Welcome to the Rabbit Hole – Die Haute-Couture-Kollektionen entführen uns in eine surrealistische Parallelwelt

Liegt es an den vielen schlechten Nachrichten, die uns zur Zeit umgeben und dem damit einhergehenden Wunsch nach Harmonie? Oder bin ich einfach sensibler geworden, was das Deuten von Symbolen angeht, das Lesen zwischen den Zeilen? Was es auch sein mag, nie zuvor habe ich beim Durchschauen der Haute-Couture-Kollektionen so viele politische und gesellschaftliche Statements herausgelesen wie dieses Mal.

Besonders im Fokus: Starke Frauen und Feminismus sowie die Flucht in eine andere Welt. Na klar, die unbezahlbaren Entwürfe aus der Feder der ModedesignerInnen, gefertigt mit dem gebündelten Können der Handwerkskunst-Betriebe, laden jede Saison aufs Neue zum Träumen ein. Doch die Modehäuser haben sich auch inhaltlich in eine Parallelwelt des Surrealismus und der Natur begeben. Unverkennbar zeigten sich ebenfalls die Auswirkungen der #timesup-Initiative vom Roten Teppich der Golden Globes.

Die Pariser Haute-Couture-Woche ist ein Paralleluniversum, abgekapselt von Tragbarkeit, Preisetiketten oder Trends. Hier tragen die DesignerInnen ihr Herz auf der Zunge und können ihre Inspirationen und Emotionen ungefiltert zu Stoff werden lassen – und wir können uns in ihre Gedankenwelten hineinversetzen, während wir Zeuge des handwerklichen Portfolios der Modehäuser werden. Ein veraltetes Konzept und unnötiger Luxus? Vielleicht. Doch gerade in Zeiten, in denen man an der Welt verzweifeln möchte, braucht es eben manchmal einfach mehr Schönheit.

Dior Haute Couture

Foto: Dior
Foto: Dior
Foto: Dior

Wer beim Anblick der Entwürfe und des Settings der Dior Haute-Couture-Präsentation unweigerlich an Dalí, Max Ernst oder Fotografien von Man Ray denkt, ist auf dem richtigen Weg. Designerin Maria Grazia Chiuri hat sich für die Haute-Couture-Kollektion für Spring/Summer 2018 von der surrealistischen Künstlerin Leonor Fini inspirieren lassen, die ihre erste Ausstellung in den 1930er-Jahren in der Galerie Christian Diors hatte und seitdem freundschaftlich sowohl mit dem Designer, als auch mit den oben genannten Künstlern verbunden war. Chiuri verwebt den surrealistischen Symbolismus der Avantgarde der Dreißigerjahre mit dem Bild der Frau als geheimnisvolles, unangepasstes Wesen. Für mich bisher das Highlight der Haute-Couture-Präsentationen.

Foto: Dior
Foto: Dior
Foto: Dior
Foto: Dior
Foto: Dior
Foto: Dior
Foto: Dior
Foto: Dior
Foto: Dior

Givenchy

Die erste Haute-Couture-Kollektion von Clare Waight-Keller für Givenchy ist ein wirklich märchenhaftes Debut geworden. Waight-Keller wollte, so sagte sie Vogue Runway, die überzeugende Stärke von Schneiderkunst auf feminine Art und Weise aufzeigen. „Alchemist“ lautet der Titel (übrigens wurden erstmals Entwürfe für Männer präsentiert) und wie ein Alchemist vereint Clare Waight-Keller (ehemals Chloé) in ihren fast ausschließlich schwarzen Entwürfen gerade Schnitte mit überbordenden Volants, kombiniert kunstvoll Perlenstickereien mit unaufgeregtem, schlichtem Schwarz und stylt XXL-Schultern zu flatterndem Plissée. Besonders schön: die langen Ombré-Kleider, die wirken sollen, als hätten sie das Mondlicht eingefangen – na, wenn das mal keine Red-Carpet-Kandidaten sind!

Armani Privé

Ich muss gestehen, dass ich mich mit der Haute-Couture-Vision von Giorgio Armani doch eher schwer getan habe, für die der Designer sich vom „Himmel in all seinen Facetten“ hat inspirieren lassen. Herausgekommen ist für mich ein Farbverlauf-Spektakel in astreinem Achtzigerjahre-Gewand, das mich an eine Kreuzung von Cindy Lauper mit einem Harlekin erinnerte. Je länger ich mich jedoch durch die Looks klickte, umso mehr schien ich mich mit dem handbemalten Taft, den taillierten Seidenblazern mit Puffärmeln und den exzentrischen Accessoires anzufreunden. Die Frau in Giorgio Armanis Vorstellung ist individuell auf eine schrullige Art und Weise und geht ihren Weg, ohne allzu viel darauf zu geben, was andere denken. Die hinter den Models her trottenden Männer zum Ende der Show boten dann schließlich das eindeutigste Bild einer unabhängigen, voranschreitenden Frau, die für sich alleine steht. So quirky kann hohe Schneiderskunst sein.

Giambattista Valli

Foto: Yannis Vlamos via Vogue Runway
Foto: Yannis Vlamos via Vogue Runway

Pure Schönheit beschreibt wohl am Besten, was Gambattista Valli diesen Montag im Musée des Beaux-Arts über den Laufsteg geschickt hat. Drapierungen und Plissees, die an die Bildhauerei des Klassizismus ebenso wie an die Entwürfe eine Madeleine Vionnet erinnerten, haben mich beim Durchsehen gefangen genommen. Ob in Form von Stickereien, in Spitze integriert oder als Allover-Print begegnen uns Blumen in allen Facetten. Zwischen die opulenten Abendkleider schleichen sich fast schon sportlich anmutende Zweiteiler bestehend aus Hose und Oberteil, die ich besonders an Kundinnen aus Nahost sehe (Stichwort: Modest Fashion).

Auch bei Valli sehen wir – Zufall oder nicht? – viel Weiß und Schwarz, obgleich die Kollektion dank der Millefleur-Prints und -Stickereien doch auch vor Farbe nur so sprüht. Highlight? Die drei Sahnetorten-Roben zum Abschluss, für die jeweils mehr als unglaubliche 350 Meter Tüllstoff verarbeitet wurden.

Foto: Yannis Vlamos via Vogue Runway
Foto: Yannis Vlamos via Vogue Runway
Foto: Yannis Vlamos via Vogue Runway
Foto: Yannis Vlamos via Vogue Runway
Foto: Yannis Vlamos via Vogue Runway
Foto: Yannis Vlamos via Vogue Runway

Bild im Header via Dior

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