individuell sein, wie das die jeweilige Wohnung hergibt. In diesem Fall wirklich leider nur semi….
    Berlin ist doch voll mit Künstlern und Kreativen, mit jungen Wilden und junggebliebenen Alten. Menschen mit aufregenden oder aufgeregten Lebensläufen, neue Wohnformen mit experimentierfreudigen Bewohnern…..in all diese Wohnungen würde ich so gerne mal schauen : ) um anschließend ausgiebig zu schmachten!

    Liebe Grüße aus der überschaubaren Pfalz,

    Tina

    • So auch mein Gedanke! Als ich vor vier Jahren das erste Mal im Illums Bolighus in Kopenhagen war, fühlte ich mich im Paradies angekommen.
      Klar, alles nach wie vor schön. Wenn ich da bin und was bestimmtes kaufen will, dann schaue ich vorbei, aber da man durch Blogs und Instagram so übersättigt ist von den immer gleichen Bildern (Vitra/Jacobsen/Dixon/Skultuna/Eames/Flos/Muuto etc….der immer gleiche Reigen), ist der Zauber des Besonderen total verflogen und man langweilt sich einfach furchtbar.
      Daher schließe ich mich Tinas Plädoyer für das etwas Schräge, Besondere und vielleicht auch mal nicht ganz so Perfekte an.

  7. Sandra sagte am

    Auf den ersten Blick sicher einer sehr schön eingerichtete Wohnung. Aber viel mehr eine wahnsinnig interessante Frau mit einem sehr spannenden Lebenslauf.
    Aber sonst muss ich den anderen Kommentierenden hier zustimmen. Das sieht inzwischen wirklich leider überall gleich aus. Und warum sie sich selbst als Minimalistin mit vielen Pflanzen beschreibt, wird mir nicht ganz klar. Mir erscheint es, als würde die Wohnung vor Kram und Zeitschriftenstapeln nur so überquillen.

  8. chlaudine sagte am

    Einrichtung der Wohnung hin oder her – dazu ist jetzt alles gesagt. ABER: ich finde Ilenia als Frau sehr spannend. Das Outfit, das zu sehen ist gefällt mir in seiner Farbigkeit und Eleganz, Elenia wäre in meinen Augen eine Kandidatin für die Outfit-Woche! Und die Haare wären mir ein Locken-Tutorial wert, die sind ein Traum aber sicher nicht einfach zu bändigen.

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