Von grauen Institutionen und bunter Individualität: Unsere Homestory bei Christoph von Objekte unserer Tage

„Gutenberg-Druckerei“ steht in goldenen Lettern auf dem herrschaftlichen, hohen Haus in einer der idyllischen Straßen Prenzlauer Bergs. Zielsicher düse ich mit meinem roten Hollandrad daran vorbei, weil es mir gar nicht in den Kopf kommt, dass in einem solch schönen Haus tatsächlich jemand wohnen könnte – um kurz darauf zu merken, dass in genau so einem Haus sehr wohl einer wohnt. Nämlich Christoph, den wir an einem sonnig warmen Tag in seinen vier Wänden besuchen. Christoph gehört zu den drei Jungs, die im Oktober 2015 ihr eigenes Möbel-Unternehmen gründeten: Objekte unserer Tage.

Der zweite im Bunde, Anton, ist mit dabei. Er bildet die eine Hälfte des kreativen Parts des Trios und hat zusammen mit David Produktdesign in Potsdam studiert. Christoph absolvierte in Mannheim ein BWL-Studium und arbeitete vor Objekte unserer Tage in der Unternehmensberatung. Nach dem Studium ist er sozusagen ganz absichtlich nach Berlin gekommen: „Ich wollte Berlin gern leben. Das Weite und Schroffe der Stadt hat mir schon immer gefallen.“ Kennengelernt haben sich die drei beim Feiern im Berliner Nachtleben.

Bevor es dann zur Gründung von Objekte unserer Tage im Oktober 2015 kam, arbeiteten Anton, David und Christoph ein Jahr lang an ihrer Idee. Sie entwarfen die erste Kollektion und bereisten die gesamte Republik, um Manufakturen ausfindig zu machen, die ihre Entwürfe herstellen konnten. „Viele waren sehr erstaunt, was die drei Knaben aus Berlin da jetzt bei ihnen in der Werkstatt machen. Trotzdem waren die meisten sehr offen.“ Die Philosophie von Objekte unserer Tage ist einfach: Schlicht und funktional sollen die Möbel sein. Sie werden allesamt in Deutschland gefertigt, qualitativ hochwertig und langlebig. Von Detailverliebtheit und Tradition zu Funktionalität und Innovation wollen die drei mit ihren Möbeln eine Brücke schlagen.

Als ich Anton frage, wie es dazu kam, dass er während seines Studiums begann, sich auf Möbeldesign zu spezialisieren, kommen wir auf ein Thema, das man an dieser Stelle nicht unbedingt erwartet: die Verbraucherzentrale. „Dieses Seminar war richtig leer. Ich glaube die meisten dachten, dass das Konzipieren einer Einrichtung für die Verbraucherzentrale sehr langweilig und keine Herausforderung sei, weil die Institution einen sehr eingestaubten Ruf hat. Aber an sich ist das gerade das Spannende.“ Tatsache. Menschen befinden sich in einer misslichen Lage, sie müssen eine Institution aufsuchen, um Hilfe zu bekommen. Was sie meist bei solch einem Gang erwartet, ist ein graues Gebäude voller gleich aussehender Räume, in denen Angestellte sitzen, in deren Gesichtern sich scheinbar die graue Farbe der Wände spiegelt. „Ich verstehe nicht, wie Leute in hässlichen Büros arbeiten können und sich nicht daran stören. Ich werde immer extrem traurig, wenn ich mich lange Zeit in tristen Räumen aufhalten muss“, sagt Anton und lacht dabei.

Christophs knapp 60 qm große Wohnung ist sehr puristisch eingerichtet. Viele seiner Möbel stammen vom eigenen Label. Trotzdem finden sich überall kleine Dinge, mit denen er etwas zu verbinden scheint, die ihm etwas bedeuten. Die Räume wirken luftig und so, als ließen sich hier in Ruhe klare Gedanken fassen. Auf dem Wohnzimmer-Tisch steht ein bunter Blumenstrauß und an der Wand in der Küche hängt ein Gemälde, das Anton gemalt hat.

Denkt ihr, dass die Einrichtung die Persönlichkeit widerspiegelt?

Anton: Ja, das denke ich auf jeden Fall. Alles, mit dem man sich umgibt, spiegelt einen wider.

Christoph: Lacht. Ehrlich gesagt bin ich mir da nicht sicher. Denkt ihr wirklich, dass man meine Persönlichkeit über die Einrichtung hier bestimmen kann? Aber klar, ihr habt schon Recht. Man möchte sich Zuhause wohlfühlen und zudem will man anderen die Art und Weise zeigen, auf die man sich gerne ausdrücken möchte. Ich wohne gerne reduziert mit möglichst wenig Krimskrams. Und die Dinge, die ich habe, haben jeweils eine Bedeutung für mich.

Wie steht ihr zu Trends?

Christoph: Die Möbelbranche hat sich einiges von der Modewelt in den letzten Jahren abgeguckt. Diesen modischen Moment gab es vorher bei Möbeln gar nicht. Aber dadurch, dass große Unternehmen jetzt so günstig produzieren und verkaufen, kann man seine Möbel öfters austauschen. Früher hatte man seine Möbel ein ganzes Leben lang. Wir sehen kurzlebige Trends eher kritisch. Zum einen, was die Ressourcen und zum anderen, was die emotionale Beziehung zu einem Möbelstück angeht. Beispielsweise die Kommode in meinem Schlafzimmer: Die ist von meiner Oma und ich weiß noch ganz genau, wie sie immer zu uns gesagt hat, dass wir ihre Kommode nie weggeben sollen.

Anton: Dazu kommt, dass man Möbel nicht einfach so belanglos wie vielleicht Kleidung auf den Markt schmeißen kann. An Einrichtungsgegenstände ist jeweils eine Funktion geknüpft. Sie müssen Sinn ergeben.

Welcher Wohnstil dominiert gerade eurer Meinung nach?

Anton: Das sind kulturell bedingte Schwankungen. Ich würde sagen, dass es vom Minimalismus noch mehr in Richtung Wohnlichkeit geht. Es wird träumerischer, wobei man da Berlin natürlich nicht so als Paradebeispiel für ganz Deutschland nehmen kann.

Christoph: Das friedliche Heim wird vielleicht immer mehr zum Gegenstück zur globalen Unsicherheit.

Wie kommt ihr auf Ideen? Ist da zuerst eine Form, eine Farbe oder ein Material, das euch gefällt oder ist es eher die Funktion, von der ihr ausgeht?

Anton: Die Sinnhaftigkeit ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir unseren Möbeln zusprechen. Wir fragen uns: Wie könnte ein zeitgemäßer Tisch gerade aussehen? Man kann sich beispielsweise auch fragen, was für alte Möbel es gibt, die es zur Zeit nicht mehr so häufig auf dem Markt gibt, die man wieder neu auflegen könnte. Generell inspirieren uns alle Produkte von Kreativität. Beispielsweise auch Grafik- oder Printideen oder das praktische Handwerk.

Das friedliche Heim wird vielleicht immer mehr zum Gegenstück zur globalen Unsicherheit.

Wie nehmt ihr Berlin als Standort für ein kleines Möbellabel wahr?

Christoph: Berlin hat keinen florierenden Möbelmarkt. Natürlich gibt es neben uns einige kleine, gute Labels. Schade ist allerdings, dass die Möbellabels, die hier ansässig sind, alle nur für sich arbeiten, statt sich zu vernetzen. Es findet keine Kommunikation untereinander statt. Als wir zuletzt in Dänemark waren, haben wir erkannt, was für ein großer Unterschied zwischen Dänemark und Deutschland in der Beziehung herrscht. Dort machen sich die Labels gegenseitig groß. Die Branche ist generell viel professioneller und wenn jemand versucht, etwas auf die Beine zu stellen, kann sich die betreffende Person der Unterstützung aller sicher sein. Hier ist alles viel konservativer und ein eiserner Kampf.

Danke lieber Christoph und Anton!

Fotos: Julia Novy

In diesem Sinne: Vor kurzem haben die drei ihren ersten Flagship-Store in Berlin im Haus des Reisens in der Alexanderstraße 7 eröffnet. Wer vorbeischauen mag, ist herzlich willkommen.

Kommentare

  1. Der XL-MEYER in laubgrün…..wunderschön. Ich glaube, dieser Tisch kann mit den unterschiedlichsten Stilrichtungen eine gelungene Verbindung eingehen!!!
    Gratulation 🙂

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