Arbeit als Leben und Leben als Arbeit: Unsere Homestory mit Sophia Zarindast

Es gibt Menschen, über die kann man nicht schreiben. Die muss man erleben. Genau so eine Person ist Sophia Zarindast. Wollte man die 26-Jährige über ihre Herkunft beschreiben, müsste man sagen, dass sie Halb-Ostfriesin und Halb-Iranerin ist. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Hunden in Hamburg-Eppendorf. Für unser Treffen hat Sophia Erdbeer- und Johannisbeer-Kuchen besorgt. „Ein Stück davon hat soviel Butter, das willst du gar nicht wissen. Also ich will es schon wissen, weil Butter, Knoblauch und Salz zu meiner Lebensessenz gehören.“, sagt sie und lacht verschmitzt. Sie gießt Kaffee in einer großen weißen Porzellankanne auf und muss sich dabei fast auf die Zehenspitzen stellen.

In Sophias bunter Küche fühlt man sich sofort heimisch. Die weiß-blauen Kacheln an den Wänden erzählen von alten Zeiten, in der Ecke lehnt eine Gitarre, kleine Pflanzen stehen auf dem Fensterbrett. Überall findet sich Buntes, Andenken an Reisen, Erinnerungen an Menschen oder alte Möbel, die Sophia gefallen. „Ich mag es, Sachen aus dem Verkehr zu ziehen, die sowieso schon im Verkehr sind.“ Heißt: Sophia liebt Trödelläden und Ebay Kleinanzeigen. Dort spürt sie Schätze auf, die sie seit fast zwei Jahren nicht nur für ihre eigene Wohnung, sondern allen, die ebenso Lust darauf haben, über ihren Onlineshop dast zugänglich macht. Dort gibt es auch ihren tollen Schmuck, den Sophia selbst macht und seit 2012 verkauft.

Die Fotos und Collagen, die Sophia rund um jedes einzelne Objekt, sei es ein Schmuckstück oder eine Vase, für ihren Onlineshop arrangiert, sind von solcher Einzigartigkeit, Schönheit und Ausgewogenheit, dass ich mir sicher bin, dass Sophia irgendeine Art von künstlerischer Ausbildung gemacht haben muss. Kleine Kunstwerke, die ihre Produkte umrahmen – jedes für sich eine eigene Ideenwelt.

Aber nichts da mit Kunststudium. „Bei mir ist nichts durchdacht“, lacht Sophia und nimmt einen Schluck schwarzen Kaffee aus ihrer überdimensionalen weiß-orangefarbenen Tasse. „Ich habe weder eine Ausbildung zur Goldschmiedin, noch zu etwas anderem gemacht. Gemalt habe ich schon immer gern, aber damit habe ich vor einer Weile aufgehört, weil ich andere Ventile gefunden habe, um mich kreativ auszudrücken.“

Sie erzählt, dass ihr Zimmer schon in Kindertagen stets tapeziert war mit Bildern und Fotos von Dingen, die sie irgendwo gesehen und dann versucht hat, selbst nachzubauen. „Etwas zu sehen und es dann zu kaufen finde ich ein bisschen langweilig. Ich wollte schon immer lieber alles selbst machen.“ Mit 10 Jahren hat sie dann einmal alle Bilder, die damals in ihrem Zimmer an den Wänden hingen, nach Regenbogenfarben sortiert. „Meine Freunde dachten, ich sei verrückt aber meine Einrichtung war eben schon immer knallig.“

Wenn Sophia über ihren Job spricht, dann geht es eigentlich nicht um Arbeit – sondern um Leben. Sie macht genau das, auf was sie Lust hat und gerade deshalb ist das, was dabei rauskommt, so unglaublich faszinierend.

„Von meinem Vater habe ich immer vermittelt bekommen, dass eines Tages das sogenannte richtige Leben anfängt. Dann ist man erwachsen und hat einen Job, mit dem man Geld verdient. Er war immer der Meinung, dass das ganze Leben keinen Spaß machen kann. Nach dem Abitur entsteht meist ein Druck, weil viele der Meinung sind, dass man nun wissen müsse, was man mit seinem Leben anfangen will. Du musst diesen einen Job im Kopf haben, der dich glücklich machen wird. So etwas gab es bei mir nie. Ich habe viele Praktika gemacht und am Ende einfach immer das weiter gemacht, was ich sowieso schon gemacht habe.“

Denn wenn man Sophia danach fragt, wie sie denn zum Schmucksachen gekommen sei, dann sagt sie: „Ich habe irgendwie niemals keinen Schmuck gemacht.“ Mal hat sie als Kind die Ketten ihrer Mutter „ausversehen“ kaputt gemacht, um sie dann neu aufzufädeln oder eigene Kreationen arrangiert. Die väterliche Sicht auf das Arbeitsleben hat Sophia abgelegt, denn sie hat es anders erfahren:„ Arbeit muss nicht wehtun.“ Heute geht es ihr nicht darum, erfolgreich zu sein oder eine Menge Geld zu haben. Sie sagt „Ich hasse Prestige“ und sieht dabei, mit einem Stück Erdbeerkuchen auf der Gabel vor ihrem grinsenden Gesicht, kein bisschen verbittert, sondern einfach nur glücklich und gelassen aus.

Einen festen Nebenjob hat Sophia bei COS, wo sie am Wochenende arbeitet. Den Rest der Woche gestaltet sie auf ihre eigene Art. Am liebsten steht Sophia gegen 9 Uhr morgens auf, macht sich Kaffee und geht dann mit dem Hund spazieren. Das verbindet sie dann manchmal damit, unterwegs Fotos zu machen. Wenn ihr Freund, mit dem Sophia bereits 12 Jahren zusammen ist, nicht zur Uni geht, dann planen sie ihren Tag gemeinsam. „Ich finde man kann sich den Alltag und das Zuhause als Urlaub gestalten. Ich mag es, wenn man nicht immer denselben Trott hat. Wenn ich arbeite, dann fühlt es sich nicht nach Arbeit an.“ Deshalb fahren die beiden raus und machen den Gassi-Gang zum Ausflug und das ist vielleicht auch der Grund dafür, warum Sophias Wohnung so bunt ist. Denn sie erklärt: „Ich umgebe mich gern mit Dingen, die mir ein gutes Gefühl geben. Diese stammen aus verschiedenen Kulturen und Epochen und zeigen mir: Ich bin ein Teil dieser Welt. Nicht als Iranerin oder Deutsche, sondern einfach als Mensch.“

Ich umgebe mich gern mit Dingen, die mir ein gutes Gefühl geben. Diese stammen aus verschiedenen Kulturen und Epochen und zeigen mir: Ich bin ein Teil dieser Welt. Nicht als Iranerin oder Deutsche, sondern einfach als Mensch

Die Fotos für dast macht Sophia alle selbst. Sie hat kein Fotostudio und kein Atelier, in das sie dafür geht. „Das bin ich auf meinem Balkon.“ Wir kommen auf das Thema Instagram im Speziellen und Internet im Allgemeinen zu sprechen. Eine ganz natürliche Schlussfolgerung, denn ohne Internet wäre Sophias Business nicht möglich. Es ermöglicht ihr, in einer Blase zu leben und sich darin ihr „eigenes, kleines Biotop“ zu schaffen. Auf einen richtigen Laden hat sie im Moment keine Lust. Das Internet bietet für sie die perfekte Plattform, mit Leuten in Kontakt zu treten, die sich für ihre Objekte interessieren und dabei ganz frei von Zuhause aus zu arbeiten.

Außer der vielen Möglichkeiten, die das Internet und im Speziellen Instagram bietet, gibt es natürlich auch unendlich viele kritische Punkte. Beispielsweise der Aspekt, dass sich viele Menschen durch Instagram abgekapselt fühlen, weil die Welt der anderen viel toller und lebenswerter aussieht, als ihre eigene. Das, was Sophia dazu zu sagen hat, passt zu ihrer Lebensphilosophie, denn: „Ich liebe es, dass ich hier Zuhause in meiner Küche sitzen und dabei Fotos von Menschen aus Korea oder Italien anschauen kann. Und statt neidisch zu werden, beispielsweise auf Urlaubsfotos, hinterlässt das Scrollen auf Instagram bei mir eher ein Kribbeln im Bauch.“

Die Vorfreude, von der Sophia an dieser Stelle unseres Gesprächs erzählt, zeugt von ihrer Großzügigkeit. Anderen – aber vor allem auch sich selbst gegenüber. Es gibt keinen Druck dies oder jenes zu tun. Das einzige, was es gibt, ist die Vorfreude auf alles was man noch tun wird. „Klar werde ich in meiner Zukunft nicht jeden Abend teure Champagner-Feiern veranstalten. Aber vielleicht fahre ich mal nach Mexiko. Darauf freue ich mich.“

Wenn sie über solche Pläne oder Wünsche spricht, ist Sophia nicht rastlos oder unzufrieden. Ganz im Gegenteil. Ihr Ruhepol ist ihr Zuhause und sie selbst. „Ich bin genauso glücklich, wie es jetzt ist. Das hat bei mir nichts mit Geld zu tun. Ich brauche auch kein Label für das, was ich mache. Weder für mein T-Shirt, noch für meinen Beruf.“ Sie denkt nicht weiter als übermorgen, handelt impulsiv. „Wenn ich morgen Lust habe, Muster auf Kissen zu drucken, dann mache ich das.“

Klar, dass auch das selbstständige und freie Arbeiten nicht immer ein reines Zuckerschlecken ist. Es gibt auch Tage, an denen Sophia alles verteufelt, was sie macht und sich am liebsten einen Bürojob herbei wünscht, der sie pünktlich zum Feierabend in ihre Freizeit entlässt. Der ihr ein sicheres Einkommen und feste Arbeitszeiten garantiert. Das ist aber selten so.

Einen großen Teil der Freiheit, die sie sich nahm, um ihr eigenes Ding zu machen, hat Sophia, wie sie sagt, ihrem Freund zu verdanken. Seit letztem Jahr sind die beiden verheiratet. Kennengelernt haben sie sich in der Schule, damals waren sie beide 11 Jahre alt. „Ich glaube, dass nichts was ich jetzt mache ohne ihn möglich wäre.“

Wie sie da nun in ihrer gemütlichen Küche sitzt und von ihrem VW-Bus, ihrer Familie, dem Fotografieren, Einrichtung und Schmuck erzählt, ergibt plötzlich alles Sinn. Beruf und Privatleben – wer hat das eigentlich jemals getrennt?

Wer hat bestimmt, wann wir Feierabend haben? Und dass man am Ende eines Arbeitstages erschöpft sein muss? Sophia ist wohl das lebendige Beispiel dafür, dass Glück nicht am Ende einer hohen Leiter zu finden ist und sich rein gar nicht in Worte fassen lässt. Das Glück liegt im Flow, in der Laune und der Spontaneität, im Hier und Jetzt mit sich selbst.

Danke liebe Sophia!

Fotos: Julia Novy

Kommentare

  1. Ich lese die Homestories von Alicja wahnsinnig gern, weil man ihnen anmerkt,
    dass wirklich Interesse an den vorgestellten Personen besteht. Es geht nicht nur darum
    WIE jemand eingerichtet ist, sondern auch um die Geschichte und den Menschen da-
    hinter. Die Artikel sind immer sehr respekt,-und liebevoll geschrieben und die Fotos
    zeigen so viele schöne Details. Ganz toll!

  2. große sophia-liebe, schon seit den anfängen von kabutar <3
    ihre bildsprache ist wirklich einzigartig und wunderschön!
    sowohl in ihren kreationen als auch in ihrem händchen fürs zusammentragen schöner trödel-objekte
    sieht man, dass sie sich mit zeitgenössischem design auseinandersetzt, aber ihr ganz eigenes ding macht.
    alles, was sophia anfasst, strahlt lebensfreude und wärme aus. ich glaube, sowas entsteht wirklich nur, wenn man im flow ist, bei dem was man tut.

    das merkt man auch bei eurer arbeit:
    der artikel ist wirklich toll, alicja.
    und auch die fotos von julia!
    ich stell mir eure interview-treffen richtig gemütlich vor =D

  3. Finde auch, dass Alicja eine Gabe hat, aus scheinbar „oberflächlichen“ Stories einen Mehrwert zu generieren, wie hier die Gedanken zum Thema Arbeit/Leben. Das liest sich sehr schön. Und Sophia ist wirklich faszinierend. Ich „kenne“ sie schon seit LesMads, wo Jessie sie mit kabutar gefeatured hatte. Was für eine spannende Persönlichkeit und interessante Entwicklung. Ihr Instagram-Feed ist auch einer der wenigen, den man nie überscrollt. Denn auch ihre nur schönen Bilder haben das gewisse Etwas. Und sie ist nebenbei bemerkt auch eine wunderschöne Frau!

  4. Wow – wieder mal eine großartige Homestory, genau auf den Punkt. 🙂 Beim Lesen des Artikels und Betrachten der Bilder bekommt man direkt ein Gefühl dafür, wie es in Sophias Wohnung ist. Ich bin seit langer Zeit ein Fan ihres instagram-accounts und ihrer tollen, kreativen Arbeit. Umso größer war die Freude, die Homestory hier entdeckt zu haben :-). Danke liebe Alicja für deine wunderbare Art, diese Momentaufnahmen zu beschreiben und festzuhalten. Definitiv eine meiner Lieblings-Rubriken auf Journelles 🙂

  5. „Beruf und Privatleben – wer hat das eigentlich jemals getrennt? Wer hat bestimmt, wann wir Feierabend haben? Und dass man am Ende eines Arbeitstages erschöpft sein muss?“

    Sehe ich ganz genau so! Manchmal muss man auch „festgedachte“ Dinge einfach hinterfragen und neu denken, dann hat man so viel mehr vom Leben! 🙂

  6. Liebe Alicja, liebe Sophia,

    könnt ihr mir verraten, woher die weiße Kommode mit den goldenen Beschlägen und das schmale weiße Regal mit den Holzböden her ist?
    Tolle Einrichtung!!!!

    Vielen Danl und liebe Grüße
    Nina

    • Vielen Dank liebe Nina! Die Kommode war ein echter Glücksfall, die hab ich vor Jahren mal auf Ebay geschossen und weiß lackiert. Das schmale Regal habe ich vor ein paar Monaten bei Søstrene Grene gekauft, war seit dem aber nicht mehr dort. Deshalb kann ich leider nicht sagen, ob sie es noch im Sortiment haben <3 Liebe Grüße, Sophia 🙂

      • Liebe Sophia, vielen Dank für die schnelle und ausführliche Antwort. Dass die Kommode Vintage ist, habe ich mir fast gedacht. So schade, die ist nämlich wirklich wunderschön und sehr besonders.
        Nach dem Regal werde ich mal schauen…
        Alles Liebe, Nina

  7. Hach! Ich liebe ihre Einstellung und ihre Wohnung und werde mich gleich am Wochenende ins Umdekorierungsgetümmel in meiner eigenen Bude schmeißen. Mehr von solchen „freien“ Damen und auch Herren.
    LG Roma

  8. Große Liebe für diesen Artikel – ich verfolge das, was Sophia macht (und was ich mitbekomme), schon sehr lange und habe nichts als Bewunderung für ihre Fotos, ihre Kunst und ihre Art, die Welt und das Leben zu sehen! Herrliche Homestory.

  9. Franziska sagte am

    Also wenn man sich in eine Wohnung tatsächlich verlieben kann, dann ist es gerade um mich geschehen. So schön!

  10. Liebe Alicja!
    Du bist eine Geschichtenerzählerin, die den Menschen sehr viel Raum gibt. Eppendorf. Erinnerungen wurden wach als ich dort kurz wohnte.

  11. Ist doch schön, wie man sich auf Kosten anderer auf die faule Haut legen kann. Wie megadekadent und lebensfremd. Wer kauft denn den Kuchen und zahlt die Miete? Hoffentlich nicht der Vater, der ja nur gearbeitet hat, was ja keinen Spaß machte, aber das Anspruchsdenken der Tochter geweckt hat. Und das darf jetzt der Mann erfüllen.

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