Das neue Chanel, technische Couture & wahrgewordene Mädchenträume – Die schönsten Haute Couture Schauen aus Paris

Die Vorstellung, dass in der Mode heute alles erlaubt ist, ist doch wahrlich eine nette Illusion. Wie sollte auch alles möglich sein? In einer Branche, die von Trends beherrscht wird und die Verkäuflichkeit Maßstab für den Erfolg ist. Einen Freigeist kann sich in den großen Modehäusern keiner leisten: Raf Simons, der bei Calvin Klein extravagant coole, aber schwer verkäufliche Modevisionen entwarf, musste vor einem halben Jahr das Label verlassen. Und im Gegensatz dazu steht der große Erfolg von Off-White, das mit denkbar einfachen Streetwear-Artikeln nicht wirklich überrascht, bei den Abnehmern jedoch über alle Maßen gefeiert wird. Fakt ist: Statt einem „riskanten“ Look gibts in den meisten Fällen lieber ein weiteres T-Shirt mit Logo-Print für den Kommerz.

Nur in der Haute Couture ist alles anders. Die hohe Schneiderkunst hört nicht auf Trends oder Finanzen. Haute Couture umfasst das aller oberste Ende des Marktes; hier haben die Kunstfertigkeit und Raffinesse Vorrang, die hundert Arbeitsstunden, die tausend Lagen von den hochwertigsten Stoffen.

Chanel

Für ihr Debüt in der Haute Couture präsentierte Virginie Viard ihre Kollektion wie üblich im Grand Palais, das wie eine riesige Bibliothek, inspiriert von den Räumlichkeiten von Coco Chanels Apartment, aufgebaut war. Sie scheint sich für Chanel einer erstaunlich entspannten, ja fast schon schlichten Vision verschrieben zu haben, die Handwerkskunst sieht man im Detail. Alles ist erstaunlich tragbar. Nicht nur in kommerzieller Hinsicht ist das eine schlaue Positionierung für Chanel.

In der Kollektion waren viele Anzüge wie Kostüme zu sehen, was die Haute Couture besonders lebensnah macht. Dazu weite Hosen in dunklen Farben, teilweise mit gefransten Säumen, doppelreihige Blazer mit Spitzkragen, Jumpsuits aus Tweed und Mäntel in Midi-Länge. Mit ihrem Debüt in der Haute Couture hat die Französin eine Kollektion präsentiert, die das Designerbe des Hauses sowie den Einfluss von Karl Lagerfeld ehrt, aber durchaus Züge ihrer eigenen Handschrift trägt – und damit beweist, dass sie mehr sein könnte als nur eine Übergangslösung.

Iris van Herpen

Von der tragbaren Couture von Chanel gehts weiter zum „Untragbaren“, und um genau zu sein, zu der Schnittstelle zwischen Mode und Kunst. Denn hier ist Iris van Herpen derzeit wohl die kreativste Designerin. 3D-Drucker, Schneidelaser und wärmegeformte Materialien sind das Zubehör für die Kollektionen von van Herpen. Für die technologische Couture schloss sich die niederländische Designerin mit dem Professor Philip Beesley zusammen, um Tausende von maschinell geschnittenen Mini-Wellen zu entwickeln, die die Haut der Models je nach Bewegung enthüllten: insgesamt 19 Looks, jeder aus verschiedenen transparenten Lagen.

Übrigens trug Celine Dion bei der Show ein rotes mehrlagiges Kleid von Iris van Herpen. Ich nehme also alles zurück, es ist wohl doch tragbar. Celine Dion hat darin super ausgesehen.

Givenchy

Clare Waight Keller begab sich mit Givenchy zwar auf eine weniger riskante Reise, erfüllt mit ihren aufwendig bestickten Kleidern trotzdem jegliche Mädchenträume sowie Vorstellungen von hoher Schneiderkunst. Im Fokus der Kollektion standen 3D-Verzierungen (die schwarze Robe mit grünen Applikationen!), die Farben und Silhouetten. Spätestens an dieser Stelle muss man einmal alle Näher in den Ateliers erwähnen, die Unglaubliches vollbringen.

Dior

„Are clothes modern?“ Eine interessante, sehr zeitgemäße Frage, die Maria Grazia Chiuri wieder einmal auf ein T-Shirt gedruckt hat und damit das System allgemein in Frage stellt. Schließlich geht es in der Mode ständig um die Frage, was gerade Trend ist, aber nicht ob sie es überhaupt ist.

Seit die Italienerin die kreative Leitung bei Dior übernommen hat, sendet sie mit ihren Kollektionen nicht nur starke Statements aus, sondern spricht sie, meistens auf Stoff gedruckt, auch direkt aus. Mit der Frage, ob Kleidung modern ist, bezog sie sich auf eine Ausstellung von Bernard Rudofsky, der 1947 versuchte, diese Frage in Form einer Ausstellung im MoMA zu beantworten – im gleichen Jahr, in dem Christian Dior seinen New Look präsentiert hat.

Kein Zufall, denn die Couture-Kollektion geht ebenfalls auf die glorreichen Tage von Dior und seine Leidenschaft für Schwarz zurück: fast alle Looks waren in dieser Farbe. Dazu gab es extravagante Kleider, Federn, Spitze und zum Finale – Monsieur Dior hätte es sicher gefallen – war eine exakte Nachbildung der 30 Avenue Montaigne, des Originalgebäudes, das Dior nach dem Krieg für sein Haute Couture Haus wählte, in Form eines goldenen Korsetts zu sehen.

Giambattista Valli

Giambattista Valli trifft mit seinen bauschigen Zuckerwatte-Kleidern immer genau in unser Mädchenherz und schon träumt man von dem roten Teppich, Bällen oder Preisverleihungen. Die Entwürfe der neuen Kollektion waren dazu auch noch verspielter als sonst (geht das überhaupt?): Zauberhafte Pastellfarben, präzise Tüllfalten, Blumenmuster und bodenlange Roben – die schönsten Details waren die flatternden Applikationen, Blumen in 3D-Optik und der Rosenhut, der erstaunlich echt aussah.

Übrigens arbeitet Valli dieses Jahr mit H&M für die diesjährige Designerkooperation zusammen.

Bilder: Courtesy of Dior, Courtesy of Chanel, Courtesy of Iris van Herpen, Givenchy via Vogue Runway, Courtesy of Giambattista Valli

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