Influencer: Gemecker und Stimmen zur Berliner Modewoche

Ich schiebe es einfach mal auf mein Schlafdefizit und die Stilldemenz, dass ich diesen Text komplett neu schreiben musste. Irgendwann ist bei all meinen Gedanken der rote Faden abhanden gekommen, also fange ich einfach noch mal von vorne an und arbeite die kontroversen Themen, die in den vergangenen Tagen in der deutschen Blogosphäre aufgekommen sind, Stück für Stück ab.

Offenbar hat die Berlin Fashion Week und das Tohuwabohu drumherum zur Nachdenklichkeit angeregt. Früher wurde über die Blogger und deren Daseinsberechtigung gelästert, nun wimmelt es an allen Ecken an Influencern und die Mode auf dem Laufsteg gerät in den Hintergrund. Dieser kleine Aufschrei ist spannend zu beobachten, zumal sich die Tendenzen schon seit Jahren abzeichnen und mich ehrlicherweise nichts mehr schockt oder wundert. Letzten Sommer schrieb ich: „Wenn wir schon meckern, dann doch bitte darüber, dass abgesehen von den klassischen Medien kein Schwein mehr ernsthaft über die die Mode spricht. Es zählen nur noch das schönste Instagram-Foto, das beste Designeroutfit, der coole Dinner-Spot, Namedropping und Selfies oder Snapchats mit anderen tollen Menschen. Die Fashion Week ist vornehmlich für die Presse gemacht, aber wenn man die Feeds der meisten anwesenden Blogger durch scrollt, dann sieht man da selten mal eine Zeile zu den Runway-Looks, geschweige denn einen Bericht.“

Nun habe ich diese Modewoche entspannt angehen können, nur ausgewählte Events besucht und nichts dergleichen erlebt wie meine Kollegen. Entspannt scheint es jedoch nicht gewesen zu sein. Sarah von Josieloves hat nur noch WTF-Gedanken, berichtet von gefakten Freundschaften, gekauften Likes, oberflächlichen Berichterstattungen, in denen die Mode auf dem Laufsteg in den Hintergrund gerät. Amelie von Amazed spricht in ihrer Kolumne von meinungslosen Influencern, einem Modenschau-Rausschmiss und bringt das Problem mit diesem Satz auf den Punkt:

Meinung haben ist so 2012. Seit Instagram die Mode regiert, sind Meinungen nicht nur nebensächlich, sondern unerwünscht. Übrig bleiben die gut gelaunten Werbeflächen, die dir ein schönes Leben verkaufen und eine Blase aus falschem Optimismus kreieren. Denn sie wissen ganz genau: Wer nicht mitspielt, bleibt auf der Strecke. Wie Marionetten, die einem System nacheifern, das sie selbst geschaffen haben.

Lesetipp:

Sich selbst als „Influencer“ zu bezeichnen, zeugt daher von einer Achtlosigkeit gegenüber der eigenen Zielgruppe, deren Konsumverhalten das einzig relevante Feedback darstellt. Als dritte Partei von „Influencern“ zu sprechen, heißt, dieses Gefälle zwischen Meinungsmachern und Restmasse zu akzeptieren – und der ganzen Chose womöglich noch mit der gleichen Ehrfurcht zu begegnen, mit der viele Marken um „Influencer“ buhlen.

– Julia Hackober, Welt.de

Wir haben die Sache mit den Influencern schon mal kontrovers mit euch diskutiert und seither hat sich nicht viel verändert. Kein Wunder, dass Masha Sedgwick sich nicht gern Influencer schimpfen lassen möchte: Jetzt also sind es Influencer. Also die, die nicht mal mehr einen Blog brauchen, sondern bei denen das Selfie für die Botschaft genügt. Dass diese Botschaft nur in den wenigsten Fällen tiefgründig ist, sollte eh klar, doch so ist das eben in der Mode. Da ist Tiefgründigkeit oft fehl am Platz oder gar unerwünscht.“

Schuster, bleib bei deinen Leisten

Bevor man nun auf Influencern rumhackt (auch wenn ich den Begriff nach wie vor bedenklich finde, siehe dazu den Lesetipp oben rechts), bedarf es doch vielmehr einer guten Differenzierung, zumal jeder, und auch jedes Phänomen, eine Daseinsberechtigung hat. Ich plädiere schlichtweg für eine klare Trennung von Outfit-Blogs, Youtubern, Models, Instagram-Sternchen sowie Blogs/Blogazines und deren Bedeutung im Modezirkus. Sales ankurbeln, Image aufpolieren, Reichweiten nutzen, Aufmerksamkeit erzielen, authentische Looks oder abwechslungsreichen Content kreieren, den es so noch nicht gegeben hat: Jedes Medium und jeder Kanal hat individuelle Stärken mit individuellen Zielgruppen, die genutzt werden wollen.

Diese Differenzierung findet in meinen Augen nur noch nicht ganz in der Realität statt. Denn alles, was nicht Print ist und „in diesem Internet da“ passiert, wird in einen Topf geschmissen. Sollte es aber nicht, sonst haben wir in Zukunft ein echtes Problem der Modeberichterstattung, denn all die Influencer ersetzen im klassischen Sinne lediglich Models und VIPs, wie die jüngste Show von Dolce & Gabbana gezeigt hat (und man 98% der Gesichter nicht mal mehr kannte).

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Mode kann unter diesen Voraussetzungen gar nicht statt finden – und muss sie ja auch nicht, wenn man weiß, wer mit welcher Zielgruppe wo zu verordnen ist. Das Selfie eines Instagram-Sternchens bei einer Modenschau wird langfristig keine Sales auslösen, könnte aber für mehr Markenbekanntheit sorgen. Und wenn das die Strategie eines Modelabels ist, muss man das akzeptieren.

Es ist aber auch ganz einfach ein Fakt, dass Runway-Fotos von der Berliner Modewoche die wenigsten Likes bekommen. Dieser Rückgang führt automatisch zu einer Umorientierung. Was will der Zuschauer und Leser am liebsten sehen? Es sind eben die Selfies und persönlichen Momente, da machen wir uns nichts vor.

Nur gerät dadurch schnell in Vergessenheit, was Mode eben auch beim Konsumenten auslösen soll: dieses Kribbeln, die Begeisterung für den Ideenreichtum, das (Kunst-)Handwerk und die Innovationen eines Designers, die Wertschätzung für die Qualität und die Geschichte einer Marke. Damit eine Bindung entsteht, die über eine Saison und ein It-Piece hinausgeht.

Daher ist es müßig, sich über Influencer und den veranstalteten Zirkus aufzuregen. Das System und die momentane Instagram-Geilheit, bei der das Hinterfragen von Reichweiten in den Hintergrund gerückt ist, werden sich auch wieder erholen. Schließlich will jede Marke am Ende des Tages Ergebnisse sehen. Und das sind echte Reichweiten und echte Klicks, die man im Netz nun mal verdammt gut tracken kann.

Für uns bedeutet das übrigens mehr denn je, uns auf unsere Wurzeln zu besinnen und neben den Selfies, die irgendwie schon dazu gehören, weiterhin den Fokus auf die Mode und unser journalistisches Handwerk zu richten, ohne uns von (zugegebenermaßen verführerischen) Instagram-Trends beeinflussen zu lassen.

Kommentare

  1. Liebe Jessie, keine Ahnung wie dein erster Text war, dieser bringt es allerdings auf den Punkt und ist der beste, den ich bisher zu diesem Thema gelesen habe. Man merkt dir deine jahrelange Erfahrung an, ich traue mich fast nicht mehr, meinen eigenen Beitrag zum Thema zu veröffentlichen 😉 Wahrscheinlich hast du Recht und man muss die einzelnen Akteure klarer voneinander trennen. Vielleicht ist es aber auch eine Frage des Alters? Keine Ahnung. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass sich diese Instagram Blase bald auflöst und freue mich jeden Tag über eure tollen und hochwertigen Beiträge, gerade über Runway Shows und „modespezifischere“ Themen. Liebe Grüße Neele

  2. Ich bin absolut deiner Meinung. Das Beste, was einem Mode-Haus passieren kann, sind Journalisten wie ihr. Es muss um Mode gehen und um nichts anderes. Natürlich müssen die Marketing-Abteilungen ihre Augen und Ohren offenhalten und beobachten, wer was sagt und wie die Zielgruppe darauf reagiert. Am Ende der Saison – und mögen die Aufregung und die „Klicks“ noch so groß gewesen sein – zählt nur der Verkauf! Und ganz am Ende werden alle demjenigen (derjenigen 😉 zuhören, der den richtigen Richer hatte und uns nicht „des Kaisers neuen Kleider“ verkauft. Und wenn wir schon von Zirkus sprechen: Da gilt das gleiche Gesetz. Nur die Leistung der Artisten zählt und zieht die Menschen an.

  3. Ich kann deine Sicht der Dinge wirklich teilen. Dies ist auch der Grund warum ich euer Blogazine so gerne lese: es geht einfach um Mode, was steckt hinter den Marken, die Kollektionen, man spürt einfach eure Erfahrung und Leidenschaft.
    Ein Selfie auf Instagram von irgendwem, vermittelt kein Mode Know-How, keine Richtung, nichts persönliches. Für mich vermitteln diese Bilder, dass das Thema Mode ausschließlich in die Konsumschiene gepresst wird. Der ganze Spaß und die Geschichten hinter vielen Marken, Teilen, Trends usw. gehen komplett verloren.
    Ich finde es schön dass ihr eure Richtung beibehaltet. Eure Einstellung ist toll!

  4. Ich muss ehrlich sagen, ich finde Modewochen ansich schon obsolet. Showrooms reichen doch völlig aus. Ich interessiere mich sehr für Mode und auch die Hintergründe, aber überhaupt nicht über dieses peinliche (und arschteure) in Szene Gesetze vor irgendwelchen Stars und Sternchen. Ob die nun Sevigny, Kardashian oder Daur heißen, ist mir schnuppe. Die Dekadenz einer Modenschau geht total am Endkonsumenten vorbei. Früher diente es vielleicht dazu, uns Normalos ein Stück Gefühl vom großen Traum mit zu verkaufen. Aber heutzutage empfinde ich es als total lächerlich.
    Mich würde ein Modedesigner abholen, der seine Sachen im kleinen Rahmen zeigt, vor Leuten, die was davon verstehen (Kritiker und Einkäufer), ohne Livestream etc. und stattdessen – meinetwegen Medienwirksam – das gesparte Budget spendet, am besten an etwas mit Meinung und Relevanz (also nicht Kinderhilfswerk, sondern z.B. Pro Choice). Und dann eine gute Kampagne macht, Koops mit Blogs etc … da kann man auch Inhalte transportieren und muss nicht Häppchen reichen.
    So, wie es gerade ist, wird sich das aber eh von selbst erledigen. Es ist einfach zu weltfremd!

  5. Oh, endlich lese ich mal etwas darüber, dass die Mode vermißt wird. Bisher ging es bei dieser Reichweite-Diskussion ja eher immer um die Kooperationen, die man selbst gern hätte. Ich finde es ganz furchtbar mit anzusehen, wie schöne Mode zu einem Massending verkommt, keine Spur mehr von Exklusivität.
    Blogger und Influencer fallen über alles her. Marken, Reiseziele, demnächst sicher auch Kunst. Mein Papi, der die Werbewelt noch aus anderen Zeiten kennt, nennt es das Heuschreckenprinzip, es wird alles „abgefressen“ und wenn nichts mehr da ist, ziehen sie weiter.
    Hoffentlich gibt es da bald ein Umdenken, damit Mode wieder inspiriert und Spaß macht und ich als Leser nicht immer den Streß hinter den Kulissen mitbekommen muss. Muss ich beim Vogue lesen ja auch nicht. 😉

    LG von Charli

  6. Danke für den guten Text. Ich bin neben Blogleserin und modeinteressiert sein Lehrerin und kann live beobachten, wie sich Mädels von dem ganzen Zirkus vorführen lassen und versuchen Lifestyles nachzueifern, die einfach nucht real sind. Auch Werbung wird als solche schlicht nicht mehr erkannt. Den immer krasseren Hype um die sogenannten Influencer sehe ich also in zweierlei Hinsicht kritisch: Zum einen wünsche ich mir eine reflektierte Betrachtung von Mode und Trends, zum anderen glaube ich auch, dass so „Lifestyle-Bild“ vervielfältigt wird, dass eben völlig realitätsfern ist.

    Liebe Grüße
    Nina

  7. Danke für den guten Text. Ich bin, neben Blogleserin und modeinteressiert sein, Lehrerin und kann live beobachten, wie sich Mädels von dem ganzen Zirkus vorführen lassen und versuchen Lifestyles nachzueifern, die einfach nicht real sind. Auch Werbung wird als solche schlicht nicht mehr erkannt. Den immer krasseren Hype um die sogenannten Influencer sehe ich also in zweierlei Hinsicht kritisch: Zum einen wünsche ich mir eine reflektierte Betrachtung von Mode und Trends, zum anderen glaube ich auch, dass so „Lifestyle-Bild“ vervielfältigt wird, dass eben völlig realitätsfern ist.

    Liebe Grüße
    Nina

  8. Wunderbar auf den Punkt gebracht. Und genau aus dem Grund lese ich Journelles so lange schon so gerne.
    Vielen Dank für deine Meinung, die du gekonnt ausdrückst. Es macht so Spass euch zu folgen 🙂

  9. Liebe Jessie, wie immer – wahre Worte. Wenn man Ü30 ist, versteht man den ganzen Selfie Kram irgendwie sowieso nicht und schon gar nicht, die täglichen Snaps und Instagram Stories. Es ist nicht so, dass ich das nicht gerne anschaue, aber der Inhalt ist wesentlich für mich. Auch eine IG Story oder ein Snap kann mit Ideenreichtum geprägt sein und muss nicht immer nur den alltäglichen Kram darstellen. Denn wie der Kaffee aus der Kaffeemaschine rinnt, weiß nun wirklich jeder. Ich schreibe an meinem Eyewear Blog, weil ich Brillen liebe und denke, dass es das wichtigste Accessoire ist, das man hat. Denn der erste Blick, der erste Eindruck trifft immer das Gesicht. Ich schreibe, weil ich es mag und weil ich die noch eher unbekannte Fashion-Eyewear Welt allen näher bringen möchte. Daher lassen wir SoMe Apps aufkommen und wieder gehen, unsere Texte und Bilder unserer Blogs sind unsere Worte und unsere Kreativität und keiner bestimmt, welchen Filter wir dafür verwenden sollen.

  10. Super Artikel! Ich habe erst heute über dieses Thema und mich über ein paar PR Agenturen aufgeregt. Es kann einfach nicht wahr sein, dass Instagram „Stars“ und Influencer vor Bloggern gezogen werden, die einen Beitrag verfassen und auf die entsprechenden Designer verlinken würden – meine Meinung. Ich hoffe, dass sich dieser Zirkus irgendwann mal legt und man als Blogger, der sich ernsthaft für die Mode interessiert, mal wieder eingeladen wird. Meine Karte für die Rebekka Ruétz Show z.B wurde an irgendjemand vergeben, der zwar keinen Blog aber eine riesige (gekaufte) Instagram Fangemeinde hat. Mich regt sowas ehrlich gesagt einfach nur total auf. Wenn sich solche Leute, die so eine wundervolle Show sehen dürfen, dann auch noch über fehlende Goodie Bags aufregen, platzt mir ja echt der Kragen!

  11. Vor 10 Jahren haben sich gestandene Mode-Journalisten über Blogger aufgeregt, da diese substanzlos und ohne fachliche Expertise plötzlich im Fokus standen. Und nun ziehen die Blogger über die Influencer her – aus identischen Motiven. Die Zeiten ändern sich halt…

    • Da hüte ich mich, denn vor 10 Jahren war ich eine von denen, über die sich aufgeregt wurde. Aber nicht wegen Substanzlosigkeit – sondern weil Modeblogs die elitären Regeln der Modebranche erstmals umgeworfen haben.

  12. Die Karawane zieht weiter. Vor 10 Jahren waren die Print-Ladies auf den guten Plätzen, wurden von den Bloggern verdrängt und jetzt hocken die Insta-Girls dort. Und modeln teilweise noch auf den Schauen. Wer weiß, wer da in ein paar Jahren sitzen wird. Oder ob es dann diese eigentlich ziemlich überflüssigen Shows noch gibt. Die Inszenierung ist doch da oftmals wichtiger als die Mode an sich. Und die Mode zieht auch nicht mehr die Pelle von der Wurst. Wer braucht denn bitte Jogginghosen von Chanel? Oder Sneaker von Lanvin? Viele Premium-Schaufenster sehen heute aus wie Footlocker de Luxe. Aufgepeppt mit ein paar unanständig teuren Handtaschen.

  13. Liebe Jessie, ich freue mich gerade natürlich sehr, dass Ihr meinen Artikel als Lesetipp empfehlt 🙂 Richtig cool! Vor allem aber finde ich es spannend, dass in der ja doch eher überschaubaren Berliner Modeszene das Thema Influencer gerade für so viel Furore sorgt, dass die Leute von solchen „Internetphänomenen“ immer noch so überrascht und geschockt sind, als ob Instafame ein total neues Ding sei. Und trotzdem: Dass man sich Gedanken über all das macht, finde ich echt wichtig, gerade, damit eine klarere Differenzierung zwischen den Genres stattfinden kann, wie Du schon schreibst. Viele Grüße und einen schönen Sonntag!! Julia

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